Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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P u b l i k a t i o n e n










Unvernunft

PLAYBOY 4/94
Seite 126-131


Seit er beim Frühstück diese ungeschminkte, nur eben in ein Kleid geschlüpfte Frau sah,  erst ihr interesseloses Knabbern an einem Croissant, dann, plötzlich, die kleinen Luftküßchen in Richtung Kinderwagen und damit die des Wagenhalters, also in seine, und ebenso plötzlich ihren zornigen Abgang, nachdem dieser kettenrauchende, selbst im Urlaub pausenlos telefonierende Mann sie offenbar beleidigt hat, und am Ende noch ein Name fiel, der hier, in Italien, gleich mit zwei Landschaften verknüpft ist, Emilia (zwischen den Zähnen hindurch ihr vergebens hinterhergerufen), kommt er sich in dem teuren Hotel mit Meerblick noch unbefugter vor.

Sie hätten heute früh sofort wieder abreisen sollen, auch wenn sich Irene und er samt Iffy im Wagen kaum von den übrigen Paaren mit Kind unterscheiden, nur daß Iffy an dem Vormittag die Sensation am Pool ist. Alle Mütter pilgern an ihr vorbei, und selbst die römischen oder venezianischen Greisinnen lassen ihre Gesellschaftsfräuleins mit den Rollstühlen Umwege nehmen, damit sie die knotigen Finger für einen Moment um Iffys winzige Faust schließen können, während sie im Gebetston Komplimente murmeln, vielleicht auch Verwünschungen. Er traut diesen eleganten italienischen Halbtoten nicht, die hier die Realität ihres Geldes und ihres Skeletts zur Schau tragen und dazu noch, sich der Sonne ausliefernd, mit dem Rest an Leben protzen, jedenfalls den kostspieligen Tag nicht einfach, wie Irene, auf der Liege verschlafen. Geradezu allein gelassen fühlt er sich. Er muß die Kleine vor diesen Greisinnen schützen und dabei noch auf sich selbst aufpassen; immer wieder gehen seine Blicke über das Wasser, zu der einzigen Frau, die es am Pool des „Grand Hotel Miramare“ wagt, ihre eher unscheinbaren, weder großen noch kleinen, einfach vorhandenen Brüste aus einem schwarzen Badeanzug zu schälen und sorgfältig einzucremen, wobei sie, wenn er das recht sieht, mit zwei Fingern herüberwinkt, um irgendeine Aufmerksamkeit zu erregen, die von Iffy vermutlich und damit, zwangsläufig, seine, oder überhaupt nur seine, er weiß es nicht. Er weiß nur, daß sich da, in ihm, etwas selbständig macht, dessen erster, kleiner Anstoß ein Wort war, Emilia.

Kein Name, ein Wort, und schon gar nicht ein Name wie seiner, voller Konsonanten, zerbrechlich wie Glas, Kristian, mit K., Referenz an einen gefallenen Onkel; warum konnte man ihn nicht Udo oder Leo nennen, dann hätte sich Irene wahrscheinlich kaum für ihn interessiert; dann säße er jetzt woanders,



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manchmal entscheiden zwei Silben, wohin man sich wendet, ein Klang. Kristian legt einen Arm über die Augen und versucht, an sein Alter, seine Staatsangehörigkeit, ja an seine Heimatstadt, die ihm gleichgültig ist, zu denken, an diese Welten zwischen ihm und der viel jüngeren Blühenden auf der anderen Seite des Pools, an die ganze komödienhafte Szene: Verheirateter Deutscher, irrtümlich in einem Hotel gelandet, das weit über seinen Verhältnissen liegt, verwechselt das Interesse einer Italienerin an seinem Baby mit einem Flirt.

Er holt das Wörterbuch aus Irenes Tasche und schaut nach, ob Emilia etwas bedeutet, aber Gott sei Dank steht da nichts; also ist das kein offizielles, von Langenscheidt mit jedermann verkuppeltes Wort, keine Vokabel, keine Sprache, keine Philosophie, sondern mehr, ein Stück Religion. Kristian hebt eine Hand, als wollte er zurückwinken, aber die Hand fällt auf sein Haar, früher brünett, jetzt aschefarben, nicht wie das Haar der alternden Italiener kraftvoll ergraut, sondern einfach erloschen. Er beneidet diese in Börsenzeitungen und Modemagazinen blätternden Männer und Frauen mit ihren präzisen Falten auf Wangen und Stirn (wo seine haut nur kleinlich knittert, wie die Haut auf heißer Milch), und selbst die zitternden Hinfälligen erwecken noch seinen Neid: wie sie sich unter den Pinien und Palmen, paarweise, eingehängt, bewegen, mit ihrem silbernen Stock und einem bäurischen Hut aus uralten Tagen, als sei die Lebensart nahtlos in Sterbensart übergegangen – gelassene, sich wie ein Band um den Pool ziehende Passion für das Geld und das Nichtstun, für die Schönheit und den Verfall; an einer Stelle nur ist dieses Band in seinen Augen unterbrochen, genau ihm gegenüber, da, wo Emilia liegt, beide Knie jetzt angezogen, eine Hand auf der Hüfte, während die andere seitlich herabhängt, wodurch die Brüste etwas an Symmetrie verlieren und etwas an Privatheit – als sähe nur er sie – gewinnen.

