Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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Foto: ©Alexander Beck




























P u b l i k a t i o n e n

                        

Votum für den besten Roman


In: börsenblatt, 43/2004
Seite 20/21


Auszeichnungen  Wer einem großen Roman unter die Arme greifen will, kann dies heute nur mit einer großen Ermutigung tun. Mit dem Deutschen Literaturpreis. Meint Bodo Kirchhoff.

Grundgedanke fast all unserer Literaturpreise ist die soziale Fürsorge in möglichst glanzvollem Rahmen, sei sie materiell oder ideell. Man greift einem Autor oder einer Autorin entweder unter die Arme (meistens zu spät) oder erweist den Preisträgern Ehre (häufig
zu früh) oder gewährt, nach Versäumnissen, am Ende eine Art Satisfaktion. Ein Ort, eine Stadt, ein Landkreis einigt sich, vertreten durch eine Jury, auf eine Kandidatin oder einen Kandidaten mit erkennbarem Mangel an Geld oder Zuspruch, erkennbar am besten daran, dass ihn schon andere Jurys vorher erkannt haben.

Der Gedanke, einem bestimmten Werk unter die Arme zu greifen, hat dagegen bei uns kaum eine Rolle gespielt – und schon gar nicht der Gedanke, im deutschen Namen oder dem Namen der Nation ein einzelnes Buch aus dem Meer der Neuerscheinungen unübersehbar hervorzuheben; nach 1990 begann diese Idee allerdings überfällig zu werden.

Doch leider waren die 90er Jahre nicht nur Jahre der Rückbesinnung, auf die Nation und die Möglichkeit, wieder etwas im deutschen Namen auszusprechen, sie waren auch die Jahre eines geradezu tollwütigen Vorwärtspreschens auf dem Gebiet der Unterhaltung. Das private Fernsehen machte, was machbar war, Hand in Hand mit der Handy-Entwicklung und dem Internet; die Geschichte von Menschen wurde in Containern beschleunigt, die Kunst des Schreibens wurde zur Geschicklichkeit im SMS-Verkehr, die E-Mail löste den Brief ab, der Rang eines Autors geriet zum Ranking in den Bestsellerlisten, die den Verbraucherschutzregeln unterlagen. Das alles zur Freude des Handels, während Verleger literarischer Titel erstmals diskrete Ratschläge gaben, da und dort vielleicht etwas leserfreundlicher zu schreiben ...

Prominente Sportreporter und Quizmaster haben längst das Schwerelose ihres Tons in Bereiche getragen, die das Publikum immer schon gern etwas leichter gehabt hätte – die Rechtschreibreform ist dabei nur eine Zwischenstufe: in einer Kulturrevolution, die viel gründlicher aufräumt als die nach 1968.

Und Der Deutsche Bücherpreis war ebenfalls ein Kind unserer fernsehschleckerischen Zeit – der Autor als kleiner Superstar mit einem originellen Pokal in der Hand: Ruhm über Nacht, ein betörender Gedanke, ich gebe es zu, betörend in einem Gewerbe, das wie kein anderes Lebenszeit kostet, um fiktive Zeit hervorbringen zu können – Roman-Zeit, auf die sich immer weniger Leute, gewohnt an das Tempo der laufenden Bilder, einlassen.

Und nun also dieser neue Deutsche Buchpreis, den der Börsenverein aus der Taufe hebt – und parallel, welch ein Zufall, der Preis der Leipziger Buchmesse; ersterer, aus gutem Grund, nur für ein einzelnes Werk, den besten deutschsprachigen Roman des Jahres: die überfällige Idee, vor allem, wenn man auf die Nachbarländer sieht, nach Frankreich mit dem Prix Goncourt seit 1903, nach England mit dem Man Booker Prize, nach Italien mit dem Premio Strega.

Natürlich kann man verstehen, dass Leipzig als zweite Buchmessestadt »den Frankfurtern«, wie es dort vielleicht ankommen mag, nicht das Feld der intellektuellen Ehre allein überlassen will, ich fürchte aber, man hat vergessen – oder will es nicht sehen –, worum es bei einer solchen Auszeichnung geht.

Es geht nicht um konkurrenzfähige Bücher und schon gar nicht um konkurrenzfähige Standorte – es geht um das absolut Konkurrenzlose von Literatur, die uns wie keine andere Kunst begreiflich macht, was in fremden Köpfen passiert. Literatur sagt uns, dass wir nicht einmalig sind, dass andere, bei aller Andersartigkeit, ähnlich oder genauso empfinden.

Ein deutscher Prix Goncourt oder Booker Prize sollte, für mein Gefühl, nicht als Deutscher Buchpreis, sondern als Deutscher Literaturpreis starten, mit dem ganzen Gewicht und der ganzen Verantwortung eines solchen Namens, der Ost und West einschließt.

Wer einem großen Roman unter die Arme greifen will – und darum geht es –, der kann dies heute nur noch mit einer großen Ermutigung tun, kaum mehr mit kluger Kritik, schon gar nicht mit fetten Anzeigen.Der Deutsche Literaturpreis sollte für den Roman des Jahres geradestehen – Lies das, lautet seine Botschaft, Lies das, auch wenn es dir fremd sein mag!
Und dafür brauchen wir im Übrigen keine Jury nur aus fünf Fachleuten, sondern eine Mischung aus Kritikern und aus glaubhaften Lesern, glaubhaft durch ihr sonstiges öffentliches Wirken, eine Jury, in der sich die gesellschaftlichen Hauptströme wiederfinden.

Was wir brauchen, ist ein Votum mit so viel Gewicht, dass auch ein schwieriges Buch zum Renner wird: durch jene Neugier, ohne die es gar keine Literatur gäbe – und die es braucht, um sich in die Welt eines Romans zu stürzen. Und das Fernsehen darf dabei ruhig eine Rolle spielen – wenn die Longlist der in Frage kommenden Bücher auf drei Titel zusammengeschrumpft ist, kann die letzte Auseinandersetzung in der Jury öffentlich geführt werden, vor allem aber der Literatur, die nach Ende des »Quartetts«, auf das wir so oft geschimpft haben, wieder nach einem Podium verlangt – und das könnte mal in Frankfurt, mal in Leipzig stehen; entscheidend ist das eine starke Votum für das eine beste Buch – mit all dem Risiko einer solchen Entscheidung, das letztlich nur dem Risiko des Schreibens entspricht.


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Digitale Präsentation mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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