Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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Ich hörte meinen Namen und sah mich um, und da stand sie, die Stille Schöne, zwischen dem Kettenkarussell und der Fischbude. Ganz lautlos kam sie im frischen Schnee auf mich zu, nahm die Kapuze dabei ab und schüttelte ihr langes Haar, entfernte Bart und Augenbrauen und sagte einfach: "Folg mir!" Und ich folgte ihr, ohne biblischen Nebengedanken.


Illustration von Clemens Erlenbach

Illustration von Clemens Erlenbach

Taschenbuchausgabe

Fischer Taschenbuch
November 2002
ISBN 3-596-15644-0


P u b l i k a t i o n e n

Die Weihnachtsfrau





Die Weihnachtsfrau

Erzählung
Mit Illustrationen von Clemens Erlenbach

1. Auflage 1997
Frankfurter Verlagsanstalt
Frankfurt am Main 1997
80 Seiten
ISBN 3-627-00059-5

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Leseprobe

Wer von Weihnachten anfängt, muß auf der Hut sein; eine Stimme in ihm will immer von früher erzählen.

Mein Elternhaus zerfiel, als ich in der Schule Französisch bekam (das ich bis heute nicht spreche). Vater und Mutter waren nur zusammengekommen, weil sie der Krieg in dasselbe Lazarett gebracht hatte; eine junge Sängerin, deren Verlobter gefallen war, pflegte einen jungen Leutnant, der einen Arm vermißte; beide glaubten, das Schicksal habe es noch einmal gnädig mit ihnen gemeint. Zehn Jahre später hatte es sich mit der Gnade: Die Ehe platzte, ich kam auf ein Internat. Bloß an Weihnachten trafen wir uns noch alle, am Tisch einer überlegenen Großmutter, und ich begriff, wie schnell dieses Fest scheitert, wenn man nicht beide Augen zudrückt - hier liegt bei mir mancher Engel begraben und soll auch weiter ruhen; mein Beitrag zu dem empfindlichen Thema führt nicht in die Kindheit, sosehr sich das bei Weihnachtsgeschichten bewährt hat. Und doch reicht der Beginn, wie sich gleich zeigen wird, weit zurück und zählt zu den Dingen, die bleiben (wie Krippe und Stall), während das Ende meiner Geschichte in unsere Zeit fällt, von der vielleicht gar nichts bleibt.

Ich war Anfang zwanzig oder etwas darüber, jedenfalls nicht mehr ganz jung, und studierte in F..., nach einem Jahr Theologie, an das ich mich kaum noch erinnere, im ersten Semester Sozialwissenschaften, in einem düsteren Altbau im Westen der Stadt, wo heute helle Galerien und feine Lokale sind, und die Adventszeit fing gerade an; unterstrichen von zeitigem Schneefall, brannten plötzlich, auf fast schon logische Weise, überall Kerzen. Aber wie sehr ich mich auch in dem düsteren Bau (über dessen Schwelle kein Tannenzweig kam) verkroch: Sie ging nicht vorüber an mir - diese Zeit, in der ein Student zwar keinen Wunschzettel mehr ausfüllt, aber seine Eltern doch wissen läßt, daß er mit der und der Musikanlage oder dem und dem Geld rechnet, von allen kleineren Anliegen abgesehen, auf jeden Fall Wünsche in einer bestimmten Anzahl zum Ausdruck bringt, während ich nur einen einzigen Wunsch hatte, den allein anzudeuten für mich schon undenkbar war. Spätestens am Heiligen Abend wollte ich nämlich den ersten Schritt in die fremde Welt des Liebens oder auch Liebemachens, wie es damals ja hieß, hinter mir haben, also auf meine endllich verlorene Unschuld zurückschauen
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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis der Frankfurter Verlagsanstalt sowie des Autors

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