Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


    home  news   werke   biographie   gespräche   sekundärliteratur   newsletter   gästebuch   dank  




[ zurück ]




G e s p r ä c h e
Anita Strecker: "Frankfurt gibt einem die Illusion, nicht älter zu werden"

"Frankfurt gibt einem die Illusion, nicht älter zu werden"
Der Autor Bodo Kirchhoff über sein gebrochenes Verhältnis zu seinem Wohnort in Hessen, seine Wahlheimaten und seine Idealstadt Lissabon

Frankfurter Rundschau: Herr Kirchhoff, wo ist denn Ihre Heimat?

Bodo Kirchhoff: Meine Heimat ist natürlich letztlich in der Sprache. Und sie ist in meiner Familie. Wenn Sie nach der klassischen Heimat fragen, dann ist es eine Landschaft im Schwarzwald und auch da verbunden mit dem Allemannischen. Ich bin mit sechs Jahren dort hin gekommen in die Dorfschule, musste blitzartig diesen Dialekt lernen, um mich überhaupt über Wasser zu halten. Habe dann aber in nur vier Jahren - danach kam ich in ein Internat - ein starkes Gefühl von Heimat entwickelt. Und dann gibt es meine Wahlheimat, der Gardasee, wo ich seit Jahren ein Haus habe.

Sie haben eben eine Reihe von Heimaten erwähnt - die sprachliche, landschaftliche, die Wahlheimat. Was ist Heimat?

Heimat ist ein Zusammenklang von Bildern, Tönen und Gerüchen. Tönen im Sinne von Sprache, Gerüche im Sinne von frühen Sachen wie Tinte, wie frisch gemähtes Gras. Heimat ist eine Idee, die sich in der Kindheit einprägt und der man ein Leben lang nachhängt. Für mich würden zur Heimat immer Berge gehören, das ist ein ganz grundlegendes Gefühl.

Ist Heimat ein Synonym fürs Ich?

Nein, das würde ich nicht sagen. Das eigene Ich ist natürlich darin verhaftet. Aber mit dem Ich ist es wesentlich komplizierter. Heimat ist ein völlig asexueller Begriff. Das ist übrigens das Schöne an der Heimat. Sie ist unabhängig vom Geschlecht aber auch vom Geschlechtlichen. Das ist sozusagen die Unschuld, die mit Heimat verknüpft ist. Das ist das Wunderbare. Das Ich wiederum ist in keinster Weise mit Unschuld verknüpft, sondern eine gebrochene Angelegenheit, die stark mit dem eigenen Geschlecht, aber auch stark mit der Geschichte des Geschlechtlichen verbunden ist.

Definiert dann das Ich die Heimat?

Ich glaube eher, dass die Heimat ein Gegengewicht zum gebrochenen Ich ist. Die Heimat ist in ihrer Unschuld ein Hoffnungsschimmer, den das Ich immer wieder braucht. Eine Balance für das Selbst einerseits und der Heimat auf der anderen Seite.

Einige ihrer Romane wie der Schundroman spielen in Frankfurt - schaffen Sie eine künstliche Heimat in ihren Werken?

Frankfurt kommt immer wieder vor, noch mehr der Gardasee und dann aber auch ganz entfernte Länder. Als ich "Infanta" geschrieben habe, war ich fünf Jahre unterwegs, davon fast ein Jahr auf den Phillippinen. Ich habe zu dieser Landschaft und zu dem, worüber ich geschrieben habe, auch ein Gefühl von Heimat entwickelt. Wenn ich heute eine Musik aus dieser Zeit höre, kommen mir Tränen, weil sich das für mich mit ganz starken Lebenserinnerungen verknüpft. Es entstehen kleine Partialheimaten. Mit Frankfurt ist es ähnlich, wobei Frankfurt für mich nie Heimat war, das war immer sehr gebrochen - Hassliebe.

Wie wichtig ist Heimat oder "Partialheimat" als Motiv in der Literatur?