Kristian überlegt, ob er schwimmen gehen soll, etwas tun für sein linkes Bein, das noch schwach und dünn ist nach einer sechswöchigen Schonung, fast greisenhaft dünn; nur eine violette Narbe entschuldigt diesen Zustand – dramatisch gezackte Spur einer Kugel, sichtbare Verbindung mit dem Weltgeschehen, auch wenn ihn, den kleinen Alltagsforscher, ausgezogen, die moderne Kriegsberichterstattung für einen Hörfunkbeitrag zu studieren, dieses Geschehen nur über ein, zwei Ecken erreicht hat, als abgelenktes Geschoß aus einer russischen Waffe in somalischer Hand, als deformierter Querschläger. Er hebt die Kleine aus dem Wagen, er läuft mit ihr am Pool entlang, bis die Italienerin, Irene und Iffy ein schönes Dreieck bilden, mit ihm als Spitze; Kristian setzt sich auf den Beckenrand und schaut mal zu dem einen, mal zu dem anderen Punkt.

Irene hat sich auf die Seite gelegt, also meint sie’s ernst mit dem Schlafen. Und die Italienerin, inzwischen beide Hände im Nacken, zeigt ihre dunklen Achseln. Sie ist eine Frau, zu der ihm keine Theorie einfällt – zu Irene hatte er sofort die Theorie, sie sei ihrem Vater verfallen, eine Theorie, die auch noch galt, als Irene sich mit ihrem Vater überwarf, was bei ihr gleich zum Trudeln aller Lebensregeln führte, dessen Sog er erlag und in zwei Beziehungen einbrach wie in einer Eisdecke.

Und nun also das: aus heiterem ligurischem Himmel eine Frau, die er nur mit Mühe nicht anstarrt, schwindelerregend wie dieses Luxushotel, zu dem er übrigens auch keine Theorie hat, nicht einmal die einer kapitalistischen Festung, dafür liegt es zu nah an der Straße.

Emilias Vater, Mann oder Gönner taucht auf, rauchend geht er um den Pool, aus seiner Tasche ragt das Telefon, er beugt sich zu ihr, er spricht leise, aber scharf auf sie ein, die Hand mit der Zigarette zieht an dem herabgerollten Oberteil, zieht es herauf, seine Tochter, Frau oder Geliebte wehrt sich gegen diese Verhüllung, sie rollt sich zur Seite, ihr Stück Nacktheit wird noch privater; der Mann tritt seine Zigarette aus, er schüttelt den Kopf, während das Opfer sich totstellt, daliegt wie nach der Liebe, denkt Kristian, dann aber etwas sagt, halblaut, worauf der Mann sich noch tiefer bückt, ihr ins Ohr spricht, und sie das Oberteil förmlich hochzerrt und ihn mit der anderen Hand wegstößt, gegen seinen weißen Schuh boxt, Drama weniger Sekunden.

Danach kein Wort mehr, der Vater, Mann oder Gönner geht wieder am Becken entlang, vorbei an Irene, das Geräusch seiner Absätze weckt sie, ihr Blick geht übers Wasser – Kristian nimmt Iffys Händchen und winkt damit, die eigene Hand hoch über dem Kopf, als säßen er und das Kind in einem ablegenden Dampfer. Irene winkt schläfrig zurück, dann steht sie auf, nimmt ihre Tasche. Du, ich geh’ lesen, ruft sie und verschwindet.

