Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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G e s p r ä c h e
Uwe Wittstock: Der unerträgliche Wahnsinn des Literaturbetriebes

Der unerträgliche Wahnsinn des Literaturbetriebes


Wie man ein Buch zu einer heißen Ware macht - Ein Gespräch mit Bodo Kirchhoff über den Literaturbetrieb der Gegenwart und seinen "Schundroman"

DIE WELT: Wie Martin Walsers "Tod eines Kritikers" handelt Ihr "Schundroman" vom Literaturbetrieb der Gegenwart. Wieso dieses Thema?

Bodo Kirchhoff: Während der letzten Buchmesse gab es über meinen Roman "Parlando" einen sehr schönen Beitrag in dem ZDF-Kulturmagazin "aspekte". Unmittelbar nach dem Beitrag Schnitt - und man sah das Geschlechtsteil der französischen Autorin Catherine Millet. Ihre erotische Autobiographie wurde vorgestellt. Mit diesem Kontrast war für mich der kritische Punkt erreicht: Ich wollte den Wahnsinn unseres gegenwärtigen Literaturbetriebes nicht mehr ertragen, sondern zum Gegenstand eines Romans machen.

DIE WELT: In Ihrem Roman wird der Großkritiker Louis Freytag, hinter dem sich leicht entschlüsselbar Marcel Reich-Ranicki verbirgt, ermordet.

Kirchhoff: Freytag wird nicht ermordet und schon gar nicht in seiner Eigenschaft als Kritiker. Er ist ein Zufallsopfer - ein verliebter Auftragskiller möchte Verwirrung stiften und gibt einem ihm unbekannten älteren Herren eins auf die Nase. Leider zu fest - ein Zufall, nur will natürlich niemand daran glauben, vor allem deshalb, weil das Unglück zu Beginn der Frankfurter Buchmesse geschieht. Einer Messe, bei der es im übrigen einen neuen Skandalautor zu bewundern gibt: einen gewissen Ollbenbeck, der mit der Tat offenbar in Verbindung steht.

DIE WELT: Ist der Großkritiker in Ihrem Roman ein Jude?

Kirchhoff: Er ist nicht ausdrücklich ein Jude. In dem Roman wird darüber kein Wort verloren. Aber da es für die Figur des "bedeutendsten Kritikers" nur ein einziges Vorbild geben kann, ist er natürlich automatisch auch Jude. In dem Augenblick, in dem ihn der Schlag trifft, schaut er in die Zeitung und sieht dort groß sein eigenes Bild. Diese Szene verweist auf den Kern des Problems: Dieser Kritiker ist in erster Linie eine schillernde Medienfigur, eine Rolle, die seine anderen Eigenschaften in den Schatten stellt. Bei der ganzen aktuellen Diskussion wird dieser Punkt viel zu wenig berücksichtigt: Wer auf allen Medienhochzeiten tanzt, kann nicht zugleich eine unbefleckte moralische Instanz sein. Auch die Möllemann/Friedmann-Debatte ließe sich entschärfen, wenn man in diesem Punkt genauer trennen würde zwischen Friedmanns Tätigkeit für den Zentralrat der Juden in Deutschland und seinem Job als ein in die Form verliebter Scheinaufklärer, dessen Sendungen immer nur zwei Ergebnisse haben: Bestanden oder nichtbestanden.

DIE WELT: Weshalb war es Ihnen so wichtig, nach dem Skandal um Walsers Buch den Erscheinungstermin Ihres Romans um 2 Monate vorzuziehen?

Kirchhoff: Das letzte Jahr hat mich gelehrt, dass sich der Zeitraum, in dem ein Buch eine heiße Ware ist, auf zwei bis drei Wochen verkürzt hat. Danach interessieren sich nur noch die so genannten Liebhaber für das Buch und später, wenn man Glück hat, die Literaturgeschichte. Ich habe mit dem Roman "Parlando", an dem ich acht Jahre gearbeitet habe, eine einschneidende Erfahrung hinter mir: Selbst die besten Kritiken und hervorragende Präsentationen in allen Literatursendungen können verpuffen. Was Leser heute offenbar brauchen, ist eine unmissverständliche, fast ultimative Aufforderung, ein Buch jetzt oder nie zu lesen. Wäre mein "Schundroman" wie geplant im September erschienen, wäre mir unterstellt worden, mein Buch hänge sich an den Walser-Skandal dran, und die eigentliche Gangster-Liebesgeschichte, um die es mir ging, hätte wahrscheinlich niemand mehr wahrgenommen. In der ARD-Sendung "Kulturreport" wurde ich bereits, ohne dass irgendwelche näheren Informationen vorlagen, als Trittbrettfahrer bezeichnet (wann hätte ich denn diese 320 Seiten schreiben sollen?), und es ist genau dieses "Öl ins Feuer gießen", dem ich zu begegnen suche. Dadurch dass ich das Buch vorgezogen habe, besteht Hoffnung, dass beide Romane im Vergleich gelesen werden.

DIE WELT: "Tötet Helmut Kohl" war ein Slogan des Theaterwirrkopfs Schlingensief. Halten Sie es für statthaft, die Ermordung einer realen Person literarisch auszumalen?

Kirchhoff: Grundsätzlich ist für mich in der Literatur alles erlaubt. Es kommt darauf an, wie man es macht. Ich habe mein Buch auch deshalb "Schundroman" genannt, weil ich in einer Weise vom Schund oder von der Medienbanalität erzähle, die hoffentlich alles andere als Schund ist. Aber um auf die Frage zurückzukommen: Ich würde in einem Buch auch jederzeit eine Tötungsfantasie aufgreifen, wenn ich sie denn hätte oder in meiner Umgebung massiv erlebte. Zurzeit erzähle ich gerade in einem anderen Buch, wie ich mit meinem Sohn eines der berüchtigten Killer-Videospiele mache. Ich verfolge dabei, wie ich selbst in das Video-Szenario hineingezogen werde, bei dem es nebenbei gesagt darum geht, lauter Nazifiguren zu töten. Was aber nicht weniger auf den Spieler abfärbt, als wären es andere Schurken.

Mit Bodo Kirchhoff sprach Uwe Wittstock.


Uwe Wittstock
in: Die Welt. 11.06.2002.



Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors.
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