Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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P u b l i k a t i o n e n









Zwillinge mit Hund
Die erotischen Verirrungen eines deutschen Dichters
Erzählung
LUI 5/1985
Seite 144-149


Auf Drängen seiner Töchter. Zwillinge mit hoher Babystirn und entwickeltem Sex, hat der Altpräsident den Schriftsteller P., der im Laufe einer Lesereise auch nach F. kam, für eine Kostprobe im privaten Rahmen gewonnen. P., so erzählte man, arbeite an einem großangelegten erotischen Werk und sei bereit, aus dem abgeschlossenen zweiten Kapitel zu lesen, vor einem ausgesuchten, kleinen Kreis. Und ein ausgesuchter, sehr kleiner Kreis traf sich an diesem herbstlichen Abend. Da gab es den Hausherrn, dessen jährlicher Künstlerempfang auch in kritischen Blättern auf Wohlwollen stieß, und seine schweigsame Frau, eine ihrer feinen mütterlichen Art wegen allseits geschätzte Gastgeberin. Und es gab die blonden Zwillingstöchter, Gegenstand zahlloser Witze, hinter denen sich freilich die ausgefallensten Wünsche verbargen, namentlich der schon älteren Künstler, die im Hause verkehrten.

Ferner waren ein Zahnarztehepaar geladen, beide am literarischen Leben, wie sie nicht müde wurden zu betonen, äußerst interessiert, sowie ein Freund der Familie, stellungsloser Kritiker, geistreich und erfolglos, ein dichtbehaarter, vor sich hin brütender Mann; und schließlich die Kulturdezernentin der Stadt, verflossene Geliebte P.s, alterslos scheinbar, eine Frau, die von sich selbst gern sagte, daß sie zärtlich sei.

P. kam mit leichter Verspätung, er hatte seinen Text noch verändert. Kleine Schaumkugeln, die ihm wie Sud aus den Mundwinkeln traten, verrieten, daß ihm jede Gemütsruhe fehlte. Der Altpräsident kam auf ihn zu. »Lieber...«, sagte er und



