Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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Uraufführung: Saarländisches Staatstheater Saarbrücken, 17. 3. 1979.

INSZENIERUNG
Serge Roon
Serge Roon

Bühnenbild:
Walther Jahrreis
Kostüme:
Friedel Towae
Regieassistenz und Abendspielleitung:
Brigitta Matthieu/Christine Pangels
Inspektion:
Klaus Niedermeier
Souffleuse:
Ursula Ratjen
Technische Leitung:
Michael Schumacher
Leiter des Kostümwesens: Norbert Daub
Frisuren und Masken:
Otto Schikotanz/Sonja Köpp
Bühneneinrichtung:
Klaus Freund
Beleuchtung:
Herbert Wollscheidt
Requisiten:
Werner Steinmill
Tontechnik:
Heinz Bräuer

Aufführungsdauer:
ca. 3 Stunden
8 Bilder
Pause nach dem 5. Bild

Die Darsteller:

DIE MUTTER
Antje Roosch  
Antje Roosch

DIE DAME
Ingrid Flemming
Ingrid Flemming

DIE GROSSMUTTER
Brigitte Dryander
Brigitte Dryander

DAS KIND
René Toussaint  
René Toussaint

DAS HAUSMÄDCHEN
Christiana Bautze
Christiana Bautze

DER THERAPEUT
Gunter Cremer
Gunter Cremer

DER VATER
Horst Hildebrand
Horst Hildebrand

DER HAUSARZT
Willkit Greuel  
Willkit Greuel

DIE FRAU DES HAUSARZTES
Gretl Tonndorff
Gretl Tonndorff




Fotos: Hanne Garthe, Hans-Dieter Müller, Wilhelm Pabst



PROGRAMMHEFT
Saarländisches Staatstheater Saarbrücken
Spielzeit 1978/79

Programmheft zur Uraufführung















Bodo Kirchhoff












P u b l i k a t i o n e n

Spectaculum 31




Das Kind oder Die Vernichtung von Neuseeland

Schauspiel

in SPECTACULUM 31
Seiten 137 - 204
1. Auflage 1979
Suhrkamp Verlag
Frankfurt am Main 1979

Leseprobe

Anmerkung:
Dieses Schauspiel liegt vor als Text und sollte entsprechend erarbeitet werden. Nicht ausstaffiert mit Symbolen, sondern abgebildet werden über Metaphern und Metonymien: in dichten, mehrdeutigen Bewegungen, Betonungen und Bildern, die den Text als unendlichen Redefluß wiederholen und ihn dabei WORT FÜR WORT verstärken.
Keine buchstabengetreue, sondern eine buchstäblich nehmende Inszenierung: Worte nicht als Vorwand verwenden für Ideologie, sondern als SPRACHE respektieren, die den Personen widerfährt; den Ver-sprecher, die Ver-legenheit, das SIGNIFIKANTE dominieren lassen über die Gewaltsamkeit von selbstverständlichen Bedeutungen; grausam und im genauesten Sinne WITZIG SEIN!



Personen:
Die Mutter • Die Dame • Die Großmutter • Das Kind • Das Hausmädchen • Der Therapeut • Der Vater • Der Hausarzt • Die Frau des Hausarztes

Schauplätze:
Ein Garten vor einer Terrasse, ein Kinderzimmer, ein Eßzimmer, ein Badezimmer.



1.1
Ein Garten vor einer Terrasse auf einer großen Bühne. Gepflegte Anlagen mit Blick auf einen fernen Horizont. Weißblauer Himmel; Sonnenschein. Hitze und Kälte. Das Eigenheim als geschlossene Anstalt.

Auf der Terrasse die Mutter und die Dame bei Kaffee und Keksen. Die Mutter trägt ein Kleidungsstück mit Gürtel, Gürtel spielen für sie eine Rolle. Die Dame ist urlaubsmäßig gekleidet. Beide beobachten, was im Garten vor sich geht. Dort gräbt das Kind ein Loch. Das Kind ist ein etwa acbtzehnjähriger Junge. Es bat einen Schwachsinnigenhaarschnitt und trägt einen orthopädischen Schuh.
Neben dem Loch ein Rosenbeet. Etwas weiter entfernt ein dichter Busch und zwei Ziersteine. In der Nähe der Steine die Großmutter in einem elektrischen Rollstuhl. Sie wird von dem Hausmädchen mit Kuchen gefuttert. Eine Zeitlang nichts weiter, als die Geräusche des Grabens und Fütterns. Dann wird der Redefluß vernehmbar.


