|
Leseprobe
Schriftstellerei ist kein Brotberuf: Debütanten wissen es nicht, Bestseller-Autoren wollen es nicht wahrhaben, die alten Hasen bemerken es zu spät
»Warum schreiben Sie noch?«, hieß es neulich auf einem Zettel, den jemand an die Fußleiste meiner Tür gelehnt hatte. Anfangs glaubte der Adressat noch, er könne über diesem Zettel stehen, indem er ihn wegwirft und dem guten alten Leserbrief nachtrauert. Dieser klassische Leserbrief gehört der Vergangenheit an, also sollte man für Zettel dankbar sein. Nichts ist mehr, wie es einmal war rund um die Literatur - noch vor zwanzig Jahren, großzügig gerechnet. Nur die, die sie hervorbringen, bleiben die Gleichen. Und an einen erging die überfällige Frage, warum er noch schreibe.
Jemand macht sich also Sorgen - aber um wen? Wer sind die Immergleichen der Literatur? Nach wie vor wohl die Aufgeklärt-Versponnenen, die bei Gelegenheit, in Frankfurt oder in Leipzig, ihre Bücher in eine See voll Gähnen und Achselzucken, Clownerie und Wichtigtuerei werfen; allein Letzteres gab es schon immer, aber die Tuerei bezog sich noch auf etwas, das tatsächlich wichtig war. In meiner Internatszeit in den Sechzigern (des vorigen Jahrhunderts) war Literatur für mich und solche, auf die man gezählt hat, was für meinen Sohn und dessen Freunde die Games sind: Welten, in die man versinkt. Mit dem Unterschied, dass uns Romane auch das eigene Verlorensein in der Welt klargemacht haben, während die Games den Spieler (und verhinderten Leser) in der Illusion wiegen, die Welt beherrschen zu können, wenn nur die Reflexe stimmen. Diesen Mega-Kindern ihrer kleinen Zeit - der Rankings und Kürzel, der Geschwindigkeit und Minuten-Prominenz - gehen unsere Bücher am strammen Arsch vorbei.
Nehmen wir an, man liest an einem Roman 24 Stunden, dann bedarf es schon eines starken Glaubens an den Wert literarischer Gestaltung, um diese Strecke nicht nur zu gehen, sondern das Buch auch in dem Gefühl zu schließen, seine Zeit gut angelegt zu haben. Wer beim Lesen nicht mit sich im Reinen ist, weil er im Grunde etwas ganz anderes möchte (Fernsehen, Ausgehen, Spielen), wer in einem Roman nur den Hinterhalt für Langeweile oder Dinge wie gestörten Sex und gescheiterte Beziehungen sieht, wer keinen Sinn hat für den Klang der Sätze und das Drama der Details, für die Eigenzeit eines Buchs, die unsere übliche Zeit außer Kraft setzt, der wird den Roman aus der Hand legen und auch keinen mehr kaufen. Er ist als Leser verloren und gehört zur wachsenden Zahl derer, die nach fernsehartigen Büchern und sympathischen Autoren verlangen; wenn aber die Schriftsteller so gesellig wären, wie man sie inzwischen gerne sieht, warum hätten sie dann diesen Ausweg für Schwierige überhaupt einschlagen sollen? Da hätten sie doch gleich eine Laufbahn in den Medien anstreben können, um sie später mit einem Buch zu krönen.
Zu wissen, dass auf deinen Roman keiner wartet
Für uns Erzählende stellt es nicht ein Missgeschick dar, wenn immer weniger Leute nach Literatur verlangen, sondern eine Katastrophe. Die Auflagen vieler Kolleginnen und Kollegen, die vom Schreiben leidlich leben konnten, haben sich in den letzten Jahren nicht nur halbiert, sondern sind auf weniger als ein Drittel geschrumpft. Keiner redet gern darüber, als sei es ein Gebrechen; Verlage hüten die Zahlen aus geschäftlichen Gründen, und Autoren schämen sich ihrer winzigen Resonanz. Und der Autor dieser Zeilen, der als erfolgreich gilt, rechnet sich dazu: Seine rund dreißig Veröffentlichungen (Romane, Novellen, Erzählbände, Stücke) werfen im Jahr gerade so viel ab, dass es der Familie nicht an Grundnahrung fehlt; seine rund dreißig Drehbücher sorgten bisher für den Rest (und der Bekanntheitsgrad sorgt für das Missverständnis).