Das ist für mich sehr wichtig, weil ich glaube, dass die Suche den Menschen oder auch mich ganz stark treibt. Meine Bücher werden sich immer damit beschäftigen. Ich habe zum Beispiel noch nie übers Internat am Bodensee geschrieben, wo ich zehn Jahre war. Das ist auch ein Stück Heimat. Ich werde sicher irgendwann etwas schreiben, was diese Zeit aufgreift, auch die Freunde aus dieser Zeit. Freunde sind auch ein Stück Heimat. Hier in Frankfurt besteht meine Heimat aus Freunden und meiner Familie. Das ist ein Menschengeflecht, nicht Landschaft.

Inwieweit prägt der Dichter Heimat oder ein Heimatbild?

Ich präge bestimmt keines, sondern ich werde höchstens durch eines mitbestimmt, das mein Schreiben sanft unterwandert. Ich kann natürlich ein Stück Landschaft oder Vergangenheit beschwören. Das tue ich auch und da können sich Menschen dem anschließen. Aber ich kann kein Heimatbild prägen, dazu ist es zu individuell.

Ihr gebrochenes Verhältnis zu Frankfurt ist viel zitiert. Sie leben seit 1970 hier, haben Freunde, Familie, die ganzen emotionalen Bindungen. Inwieweit können Sie da sagen, "Frankfurt ist nicht meine Heimat"?

Da haben Sie mich am springenden Punkt erwischt. Ich habe in meinem neuen Roman mehrere Seiten über den Schweizer Platz geschrieben, den ich jeden Tag überquere. Das erfüllt mich jedesmal mit Zorn. Gleichzeitig gebe ich zu, würde man mich zwangsevakuieren und ich dürfte nie mehr zurück, würde ich mich vermutlich nach diesem Platz sehnen. Also muss sich hinter meinem Rücken ein Heimatgefühl eingestellt haben. Dennoch sehne ich mich nach einer Stadt, in der man morgens aufwacht, die Arme ausbreitet und glücklich ist, genau hier zu leben. Inklusive eines Fußballvereins, für den man sich zerreißen würde. Das ist in Frankfurt schwer. Dazu kommt, dass sich die Stadt seit ich sie kenne, buchstäblich mehrmals gehäutet hat wie eine Schlange. Wenn Sie an irgendeine Ecke ihr Gefühl hängen, können Sie sicher sein, in zwei Jahren sieht sie völlig anders aus.

Deshalb ist Frankfurt keine Heimat?

Einerseits ja, andererseits ist das auch der Grund, weshalb ich der Stadt treu geblieben bin. Sie gibt einem die Illusion, dass man nicht älter wird, weil sich die Dinge immer wieder so verändern. Vielleicht hofft man auch, dass sich etwas ändert wie man es will. Zum Beispiel bin ich stark daran interessiert, dass endlich mal eine schöne Bar kommt - wie die Paris Bar in Berlin.

Welche Stadt verkörpert denn ihr Idealbild von Heimat?

Ich fahre häufig nach Lissabon, weil ich dort gerne schreibe. Das ist eine wunderbare Stadt - einerseits alt, andererseits hat sie moderne Aspekte, eine schöne Musik, schöne Menschen, und sie hat einen guten Fußballverein. Aber ich mache mir keine Illusion darüber, dass Lissabon meine Heimat sein könnte. Ich gehöre nicht zu den Menschen, die irgendwo hingehen und sagen, da bin ich jetzt zu Hause. Das funktioniert nicht. Ein einziges Mal, 1989, als ich ein Jahr in der Villa Massimo im Rom war, hatte ich das Gefühl, ich könnte Frankfurt den Rücken kehren. Aber dann kamen meine Kinder zur Welt, wurden hier eingeschult und plötzlich habe ich gelernt, diese Stadt durch die Augen meiner Kinder zu sehen, die auf eine schlichte Weise hier zu Hause sind. Dem habe ich mich gebeugt. Fertig.


Anita Strecker
in: Frankfurter Rundschau. 15.01.2005
.



Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autorin und der Frankfurter Rundschau
[ zurück ]











   impressum