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P u b l i k a t i o n e n

Unaufhaltsame Entzweiung




Unaufhaltsame Entzweiung

Ein Lesebuch

Herausgegeben und mit einem Vorwort
versehen zusammen mit Ulrike Bauer
1. Auflage 1993
Suhrkamp Verlag
Frankfurt am Main 1993
279 Seiten
ISBN 3-518-38452-X

Leseprobe

Vorwort

Ist das allmähliche Brüchigwerden, das schleichende Scheitern, ist der Zerfall einer Liebe so zwangsläufig wie das Altern, wie der Tod? - Der Titel Unaufhaltsame Entzweiung für den vorletzten Band [Der letzte Band: Stunden der Einsamkeit wird offenbar nicht mehr im Suhrkamp Verlag erscheinen, Anm. d. Red.] unserer Sammlung Der lange Augenblick der Liebe könnte dies nahelegen. Doch schon ein kurzer Blick auf die Liste der Autorinnen und Autoren zeigt, daß es hier nicht darum ging, Belege für ein der Liebe innewohnendes Selbstzerstörungsprogramm in einem Buch zu vereinen und dadurch den Titel zum Programm zu erheben. »Unaufhaltsame Entzweiung« ist keine These, die wir verifizieren wollten, sondern Ausdruck von Erfahrungen, die jeder schon auf seine Weise gemacht hat, die für den einen böse endeten und für den anderen gut. Die ausgewählten Texte belegen eher diese Vielfalt als einen bestimmten Gang der Dinge. Der Ausgangsgedanke war: Keine Liebe muß zwangsläufig versiegen, aber jede Liebe, die versiegt, wurde schon lange vorher von einer Auszehrung befallen, der auch mit gutem Willen nicht beizukommen ist, die sich, zunächst unbemerkt, zwischen den beiden Liebenden einschleicht und sich dann, wenn sie bemerkt wird, ja, vielleicht gerade weil sie bemerkt wird und sich die Liebenden auf die verschiedenste Art gegen sie wehren, erst recht ausbreitet.

Nach den Geschichten und Romanausschnitten über Verliebtheit und Leidenschaft und über die Zeiten der Beständigkeit jetzt also Beispiele für das Auseinandergehen, das keiner der Liebenden mehr abwenden kann. Geschichten über das Ende, welches beide, teils gewollt, teils ungewollt, betreiben, das sich sowohl hinterrücks wie auch sehenden Auges vollzieht - eine Entzweiung, die sowohl tragisch ist wie auch komisch, sowohl lähmend wie erlösend, sowohl richtig wie falsch, in jedem Fall aber: menschlich.

In allen ausgewählten Geschichten steht einer dieser Aspekte im Vordergrund, doch nie geht es um ihn allein; gerade beim Thema Entzweiung/Trennung zeigt sich die ganze Zwiespältigkeit des Einzelnen, unabhängig von seinem Alter und seiner Lebenserfahrung, sowenig, wie wir souverän lieben, trennen wir uns auch souverän. Alle Trennungen und damit alle Trennungsgeschichten sind Beispiel für Ohnmacht und Hilflosigkeit, wobei es große Abstufungen gibt; Abstufungen, die sich in der Reihenfolge der Geschichten niederschlagen. Neben der Abwechslung im Hinblikc auf Ton, Tempo und Umstände zählt für uns die menschliche Logik im Gang des Sich-Auseinanderlebens: Der Bogen spannt sich von einem kaum faßbaren Gefühl der Entfremdung über den Ehebruch bis hin zur vollzogenen Scheidung mit all ihren Kleinlichkeiten.

Für die Anfänge von Entzweiung steht der Ausschnitt aus dem Roman von Ivan Bunin »Mitjas Liebe« - schon während des Verliebtseins zeigt sich der erste Anfang von Mißtrauen; und von einem tiefen unübersehbaren Einschnitt in eine Beziehung erzählt zum Beispiel Brigitte Kronauer im Roman »Berittener Bogenschütze«: ein Mann sieht eine Frau neben einem anderen in einem Lokal, so entrückt für ihn und so zugewandt dem anderen. Von dem traurien Nachspiel der Entzweiung handelt dagegen Renate Rubinsteins kurze Erzählung »Das Büchergestell« - wie entwirrt man einen über Jahre entstandenen Knoten aus Besitz? Es gibt aber auch Geschichten von Paaren, die ihre Beziehung Tag für Tag zerstören, ohne sie je aufzulösen, bei denen die Entzweiung das Wesen ihrer Verbindung ist, wie man bei Wang Anyi lesen kann oder in Dalton Trevisans Erzählung »Bei lebendigem Leibe geschunden«. Den Übergang von der Trennung zur Einsamkeit finden wir schließlich in Marlen Haushofers dunkler Erzählung »I'll bei glad when your're dead«. Diese Beispiele klingen alle sehr düster, aber es schwingt in dem Band noch etwas anderes mit - etwa das Groteske einer Trennung bei Luigi Malerba; oder das Surreale in der Erzählung von Federigo Tozzi.

Unaufhaltsame Entzweiung enthält Geschichten über Wunden, die sich nicht mehr schließen, und Vernarbungen, vor denen keiner mehr die Augen schließen kann; über finale Schnitte, die, obgleich absehbar, doch wie ein plötzlicher Todesfall den Verlassenen treffen; über die Lähmung vor und nach dem Schock des Endes und über die Gefühle der Erleichterung, ja Erlösung, wenn auf einmal das Schlimmste geschehen ist.

Ulrike Bauer/Bodo Kirchhoff


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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Suhrkamp Verlages sowie des Autors

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