Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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P u b l i k a t i o n e n




Schundromanzen


Drehbuch für einen Kinofilm
(Stand: Juni 2003)


Leseprobe

VORBEMERKUNG

Schundromanzen ist das Drehbuch zu einem höchst erfolgreichen Liebesthriller, dem Schundroman, der als einziges meiner Bücher ausschließlich beste Kritiken bekam (fast zum eigenen Bedauern), Kritiken, die alle nach der Verfilmung riefen und dabei hartnäckig den Vergleich mit Pulp Fiction zogen. Anfragen nach den Rechten blieben dann auch nicht aus, ich entschied mich jedoch – im deutschen Filmgeschäft nicht unerfahren -, auf eigene Faust und damit auf eigenes Risiko, also in der Rolle des Mitproduzenten, ein Drehbuch zu schreiben, gewissermaßen als Abschluss eines Ausflugs in das Gebiet der Unterhaltung, aber auch um den Beweis anzutreten, dass dieser Stoff tatsächlich die gleiche Zusammensetzung hat, wie wir sie in Pulp Fiction finden, nämlich eine zutiefst leidenschaftlich menschliche, die am Ende über das Brutale siegt. Hauptsache, man liebt, ist die Botschaft meines Stoffes, gleichgültig wen.
Ich habe an dem vorliegenden Buch länger gearbeitet als an dem ursprünglichen Roman, und im Mittelpunkt steht jetzt die Liebesgeschichte eines Amateurauftragskillers mit zwei völlig unterschiedlichen Frauen, verbunden mit der Rache an dem Mann, der ihm schon als Junge das Lieben und Leben schwer gemacht hat... Das Drehbuch nimmt auf nichts und niemanden Rücksicht, wie der vielgelobte Roman, und würde daraus nie ein Film, wäre es auch gut; die Chancen, dass es ein Drehbuch bleibt, stehen sogar im Moment gar nicht schlecht, denn einige aus der Branche, die es mit Begeisterung gelesen haben, wie zu erfahren war, gaben dann doch zu bedenken, dass die Brutalität von Bildern und Sprache in einzelnen Szenen (die sie mit Genauigkeit verwechseln) im deutschen Film nicht gerade üblich sei, eine richtige Einschätzung. Lieber wiederholen wir jede Woche in irgendeinem dritten Programm Tarantinos berühmten Film oder sogar im Hauptprogramm Filme wie Fargo und ähnliches, als selbst einmal das Wagnis einzugehen, Liebe und Hass wirklich zu zeigen oder Gewalt und Witz zu mischen. Wenn der Ellbogen meines Helden den berühmten Dichter leider mitten ins Gesicht trifft, wie es heißt, muss man eben auch dieses Leider ernstnehmen und nicht nur den Treffer; es liegt darin das gleiche Bedauern wie in der Unausweichlichkeit einer hereingehauenen Herzspritze, die Vincent Vega der Gangsterbraut verabreicht, und die Art, wie die Liebste meines Helden umkommt (was man gar nicht sieht), oder wie er am Ende Rache nimmt, wird von der Häckselmaschine, die einen der beiden Entführer aus Fargo verarbeitet, offen gesagt überboten... Und den Bedenkenträgern gebe ich auch noch zu bedenken, wie sehr sie sich mit dem Deutschen Film, der keinem wehtut, abgefunden haben – einem Konsens, der noch immer darunter leidet, dass die Besten verjagt worden sind, und keine neue jüdische Tradition nachwachsen konnte, weil zu viele tot waren, nämlich die Tradition einer Nebeneinader von Gut und Böse, eines wirklichen, spaltenden Witzes, denkt man Wilder oder Lubitsch (anstelle von Comedy-Zeug und billiger Ironie), was im übrigen auch bei der Besetzung zu Buche schlägt: Da fehlt das Salz in der Suppe, wenn man nach dem Frauenhelden zwischen vierzig und fünfzig sucht, der bei aller Härte genug Wärme hat, um ihn zu mögen... Wer das vorliegende Drehbuch genau liest, wird den alten Satz bestätigt finden, dass nicht so heiß gegessen wird wie gekocht (während ein Schreiben auf lauwarmer Flamme zwar die Förderung befördern wurde, aber nur zu einem weiteren, bald aus den Kino verschwindenden Film führte); das Blut, das in den Schundromanzen fließt, ist eben auch ein schöner roter Saft – Weh dem, der Symbole sieht, heißt es bei Beckett, auch er war ein Mann von Witz.
Mit anderen Worten: Ich will, dass aus dem Buch ein Film wird, und sollte dieser Fall, wider Erwarten, eintreten, so gilt erstens: Die Darsteller sollten eindeutig erwachsen aussehen, wie Leute, denen das Leben schon mitgespielt hat; in jeder der Hauptfiguren liegt ohnehin etwas Junges, das sich die Schauspieler, gegen das eigene Alter, erarbeiten müssen. Zweitens: Es sollte überwiegend schnell gesprochen werden, viel schneller, als wir es bei uns gewohnt sind; zwei Leute, die gleichzeitig reden, sind als Gewinn zu betrachten, halbe Sätze können dabei getrost untergehen. Das Publikum muss nicht alles verstehen, um folgen zu können - sofern man ein Drehbuch als Partitur sieht, die im Film zur Musik wird; es geht um den Klang, nicht um die Noten. Ja, überhaupt spielt die Musik in den Schundromanzen eine der Hauptrollen; die genannten Songs geben dabei nur die Richtung vor, wie die ausführlichen Szenenbeschreibungen ein optischer Anhalt sind – und die Tonart der Dialoge umreißen. Und last not least: Wer glaubt, das Buch schon zu kennen, weil er den Schundroman gelesen hat, irrt gewaltig. (B. K., Juni 03)


