Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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Wer bin ich, wenn ich liebe? Das fragt sich Viktor Haberland seit einem Vorfall am Ende der Schulzeit. Doch was ist damals nach einer Theaterprobe zum Sommernachtstraum im Keller des Hölderlin-Gymnasiums mit ihm und seiner jungen Partnerin Tizia wirklich passiert?
Inzwischen ist Viktor Anfang Dreißig und bereitet für ein deutsches Kulturinstitut in Lissabon einen Abend unter dem Titel Das traurige Ich vor. Auftreten soll unter anderem eine Schauspielerin mit Gedichten zum Thema, und auf Anfragen meldet sich das Mädchen von einst, nun am Theater, ohne zu wissen, wer sie da engagieren will. Für Haberland aber spielt sich das ganze Drama seiner Jugend noch einmal ab ...
Damals, nach einer Konferenz über den Vorfall, hat ihn sein alter Lehrer zu sich in die Wohnung gebeten. Dr. Branzger will von Viktor die Wahrheit hören - und erweist sich als Lehrer im tiefsten Sinn des Wortes. In langen Nächten gibt der von allen Unterschätzte an den Schüler weiter, was ihn das eigene Leben über das Lieben gelehrt hat - und hinterläßt Viktor am Ende einen Stoß von Notizen, den er erst Jahre später für sich entdeckt.

Bodo Kirchhoff ist mit Wo das Meer beginnt ein großer Roman vom Eros zwischen Alt und Jung, dem Eros des Erzählens gelungen, von der Spannung zwischen Sprache und Körper, greifbar auf jeder Seite.


... es trifft dich mit Lichtgeschwindigkeit, das Verlangen, während sein Scheitern mit der Langsamkeit des Schalls vor sich geht, im Takt der letzten Worte, wir aber hatten noch nicht einmal die ersten gesprochen ...



Foto: ©Alexander Beck




SWR-Bestenliste 09/2004

1. (3.) - 49 Punkte
RALF ROTHMANN:
Junges Licht, Roman

2. (-) - 48 Punkte
PETER HANDKE:
Don Juan (erzählt von ihm selbst)

3. (6.) - 39 Punkte
VOLKER BRAUN:
Das unbesetzte Gebiet,

4. (-) - 38 Punkte
LARS GUSTAFSSON:
Der Dekan. Roman

5. (-) - 18 Punkte
BARBARA HONIGMANN:
Ein Kapitel aus meinem Leben

6. (7.) - 17 Punkte
ALICE VIRMOND:
Jerome O'Toole's Liebe zum Lachs. Roman

7. (-) - 15 Punkte
BODO KIRCHHOFF:
Wo das Meer beginnt, Roman

8. (8.-10.) - 14 Punkte
GUSTAVE FLAUBERT:
Der Briefwechsel mit den Brüdern Goncourt

9, (4.-5.) - 13 Punkte
GEORG KLEIN:
Die Sonne scheint uns, Roman

10.-11. (8.-10.) - 12 Punkte
PIERRE MICHON:
Leben der kleinen Toten

10.-11. (1.) - 12 Punkte
MARKUS WERNER:
Am Hang. Roman



wo das meer beginnt

Cabo da Roca ist der westlichste Punkt des europäischen Kontinents. Es liegt in Portugal an der Atlantikküste westlich von Lissabon in einer Höhe von 140 Metern über dem Meeresspiegel.
Der portugiesische Nationaldichter Luís de Camões hat den Ort mit den folgenden Worten beschrieben: Wo die Erde endet und das Meer beginnt (Onde a terra acaba e o mar começa).