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wußte nicht weiter. Er half P. aus dem Mantel, gab ihm Gelegenheit, die zerzausten Haare zu richten.
»Man ist sehr gespannt«, sagte der Altpräsident.
P. nickte, rieb die Schaumkugeln fort und schritt dann durch die kleine Halle, auf eine weitgeöffnete Tür zu. Sie führte in den Raum, in dem die Geladenen saßen, wie zwanglos, doch frontal zu einem Lesepult. Unweit der Tür lag ein Schäferhund auf dem Boden der Halle. Er war schwarz und trug einen Maulkorb, und sein Geschlecht stand aus dem dichten Fell. Es glich einer roten, von Schmelz überzogenen Kerze.
P. zögerte etwas. Und um den Eindruck zu vermeiden, er zögere wegen des Hundes, zog er Striche in seinem Text, und während er sich noch vertieft gab, traten die Zwillingstöchter hinzu.
Sie trugen lange, nachtblaue Kleider, um die Schultern herum silbrig bespritzt, so daß einem die Milchstraße einfiel, und fragten ihn leise, ob er sich erschrocken habe vor ihrem Hündchen.
»Ich muß Sie enttäuschen.«
Und einstimmig erklärten die beiden: »Er kann ja nichts für seinen Zustand.«
»Nein, nein«, sagte P. »Natur ist Natur.«
»Aber irgendwie hilflos, finden Sie nicht?«
»Vielleicht aus Ihrer Sicht.«
»Nein«, flüsterten die Zwillinge, »objektiv. Er kann sich ja nicht lecken mit dem Maulkorb.«
»Und warum trägt er ihn?«
»Wegen der Gäste, wegen Ihnen.«
P.s Ohrläppchen schwollen, er warf einen Blick auf den Hund. Wie in alle Hunde konnte er sich auch in diesen Hund einfühlen, in dessen Welt der Gerüche, in dessen hündisches Wesen; und er beneidete ihn um ein Leben in Dumpfheit.
Die Zwillinge schnalzten, das Tier sprang auf. Bei hohlem Rückgrat reckte es die Schnauze, Zähne zeigend, soweit der Maulkorb es zuließ. Ein Zittern lief durch sein Fell. P. sah dem Hund in die Augen. Da war nichts Falsches, nur Ergebenheit.
»Ist er denn bissig?«
»In diesem Zustand schon«, sagten die Zwillinge, und er spürte eine Hand auf der Schulter. Der Altpräsident schleuste P. zu den Gästen. Er stellte sie ihm einzeln vor, so, als sei jeder berühmt. »Genialsten Brückenbauer« nannte er zum Beispiel den Zahnarzt, und P. bemühte sich um starken Händedruck.
»Ich hatte Sie mir eigentlich blasser vorgestellt«, sagte die Zahnarztfrau.
Und der Zahnarzt selber sagte: »Wir lieben nämlich beide Ihre Bücher.« Und fügte hinzu: »Die späten vor allem.«
Und P., der seine später Bücher haßte, bedankte sich und schüttelte die Hand des stellungslosen Kritikers.
»Wir kennen uns«, murmelte der pelzige Mann, und ehe P. noch vortäuschen konnte, sich zu besinnen, trat die Kulturdezernentin dazwischen.
Daß er sich ja sehr rar gemacht habe, raunte sie ihm ins Ohr, was P. unangenehm war vor den übrigen Gästen.
»Ich hatte zu tun.«
»Auch nachts?«
»Vor allem nachts«, sagte er und floh zu dem Stehpult.
Der Präsident bat um Gehör. Er hieß den Ehrengast willkommen und verlor ein paar Worte über dessen Person, und P. sah zur Tür, um nicht das Lächeln der Geladenen erwidern zu müssen. Er sah, wie sich die Töchter auf den Boden setzten, auf der Schwelle zur Halle, so daß sie nur von seinem Standpunkt aus zu sehen waren. Zwischen den beiden lag der gewaltige Hund.
»Hören wir also etwas zu dem zwoten Kapitel«, schloß der Präsident seine Rede. Eine Hilfe mit Schürzchen und Haube drehte das Oberlicht aus.
Die Zuhörer saßen im Halbdunkel, nur eine Stehlampe warf noch ihr Licht. Es fiel von hinten auf das Pult, floß dann über den Teppich und war in der offenen Tür zur kleinen Halle schon gebrochen. Schwach lag es auf den silbrig bespritzten Kleidern der Töchter, schwach lag es auf dem Fell des Hundes, aus welchem noch immer wie lackiert das Geschlechtsteil hervorstand.
Andächtige Stille zog in den Raum, nur ein leises Geschnaufe blieb hörbar, es kam von dem Hund. Die Mädchen kraulten ihn. Sie kraulten ihn ganz nebenbei. Wie mit einem Augenpaar hingen sie an den Lippen von P., der die ersten Sätze des Kapitels auswendig sprach.
Es waren schwierige Sätze mit schwierigen Redefiguren. Sie enthielten seine eigenen beschwerlichen Stationen zum Gipfel der Lust, wenn auch maskiert durch ein anderes Milieu, eine bürgerliche Welt zu Beginn des Jahrhunderts. Das Kapitel trug die Überschrift »Dame und Schwein«.
Er wendete das Blatt, obwohl er wußte, wie es weiterging. Sein Blick schweifte hinüber zur offenen Tür.
Der Schäferhund lag jetzt auf dem Rücken, mit weit nach hinten geworfenem Kopf, so daß die Gitter des Maulkorbs den Boden berührten. Seine Hinterbeine waren aufgeklappt, seine Pfoten hingen schlaff. Die Zwillinge kraulten ihn zwischen den Beinen.
Sie schauten zum Lesepult, auf ihrer Babystirn lag ein Schimmer. P. sah in den Text, versprach sich.
Zwei, drei Sekunden verstrichen, dann verbesserte er. Er stellte richtig, daß seine Cousine überhaupt (statt übelhaupt) von reinster Seele gewesen sei, bei aller Ähnlichkeit mit einem frechen Küchenmädchen, dem man an diesem Sommertag zugesehen habe, wie es einen streunenden Köter verdrosch.