(...)

17. Innen. Nacht. Restaurant Charlot am Frankfurter Opernplatz. Ein kleiner feiner Treffpunkt
der Betuchten und Schönen, wie Fotos an den Wänden beweisen, doch an gewöhnlichen Tagen verirren sich auch normale Leute ins Charlot:
An einem Fenstertisch mit Blick auf den Platz sitzen Arie - fast gekleidet wie für ein Begräbnis - und die Frau, die ihm eine Chance gegeben hat, bei ihr einzusteigen, nämlich Helene bzw. Helen.
Schon typischer für das Lokal ist die Besetzung am Nebentisch: Mutter und Tochter, die sich vom Shopping erholen, beide blond und schweinchenhaft hübsch. Sie essen Austern und trinken Champagner, und irgendwie bekommt man Lust, ihnen die weißen Finger zu brechen ... Einen Tisch weiter findet ein Geschäftsessen statt, drei Geldleute, darunter ein Schweizer, die über Benefiz-Dinge reden, vermutlich Deutsche Bank. Und dann hätten wir noch einen Einzeltisch, besetzt von dem Nägelkauer, Typ Fußballtrainer mit Magengeschwür und Kaschmirjackett; dahinter der erwähnte Ecktisch, gedeckt für zwei Personen.
Die Gespräche sind gedämpft, nur Mutter und Tochter lachen ab und zu. Bis auf Arie und Helen sind alle mit Getränken versorgt; die beiden sehen noch in die Karte. Arie entdeckt gerade etwas.