P u b l i k a t i o n e n







Wo das Meer beginnt


1. Auflage 2004
Frankfurter Verlagsanstalt
Frankfurt am Main 2004
307 Seiten
ISBN 3-627-00115-X

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Leseprobe

»Sie nahm ihre kleine, überflüssige Brille ab, und wir sahen uns erst in die Augen, dann auf den Mund, in dieser Reihenfolge, auch wenn es mir wie eins vorkam, ein einziger Blick, der alles entschied, schneller als jeder Gedanke; es trifft dich mit Lichtgeschwindigkeit, das Verlangen, während sein Scheitern mit der Langsamkeit des Schalls vor sich geht, im Takt der letzten Worte. Wir aber hatten noch nicht einmal die ersten gesprochen, wir standen uns nur gegenüber, gebannt wie zwei Hunde, die einander im Park treffen, wäre uns jemand zu nahe gekommen, wir hätten geknurrt. Ihre Wangen strahlten, mehr als die Augen, fand ich, die schimmerten nur, aber stell dir das nicht zu romantisch vor, sie schimmerten wie Asphalt, dazu etwas vom Blau der Imbißreklame: Denn da waren wir noch immer, am Rand der Alfama, wo alle Gemütlichkeit endet, und es kostete mich Kraft, meine Hände nicht auf diese Wangen zu legen. Also nahm ich sie, nach Denkerart - erneutes Mißverständnis -, auf den Rücken, während mein Blick nach unten ging, auf ihre Füße, in Schuhen wie Libellen, wenn sie die Flügel anlegen, schmal und durchsichtig, und sie sagte - ich bin mir nicht sicher, ob schon vorher ein Wort fiel -, Gehen wir doch zusammen ein Stück. Worte, Haberland, die wie ein Finger waren, mir unters Kinn geführt, jedenfalls hob ich den Kopf und sah ihre Hände, locker über dem Schritt gekreuzt, in der einen die Brille, in der anderen ein gelbes Wörterbuch, Deutsch-Portugiesisch, Portugiesisch-Deutsch; sekundenlang nur ihre Hände, während ich irgend etwas sagte, Ja, warum nicht?, oder, Ganz wie Sie wollen, dabei den Kopf noch immer in halber Höhe. Schönheit ist, wo der Blick ruht, und meiner ruhte auf ihren Händen mit dem Schritt darunter, bis sie neben mich trat und mir eine Hand unter den Arm schob, ganz leicht, fast ohne den Arm zu berühren, und es war nur dieser winzige Abstand, die Differenz zwischen Sorge und Fürsorge - der Sorge, wie ich reagieren könnte, wenn sie mich wirklich berührte -, die mir das Blut in die Beine trieb, in Beine, die schon weh getan hatten vom Laufen und mich nun trugen, Treppe um Treppe im Labyrinth der Alfama. Meine Durchblutung läßt sonst zu wünschen übrig, aber auf diesem nächtlichen Gang verlieh sie mir Flügel, ich schwebte förmlich neben der Kressnitz, die jetzt wieder ihr Brillchen trug - das rote mit den Punkten, du kennst es bestimmt -, ich glitt dahin, obwohl die Gassen immer steiler wurden, mit einer Treppe als Krönung, und jedes Treppensteigen nutzte ich, um sie anzusehen von der Seite. Der Appetit unserer Augen nach Schönheit ist ja im Grunde das Verlangen nach Trost, und der kam von ihren Wangen und Nasenflügeln, vom Weiß des Nackens und dem leicht offenen Mund beim Gehen, während ihre Augen, man glaubt es kaum, auf jeder Treppe zugingen; sie übte sich im Blindsein und ich mich im Sehen. Die Nacht war sternlos, und die Gassen hatten kein Licht, nur für die Treppen gab es je eine Lampe, trüb wie die in den Schülertoiletten; das bißchen Licht fiel auf ihr schwarzes Haar und ließ es noch schwärzer erscheinen, ein Rivale des Himmels. Auf einer der Treppen blieb ich dann stehen, das Atmen machte mir zu schaffen, und sie schaute mich an, als gelte das Keuchen ihr und nicht meinem Herzen, sie war bereit, es umzudeuten, für