P. erkannte mit halbem Auge die Arme der Töchter, helle, schlanke Bänder in der dunklen Masse des Fells. Ihre Hände schienen ineinanderzugreifen, es sah aus, als liebkosten sie das rote Geschlecht.
Buchstaben und Silben, ganze Wörter begannen unter seinen Augen zu tanzen, und er versprach sich mehrmals. Doch anstatt sich zu verbessern, redete er weiter. Er sah in den Text und erfand.
»Wie gesagt, etwas ganz Neuartiges kam da bei meiner Cousine zum Vorschein. Sie fragte, ob es Spaß mache, einen Hund zum Winseln zu bringen, worauf unser Küchenmädchen das Haar aus der Stirn warf. Einen Hund vor Schmerz winseln zu hören, sagte sie, mache ihr lang nicht den Spaß wie das Gewinsel eines Hundes vor Lust, und meine Cousine bekam rote Flecken am Hals. Natürlich war der Köter längst weg, und das Küchenmädchen zeigte kaum Phantasie. Was sie meine, sei schwer zu beschreiben, man brauche da schon einen Hund...«
P. blätterte um, obgleich es nichts zum Umblättern gab. Die neue Seite glättend, sah er wieder hin. Die Zwillinge reizten das Tier, dessen Bauch nun gewölbt war wie eine Brücke. Und er redete weiter.
»Ich stand also nackt in dem Schober, bereit, den Hund zu spielen, und die Cousine fragte: Was nun? Daraufhin deutete unser Mädchen einen Hammerschlag an, und meine hübsche Verwandte kam zu mir her und gab mir einen Klaps auf den Kopf...«
Der Schäferhund stieß einen kurzen Laut aus, der gar nichts Hündisches mehr hatte. Er lag da wie benommen, aus seinen Lefzen trat Schaum. Und die eineiigen Töchter spielten immer flinker an ihm, ihre Blicke waren starr. Sie waren ganz auf P. gerichtet, der nun mehr und mehr die Kontrolle über seine Sätze verlor.
»Und so lag ich nun da und spürte die Hände der Mädchen. Ich schämte mich und biß mir vor Lust auf die Zunge. Und um mir immer wieder das Gefühl zu geben, daß auf keinen Fall ich es sei, der dort läge, sondern irgendein Köter, winselte ich überzeugend...«

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P. sah auf und sah die Blicke der Zwillinge, und er begann zu winseln. In der Zuhörerschaft entstand Unruhe. Das Zahnarztehepaar hatte sich weit nach vorne gebeugt, die Hände zwischen den Schenkeln gefaltet, beide schüttelten sachte den Kopf. Der stellungslose Kritiker zwirbelte Härchen, die aus dem offenen Hemdkragen quollen. Der Altpräsident und seine schweigsame Frau flüsterten einander Satzfetzen zu. Die Hilfe mit dem Schürzchen preßte sich ein Taschentuch auf den Mund. Die Kulturdezernentin hatte zwei Finger im Ausschnitt und rieb sich die Brust.
P. nahm das alles nur am Rande wahr. An der Seitenkante seiner Blätter vorbeispähend, winselte er weiter, nichts im Auge als den Hund und die Mädchen.
Sie masturbierten ihn, was sonst. Das große Tier zitterte nun vom Kopf bis zum Schwanz, Blasen wuchsen aus dem Maulkorbgitter. Und P. redete weiter, ohne sich zu hören. »Da wußte ich plötzlich, daß dies der Beginn eines Lebens als Hund war, ich war mich endlich losgeworden, ich brauchte nur zu winseln. Und ich genoß, was man machte mit mir, und jaulte am Ende in höchsten Tönen. Ich jaulte und schämte mich nicht mehr, denn ich war ja ein Tier... ein Straßenköter, eine ganz scheußliche Mischung, kurze Beine, Riesenschädel, Geschlechtsteil wie ein Korkenzieher...«
Und P. fing nun an zu jaulen und starrte so auf den Schäferhund. Das Vieh warf den Kopf hin und her und verlor seinen Samen, die Zwillinge wischten ihn weg. Es wurde stiller und stiller. Man schwieg.
P. hatte aufgehört zu jaulen, er schaute wieder in den Raum, in harte, wächserne Gesichter. »Falls Sie jetzt Fragen stellen möchten«, sagte er leise und faltete seinen Text auf dem Pult. Er dachte nicht nach, er spürte, daß alles verloren war, wozu nach Erklärungen suchen. Er hatte gewinselt, er hatte gejault, aus voller Seele offenbar, denn niemand lachte, niemand klatschte, niemand schien zu atmen. Dann hob der Zahnarzt eine Hand, er hob sie wie ein Schüler.
»War es nötig, diese Perspektive zu wählen?«
»Sie war wahrscheinlich unvermeidlich«, warf die Kulturdezernentin ein.
»Eine Art Selbstauflösung, auch eine Todessehnsucht«, bemerkte der Kritiker.
Der Altpräsident hielt dem entgegen, daß es sich doch hier eher um die Gattung der Tierfabel handle, woraufhin die Frage auftauchte, ob es denn zu einer Rückverwandlung komme im Laufe des Buches.
»Ich weiß es nicht«, sagte P., und danach sagte keiner mehr was.
P. sah zur Decke, sah zur Seite, er fing einen Blick auf. Es war der Blick des Hundes. Der stand inzwischen an der Haustür, er guckte, als wollte er sagen: Komm, laß uns gehen... Es war ein brüderlicher Blick. Und P. nickte ihm zu und lächelte schwach. Die Zwillinge glaubten, sie seien gemeint, sie lüfteten ihre Kleider für einen Moment. Da überkam ihn Wut, und er bellte.
Er bellte sich aus, und der Schäferhund bellte sich ebenfalls aus, die Zuhörer saßen bewegungslos da, und als er wieder Luft hatte, schob er das Manuskript in die Tasche und sagte: »So.«
Alle sahen zu Boden.
»Sie können denken, was Sie wollen«, rief P., »aber ich bin ein Hund mit Begabung.«
Und alle Blicke hoben sich.
»Durch freundliche Vermittlung meines renommierten Verlagshauses«, sagte P., »habe ich die Möglichkeit erhalten, in den führenden Buchhandlungen kleinerer

