Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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Zwiefalten hat nicht viel zu erzählen. Er steigt mit Geld, das für etwas ganz anderes bestimmt war, in ein Flugzeug. Planlos kommt er einmal um die Welt; er folgt dem Zufall sowie seinen Sinnen, die immer schärfer werden.
Ein Zeitungsfoto lockt ihn nach Äthiopien, dort trifft er einen Funktionär und eine schöne Frau. Auf einen Tip hin fliegt er von Addis Abeba nach Bangkok, wo er eine Spur aufnimmt, hübsche Mädchen sieht und sein Erscheinungsbild verändert. Von Bangkok geht es weiter nach Hawaii. Dort führt er Ferngespräche und erfährt, daß seine Voraussetzungen längst nicht mehr stimmen. Er taumelt und schlägt um sich, muß fliehen. Von Hawaii lenkt ihn nicht mehr als ein Verdacht nach Asunción, wo er kleinen und großen Verbrechern und einem berühmten Landsmann begegnet. Ferngespräche werden immer wichtiger, er geht eine Verbindung ein. Schließlich stößt er auf eine mächtige Frau. Von Paraguay bringt ihn die Zuversicht zurück.


Taschenbuchausgabe

suhrkamp taschenbuch 1225
Erste Auflage 1986
ISBN 3-518-37725-6






"Zwiefalten", schreibt Bodo Kirchhoff, "ist ein Roman über Erfahrung, die sich hinter dem Rücken einstellt. Wie schon in früheren Büchern und Theatertexten habe ich in meinem ersten Roman den Prozeß des nachträglichen Bewußtwerdens bis in geringfügige Einzelheiten verfolgt und auf dem Hintergrund von fremdartigen, immer anderen Schauplätzen, die aber alle verknüpft sind mit Deutschem, einen Entwicklungsschritt eines einzelnen in seiner Welt erzählt. Einer Welt, die er nur mit seinen empfindlichen Nerven aufnimmt: durch ein Gedächtnis, das ihn nie im Stich läßt."




P u b l i k a t i o n e n

Zwiefalten





Zwiefalten

Roman

1. Auflage 1983
Suhrkamp Verlag
Frankfurt am Main 1983
306 Seiten
ISBN 3-518-04514-8
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Leseprobe

Für ein, zwei Augenblicke nichts als Schwarz. Dann wieder das Gefühl der Fenstermulde, Helligkeit des Leselämpchen, und ein Tropfen, der außen die Scheibe entlangsaust. Am Nachthimmel, der bis eben noch leer war, stehen jetzt Sterne. Aus weichen Stöpseln, die in die Ohrmuschel passen, dringt noch immer Musik. Es riecht nach Handkrem und Wolle, den Decken, die ausgeteilt wurden. Geschmack von Lamm und einem Cognac liegt ihm noch im Mund; Gaumen, Zunge und Lippen sind satt, fast wie nach einem langen Kuß. Und endlich sind auch seine Füße warm. Daß es unentwegt so weitergehen möge, hofft er, schaut hinaus zu den funkelnden Punkten, die anscheinend wandern, in winzigen Sprüngen, und rechnet.

Zwiefalten berechnet, wie viele Meter er sich in jeder Sekunde von zuhause entfernt. Von seinem Zimmer im Nordend, sowie der schwarzen Couch von Ingrid, Myliusstraße, Westend. Von Ingrid Glaser, die er zweimal in der Woche, um seinen Mangel an Verständnis zu beheben, knapp sechzig Minuten lang aufgesucht hat; auch um ungeklärte Angstzustände zu bekämpfen, unterstützt von seiner Kasse. Von Frau Doktor Glaser, die er bald recht anziehend fand. Ermutigt durch ihre tröstenden Hände, als er eines Nachmittags damit kam, wie sehr es ihm widerstrebe, Verständnis zu zeigen: für rotzfreche Kinder, arbeitslose Väter in Trainingsanzügen und Schlappen, Mütter, die noch Nägel knabbern, einen freudlosen Sozialdezernenten. Was ihr zu gefallen schien, denn sie nahm ihre Hände nicht weg. Ingrid - zehn Jahre älter als er, neununddreißig - begann ihn zu verwöhnen. Sie sahen sich nicht öfter als vorher, jeden Dienstag, jeden Freitag, die Honorare entfielen, seiner Kasse sagte er nichts. Auch seinen wenigen Bekannten, aufrechten Sozialarbeitern, verschwiegt er den Gewinn. Dafür erzählte er, auf der nun ausgezogenen Couch, in den Stunden neben Ingrid, von sich, so viel ihm einfiel.

