Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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P u b l i k a t i o n e n

manuskripte 67'80


Zehnminutentext


in manuskripte. Zeitschrift für Literatur
Graz 1980
Heft 67, S. 69-71


Seit kurzem drehe ich mich nicht mehr um beim Gehen. Auch jetzt nicht, hier, auf diesem Platz, der eigentlich gar kein Platz ist; kein Ort, der etwas Bestimmtes vertritt, wie zum Beispiel den nahegelegenen Bahnhof oder die Republik oder einen toten Dichter, gegebenenfalls.
Ich fühle mich leicht - gehe nun in einen Randbereich zwischen diesem Scheinplatz und der Straße - eine Aufenthaltsgleichgültigkeit empfindend, der sich nichts entgegenstellt; nicht einmal das Hochhaus am Ende der Straße, das sich in einer Mischform zeigt: aus Prunksucht und Verschwendungsangst, die es mir zu einem faden Ding macht - ohne jede Spiegelwirkung.
Hier oder dort - auf jeden Fall in diesem Grenzgebiet - bleibe ich stehen - bin unbeschwert, von den wenigen Eindrücken abgesehen, habe noch knapp zehn Minuten Zeit und denke mir plötzlich, sinngemäß und im nachhinein wiedergegeben: Die wirklichen Plätze, die eigentlichen Hochhäuser, sind immer da, wo ich nicht bin, ganz egal, wo ich bin... - und da fällt mir ein, was ich heute früh, während ich die Neuerscheinungen sortierte, zunächst überflog und später, in der Mittagspause, nachlas - einen Aufsatz zur geistigen Situation der Zeit, dessen Verfasser unter anderem meint, das Eigentliche immer zu verschweigen oder, wie auch zu lesen war, das Schlimmste nicht zu sagen.
Etwas schiebt sich über die Erinnerung an das Geschriebene; ein Zeichen unterbricht mich, und ich schaue ihm nach: In den Fenstern der Bordelle auf der rechten Moselstraßenseite spiegelt sich die Abendsonne. Ich gehe ein paar Schritte weiter und bleibe dann dabei; ohne schon abzusehen warum, biege ich in die erwähnte Straße ein - stromere an den Häusern entlang, die ich, hätte ich genügend Zeit, ungehemmt betreten würde, da keine Rituale zu beachten sind; keine besonderen Regeln, nach denen man sich Zutritt verschafft.
(...)



Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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