Schriftstellerei ist kein Brotberuf, obwohl es immer wieder Autoren gibt, die überragend viele Bücher verkaufen; tatsächlich sind es aber verschwindend wenige. Auch deren hohe Bekanntheit täuscht über den wahren Sachverhalt: wenige von Tausenden, die schreiben, und Hunderten, die veröffentlichen. Im Grunde sind sie Lottogewinner. Und wer dennoch in Zeiten des Fernsehens und einer immer mehr Schule machenden Wilderei auf dem Feld des Bücherschreibens Jahre seines Lebens darauf verwendet, an einem Roman zu arbeiten - der durch andere Arbeit vorfinanziert werden muss, und dem am Ende keiner entgegenfiebert, weder die Verlage noch die Kritik und schon gar nicht unser Buchhandel und dessen ratlose Kundschaft -, der ist entweder ein Narr oder ein Fanatiker, der sich im Scherbenhaufen der Literatur blutige Füße zu holen bereit ist.
Aber war das je anders? Beim Durchblättern der Buchmessen-Beilagen aus den siebziger und achtziger Jahren bis zur Wende (der erste Schnitt) und dann noch einmal bis zum
11. September 2001 (dem zweiten Einschnitt) kommt man nicht umhin, die heutige Situation zu beklagen und der damaligen nachzutrauern (wie den Leserbriefen). Die alten Leitartikler konzentrierten sich noch auf den Kernbereich der Literatur, die Ohnmacht des Einzelnen, der sich nur kraft seiner Sprache und Imagination Gehör und Raum verschafft. Das hat die Leute interessiert: Sie lasen ihre Autoren und blieben ihnen treu.
Untergegangen im Meer der Promi-Bücher
Dann aber weitete sich der Kernbereich aus, mehr und mehr rückte die Welt - und nicht der Einzelne - in den Blick, die Feuilleton-Redakteure machten den politischen Redakteuren Konkurrenz oder überboten sie in ihren Analysen, für die sie Literatur nur als Beleg heranzogen, wobei plötzlich auch ganz andere Werke willkommen waren. Welches Buch auch immer als Indiz für die sich wandelnde Welt, vom Internat über den Terrorismus und den Körperkult bis zur Klima-Katastrophe, und damit für den eigenen Weitblick geeignet erschien, wurde für die Dauer einer Buchmesse emporgehoben. Und auf einmal hatten wir unzählige neue Autoren, die das Publikum im selben Topf wie die Narren der Literatur sah; ein unguter Zustand, den auch das Feuilleton und einige Verlage bemerkt haben. Sie antworteten darauf mit der Notbremse von Kanons, für das Publikum eine gewisse Beruhigung. So konnte man die meisten Namen getrost vergessen oder gleich an den neuen Autorinnen und Autoren, ob sie nun über schwache Männer oder starke Frauen schrieben, seinen Spaß haben.
Denn jeder, so scheint es - ob Talkshow-Tante, Schlagersänger oder ehemaliger Minister, ob Serien-Schauspielerin, Ex-Model oder durch seine schmutzigen Tricks in die Schlagzeilen geratener Manager - jeder, der dem eigenen Dasein etwas Glanz verleihen will, schreibt heute ein Buch, und sei es über die eigene Dummheit. So stößt er in die "Bild"-Zeitung vor und hangelt sich weiter über die abendlichen Geschwätz-Runden bis in die Sorglos-Pakete der Buchhandlungen; und damit auch gleich in die Charts. Gute Bücher gehen hingegen geräuschlos unter, auch wenn gute Kritiker gute Kritiken darüber schreiben. Die wenigsten von denen, die sich für den Roman eines Nicht-Prominenten (oder nach der Talk-Skala allenfalls C-prominenten Reservegastes) interessieren würden, erfahren noch, dass es jenen Roman überhaupt gibt.
