Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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P u b l i k a t i o n e n

Ein Sommer wie im Märchen




Tschakwau


in Ein Sommer wie im Märchen
Insel Verlag
Frankfurt am Main 1995
S. 240-247
ISBN 3-458-33428-9

Leseprobe

Seit kurzem war ich wieder in Bangkok und lebte für mich. Die Regenzeit war vorüber, die heiße Sonne trocknete die Stadt; längs des Flusses stand noch viel unter Wasser. Ich saß fast jeden Tag an der Landungsstelle und schaute Kindern zu, die einen Fährdienst betrieben. Sie brachten die etwas Wohlhabenderen, die ihre Schuhe und langen Hosen schützen wollten, bis zur nächsten trockenen Straße. Die Kinder schoben und schleppten die Leute in selbstgezimmerten Kähnen durch das glitzernd braune, knietiefe Wasser. Die meisten dieser Kähne waren nicht größer als eine Badewanne. Es gab sogar ein paar schnittige Modelle darunter.
Mehrmals täglich ließ ich mich übersetzen. So eine Tour von gut hundert Metern kostete umgerechnet dreißig Pfennig. Und weil ich ein häufiger Kunde war, freundete ich mich mit den Kindern vom Ta-Chang-Pier, der zum Großen Palast führte, wie von selbst an. Am vertrautesten wurde mir Puan, ein dreizehnjähriger Junge. Er erzählte, daß seine Gruppe von fünf Kindern am Tag bis zu vierhundert Baht verdiene, knapp vierzig Mark, was über einhundertfünfzig Fahrten erfordere. Abends bekomme das Geld dann ihr Chief, der für sechs Familien die Verantwortung trage; sie lebten alle vom Hochwasser. Puan wurde mein Dolmetscher, und ich erfuhr noch manches über das Viertel. Als das Wasser immer mehr zurückging, wurde es ruhiger am Fluß, und ich verlor die Lust, dort zu sitzen. Ich ging nicht mehr hin, ich blieb im Hotel, um zu schreiben. In der Bangkok-Post las ich ein paar Tage später, die Flut sei jetzt endlich besiegt: die Bewohner längs des Chao Phya hätten wieder festen Boden unter den Füßen.
Puan hatte mir auch erzählt, daß viele aus dem Viertel rauschgiftsüchtig seien. Und da die Kinder oft als Überbringer eingesetzt würden, säßen auch Kinder im Gefängnis, die jüngsten seien sieben. Das brachte mich auf den Gedanken, über die gefangenen Kinder eine kleine Reportage zu machen. Ich wandte mich an unsere Botschaft und fragte den Rechtsreferenten, ob es möglich sei, in ein thailändisches Gefängnis zu gehen. Der Rechtsreferent machte eine Aktennotiz und verneinte. Es sei nicht möglich für mich. Aber er besuche regelmäßig die Gefängnisse der Hauptstadt, um seine Leute zu sehen. Ich fragte, welche Leute. Und weshalb sie in den Gefängnissen seien und wie lange, und er antwortete: "Es sind junge Deutsche. Ein paar davon haben dreißig Jahre und mehr abzusitzen. Wegen dreißig Gramm Rauschgift. Jeder hat fünfundvierzig Zentimeter Raum, um zu schlafen. Mit den Jahren rückt man auf und bekommt einen Platz an der Wand; diese Laufbahn fängt neben der Pißrinne an." Er holte Luft, um fortzufahren, aber ich bedankte mich höflich und ging. Ich gab es auf, über etwas von öffentlichem Interesse schreiben zu wollen.
(...)


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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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