ARIE: (hinter der Karte, off - on) Na, was sagt ma, da gibt es einen Barolo, Helene, das wär was zu Ihrem Lamm ...
HELEN: (hinter der Karte, halblaut, off - on) Helen. Sie hätten mich gar nicht hierher führen sollen ...
ARIE: (unterbricht) Diesen Tisch habe ich reserviert vor zwei Wochen. Für meinen Einstand. Und das heut früh war Schicksal. Und die Dame krieg ich.
HELEN: (winkt einem Kellner) Also meinetwegen Barolo. Nur kann ich Ihnen nichts vorschießen ...
ARIE: (off) Ich schieß ma selbst was vor.
KELLNER: (tritt an den Tisch) Sie haben gewählt?
ARIE: Zweimal das Lamm, eine Flasche Barolo. Und ein Wasser.
KELLNER: (off) Und vorneweg vielleicht ...
ARIE: (reicht dem Kellner die Karte) Vorneweg bitteschön nichts.
KELLNER: Danke. (nimmt auch Helens Karte, entfernt sich)
ARIE: (leise) Oder doch was vorher ... weil's hier so vornehm is ...
HELEN: Wir haben nur den   e i n e n   Auftrag. Wir müssen das Bild kriegen.
ARIE: Das ist kein Bild ... (deutet auf dem Tischtuch das Format an) Das ist a Bildchen. Gefällt Ihnen so was?
Helen sieht kurz auf ihre Uhr, eine schöne alte Baumes & Mercier.
HELEN: Es ist ein Picasso.
ARIE: Ich meine, dass der Mann da auf dem Bild ... (stockt)
HELEN: Das gibt's doch wohl im Leben. Täglich.
ARIE: (on) Aber warum, frag ich, schauen die Frauen dabei zu? Das kommt mir gewollt vor.
HELEN: Das ist jede Kunst. (sieht erneut auf die Uhr) Arie.
ARIE: (auf den Blick zur Uhr bezogen) Haben Sie noch was vor?
HELEN: (off) Haben wir nicht. (on) Aber sie hat meinen Vater gehört. Und bleibt manchmal stehen. Was ist das für ein Name, Arie?
ARIE: (beugt sich zu Helen) Nein, nein, die Frage war: Warum schauen die beiden Frauen dem Mann zu ... (stockt)
HELEN: (leise, intim) Das ist eine Form des Beistands. Außerdem sind es Prostituierte, er hat sie vielleicht bezahlt. Man muss bei solchen Bildern sehr genau hinsehen. Ist Ihnen wenigstens aufgefallen, dass dieser Mann die Augen von Picasso hat?
Die Tür des Charlot geht auf, ein ungleiches Paar betritt das Lokal, und alle Aufmerksamkeit liegt sofort bei:
Vanilla Campus, die mit ihrem Gatten, Johann Manfred Busche oder auch Big Manni, auf lebensgefährlich hohen Absätzen dem freien Tisch entgegen strebt. Die Ex-Nachrichtenmaus und frischgebackene Autorin ist eine Medien-Diva mit wallendem Haar. Sie könnte dreißig sein, aber auch fünfzig, als sei dazwischen alles eins, fest steht nur: Vanilla ist auf dem Höhepunkt ihrer Karriere, während Big Manni - ein müder Hüne mit gefärbtem Haar, wie eingesperrt in einen Designeranzug - schon von Geld und nahendem Alter erdrückt wird. Vanilla ist sein manischer Ausgleich. Sie lächelt jedem zu, sie reicht dem Wirt die Hand, sie gibt die Sitzordnung vor: Big Manni an der holzgetäfelten Wand, sie seitlich von ihm, auf ihr Profil bedacht.