Wenig; er sprach von Kindheit, Schulzeit und Ersatzdienstjahr, der Fachhochschule und dem Amt; seiner ersten, großen Liebe, seiner ersten, noch größeren Trennung, Gewerkschaftsarbeit und den Urlauben in Griechenland. Nach vierzig Stunden war alles erschöpft. Zwiefalten konnte sich an nichts mehr erinnern und zog sich zurück. Ingrid, die ihn halten wollte, stellte weiterhin Rechnungen aus. Sie überwies, was die Kasse bezahlte, sein Kontostand wuchs. Unruhe ergriff ihn. Die Augenlider schuppten, die Achselhaare wurden grindig, und er vertraute seiner Tageszeitung nicht mehr ganz. An einem Wochenende las er in einem Beitrag über Äthiopien, vier Spalten um ein Foto, wie es dort zugehe nach der Revolution, und von einem Augenblick zum anderen war es beschlossen. Zwiefalten erkundigte sich, stellte einen Visumantrag, buchte den Flug, ging zur Bank und hob das Geld ab, alles, mit diebischer Freude, kaufte Schecks der Firma American Express, siebzig à einhundert Dollar, unterzog sich mehreren Schutzimpfungen, erwarb auf dem Flohmarkt einen blechernen Koffer, schrieb an Ingrid, voraussichtlich im Ausland zu tun, bis dann, und wartete auf den Abflugtag.

Zweihundertfünfzig Meter in jeder Sekunde! Er rechnet es noch einmal nach, schließt dabei die Augen, und das Wissen um die rasend wachsende Entfernung löst einen angenehmen Wirbel in ihm aus: mit der Entfernung auch gleich selbst zu wachsen. Später klappen seine Lider von alleine auf, er schaut hinunter und erkennt das Meer. Lämpchen an den Masten großer Tanker, den Glanz des Wassers, der in Streifen verläuft. Von da an klebt er mit der Nase am Fenster, bis die Lichter einer Stadt auftauchen. Leere Fußballstadien unter Flutlicht, taghellerleuchtete Schnellstraßen, Hunderte von kobaltblauen Klecksen, angestrahlte Schwimmbecken wahrscheinlich; und am Horizont, schon in der Wüste bestimmt, glaubt er den Schein von Fackelbränden zu sehen. Kleine, dampfende Handtücher werden verteilt; feuchte, heiße Lappen, wohl auch fürs Gesicht.

Als er aus dem Flugzeug tritt, umfängt ihn eine Wärme, die er durch tiefes Einatmen begrüßt, so daß die Nasenlöcher einen Augenblick zusammenpappen. Auf dem Weg zum Transitgebäude hält er alle Finger gespreizt, damit die Wärme auch zwischen seine Finger gelangt. Welcome to Dschidda steht über dem Eingang, darunter arabische Zeichen. In der Wartehalle für die Durchgangspassagiere ist es kühl. Zwiefalten berührt seinen Schnurrbart, an der etwas schwachen Stelle in der Mitte, und schaut. Zwischen den Sitzreihen liegen schlafende Schwarze, manche in Tücher geschlagen, nichts unterm Kopf. Kleine breitnasige Asiaten polieren schweigend den sauberen Boden. Junge Zöllner haben ein Auge auf alles.

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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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