Kristian taucht Iffys Füße ins Wasser, sie jauchzt in höchsten Tönen, und die Geliebte, Tochter, Gattin – Tochter wäre ihm am angenehmsten – dreht sich wieder auf den Rücken. Sie zieht die Beine an und öffnet sie etwas, ihr Blick geht zwischen den Knien hindurch, zu dem Gestrampel in seinen Händen, und erneut überlegt er sich, ob er schwimmen gehen soll, an ihr vorbeischwimmen, Iffy auf den Schultern, was sie vielleicht dazu brächte, auch ins Wasser zu gehen, aber der Pool scheint zu dieser Stunde den Alten und Uralten vorbehalten. Sie tasten sich, allein oder von Enkeln gestützt, am Rande entlang, ganz mit Überleben beschäftigt, den Mittag zu erreichen, den Abend, den nächsten Morgen und wieder den Mittag, wie angespornt von einem Greis mit Blindenbrille, der stur seine Bahnen schwimmt, so stur, daß er bei jeder Wende fast Iffys Füße berührt, bis sie zu weinen anfängt.

Daraufhin überall Bewegung, die Mütter lassen ihre Magazine sinken, wer weint denn da und warum, schnell nimmt er Iffy auf die Knie, nur das hilft nichts, schon läuft ihr Gesicht an, schon verdunkeln sich die Augen; die kleinen Fäuste geballt drückt sie und ächzt, unüberhörbares, alles ergreifendes Schauspiel – die gescholtene Tochter, oder was sie auch sein mag, richtet sich dafür sogar auf, sie schlingt die Arme um die Knie, sie öffnet ihren Mund ein wenig, zeigt die Zähne; könnte er diese Frau lieben? Immer wieder fragt sich Kristian, was eigentlich, außer Unmengen gemeinsam verbrachter Zeit, für ihn und Irene spricht, für das Verschleppen der ansteckenden Krankheit Liebe, die ja durch alles übertragen werden kann, auch durch die Blicke dieser unfrisierten, ungeschminkten, fast etwas derben und doch weichen Person, die auf einmal wieder ihre Luftküßchen gibt, die blassen, großen Lippen spitzt – was man am anderen liebt, ist doch, im Grunde, nur die kleine physische Besonderheit, eine geglückte Anomalie, diese etwas schattenhaft, etwas nächtlich, ja krank erscheinenden, wie von zuviel Verlangen geschwächten Lippen; alles übrige: Legende.

Kristian lächelt. In irgendeiner Form will er sich für die Luftküßchen dankbar zeigen, auch wenn Iffy durch diese Küßchen nicht ruhiger wird. Sie hat die Windeln voll, ihm bleibt nur zu tun, was getan werden muß.

Vom Pool führt ein Weg hinter hohe Oleanderbüsche, die Italienerinnen kommen von dort mit gefönten Haaren zurück, dort müssen die Duschen sein;

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barfuß geht er auf den heißen Platten, die Kleine im Arm und in der Hand einen Beutel mit den nötigen Dingen, Johnson’s Babypuder und Penatencreme sowie die fruchtbaren, unentbehrlichen Pampers, ein Wort, das er noch nie in den Mund nahm; Iffy schreit jetzt, und er rennt. Hinter den Büschen liegt, unter Weinlaub, eine Art Badezimmer im Freien, so verschwenderisch wie das ganze Hotel: drei Waschbecken mit breiten Spiegeln, seitlich davon Duschkabinen und Toiletten.

Er legt Iffy auf die Ablage zwischen den Becken, er zögert wieder einmal, ihr die Windeln auszuziehen, zu sehen und zu berühren, was ihn nichts angeht. Wenigstens schreit sie nicht mehr, sie guckt ihm, abwartend, in die Augen, bereit zu lachen oder zu weinen, und er streicht ihr übers Gesicht, das schon ein bißchen gebräunt ist, gebräunter als seins, gebräunter auch als das von Irene, wie wenn sich hinter ihrer beider Rücken in diesem Kind, in der Sekunde seiner Zeugung etwas zusammengebraut hätte, vor dem sie, früher oder später, verblaßten, ein Gedanke, der ihn sofort in den Spiegel schauen läßt. Kristian staunt einen Moment über die eigenen, staunenden Augen, bis er sieht, was er, außer sich selber, noch sieht: Schräg hinter sich die Geliebte oder Frau oder Tochter, um ihre Kellnerinnenhüften ein weißes Badetuch; sie sagt etwas, das wie Pinocchio klingt, und ist auch schon bei ihm, ruckartig verbirgt er das dünn gewordene Bein.

Buon giorno wäre das einzige, was er erwidern könnte, danach bliebe nur noch ein Grazie oder die Flucht. So tief er kann, beugt er sich über Iffy, dem zu entgehen, und da geschieht, was er nie erwartet hätte: Die Italienerin spricht ihn auf deutsch an. Kann ich helfen, fragt sie, und er hält sich an Iffy wie an einer Boje; nicht einmal sein Buon giorno kann er jetzt mehr anbringen, nein sagen müßte er, nein, danke, Signora, aber wie klingt das – Kristian richtet sich auf, er öffnet die Windel, alles ist vollgeschmiert, lavare, sagt er und wundert sich, wie dieses Wort in seinen Kopf kam, vielleicht ein Rest vom Lateinunterricht, vor dreißig Jahren.