ARIE: (flüstert, off) Ich dachte, die sei größer.
HELEN: (flüstert) Die Campus? Barfuß ist die winzig. Aber Busche frisst ihr aus der Hand. Big Manni. Ihr Mann.
ARIE: (off) Der mit den Bohrern?
Der Kellner kommt mit dem Wasser und dem Barolo; er füllt zunächst die Wassergläser, murmelt dabei vertraulich.
KELLNER: (zu Helen und Arie) Die Campus.
HELEN: (off) Ja, das sehen wir.
Der Kellner öffnet den Wein.
ARIE: (leise zu Helen, fortfahrend) Diese Bohrern, die Kabel verlegen, ohne die Straßen zu öffnen ...
HELEN: (off) Auf der ganzen Welt.
Der Kellner schenkt Arie etwas ein - Arie probiert, schaut Helen an, schaut zur Campus, schluckt - und nickt dem Kellner zu.
HELEN: (off) Er vermietet sie ...
Der Kellner schenkt Helen ein, dann füllt er Aries Glas.
KELLNER: Prego. (entfernt sich)
HELEN: (hebt ihr Glas) Soll aber nur fünf davon haben.
ARIE: (off) Woher wissen Sie das, aus Ihrer Polizeidienstzeit?
HELEN: So was weiß man einfach, Arie.
Arie sieht zur Prominentenecke: Der Wirt tritt mit einem Exemplar von Vanillas "Bodymotion" an den Tisch, lässt es sich signieren.
ARIE: Er hat nur fünf von diesen Bohrern, wie funktioniert das ...
HELEN: Er hat einen Mann, der auf der ganzen Welt Geschichten von hundert Bohrern erzählt. Bis ein Vertrag unterschrieben wird.
ARIE: (mit Blick auf Vanilla) Sie schreibt was ins Gästebuch.
HELEN: (off) Nein, in ihr eigenes. Bodymotion. Eine Sexfibel - wollen wir jetzt anstoßen?
ARIE: Bitte ... Und danke ... dass ich für Sie tätig sein kann.
Die beiden führen die Gläser zum Mund - im selben Moment fliegt die Tür auf, und ein Mann im Trenchcoat und einer Wollmütze mit Augenschlitzen über dem Gesicht betritt das Lokal, in der einen Hand eine großkalibrige Pistole, in der anderen eine große Einkaufstüte - Willem Hold mit seiner Beretta Cougar 45.
WILLEM: (zu allen) Das ist ein Überfall! Keiner bewegt sich!
Willem zielt man auf diesen, mal auf jenen Gast, während seine Aufmerksamkeit schnell bei dem kahlrasierten Mann ist, den er schon morgens am Flughafen gesehen hat: Was macht der hier?
WILLEM: Hände auf den Tisch! (halb zu Arie) Das gilt auch für dich! (zu Helen) Und für Sie, Madam.
Die Gäste legen ihre Hände auf die Tische, auch Arie und Helen, und überall kommen teure Uhren zum Vorschein.
WILLEM: Und jetzt nehmen wir alle die Uhren ab, klar?!
Willem nähert sich Helens Tisch, er hält die große H & M Tüte nur noch an einem Henkel, streckt sie ihr hin - sieht ihre Uhr.
WILLEM: (zu Helen) Eine hübsche Mercier - rein damit.
HELEN: Die hat meinem Vater gehört. Ich hab sonst nichts ...
WILLEM: (unterbricht) Rein mit der Uhr.
HELEN: (leise, off) Ich sagte, ich hab sonst nichts ...
Willem drückt die Mündung der Beretta blitzartig an Aries Schläfe; einzelne Gäste stoßen kleine verhaltene Schreie aus.
WILLEM: Doch, du hast zwei Sekunden.
Helen nimmt ihre Uhr ab, lässt sie in die Tüte fallen - auf eine andere Tüte, prall gefüllt und aus Plastik: die des Sportgeschäftes.
ARIE: (leise zu Willem) Sie kommen nicht weit.
WILLEM: (spannt den Hahn der Waffe) Wie heißt du?
ARIE: Fisch.
WILLEM: Tatsächlich. Und du willst unbedingt sterben, Fisch ...
HELEN: (leise, off) Er will   n i c h t   unbedingt sterben.
WILLEM: Gut.
Willem zieht die Waffe zurück und tritt zu Mutter und Tochter, zielt von dort aus wieder auf Arie - und behält das Lokal im Auge.
WILLEM: (halb zur Mutter) Was haben wir denn da, eine Philippe Chariol, Platin, rein damit.
Die Mutter wirft zitternd ihre Uhr in die Tüte; die Tochter versucht, mit der einen Hand einen kostbaren Ring an der anderen zu bedecken - Willem bemerkt es.
WILLEM: (zur Tochter) He ... Nimm die Hand weg.
Die Tochter nimmt die Hand weg, der schöne Ring blitzt auf - Willem zielt auf die Tochter, die Mutter schreit.
WILLEM: (zur Mutter) Kein Mucks. (zur Tochter) Sieh da, ein Ring. Auf den ich gar nicht scharf bin. Du aber wolltest mich betrügen ... (die Tochter schüttelt den Kopf) Und lügst auch noch! Spreiz deine Finger. (ins Lokal) Und ihr schaut alle zu, was mit Betrügerinnen passiert!
TOCHTER: (spreizt die Finger, weint) Bitte nicht ...
WILLEM: (halblaut, zur Tochter) So schlimm wird's nicht. Sag, dass du mich betrügen wolltest. Los.
TOCHTER: (hauchend, unter Tränen) Ich wollte Sie betrügen ...
Willem schlägt den Lauf der Waffe auf den glänzenden Zeigefingernagel der Tochter, sie reißt vor Schreck und Schmerz den Mund auf, hebt zu einem Schrei an.
