Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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R e z e n s i o n e n
zu »Wo das Meer beginnt«

Klassenfahrt an den Ort, wo alles anfing
"Wo das Meer beginnt": Bodo Kirchhoff ist unterwegs

"Jedes Bemühen, gleichzeitig gut zu sein und gut zu erzählen, führt nur zu schlechten Geschichten." Der das sagt, der Lehrer Dr. Branzger, befolgt das auch, befindet er sich doch in jener Sphäre, wo das Leben endet und der Tod beginnt, erzählt von Portugal, von der Klassenfahrt dorthin, wo die Erde endet und das Meer beginnt, durchaus nicht aus Altruismus, sondern eher im Bemühen, den Graben zu schließen, den sein Leben aufgerissen hat, zwischen den wankenden Trinkern in Frankfurt am Main und den Wellen im Westen Europas.

Dr. Branzger, das sei hier vorausgeschickt, erzählt eine gute Liebesgeschichte, seine eigene, ganz stille nämlich, auch wenn er damit den Deal, der Bodo Kirchhoffs neuem Roman "Wo das Meer beginnt" die Struktur verpasst, aufweicht zu Gunsten der Illusion eines Lebensendes, in dem sich alles harmonisch fügt. Der Deal ist der: der alte Lehrer, Dr. Branzger eben, berichtet seinem beurlaubten Schüler Viktor Haberland von einer Lehrerkonferenz, die über dessen Verbleib am Hölderlin-Gymnasium zu befinden hat. Haberland wiederum, so ist's verabredet, gibt dem Lehrer gegenüber preis, was sich wirklich abgespielt hat im Keller zwischen ihm und Tizia, kurz bevor der Hausmeister die beiden ertappt hat, hinter der Türe, in jenem Graubereich des Verlangens, in dem die Liebe endet und die Gewalt beginnt.

Die ganz großen Themen: Wasser und Meer, Leben und Tod, Liebe und Hass (Krieg und Frieden auch, aber das eher am Rande, weil im Fernsehen das Abwehrfeuer über Bagdad zu sehen ist, und weil sich Viktor Haberland da an Tizias Satz erinnert "Du gefällst mir, also nimm mich", und weil er ihn ergänzt "ebenso unschuldig wie der gerade ankommende Marschflugkörper aus dem Mund der Moderatorin"). Bodo Kirchhoff ist ein großer Grenzgängerroman fulminant geglückt, und nicht nur das. Der Schwärmer unter den deutschen Schriftstellern, der sich früher zuweilen entweder für virtuose Wortakrobatik entschieden hat ("Der Sandmann") oder für eine gewaltige Geschichte ("Infanta" natürlich, sein vielleicht gelungenstes Fluchtbuch, oder der rasante "Schundroman"), dieser Kirchhoff verwebt nun auf das Erquicklichste das Wort mit der Wirrnis. "Wo das Meer beginnt" wäre ein großartiger Einstieg ins Spätwerk, wäre Kirchhoff mit seinen 56 Jahren nicht zu jung dafür.

Club der hadernden Lehrer

Zu alt, viel zu alt, fühlt sich mittlerweile Dr. Branzger, der seinem Schüler ein Panoptikum der Frustrierten präsentiert, einen Club der hadernden Schicksalsrichter in Lehrergestalt. Die Kollegin Kahle-Zenk, nur beispielsweise, fährt jeden Morgen mit dem Familienbus am Hölderlin- Gymnasium vor, "satellitengesteuert wie die Bomben auf Bagdad". Auch gibt es: missratene Affären im Kollegium, berufliches Scheitern, eine Vergewaltigung gar, damals auf dem Trip nach Afrika.

Nun gilt es zu entscheiden, ob wieder eine passiert ist, drunten im Keller auf der Luftmatratze, gleich nach der Theaterprobe, "Sommernachtstraum", und just während die Cordes, die Rektorin, nebenan beim Griechen Geburtstag gefeiert hat, elf Rosen im Arm, Quersumme aus 56, die Idee eines Kollegen. Oder doch Beischlaf im gegenseitigen Einvernehmen, die Fortführung eines Probenflirts, der seinen Ausgangspunkt in Portugal hat: die Klassenfahrt. Der Hausmeister schiebt das Probenvideo in den Rekorder, und siehe da: Tizia und Viktor sind sich nah, oder sind sich doch bloß zwei Shakespeare-Figuren nah, dort, wo der Traum endet und die Wirklichkeit beginnt - oder andersrum?

Die Lehrer tagen in Frankfurt. "Was soll ich mit Häusern, die nicht hoch genug sind, dass einem der Atem stockt, aber schon zu viele Etagen haben, um noch darüber hinwegsehen zu können?" fragt Branzger und Kirchhoff natürlich auch, der immer noch dort lebt, wenn er nicht gerade am Gardasee wohnt. Viktor Haberland jedoch, der angeklagte Schüler, ist mittlerweile Anfang dreißig und arbeitet in Lissabon für ein deutsches Kulturinstitut. Er bereitet einen klugen Abend vor unter dem Motto "Das traurige Ich". Eine Schauspielerin soll Gedichte zum Thema lesen - Tizia. Bald reist sie an.

Kein Sextant für Liebe und Hass

Beim Hangeln im Zeitenstrom wird Branzger seines Lebens überdrüssig, weil die Liebe verweht. Kirchhoff aber, der mit diesem Roman alles streift und auch alles trifft, sogar das ZDF und die USA, gelingt mit "Wo das Meer beginnt" ein meisterhaft zerschnipseltes und wieder zusammengefügtes Puzzle und damit die soghafte Enthüllung der Verlorenheit in einem Grenzland namens Leben. Der Ort, wo die Erde endet und das Meer beginnt, lehrt uns Kirchhoff, mag fixierbar sein am Cabo da Roca, dem westlichsten Punkt des europäischen Kontinents. Bei Liebe und Hass jedoch, bei Gleichgültigkeit und Wehmut versagt der Sextant.

Kirchhoffs Buch handelt von der Liebe, weil es von allem anderen auch handelt. Man würde nur einmal wirklich lieben im Leben, heißt es auf Seite 123, "unter Umständen nur eine Nacht lang. Alle übrigen Male aber messen sich an diesem einen Mal". Auf Seite 229 steht: "Die Liebe zerplatzt nicht, sie vergeht wie die Zeit." Seite 262: "Liebe ist eine Zumutung, für alle Beteiligten."

So gesehen mutet Bodo Kirchhoff seinen Figuren einiges zu und seinen Lesern erst recht. Anders besehen, bereitet er Letzteren ein wundersames Vergnügen und liefert die Erklärung gleich mit: "Der Appetit unserer Augen nach Schönheit ist ja im Grunde das Verlangen nach Trost", erklärt der Lehrer Branzger seinem Schüler Haberland, als er davon erzählt, wie er mit seiner Geliebten Treppen im Labyrinth der Alfama erklimmt. Welch ein schönes Buch. Welch ein Trost.



Michael Werner
in: Stuttgarter Zeitung, 05.10.2004.

Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors

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