Die Geliebte oder Tochter dreht das Wasser auf und hält eine Hand mir kurzen, farblos lackierten Nägeln unter den Strahl, während sie mit der anderen, über das Becken gebeugt wie er, die Temperatur einstellt; das Haar fällt ihr über die Schultern, ein dunkler Vorhang mit Spalten, dahinter etwas Helles, schwankend, ihr Busen. Bene sagt sie und stützt Iffys Kopf, so, wie es sein sollte, ihr Blick fordert ihn auf, die Kleine unter den Strahl zu halten; zum erstenmal sieht sie ihn an. Ihre Augen sind grünbraun und leicht gerötet, kann sein vom Weinen oder von Schlaflosigkeit und dem Rauch ihres Gönners. Zwei schöne Wunden, denkt er und hofft auf eine befreiendes Wort, aber sie schaut nur und schweigt, wie die Kleine, offenbar war das ihr ganzes Deutsch, Kann ich helfen, sonst sagte sie jetzt, was gesagt werden müßte – Sie waschen und ich halte, wenigstens auf italienisch könnte sie das sagen, doch sie kommt ihm mit nichts, nicht einmal mit einem alora entgegen, schaut ihn nur an, bis er den Blick senkt, auf ihre halbbedeckten Brüste sieht, die er im Inneren gleich vervollständigt, um von den Brüsten auf ihr Begehren zu schließen, was so idiotisch ist, als schlösse sie von seinen Zehen auf den Verstand, Kristian weiß das, nur das hilft nichts, und darum konzentriert er sich auf Iffy, beginnt mit der linken Hand, die Kleine zu waschen.

Die Geliebte oder Tochter stützt Iffys Kopf, während seine rechte Hand etwas tiefer liegt, in Iffys Rücken, jedoch nicht tief genug, sein Daumen berührt den anderen Daumen, wie früher, vor langer Zeit, fühlt sich das an (jede wahre Berührung, sagt Irene, habe schon einmal stattgefunden, und sicher hat sie recht, wie immer). Kristian hütet sich vor dem geringsten Zucken dieser Hand in Iffys Rücken, wie von einer Waffe bedroht, steht er und hört seinen Atem. E, andere Seite, subito, ruft die Italienerin, plötzlich wieder halb auf deutsch, und sie drehen Iffy unter dem lauwarmen Strahl, hinter dem Haarvorhang schwanken die Brüste, hüpfen wäre zuviel gesagt, ein Hin und Herr und Auf und Ab, das er mit halbem Auge verfolgt. Sie strahlen keine Ruhe aus, diese weder großen noch kleinen Brüste, nicht die Ruhe, wie man sie von Brüsten einer Frau in ihrem Alter – Ende Zwanzig, Anfang Dreißig, wer weiß das schon – erwarten kann, sondern Unruhe, Auflehnung, Arroganz, etwas ihre natürliche Aufgabe zu leugnen Bereites, das ihm angst macht; er kann jetzt kaum noch die Hände bewegen, als sei das ganze Waschen von Iffy ein Trick, den sie beide durchschauen, ein Trick, der es ihnen erlaubt, vor diesem Becken nebeneinanderzustehen, Flanke an Flanke, sie in ihrem witwenhaft schwarzen Badeanzug, er nur in hellgrünen Shorts, besserer Wäsche, die seine Erregung in keinster Weise einzudämmen vermag.

Ich denke, das reicht, sagt er leise, it’s okay I think, und die Geliebte oder Tochter löst das Tuch von ihren Hüften. Sie wickelt Iffy darin ein, der trägerlose Anzug gerät in Bewegung, bis unter ihre Warzen, braun und rund wie Schokoladentaler, rutscht er, während sie Piccolina ruft, immer wieder Piccolina; und dann Worte, die Kristian nicht kennt, wobei sie ihn anschaut, als sei damit gar nicht Iffy gemeint: als meine sie ihn oder etwas in ihm, das allen Frauen bisher entgangen ist, besonders Irene, ja, das ihm selbst völlig neu wäre, wenn es denn zuträfe, und er sagt vorsorglich Grazie, grazie Signora, und breitet die frische Windel neben einem der Waschbecken aus.

