Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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P u b l i k a t i o n e n




Stadtführer für Alleinreisende


Neue Zürcher Zeitung, 01.06.1999



Sie erfinden das alles nur schamlos, hatte meine Hauptkommissarin - immerhin hielt sie mich jetzt für einen Betrüger - nach den letzten Seiten erklärt, aber das Erfinden ist ja auch Ihr reizvoller Beruf. Ich lachte (soweit ich das überhaupt kann). Mein reizvoller Beruf? Dieser Beruf ist trostlos. Immer nur Mordmotive, falsche Verdächtige, blinde Spuren, sogenannte Plots. Lauter Unfug. Ich lachte noch immer, und sie stellte das Tonband an, Zeichen dafür, dass ich etwas Wahres sagen könnte. Dann erzählen Sie mal von Ihrem trostlosen Beruf. Ich hörte auf zu lachen. Wissen Sie, was das heisst? Es könnte sein, dass ich mich übergeben muss.
Meine Hauptkommissarin machte eine einladende Geste, und ich warf ihr, als Einstieg, einen Namen an den Kopf, Matzek, verstehen Sie, das ist mein Beruf, dieser einfach nicht älter werdende Frankfurter Privatdetektiv, den muss ich am Leben erhalten, durch zeitgemässe Mordfälle mit möglichst unerwarteter Aufklärung, herbeigeführt durch ihn, der diese Arbeit, wie gesagt, schon seit unzähligen Jahren erledigt, immer freitags, im Fernsehen, und darüber im Leben nicht jünger geworden ist. In meinen Büchern darf das allerdings keine Rolle spielen, ja, Matzek soll sich sogar in nächster Zukunft verjüngen, nämlich an der Seite einer blutjungen Freundin - Idee meines noch jüngeren Co-Produzenten -; kein Wort dieser Freundin, das er nicht auf den Puls der Zeit hin prüfte, ich kann mich völlig verlassen auf ihn"-, und so färbt die junge Anna auf Matzek ab, den ich im übrigen schon als Schüler gekannt habe - ein, bedingt durch den Schauspieler, kleiner bis kleinwüchsiger Detektiv, der heute etwas Frischeres hat als zu Beginn seiner Laufbahn, ja um so frischer erscheint, je älter er wird, ein einmaliger Fall, dank des jungen Co-Produzenten, vielleicht auch meiner Bücher, jedenfalls beneidenswert, daher auch die vielen treuen Zuschauer - und die ständige Sorge einer dünnen Redakteurin, es könnten weniger werden.
Sie ist die eigentliche Hürde, diese dünne oder magere Redakteurin, vor ihr müssen alle Fälle bestehen, sie allein weiss, wann die Menschen an- und ausschalten; mein halbwüchsiger Produzent und auch sein ausgewachsener Chef, Besitzer von Pegasus-Film, München, und gewissermassen Vater von Matzig, eine Jugendsünde - zittern vor ihrem Urteil, bloss ich zittere nicht, ich kotze gelegentlich, jedoch in den eigenen Räumen, meistens am Freitag, wenn mein Held schon wieder etwas älter geworden ist und jünger daherkommt.
Nur sehr allmählich habe ich diese Paradoxie wirklich verstanden und aufgegriffen, wie ich auch erst allmählich verstanden habe, in welcher Weise der Schauplatz der Morde ihrem Ermittler beziehungsweise dessen Darsteller im Buch angepasst werden sollte, nämlich Frankfurt am Main mit all seinen Hochhäusern, vor deren Hintergrund der kleine Detektiv nicht noch kleiner erscheinen sollte, also eine Anpassung der Stadt an die Serie, für einen realistischen Autor gar nicht so leicht, aber Pegasus setzt auf mich: Seit meiner Kindheit durchstreife ich Frankfurt und bin, vermute ich, wie kein zweiter prädestiniert, diese Serie voranzutreiben, muss aber meinen intimen Stadtplan für mich behalten: noch immer sehe ich eine Tankstelle, wo längst ein Museum steht, oder die Plüschbar, die einer Bank weichen musste, Wahnsinn. Warum lassen wir das nicht auf dem Eisernen Steg spielen?, heisst es regelmässig von seiten der mageren Redakteurin, und sowohl mein halbwüchsiger wie auch der ausgewachsene Produzent pflichten dem bei, wie die Firma Pegasus- Film überhaupt allem beipflichtet, was dieser oder sonst ein Sender ihr vorschlägt. Immer wieder also Eiserner Steg oder auch Messeturm, von weitem, damit er die Grösse des Darstellers hat.
All diese Regeln bekam ich freilich nie schwarz auf weiss, gleichsam als Eiserne Regeln zum Eisernen Steg, sondern musste sie, über Jahre, erleiden, aus meinen Niederlagen schöpfen, stets der Verzweiflung näher als irgendeiner Erkenntnis: wie Matzek nun beim Lösen seiner Fälle reden muss, eher für die Alten verständlich, seinen Jahrgang, oder eher für die Jugend, die doch über ihn lächeln müsste, was sie aber nicht tut - dank gewisser Worte oder Wörter, die mir der Pubertätsproduzent monatlich zufaxt; immer wieder verfehle ich Matzeks Ton oder lasse vor einundzwanzig Uhr, solange noch Jugend zuschaut - dank der Wörter -, das Blut spritzen, das doch höchstens heraussickern darf, wie mich die magere Redakteurin schon häufig belehrt hat - eins der geringsten Probleme. Schwieriger wird es, wenn sie die Motive des Mörders in Zweifel zieht, und aussichtslos, wenn sie die Logik der Aufklärung (statt ihrer Dialektik) reklamiert, auf Sätzen besteht, die den Gedankengang von Matzek belegen, sein kriminalistisches Genie, gleichwohl aber nachvollziehbar sein sollten für Leute im Rodgau, wie sie sich ausdrückt, während ich schon wieder kotzen könnte.
