Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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P u b l i k a t i o n e n

Mein heimliches Auge






Bilder der Wollust, Worte der Lust
in: Mein heimliches Auge
Konkursbuchverlag, Tübingen 1982
S. 112



Während meiner Militärzeit habe ich das Malen wieder aufgenommen; an Schreiben war damals nicht mehr zu denken. Der Drang, die Trostlosigkeit der Kasernenstube mit Wunschdarstellung zu bezwingen, ist so heftig gewesen, daß ich mir Techniken angeeignet habe, mit denen ich Bilder zu den Wünschen meines Körpers herstellen konnte, die sorgfältiger waren als z.B. Abbildungen in entsprechenden Magazinen. Es kam mir auf den Augenblick an - ihn wiederzugeben - und ich entwickelte einige Fertigkeiten darin, die mich später, zwischen 1970 und 1974, in die Lage versetzten, eine Reihe von Bilder zu malen, von denen einige noch heute mir unsagbare Lust bedeuten. Bilder, in denen eine kindische Wollust, die Sprache nicht auszudrücken vermag und die durch fremde Bilder oder Fotos zwar hervorgerufen wird, aber dann nicht mehr in Ordnung kommt - in meine Ordnung -, Zeichen und Formen gefunden hat; ein ästhetisches Ziel, eine Unterbrechung in dem erschöpfenden Kreislauf der Wiederholungsversuche. In den Jahren, in denen ich an diesen Bildern gearbeitet habe, war ich so abgelenkt, das heißt, so hingelenkt auf Kindisches, daß ich glaubte, nie wieder schreiben zu können. Einige Versuche, trotz dieser Gedankenlosigkeit Sätze zu bilden, mündeten sofort in schlechte Pornografie oder hastig geübte Gesellschaftskritik oder autobiografischen Kitsch; nur auf die Zeichen, die ich gab, war Verlaß. Und auch die Unterschriften zu den Bildern kamen erst im nachhinein und sind Gelegenheitstexte; damals war es unvorstellbar, ja geradezu mörderisch, Worte zuzuordnen, Beliebigkeit zu riskieren. Aber eben dieses Mörderische setzte sich durch. Der Übergang von den Bildern der Wollust zu den Worten der Lust vollzog sich zwar langsam, aber dafür auch unwiderruflich. Für alles mich Erregende in diesen Jahren, für alles Nimmersatte, Überschüssige, hatte ich bestimmte Augenblickweiden gefunden, deren Bestandteile sich nun zu wiederholen begannen, was mich zum Nachdenken zwang. Notwendiges Nachdenken; Zuwendung zur Sprache, nachdem das Unsagbare, das Unsägliche, sich Bahn gebrochen hatte. Und mit dieser Zuwendung zur Sprache setzte sich auch eine Freude am Sagbaren durch, an der Sagbarkeit von allem, eine Lust an der schamlosen Lüge, am spielerischen Umgang mit Worten, an einer Trennung zwischen Gedanken und Gefühlen, mit der das Erwachsenenzeitalter anfing.



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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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