Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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P u b l i k a t i o n e n

Neues aus der Heimat!





Man gebe mir vier Ecken

in Neues aus der Heimat!
Literarische Streifzüge durch die Gegenwart
Fischer Taschenbuch Verlag
Frankfurt am Main 2004, Mai 2004
364 Seiten
ISBN 3-596-16311-0
S. 169-172

Leseprobe

Er begann mit einer Frage, mehr an sich selbst als an mich: Ob man zu Hause sei, wo man sein Bett stehen ahben, und ob es dann, falls ja, eine zweite Heimat gebe, nach der verlorenen ersten der Kindheit - was eigentlich mehr als eine Frage war, aber nicht für ihn, meinen alten Lehrer, den es achtundsechzig nach Frankfurt verschlagen hatte; seine Stimme klang jetzt, als säßen auf jedem Wort noch zwei weitere, wie Parasiten, danach drängend, mit ausgesprochen zu werden, was für den Zuhörer, also mich, einen doppelten, sich fast widersprechenden Eindruck ergab: daß er die Dinge, trotz einem zu voll genommenen Mund, nur schwer über die Lippen brachte.
"Eine Frage", sagte er, "die man besser gar nicht erst stellt als Bewohner einer Stadt, in der es sogar riskant ist, an die berühmten vier Ecken sein Herz zu hängen, in meinem Fall der Schweizer Platz, schon als solcher falsch bezeichnet, wie die meisten Frankfurter Plätze; die Straßenbahn durchquert ihn, und einmal im Jahr kümmert sich jemand um die Rabatten zu beiden Seiten der Gleise, ansonsten dient er den Autofahrern zum verkehrswidrigen Abbiegen und einem wie mir, um das Nötigste einzukaufen. Wenn ich abends rasch noch zum Tengelmann gehe, dann in dem Haß auf einen Laden, der mich noch nie verführt hat, eine Sekunde länger als nötig in seinen Schienen zu bleiben, was auch für den Schweizer Platz gilt, er lädt nicht ein zum Verweilen, er zischt nur, Mach, daß du weiterkommst, obwohl er rund ist und umstanden von Häusern, also Voraussetzungen hätte; oft denke ich, in seiner Mitte müsste eine kleine Markthalle sein und an den Seiten Lokale statt einem Käfig als Zeitungsstand und den zwei Wäschereiannahmen, in der einen das Bild des unsterblichen Kommissars Derrick, der für Sauberkeit steht und einen Blick auf den einzigen Gastronomiebetrieb am Rande des Platzes wirft, Fellini, ein Café, das mit alten Filmplakaten sein eigenes Alter vortäuschen will. Ich meide das Fellini und senke sogar den Kopf, wenn ich weitergehe, vorbei an einer von zwei Apotheken und vorbei an den zwei Bankfilialen und diesem Laden mit italienischem Ambientezeug, vor dem ich gelegentlich stehenbleibe, um wenigstens irgendwo stehenzubleiben. Denn es ist ja doch mein Platz, den ich Tag für Tag umrunde, hin und her gerissen zwischen dem Wunsch, das Fellini möge verschwinden, wie alle Cafés in der Stadt früher oder später verschwinden, oder möge bleiben, damit am Ende überhaupt etwas bleibe von meinen vier Ecken, außer der Litfaßsäule, die gab's dort schon, als ich noch jung war und vor ihr stehenblieb, um die wilden Plakate der Leninisten zu lesen und die zahmen für das nächste Spiel der Eintracht ... Ich weiß nicht, ob es dir auch so geht, aber ich empfand und empfinde eine gewisse Zuneigung zum Wesen der Frankfurter Eintracht, einem Wesen, das für mich im selbstverschuldeten Absturz und begnadeten Wiederaufstieg besteht; nicht daß die Eintracht ein Stück Heimat wäre oder ich etwa eins ihrer Mitglieder, aber sie kehrt, wann immer die Saison dem Ende zugeht, ein Stück Wahrheit hervor: Wie sehr wir doch