Emilia – wenigstens im Kopf spricht er jetzt diesen Namen aus, wie er im Gymnasium, fünfzehnjährig, unzählige Male die Premiere von Kristian, der Sabine sagt, in sich geprobt hat, bis er es wagte, Sabine mit Sabine anzureden -, Emilia also legt Iffy in die frische Windel und spielt dann in der Luft Klavier, anscheinend weiß sie nicht, wie man so eine Windel fachgerecht schließt, kleiner Offenbarungseid, dem sich entnehmen ließe, daß sie nichts als Geliebte ist, eine dieser traurigen Schönen aus den Gesellschaftsspalten, gebunden an den Pakt, sich  alles erlauben zu können, nur keinen dicken Bauch.

Und schon greift er, während Iffy mit den Beinen zappelt, zu den Klebverschlüssen, da kommen ihm die Hände der Italienerin, wetteifernd, zuvor, seine Fingen und ihre Finger verhaken sich unter den Laschen, Scusi, sagt er, und sie sagt Pardon, sachte zieht er die Hände zurück, und ebenso sachte schließt sie die Windel, jetzt so über Iffy gebeugt, daß er die großen, ungenutzten Brüste vollständig sieht, als sei dieser Anblick – verrückter Gedanke – die Gegenleistung für das Wickelndürfen.

Er weiß es nicht, er weiß nur, daß er jetzt nicht von der Stelle kann, sich lösen von der Waschtischkante, auf keinen Fall in seinem Zustand, auf keinen Fall mit diesen Shorts. Wie festgenagelt steht er da und verfolgt die fremden Hände, die Iffys Köpfchen stützen und streicheln, die kleine Zunge hervorlocken und über Bauch und Beine wandern, den Umfang der Schenkel erfühlen und das Zierliche der Füße, während ihre Brüste, fast einsam, schaukeln und schaukeln – seltsam, woran ihn das denken läßt: nicht an eine an-

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dere Frau, an eine Taxifahrt vor einem Jahr, vielleicht auch zwei. In dem Wagen lief eine Kassette, lauter Lieder zum Geburtstag, teils mit Mickymaus-Stimmen, der Fahrer wiegte den Kopf dazu, bis er von hinten schließlich fragte, Haben Sie Geburtstag?, und der Fahrer über die Schulter rief, Sechzigsten, und er sich dieses Unglück vorstellte, am Sechzigsten so verlassen zu sein, und vorzeitig ausstieg.

Kristian kann nicht mehr hinsehen, er sieht zu Boden, auf seine Zehen mit den schon etwas gelblichen Nägeln, bis Iffy plötzlich wieder weint, weinend die Augen aufreißt, aber nicht ihn starrt sie an und auch nicht Emilia, schräg an ihm vorbei geht Iffys Blick, und wie der alte Taxifahrer schaut er über die Schulter.

Da steht, noch naß vom Schwimmen, der Blinde, ein athletischer Greis mit dunkler Brille, bei sich die Gesellschafterin oder Schwester, Kamm und Badetuch auf dem Arm. Und während die Geliebte oder Tochter Iffy an sich nimmt, sagt der Blinde etwas in Richtung der Schwester, worauf sie ihn wieder hinausführt, als wolle er ungestört sein, wenn man ihn kämmt. Leicht, ja federnd für sein Alter, seine Blindheit, geht er davon – nichts scheint den Vormarsch des Sports aufzuhalten -; Kristian schaut ihm nach, bis sich sein Körper soweit beruhigt hat, daß er sich vom Waschtisch lösen kann, der Italienerin das Kind abzunehmen, aber so ohne weiteres trennt sie sich nicht davon. Sie läßt ihn nur die Hände unter Iffys Rücken schieben und behält die eigenen Hände unter Beinchen und Kopf – längst wäre ein Wort fällig, egal in welcher Sprache, doch die Geliebte oder Tochter schweigt, sie hält das aus, wie die meisten Frauen es aushalten, nichts zu sagen, wenn sich ihr Körper, ihr Leben unerwartet mit dem eines anderen vermengt.

Sie steht einfach da, ihm gegenüber, wie sie auch unter ihm oder auf ihm liegen könnte, und hebt die Kleine jetzt noch höher, bis Kristian in den Fingerspitzen ein Gewicht spürt, das ihrer Brüste.