Aber das ist nicht das Schlimmste. Das Schlimmste ist der niedergehaltene Mageninhalt, wenn mir die Redakteurin, als vorletzte Instanz - es gibt noch eine weitere, aber keiner kennt sie -, am Ende einer Arbeit, die schon den Segen meiner Produzenten hatte, zu verstehen gibt, anfangs nur durch ein winziges Kopfschütteln, dass dieses Buch, in sich, verloren sei, die Figuren nicht genug Tiefe besässen und deren Geschichte nicht genug Höhen, vom matten Schluss ganz abgesehen, und mein Produzentengespann, Herr und Knecht, sofort einschwenkt und ich das verlorene Buch in ihre Gesichter schmeissen möchte, die wie ein Gesicht sind, das des Fernsehens, aber ich schmeisse es nicht in ihre Gesichter oder vor die Füsse der mageren Redakteurin, ich schiebe es statt dessen in die flache Ledertasche, die zur Grundausrüstung eines Autors gehört, und verspreche, eine weitere Fassung zu schreiben, eine vollkommen neue Fassung, mit neuem Anfang und neuem Schluss, also ein ganz neues Buch, ein Buch, an dem nichts mehr wie vorher ist, mit Ausnahme von Matzek, und auch der werde etwas anders ausfallen, mit mehr Tiefe, ohne dadurch gleich älter zu wirken, im Gegenteil, er wird wieder jünger sein, jung und tief.
Das sage ich alles, während ein Essen, das die Firma Pegasus bezahlt hat, wieder vom Magen aufwärts drängt, doch es gelingt mir, die Dinge in Höhe des Kehlkopfs zu halten, wie es mir auch gelingt, mich nicht zu fragen, warum ich das alles tue, ausser, weil ich es kann und dafür bezahlt werde - nur: Warum kann ich das eigentlich, mir Monat für Monat Verbrechen ausdenken, die mit immer neuen Überraschungen von einem immer jünger werdenden Detektiv aufgeklärt werden? Vielleicht bin ich, im Innersten (der Tiefe, zu der ich nicht vorstosse), selbst ein Verbrecher oder Ganove, mit der Ehre des Ganoven, einer, der sterben will, wenn man seine Dienste zurückweist. Ich tue das alles, weil es beschämender wäre, es nicht zu tun.
Fast ein Jahr lang hatte ich mir einhämmern lassen, nach welchem Schema die Serie ihren Erfolg behaupte, und war am Ende ein Teil dieses Schemas, erfüllte es nach bestem Wissen und Gewissen, bis die magere Redakteurin morgens in ihr Büro bat und mit Blick auf mein Buch, rauchenderweise, einen Vortrag hielt: Wie wichtig es sei, dieses Schema der Serie auch zu durchbrechen, und wie wenig sie, in dieser Hinsicht, bei mir entdeckt habe.
Und ich durchbrach das Schema in den folgenden Wochen, aber durchbrach es zuviel, also ein neuer Termin, und natürlich habe ich Zeit und höre alle Wünsche heraus; wie eine Hure, die ihre Beine öffnet, öffne ich mich für jeden Einwand, bis zur nächsten Fassung; ich bin der Sisyphus des Freitagsfalls, der Prinz von Homburg des preussischen Krimis, dessen eiserne Regeln ich eisern erfülle und zugleich breche, daran selber zerbrechend, bis Matzek aus seiner ewigen Hechtrolle philosophisch dem Täter ins Knie schiesst; das alles in einem Milieu, wie meine Produzenten es lieben, blonde Nutten auf nassem Pflaster - Idyll, das jeder Frankfurtreisende vergebens sucht -, dazu Sozialkritik nach Augenmass, dem der mageren Redakteurin, und einem Schlussbild vor der sogenannten Skyline - Bild"46, Aussen/Nacht, Mainufer mit Hochhäusern. Notarzt, Blaulicht, Polizei - auf dem Boden der angeschossene Täter. Etwas abseits Matzek, nachdenklich, an der Hand die kleine Tochter des Mörders; gleichzeitig Titeleinblendung: Die Tochter des Mörders. Ende, Abspann.
So sieht das aus, das ist mein Beruf, Frau Hauptkommissarin, oder war mein Beruf, denn nun ist Schluss damit, ich stehe selber unter Mordverdacht, endlich, möchte ich sagen, endlich ein wirklicher Täter, der die eigenen Eltern auf dem Gewissen hat, auch wenn's ihm keiner glauben will, vielleicht erst, wenn ich meine Vorteile daraus ziehe, nämlich erbe - genug, um Matzek den Laufpass zu geben, einen Tritt in den welken Hintern; schlagartig wird er altern ohne mich, den Souffleur - denn der Mensch hält sich durch Sprache jung, nicht durch Gymnastik -, zerfallen zu einem Greis in Lederjacke, während ich voller Kraft sein werde und frei, frei zur Adoption durch das richtige Leben im falschen, wenn Sie verstehen
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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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