Der Deutsche Buchpreis und seine Schwächen
Eine der Antworten auf diese Entwicklung war der Gedanke eines Deutschen Buchpreises mit der Wirkung des Prix Goncourt (nur ohne dessen Absprachen) und sein schließliches Zustandekommen, gleich mit größtem Erfolg, wie man weiß, allerdings auch mit Nachteilen, die so nicht abzusehen waren. Von den sechs Büchern der engeren Wahl fallen nach der Preisvergabe fünf gegenüber dem Siegertitel so weit zurück, als seien sie gar nicht als die besten von weit über hundert ausgewählt worden. Es gibt offenbar nur ein Interesse: das prämierte buch zu besitzen oder zu verschenken, ob es einen anspricht oder nicht. Und ein weiterer Nachteil liegt in der Mediendurchdrungenheit der Jurys, leicht daran zu erkennen, ob sie auf Biegen oder Brechen nur Entdeckungen machen wollen oder über das jeweilige Jahr hinausdenken.
Literatur und Betrieb lassen sich offenbar kaum mehr trennen, sind aber eigentlich unvereinbar. Natürlich sollte die Literatur in die Medien - aber nicht umgekehrt. Das vereinfachte, vulgärpsychologische Menschenbild, das die Medien, allen voran das Fernsehen, mitgeschaffen haben und vor sich hertragen, kann und darf von der Literatur nicht bestätigt werden; Menschen sind komplizierter, als man sie in einer Talkshow oder einer Serienfolge erlebt. Man kann sie genauer zeigen, viel genauer; man kann wahrhaftig von ihnen erzählen.
Mehr denn je legitimiert sich ein Prosatext durch seine innere Qualität. Literatur sagt einem, dass man nicht einzigartig ist; sie rückt die Proportionen zurecht. Nach einem guten Roman fühlt man sich etwas kleiner, aber auch weniger einsam. Immer weniger Menschen ziehen beim Kauf eines Romans in Betracht, nicht einem anderen, sondern sich selbst damit einen Gefallen zu tun. Im Lesen eines Romans seine Vorteil zu finden, erscheint vor allem Männern absurd, die das Ergebnis-Orientierte ihrer Arbeit auf die Freizeit anwenden; schon nach den ersten Seiten erhebt ihr Ich Einwände - zu langatmig, zu unklar -, und für Bücher, die man gar nicht erst aufschlägt, liegen die Ausreden schon parat: keine Zeit, kein Nerv.
Sollte, was einem teuer ist, nicht auch teuer sein?
Im Vorjahr saß ich in einer Großbuchhandlung mit drei Frauen und einem Mann an einem Bistro-Tisch und las ihnen eine Stunde lang aus meinem letzten Roman vor. Die vier waren mein gesamtes Publikum, und es war sehr aufmerksam. Wir alle steckten sozusagen die Köpfe zusammen, im Grunde war es eine gemeinsame Lesung - für den Autor kein leichter Abend, dafür ein lehrreicher. Und später, als ich allein in einer Braunschweiger Gastwirtschaft saß, erschien mir meine Arbeit, die so wenige anzieht (die Lesung lag zwischen den Terminen zweier Fernsehgrößen, deren Bücher in Stapeln ein Spalier für den Zugang zur Cafeteria bildeten), seit langem wieder einmal als etwas ganz Besonderes, das eigentlich nichts in einem Kaufhaus verloren hat.
Literatur sollte - utopischer Gedanke, wie man ihn vorm Einschlafen hegt - als Antwort auf ihr Bedrohtsein nur noch in geringer Auflage herauskommen, damit echte Nachfrage nach den 3000 oder 4000 Exemplaren entsteht (das wäre schon ein Bestseller), einer Ware mit hohem Stückpreis. Warum nicht 50 Euro für ein Buch, das anstelle eines Vorworts seine Kalkulation enthielte, bei der die Arbeitszeit des Autors mit dem Stundenlohn eines Handwerksmeisters angesetzt wird? Davon könnte man schon existieren, auch der ältere Autor, dessen langes Schreibleben heute kein Bonus mehr ist, sondern ein Malus. Der Versand liefe über das Internet, die Werbung über Kritik. Es gäbe keine Vorschauen mehr, keine Vertreter, keine Anzeigen, und nur ausgesuchte Buchhandlungen bekämen die Lizenz für gute Bücher. Weniger wäre unendlich viel mehr. Nur damit käme die Literatur vielleicht noch einmal auf einen grünen Zweig.
-----------------------------------------------------
Digitale Präsentation mit freundlicher Erlaubnis des Autors
|