alle bangen, nicht unter den Tisch zu fallen, besonders in einer Stadt, die so in die Höhe strebt, auch wenn mir die Hochhäuser, offen gesagt, keinen höheren Herzschlag verursachen; und doch gibt es eine Regung in meiner Brust, wann immer ich aus einer richtigen Stadt hierher zurückkehre, ob aus Hamburg, Rom oder Lissabon. Es tut mir weh, vom Bahnhof kommend, die Kaiserstraße hinaufzulaufen, eine Straße, die trotz ihrer Breite und schönen alten Gebäude nicht imstande ist, etwas aus sich zu machen, die lieber Plastikstühle und Sexkinos erträgt, als kleine Theater und Spezialitätenlokale. Ich vermisse das alles, wie ich woanders, etwa am Fluß, einen Pavillion vermisse, den Pavillion, wo sonntags Musik spielt, ein Orchester alter Männer; und einen Fischhändler in meinem Stadtteil vermisse ich auch. Statt dessen versorgt uns ein Wohnwagen, freitags, mit Kabeljau, Seelachs und Schillerlocken, was in mir ein Gefühl des Erbarmens auslöst, wie im übrigen auch unsere Hochhäuser, die ja nicht hoch genug sind, daß einem der Atem stockt, aber schon zu vielle Stockwerke haben, um die Sache noch auf die leichte Schulter zu nehmen, die hoffnungslos dazwischen liegen, wie der Main zwischen den Uferanlagen, die er nur alle paar Jahre, in einem Akt der Verzweiflung, für einige Tage leicht überspült, oder die Börse zwischen London und Tokio; blieben noch die Paulskirche, in die keiner reinkommt, und die Buchmesse, bei der nichts mehr herauskommt, außer daß eine Woche lang die Preise in den Bordellen hochgehen, und damit komme ich zum traurigsten Punkt. Auch diesen Häusern in Bahnhofsnähe ist jeder alte Charme genommen, ihre Ähnlichkeit mit den Frauen und Kunden darin, und dabei sind sie doch, neben den Banken, unsere sichtbarste Tradition, und beide Traditionen, Geld und Begehren, liegen in engster Nachbarschaft, vielleicht deshalb die Renovierungen. Sie gleichen jetzt Sanitäranlagen, unsere Bordelle, geschützt vor Feuer, Bakterien und jeder Art von Zerfall, mit eigener Müllabfuhr, die im Stundentakt blaue Säcke voll spermagetränkter Tücher entfernt, während vor Eckkneipen, die keine mehr sind, Bettler von der höheren Temperatur ihrer Hunde zehren, und die Fixer, kauernd am Bordstein, auf ihren Ersatzstoff warten, um für den Rest der Nacht ein Gefühl von früher zu haben: Genau wie ich es suche, wenn ich um meine vier Ecken gehe, und nur noch finde, wenn ich mich täuschen lasse von alten Plakaten in einem neuen Café, das ja schon morgen, wenn du angefangen hast, es aus Versehen oder gutem Willen lieb zu gewinnen, einem Telefonladen Platz macht. Nichts ist hier, wie es war, und nichts ist, wie es sein wird, alles ist jetzt, aber jetzt bin nicht ich, weil ich nun einmal aus Früher gemacht bin, und doch lebe ich hier, den Dingen und Menschen verbunden, wie der Insasse seiner Abteilung; Heimat ist eine Krankheit, über die man besser nicht spricht, aber ich wollte wenigstens auf diese Wunde gezeigt haben, wenn du und ich - die wir beide nach all den Jahren oder Jahrzehnten hier nicht einmal den Hauch eines Hauchs der so böse gemütlichen Mundart unserer Alteingesessenen weiterzugeben im Stande sind - schon in einer klassischen Frankfurter Wohnung sitzen, einst von Juden bewohnt, und damit komme ich zu dem, was im Nebenraum an der Wand hängt ..."


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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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