Von da an nur noch Atmen, sein Atmen, ihr Atmen, ein feines Strömen durch die Nasenlöcher; er wagt es nicht einmal, die Finger zu krümmen, dem auszuweichen, was sie ihm, offenbar, anbietet, ihren Busen, den sie nicht entblößen durfte. Die Kuppe seines kleinen Fingers berührt sogar ihre Brustwarze, dieses biegsame Köpfchen; und nirgendwo anders als in dieser Berührung, Kuppe an Köpfchen – von ihm, dem Linkshänder aus, links (der rechts ein Depp sei, wie Irene sagt, eine Null) -, ist er, Kristian, jetzt der, der sich entschieden hat für diese Berührung, der sie erlebt. Nur der Körper kann verläßlich Ich sagen, und das hat er nicht von Irene, das hat er schon vor ihr gewußt. Das feine Strömen aus den Nasenlöchern nun etwas schneller, und da versucht er, auch den anderen kleinen Finger an das andere biegsame Köpfchen zu legen und übernimmt sich: Wie in der Panik, in ein Verbrechen gezogen zu werden, will er Iffy bloß noch an sich reißen, das Ganze beenden, da fängt die Geliebte oder Tochter an zu reden – Come si chiamo?, fragt sie, viel zu spät, wenn’s ihr nur um das Kind ginge, und er sagt, Iffy heißt sie. Aber eigentlich Stephanie.

Iffy – einmal, zweimal, dreimal wiederholt die Italienerin den Namen, wobei sich ihre Brüste – wie genau er das fühlen kann – heben und senken, ehe sie Quanti mesi fragt, auch viel zu spät nach seiner Erfahrung mit diesem Land. Sette, antwortet er und schafft es, sie anzuschauen. Sie hat mehr grüne als braune Augen, dazu eine solide Nase, und diesen großen, blassen Mund, mit Fältchen auf den Lippen – winzigen, von vielen alleinverbrachten Wochenenden herrührenden Narben; sie ist so schön, daß er drauflosredet, wie Ertrinkende um sich schlagen.

Wir sind mehr aus Versehen in dem Hotel, sagt er und bemerkt dieses Wir gar nicht, wir hatten ursprünglich ein anderes gebucht, bei Ravenna, aber dieses andere Hotel erwies sich dann als ganz anders, im Prospekt waren falsche Fotos, und so fuhren wir eben hierher – weil das „Grand Hotel Miramare“ demselben Buchungsservice angehört, fügt er hinzu, doch das scheint sie nicht zu verstehen, sofern sie überhaupt etwas verstanden hat, denn sie nickt nur und wechselt ins Englische, My name is Emilia, und schneller als Kristian denken kann, ruft Kristian: I know.

Danach sekundenlang Schweigen, beider Blicke gehen zu Iffy; wäre ihr kleiner Körper nicht, wäre nichts zwischen ihnen, sie hätten sich nicht einmal gegrüßt. Lachend, weinend, pinkeln heben Iffy die Gesetze des Gastlandes auf, Kristian klammert sich jetzt förmlich an sie, nur, wie geht es weiter; er hatte es noch nie mit einer Frau zu tun, die nicht seine Sprache spricht, nicht so denkt wie er, oder doch weiß, wie er denkt und darauf Rücksicht nimmt, oder jedenfalls in der Lage ist, darauf Rücksicht zu nehmen oder wenigstens so zu tun, als sei sie dazu in der Lage, also auf eine ihm bekannte Weise an sich selbst denken kann, eben das Bodenlose einer städtischen deutschen Intelligenz versteht und anzuwenden vermag; wer von Europa spricht, müßte nur ein einziges Mal in so einer Lage sein, er hielte für immer den Mund. Die Tochter oder Geliebte läßt ihr Haar auf Iffys Bauch fallen, und er schafft es wieder, etwas zu sagen.

Io Kristian, sagt er, als seien sie sich auf einer einsamen Insel begegnet, doch unter Umständen ist dieses Hotel ja eine einsame Insel, auf die sie ihr telefonierender Herr verbannt hat. Ob das vorhin ihr Mann gewesen sei, fragt er mutig geworden, und da kommt es heraus: Non parlo tedesco, außer ein paar Worten könne sie nichts, und er wiederholt seine Frage auf englisch. Yes, sagt sie und verbessert sich heftig, ruft No, not my husband, und schüttelt, die Augen schließend, den Kopf, worauf ihre Brüste wieder an seinen Fingern entlangschaukeln und er die Finger öffnet und zwei Schalen bildet, während das Kind, die Kleine, Iffy, fast schwebend über diesem Schaukeln und Tasten, ihn ansieht.