sich und für mich, und ich schob ihr eine Hand unter den Kiefer - die Art Reflex, die uns ein Kind berühren läßt -, worauf sie den Kopf so schräg legte, daß die Hand zwischen Wange und Schulter kam. Ich holte noch einmal Luft, und wir gingen weiter und redeten über die Stadt um uns herum, ihre weißen Kuppeln und kleinen Plätze, ihre Gerüche und Laute; ein Reden fast hinter vorgehaltener Hand, wie über einen Menschen, mit dem wir schon beide im Bett waren, wer es wohl heftiger mit ihm getrieben hatte, jede Mulde, jede Falte kannte. Und dieses erste leise Gespräch im Gehen vergrößerte nicht etwa unser Wissen umeinander, sondern verschleierte höchstens die Tatsache der Unwissenheit, ich könnte auch sagen: der Macht unserer Haut. Denn unsere Haut, Haberland, schmeißt sich an jede andere Haut, die ihr liegt, das ist der schlichte Witz des Liebens: Es lebt von der Vergangenheit, will aber nichts von ihr wissen und kennt daher keinerlei Zukunft; es kennt nur den langen Moment oder Grat der Gefühle, ohne Rücksicht auf die Gefühle selbst. Während wir noch redeten und immer weitergingen, fing ich an, mir ihren Körper vorzustellen, den Körper der Kressnitz, zuerst die Kniekehlen, dann die Hüften, zuletzt ihr Hohlkreuz. Ich träumte im Gehen oder ließ mich gehen, und es war keine Kunst, mir das alles vorzustellen; meine Kenntnisse in dieser Hinsicht sind umfangreich, ich weiß, wie sich die Körper wiederholen. Auch die reizvollsten Reize sagen dir nie etwas anderes, als daß du sie haben mußt. Also sagen sie dir immer nur, was du nicht kannst, nämlich von ihnen absehen, ohne sie zu verdammen, während das von Menschenhand Gemachte wie die Zeichnungen, die hier in der Wand Barbaren und Krieg überlebt haben, uns sagt, wozu wir fähig sind. Ich jedenfalls war die Unfähigkeit in Person auf diesem nächtlichen Gang mit der Kressnitz, ich konnte sie nur noch anstarren, deine Theaterleiterin - zu dem Zeitpunkt noch schwankend, wie sie mir sagte, ob der Sommernachtstraum auch das richtige Stück für euch wäre -, anstarren und sehen, wie leicht sie die Treppen nahm, nachdem ich mich etwas hatte zurückfallen lassen, um genau die beiden Stufen, die meine Augen auf Höhe ihres Hinterns in einem zimtfarbenen Seidenrock brachten. Aber trotz allem Interesse an dem, was die Seide fast faltenlos spannte, gab es keinerlei Hinweis, ob ich fähig wäre, aus diesem abendlichen Gang eine Nacht zu machen; ihr Hintern, Haberland, sagte mir nur, wie verlockend er sei, nicht, wie erreichbar ... Oben angekommen, gingen wir dann wieder nebeneinander und kamen bald auf einen balkonartigen Platz neben einer großen grauweißen Kirche. Der Platz war menschenleer um die Zeit, und wir traten an seine Brüstung, die noch warm war vom Tag, und sahen auf die Stadt. Wir sagten nichts, wir schauten nur auf das Durcheinander der Lichtreklamen, wie pulsierendes Blut, rot und blau, auf all die Gerüste hinter den riesigen Buchstaben, ein fragiles eigenes Reich auf den Dächern, uns mehr verwandt als das Leben darunter, und taten schließlich etwas, das noch einen Augenblick zuvor dem Bereich der Träume oder des Kinos angehört hatte. Wir küßten uns. Und dieser schlichte Satz aus Subjekt, Prädikat, Objekt ist eine richtige und zugleich falsche Aussage, er gibt nämlich nur die vollendete Tatsache wieder, nicht aber ihre Entwicklung innerhalb jenes Augenblicks: zwischen einem Mund, der tabu ist, weil er dir nicht gehört, und dem Mund, der sich ergibt wie das Tier, das dem anderen die Kehle zeigt. Wir hatten uns