Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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P u b l i k a t i o n e n

Mexiko. Ein literarisches Porträt




Unterwegs


in Mexiko. Ein literarisches Porträt
Insel Verlag
Frankfurt am Main und Leipzig 1997
S. 255/258
ISBN 3-458-33685-0

Leseprobe

Es fuhr tatsächlich ein Nachtbus. Ich saß am Fenster, eine Schläfe an der Scheibe, um die Schwingungen des Glases zu spüren. Draußen verschloß sich der Himmel. Es ging durch eine dürre, flache Gegend. Weit im Hintergrund lag ein Höhenzug vor dem schwindenden Licht. Die Busfahrt, hatte es geheißen, dauere achtzehn Stunden. Von mir aus hätte sie auch zwanzig Stunden dauern können. Es war ein schöner Gedanke: achtzehn Stunden lang vorwärts zu kommen. Ich döste nur, und manchmal schrieb ich mir ein Stichwort auf; so kam ich auch da noch voran. Tief in der Nacht, in Guaymas, wechselte der Fahrer. Ich bedauerte das etwas, ich hatte mich an seinen Hinterkopf gewöhnt. Es ging dann kurz am Meer entlang, und auf einmal war ich glücklich. Später döste ich wieder, fast an der Schulter des Nachbarn, der schlief; ab und zu berührte ich ihn, wie aus Versehen.
Als es tagte, fuhr der bus durch den Regenwald. Die Sonne stieg recht schnell. Meine Augenlider brannten, mir dörrte der Mund aus. In der kurzen Frühstückspause löschte ich nur meinen Durst. An der Haltestelle gab es Tausende von Fliegen. Daß ja niemand mehr wußte, wo ich war, fiel mir ein. Es war, als sei ich aus der Welt; die Hitze, die immer drückender wurde, empfand ich als mein Verdienst. Am späten Vormittag erreichte der Bus Acatlán; ich hatte keine Blick für die Stadt. Der Busbahnhof schien im Zentrum zu liegen. Ich stieg gleich in eine Taxi um und ließ mich zum Hotel fahren. Das Splendid Meyer war ein mehrstöckiger Bau mit Portal, über dem Vordach prangte der Name. Es war ein heruntergewirtschaftetes Haus, das sah man. Ich mietete ein Zimmer und erfrischte mich. Das Zimmer war geräumig, jedoch ohne Brause; es war das einzige freie gewesen. Oberhalb des Doppelbettes hing ein Ventilator von der Decke. Es war ein neues Gerät mit einem ansprechenden Kunststoffgehäuse, und ich war eigentlich froh, daß es kaum Ähnlichkeit hatte mit den Ventilatoren, die man in alten Filmen oft sieht; ich in diesem Zimmer, das war kein schiefes Bild. Die Fenster lagen zur Straße, auf der anderen Seite war das bewußte Café. Die Tische standen halb auf de Gehsteig, halb unter Arkaden. Auf jede der Säulen war ein Buchstabe gemalt - Café Real. Kurz nach zwei setzte ich mich an einen der sonnenbeschienenen Tische und schaute auf das Hinundher der Passanten.


Aus: Mexikanische Novelle. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 1984, S. 33-34.

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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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