Kristian schließt jetzt auch die Augen, obwohl das riskant ist, sich allein auf die Ohren zu verlassen, ob da vielleicht jemand kommt, aber die Augen nicht zu schließen, wäre womöglich riskanter: Er riskierte, daß Emilia, würde sie ihre vorzeitig öffnen, ihn sozusagen auf frischer Tat ertappte, als seien es gar nicht seine Hände, sondern die Augen, die ihre warmen Brüste betasteten, Zentimeter um Zentimeter, wie vor einer Ewigkeit bei Sabine, auf einem Bootssteg im Dezember, zitternd vor Kälte und Nervosität; fünfzig mußte er werden, um das noch einmal zu erleben, dieses Zittern in den Beinen, während die Hände einer unausgesprochenen Einladung folgen. Und wie damals rechnet er in jedem Moment damit, daß der gesetzlose Zustand endet, sie ihn schlägt oder den schwarzgelockten Badewart ruft, der ihr beistünde wie ein Bruder.

Doch er hört nur ihren Atem durch die Nase strömen, mal langsamer, mal schneller, ja dann sogar stoßweise, als müsse die Luft – erotischster Moment, seit sie hier stehen – über winzige Hindernisse, und da nimmt er ihre Brüste voll und ganz in die Hände, so voll und

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ganz, wie er noch nie zwei Brüste in seine aufgeklärten Hände genommen hat, in die linke und die rechte, und hält sie, bis eine einzige Geschichte daraus wird, die Geschichte, die jede Frau einem Mann, früher oder später, erzählt, oder jeder Mann einer Frau, früher oder später, entlockt, doch nun begnügt er sich nicht mehr mit dem Erzähltbekommen oder Entlockthaben, sondern hört dieser Geschichte zu; erst als die Spannung unerträglich wird, öffnet er die Augen, wie einer, der getaucht hat und nach Luft und Licht schnappt, und sieht in ihre Augen.

Bella Italia, sagt er vor Schrecken.
Bella Alemagna, erwidert sie. Con oriente.
Nostro Sicilia, sagt er und zieht die Hände zurück.
Sie lacht, und er nutzt das, die Kleine an sich zu nehmen. Die Geliebte oder Tochter – immer noch offene Frage – sieht jetzt an ihm vorbei; unbegreiflich langsam streift sie ihren Badeanzug wieder nach oben, unbegreiflich ruhig schaut sie ihm in die Augen, und er möchte sie an sich pressen, so wie er Iffy an sich preßt, preßt, bis sie schreit – Besser, ich bringe sie hinauf, sagt er auf deutsch, und die Italienerin, Emilia, versteht ihn entweder genau oder vollkommen falsch, sonst murmelte sie nicht eine Zahl, das heißt, eine Nummer, vierhunderteins, die Nummer ihres Zimmers, denkt er, Quarto piano, also ganz oben, wo die teuren Suiten sind. Aber Iffys Milch, sagt Kristian, latte die mama, doch da hat er sich verschätzt, in ihrem Blick für Brüste, die Milch spenden. We call roomservice, erwidert sie.
No problema.

Aber – irgendwann wußte er, was das heißt, ein kurzes Wort, eine Silbe, wenn er sich recht erinnert, ma, doch dann traut er sich nicht, das einfach auszusprechen, wie eine Hälfte von Mama klingt das womöglich, wie eine Anspielung -; Aber, erwidert er also, but, und macht eine viel zu lange Pause, schon hat sich Emilia – endlich kann er den Namen in Gedanken bewältigen – umgedreht, gesagt, Up to you, und schickt sich an, den Waschraum zu verlassen, wobei sie ihr Haar im Nacken zusammenrafft, was gar nicht nötig wäre, was nur die Schönheit ihres Nackens zeigt und die Pölsterchen an den Hüften leicht streckt und natürlich ihren Po, den schon die Absätze anheben, noch kugeliger, noch unwiderstehlicher macht, so unwiderstehlich, daß Kristian Perchè no? ruft und Emilia lachen muß; ungeheuer lustig scheint seine Aussprache zu sein, die Italienerin kann sich kaum beruhigen, immer noch abgewendet, steht sie kopfschüttelnd da, in einer Weise, die ganz offen läßt, was sie nun meint; meint sie, er solle ihr folgen, meint sie, das Spiel sei damit beendet?

Er wird nicht klug aus ihr, wie er überhaupt aus lachenden Frauen nicht klug wird; angst hat ihm das schon immer gemacht, wenn Frauen so lachten, das Wort herzhaft zutraf, die ganze Tragödie des Sprechens. Erst als Iffy mit einemmal schreit, holt die Geliebte oder Tochter Luft und sagt, E stanco.

Kristian versteht das nicht, meint sie, daß Iffy ein Häufchen gemacht hat, lacht sie deshalb schon wieder; er riecht an der Windel, Emilia kommt erneut auf ihn zu; She is tired, ruft sie, fast singend, und streicht über Iffys wattiges Haar, bis ihre Hand an seinen Arm stößt, er plötzlich fragen kann, ob das vorhin ihr Vater gewesen sei.