angesehen, Haberland, noch an die Brüstung gelehnt, gleichzeitig ohne Absprache angesehen und dabei, ich weiß nicht warum, den Mindestabstand unterschritten. Der Rest war Gravitation, womit ich nicht Anziehung meine, kein Übereinanderherfallen oder Aufeinanderhereinfallen, sondern Druck; ein Druck, der ihren Mund und meinen zusammenpreßte, wie durch etwas Drittes, das unsichtbar neben uns stand, größer und stärker als wir, die eine Pranke in meinem Nacken, die andere in ihrem, so daß wir kaum Luft bekamen und bloß noch die Zungen hatten, um alles Lebenswichtige auszutauschen. Wir überlebten diesen Kuß nur, indem wir aufs Ganze gingen, ein Notfall im Grunde, den wir beide jedoch als Sensation empfanden, als Beginn einer Ära, der unseres Glücks, ich sage nicht Liebe. Und im übrigen schmeckte ihre Zunge nach Rauch, der Geschmack meiner frühen Jahre, der mich mit Stolz erfüllt hatte: Du hast es mit einem Menschen zu tun, der es gewohnt ist, seinen Mund selbst zu versorgen, dir aber von einem Moment zum anderen das Feld überläßt ... Und auch nach dem überstandenen Notfall kein Wort; durch noch steilere Gassen kamen wir von dem Aussichtspunkt rasch in die Unterstadt und einem Instinkt folgend, dem der Flüchtigen, die ein Versteck in guter Lage suchen, peilte ich den Bahnhof an, schon von weitem zu sehen mit seinem Runddach, wie ein großer, schlafender Hund an der Flanke zum Bairro Alto. Am Kopf des Bahnhofs ging ich dann wieder ein Stück weit bergauf, über eine gewundene Treppe bis zu einer Pension, horstartig oberhalb der Gleise, ich habe ihren Namen vergessen, wenn sie überhaupt einen Namen hatte. Die Eingangstür mit dem Hinweis Pensão ließ sich jedenfalls öffnen, und eine Stiege führte ins Obergeschoß, wo hinter einem Tresen ein Mann schließ, den weckten wir. Er stellte uns keinerlei Fragen, er wollte nur Geld, den Betrag eines durchschnittlichen Einkaufs, wenn ich mir Kaffee und Toast besorge, Käse und Aufstrich und frische Rasierklingen, mehr sollte unser Glück nicht kosten. Ich gab ihm das Geld und bekam einen Schlüssel, dazu Handtuch und Seife, ein kleines, in Wachspapier eingewickeltes Stück, das schon Minuten später, unter einem Strahl nicht breiter als ein Strohhalm, seine Bestimmung fand, indem es zu Schaum wurde, lichten Kugeln und Bläschen wie die am Mund der Verrückten, und doch ein kleines Wunder, welches das größere vorzubereiten half, ich rede von dem des liebens, einer Tätigkeit, die man klein schreiben sollte, und sage schon wieder nicht Liebe, wenn du verstehst, was ich meine ... Denn zwischen Liebe, groß geschrieben, und dieser Tätigkeit, lieben, nämlich die Liebe zu bringen, wie du es wohl ausdrücken würdest, liegt eine ganze Welt, die ganze Welt des anderen. Und ich rede hier nicht von einem anderen Willen oder Herzen, ich rede von dem Geruch, der nicht deiner ist, aus einem fremden Mund und einer fremden Achsel, den Blicken, die dich treffen, und dem Finger, der dich prüft - von etwas, das kein Zuckerschlecken ist, auch wenn es gelegentlich süß schmeckt. Ich rede vom ganz gewöhnlichen und doch, wenn er gelingt, mit nichts zu vergleichendem Sex: der dir nie sagen wird, warum es dich gibt und du der Glückliche bist, der ihn erlebt, der dir aber, mehr als alles andere, sagen kann, daß es dich gibt, Haberland ...«


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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis der Frankfurter Verlagsanstalt sowie des Autors

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