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Städte einige meiner Erzählungen vorzutragen, gegen ein Abendhonorar von vierhundert Mark, welches die Lesung und eine Fragestunde sowie ein geselliges Beisammensein nach der Fragestunde einschließt, und bei Übernahme der Kosten von Bahnfahrt und Logis seitens des Verlages, der die Buchhandlungen mit Plakaten versorgt, die ein Bild von mir zeigen, das nicht der Wahrheit entspricht. Dort schaue ich aus wie ein Mensch.«

P. sah in die Runde. Die Kulturdezernentin sandte ihm unauffällig einen Kuß, sie schloß ihre Augen dabei. Der Altpräsident gab nach hinten ein Zeichen. Es galt der Hilfe, die nun eine Platte mit Schnittchen aufnahm. Der stellungslose Kritiker murmelte: »Obsession...« Und P. glaubte speien zu müssen. Er stürzte zur Haustür, er riß sie auf; er stürzte mit dem Hund ins Freie.
Das Tier drängte sich an ihm vorbei und ging dann in eine fast menschliche Hocke. Und weil P. bei aller Neigung und Liebe nur mäßig vertraut war mit Hunden, ergriff es ihn, wie sich das Riesenvieh zitternd entleerte. Dann hörte er Stimmen. Die Zwillinge riefen den Hund.
Lichter flammten auf und blendeten plötzlich. P. tappte umher, unschlüssig auch, wo er hinfliehen sollte, als die beiden an der Pforte erschienen. Ihre blonden Haarbüsche wehten, ihre Brüste ging auf und nieder. Er sah die Form ihrer Schenkel durch die hauchdünnen Kleider, er sah ihre winzigen Höschen. Sie lächelten wie mit einem Gesicht. Und er dachte daran, sie einfach zu fragen, ob sie mit ihm kämen, in sein Hotel garni, in sein Einzelzimmer mit Dusche, in sein Bett mit dem Willkommensbonbon auf dem Kissen, er wäre ihr gieriger Hund. P. zog die Augenbrauen hoch, die Zwillinge fuhren sich durchs Haar. »Gell, Sie verachten sich auch«, zischten sie.
Er rannte. P. rannte, bis er kaum noch konnte, seine eigenen Schritte ihm Ohr, sein eigenes Keuchen. Jemand war hinter ihm her, wie es schien, es mußten die Zwillinge sein, wer sonst. Mit schweißüberlaufenen Wangen hastete er hinter dichtes Gebüsch, und er rief: »Was wollen Sie von mir?«
Wahrscheinlich, dachte er, waren sie blind nachgerannt, besessen davon, sich mit ihm zu vergnügen, mit einem Mann, der ihr Vater sein könnte. Also gäbe es nur eine Antwort: »Wir wollen Sie begleiten!«
»Und wohin um diese Zeit?«
»In Ihr Hotel.«
»Und dann?«
»Was Sie wollen!«

P. hörte sein Herz. Er bog ein paar Zweige beiseite, er erschrak, als es knackte. Dann sah er ein Auto und einen Schatten am Gehsteig. Und noch einmal knackende Zweige, und Kies knirschte, als scharrte da wer.
»Was ich will...«, wiederholte er leise.
»Ich will alles.«
»Auch mit uns beiden?«
»Was sonst.«
Er sagte das wie nebenbei, als sei es das Alltäglichste für ihn, mit Zwillingen zu schlafen, und es war grad das Gegenteil, das Außerordentlichste, was er sich vorstellen konnte. Die wahnsinnigste Lust. Verdoppelte Lippen, verdoppelte Brüste, verdoppelte Bäuche, verdoppelte Schenkel. Der Schatten am Gehsteig verlor sich, wieder knirschte der Kies, und nun drang auch Gewinsel herüber. Und dann sah er den Hund. Er kam hinter dem Auto hervor, ohne Maulkorb, ohne Leine, er kam näher. Und P. rief: »Wo steckt ihr?« Aber es kam keine Antwort.


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Digitale Präsentation mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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