No, ruft sie, no, my god, no, als gäbe es keine schlimmere Vorstellung, und kneift sogar die Augen zu, während die Brüste noch vom Lachen beben, so herausfordernd, daß er ein Kompliment wagt, als sie die Augen wieder öffnet: Hollywoodlike, sagt er, und sie schaut an sich herunter. Really?

Yes, si, naturalmente, Kristian macht ihren Singsang nach, corpore, - das müßte Körper heißten, denkt er -, corpore anima italiana. Sie kneift ihn in den Arm und beugt den Kopf: Er hat ins Schwarze getroffen, jetzt kann er weitergehen – vorsichtig schiebt er ihr einen Finger ins Haar und sagt, wie ein Kaspar Hauser, capelli.

Emilia lacht, nun aber stumm, wieder das Strömen aus der Nase, wieder die winzigen Hindernisse, dieser Galopp ihres Atems; und dann packt sie seinen Finger, damit hat er nicht gerechnet. Finger, sagt sie, wie er Haar gesagt hat, nur daß sie noch weitergeht, ihr Hand nicht zurückzieht, sondern den Finger darin prüft, ob er auch hält, was das Wort, wie sie’s in den Mund nahm, versprach. Kristian muß niesen, immer passiert ihm das vor der Liebe, und sie schließt seinen Finger noch fester in ihre Faust, Spaß ist das nicht mehr, irgend etwas sollte er dazu sagen, doch selbst auf deutsch fiele ihm nichts Vernünftiges ein, und so versucht er, wenigstens auf italienisch zu schweigen, ihr in die Augen zu schauen, den Finger dabei leicht zu drehen, worauf sie ihn geradezu fallenläßt. Oh, oh, hört er sie sagen, vielleicht auch No, no, während sie zwei, ja drei Schritte zurückmacht, sich an eins der Waschbecken lehnt, die Beine kreuzt, diese etwas überfütterten, aus dem schwarzen Anzug drängenden Schenkel, für die er von einer Sekunde zur anderen ein Wort hat: barbarisch. Alles, was seinen, durch den Krankenhausaufenthalt verkümmerten Schenkeln fehlt, ja was ihm, in Irenes Augen, überhaupt fehlt, weshalb sie ihn aber, andererseits, nicht zu verlassen scheint, als liebte sie, letzten Endes, diese Ursache aller von ihr gehaßten Symptome. Wie Notgepäck hält Kristian jetzt die Kleine im Arm und kann nicht anders, als auf die Narbe zu deuten. Er sei nur hier, um wieder kräftig zu werden. To get my body back, you know.

Emilia legt den Kopf etwas schräg, als sei die Narbe eine Inschrift, die sie lesen müßte. Incidente?

Ein Schuß, sagt er, ein Schuß, und übernimmt dann, während sein Herz, er weiß nicht, wieso, bis zum Hals klopft, ihre Version, sagt, Si, incidente, und Emilia, die Geliebte, nun steht es fest, wendet sich um und wäscht ihre Hände, völlig grundlos für sein Gefühl, bis er Schritte hört, Schritte, die sie vor ihm gehört haben muß, und sich Iffy wie eine Maske vor das Gesicht hält, über ihre kleine Schulter späht. Der prahlerische Blinde und seine Begleitung kommen wieder, die Frau flüstert ihm etwas zu, der Blinde hebt den Kopf, kraftvoll und ohne Augenlicht steht er da und strafft sich noch, als Emilia an ihm vorbeiläuft, eine Hand auf dem Rücken, als wollte sie ein Zeichen geben.

Kristian kann sie einholen, ehe der Weg sich gabelt, von der einen und der anderen Seite um das Becken führt, er muß nach links, sie muß nach rechts, alles andere wäre widersinnig, und er überlegt noch, wie er ihr das rasch zu verstehen geben könnte, da geht ihr Blick schon über sein Haar. Vernunft, sagt sie, ragione, reason, und kehrt, nachdem sie zwei Oleanderblätter gepflückt hat, still und beständig lockend, an ihren Platz zurück, legt sich dort wieder hin und schält die Brüste aus dem schwarzen Anzug.

Sorgfältig cremt sie die Köpfchen noch einmal ein, bevor sie die Augen schließt und mit den zwei Blättern bedeckt, während er Iffy umklammert; nichts anderes vermag er mehr, als so zu klammern und, hinter einer italienischen Sonnenbrille, ohne die einzig mögliche Rechtfertigung: der Illusion, hinüberzuschauen.


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Digitale Präsentation mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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