WILLEM: (zielt auf die Stirn der Tochter) Ich will nichts hören.
MUTTER: (off) Wissen Sie, wie weh das tut?!
WILLEM: (alle Tische im Blick) Ja. Aber sie wird es aushalten. Du wirst es doch aushalten?
(Die Tochter nickt. Willem tritt an den Tisch der drei Geldleute, dabei halb zu den dreien:) Ihre Uhren, Ihre Brieftaschen. (erneut zur Tochter, während die drei ihre Uhren und Brieftaschen in die Tüte werfen) Wie heißt du?
MUTTER: Sie heißt Barbara.
WILLEM: (scharf zur Mutter) Sie hab ich nicht gefragt! (nett zur keuchenden Tochter) Würdest du mir deinen Namen nennen.
TOCHTER: (keuchend) Barbara ...
WILLEM: Oder Bärbel ... Schon mal im Sudan gewesen, Bärbel? (erntet ein Kopfschütteln) Nein? Da halten sie mehr aus. Treten auf Mienen und liegen tagelang rum. Du wirst also nicht schreien, klar.
Willem tritt an den Tisch des Nägelkauers im Kaschmirjackett, der eine aufdringliche Golduhr trägt.
WILLEM: Die Brieftasche. Den Klunker können Sie behalten. (bemerkt, dass Arie seiner Partnerin etwas zuflüstern will, zielt auf ihn) Ein Wort, und du stirbst. (zwischendurch zur Tochter:) Alles okay, Bärbel? (hebt einen Finger) Ist nicht so schlimm, oder?!
Der Nägelkauer und heimliche Partner von Willem legt eine pralle Brieftasche auf die Tischkante: gleichzeitig hält Vanilla Camus eine sündhaft teure Piaget bereit, lässt sie leicht pendeln - Willem ignoriert die Brieftasche, er tritt an den Tisch von Vanilla und Big Manni, zielt jetzt wieder Richtung Arie und hat weiter das ganze Lokal im Auge.
WILLEM: (zu Vanilla, mit Blick auf die Uhr) Scheint nicht Ihre einzige zu sein ...
Vanilla lässt die Uhr in die Tasche fallen - Big Manni fängt vor Empörung an zu beben.
BIG MANNI: (zu Willem) Das ist Vanilla Cam ...
VANILLA: (ins Wort fallend) Er weiß, wer ich bin. (zu Willem, auf Big Manni deutend) Möchten Sie seine auch, eine Rolex Oyster?
WILLEM: (halblaut zu Vanilla) Nein. Und die Fragen stell ich, Pussy. Spannlack - schon mal gehört?
BIG MANNI: Woher soll sie von Spannlack ... ?!
WILLEM: (kurz zu Big Manni) Halt's Maul. (leise zu Vanilla) Den braucht man, um die Papierverkleidung von Modellfliegern bis zum Zerreißen zu spannen. Das heißt: Ich hätt ihm sein Ding in Spannlack getaucht. Und nicht abgebissen.
VANILLA: (leise) Verstehe.
Willem salutiert mit dem Zeigefinger vor Vanilla und tritt wieder an den Tisch des Nägelkauers.
NÄGELKAUER: (mit Blick auf die Brieftasche) Bedien dich.
WILLEM: Haben wir schon Schweine gehütet?
Willem deutet an, dass der Nägelkauer seine Brieftasche gefälligst in die Tüte werfen soll Der Kauer bleibt stur; seine eine Hand ist am Mund, die andere am Jackettknopf; er öffnet ihn.
WILLEM: Kann es sein, dass es Ihnen schwer fällt, diese Brieftasche höchstpersönlich in meine Tüte zu tun?
NÄGELKAUER: (leise) Sieht ganz danach aus.
Schnitt auf: Arie und Helen. Die beiden verfolgen die Szene, mit den Köpfen nah beieinander. Arie greift sich die Baroloflasche, nimmt sie zwischen die Knie, die Hand am Flaschenhals - während Willem mit dem Lauf der Waffe die Brieftasche über die Tischkante schiebt, so dass sie in die Einkaufstüte fällt.
HELEN: (zu Arie, flüsternd) Sie spielen hier nicht den Helden ...
Schnitt auf: Willem, der das Flüstern gehört hat, und die Waffe kurz auf Helen richtet, sich dabei vom Nägelkauer entfernt.
WILLEM: (zu Helen) Hier wird nicht geflüstert!
NÄGELKAUER: (während er aufsteht, unters Jackett greift) Und hier wird auch nicht geklaut!
WILLEM: (zielt auf den Kauer) Keine einzige Bewegung mehr.
Willem spannt den Hahn und macht winzige Schritte Richtung Tür; absolute Stille im Lokal - und Willem schießt, schmerzhaft laut. Er trifft den Nägelkauer in den Arm, leider ist mehr ruiniert als nur der Jackettstoff. Kurze, abgebrochene Schreie einzelner Gäste; der Getroffene taumelt etwas nach hinten. Schnitt auf:
Arie, der die Weinflasche hebt. Schnitt auf:
Den Kauer, der erst ungläubig, dann wutentbrannt auf die Wunde sieht - und die Hand unter dem Jackett hervorzieht. Schnitt auf:
Willem, der erneut abdrückt. Schnitt auf:
Arie, der beim Krachen des Schusses die Weinflasche auf dem Terracottaboden zerschmettert, ein Stück mit einem langen Splitter in der Hand behält. Schnitt auf:
Den Nägelkäuer, dem buchstäblich der Hals wegfliegt. Er taumelt und dreht sich, das Blut spritzt wie bei einer Sprinkleranlage im Kreis; die Entsetzensschreie überschlagen sich.

WILLEM: (brüllt) Hört auf zu schreien! Aufhören!
Schlagartig Stille - Willem hält alle in Schach, während der Getroffene zusammenbricht.
WILLEM: (zu allen) Er wollte mich umlegen.
SCHWEIZER GELDMANN: (sachlich) Woher wissen Sie das?
Willem gibt dem auf der Seite liegenden Toten mit der Schuhspitze einen Schubs - er kippt auf den Rücken, unter dem Jackett kommt die Hand mit einer Sig Sauer Spezial zum Vorschein. Der Schweizer zieht anerkennend die Brauen hoch. Willem wendet sich halb an Arie und Helen, während er mit einer Hand schon die Tür öffnet.
WILLEM: Klarer Fall oder?
Arie nickt und holt hinter dem Rücken mit dem Flaschenrest aus.
WILLEM: (zu allen) Dann nichts für ungut.
Willem zieht die Tür auf, wendet sich zum Gehen, lässt die Waffe sinken - da schleudert Arie die abgebrochene Flasche.
ARIE: Doch!
Der lange Splitter trifft Willems Wange, er durchbohrt Mütze und Fleisch, der Flaschenhals hängt fest, er schwankt. Willem stockt für einen Moment, hebt dann die Waffe wieder - als ein Pärchen an ihm vorbei will, in das Lokal strebt, die Situation mit einem Aufschrei erfasst - und entscheidet sich zur Flucht.
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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis der Frankfurter Verlagsanstalt sowie des Autors

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