MUTTER nur eine Mutter -
kennt die Wahrheit über ihr Kind -
DAME weil sie sensibel ist
MUTTER einen Keks -
DAME den letzten /
MUTTER den vorletzten - mir zuliebe
DAME aber nur einen klitzekleinen
Die Dame bedient sich.
MUTTER er gräbt von morgens bis abends -
DAME und so konzentriert - manchmal -
beobachte ich ihn von nebenan, ohne daß er es bemerkt
MUTTER wenn er gräbt, ist er völlig versunken und hat überhaupt nichts anderes im Sinn - er hat nicht diesen Willen, wie die Anderen, sondern nur seine Löcher im Kopf -
man darf ihn nicht aus den Augen lassen und muß sich ununterbrochen kümmern, damit es gut geht und er sich wohl fühlt -
Das Kind riecht an den Rosen.
schauen Sie sich diesen Ausdruck an,
wenn er an seinen Rosen riecht -
DAME oh-ja/
MUTTER und er hat einen unerhörten Appetit
DAME es sind wunderbare Rosen/
MUTTER ein zurückgebliebenes Kind -
muß man auf eine besondere Weise lieben -
DAME unbedingt /
Kurzes Schweigen.
MUTTER ab und zu möchte man sehr weit weg sein
DAME ich bewundere Ihre Haltung /
MUTTER als er plötzlich damit anfing, diese fürchterlichen Löcher zu graben, war ich natürlich entsetzt
DAME aber er scheint mir /
MUTTER sehen Sie nur sein Gesicht - wie selbstvergessen -
was für eine Abwesenheit -
DAME so völlig gelöst /
MUTTER noch einen Kaffee -
DAME ein ganz kleines Täßchen
MUTTER eine volle Tasse, ja /
DAME danke, vielen Dank - danke - danke
manchmal erinnert er mich an irgend jemanden, aber ich könnte Ihnen nicht sagen - an wen - unmöglich -
MUTTER schade/
DAME er bleibt doch zu Hause
MUTTER ich versuche ihn möglichst von allem fernzuhalten - hier bei seiner Mutter ist er aufgehoben / bist du das
er antwortet nicht /
DAME wie geht es seinem Fuß -
MUTTER der Schuh tut ihm gut - er braucht so etwas Orthopädisches
DAME wenn man nicht so genau hinsieht, fällt es einem gar nicht auf /
MUTTER ich habe ja fest daran geglaubt, er hätte Kinderlähmung, aber die Ärzte haben es mir nie bestätigt/
Gott sei Dank -
DAME Gott sei Dank/
MUTTER es gibt ja auch Kinder, die kommen schon als Krüppel auf die Welt/
DAME so etwas -
möchte man gar nicht zu Ende denken/
und dabei gibt es so viel Schönes -
in der Karibik zum Beispiel -
als mein Mann noch lebte, haben wir eine Kreuzfahrt gemacht -
wo man hinkam, haben die Menschen getanzt/
leider haben Sie meinen Mann nicht gekannt/
die Karibik ist ein Paradies/
MUTTER mein Mann, sein Vater - ist davon überzeugt, daß sein Sohn eines Tages Ingenieur wird -
DAME daß er in die Fuß/
GROSSMUTTER ja-ja/
DAME was sagt Ihre Mutter/
MUTTER nichts - sie schaut ihm von morgens bis abends zu - sie ist immer bei allem dabei/
DAME wie geht es Ihnen heute/
MUTTER danke, es geht ihr gut/ sie schaut ihm bei jedem Wetter zu/
Kurzes Schweigen.
DAME sind es tiefe Löcher, die er gräbt/
MUTTER ich will Ihnen etwas verraten -
Sie sprechen mit niemandem darüber -
DAME seit mein Mann tot ist, habe ich keinen Umgang mehr/
MUTTER Sie werden es nicht glauben, aber wissen Sie, was er sagt, wenn man ihn danach fragt, weshalb er sich ein Loch gräbt -
in einem Monat bin ich in Neuseeland -
DAME unglaublich/
MUTTER bei seinen Freunden - den Monstern -
DAME den Monstern -
MUTTER den Sauriern /
DAME aber er hat Phantasie/
ich habe einmal mit meinem Mann ein Museum besucht, da sah man die Gerippe /
MUTTER und ich werde Ihnen noch etwas verraten - seit einiger Zeit bildet er sich ein, er könnte singen, er sei musikalisch -
Die Dame nickt.
Sie haben ihn gehört -
DAME ich beobachte ihn doch manchmal und einmal - hat er ganz kurz etwas gesungen/
MUTTER er singt immer das gleiche -
DAME Großerkleiner -
Das Kind unterbricht seine Arbeit.
singst du es für uns -
oh-ja bitte/
Das Kind wendet sich ab und singt.
KIND UAB-BABE-LUBA-BALAPBAM-BUMM/
Kurzes Schweigen.
DAME er hat eine kräftige Stimme/
MUTTER hast du das gehört - du hast eine kräftige Stimme/
DAME was war das für ein Text -
MUTTER irgendein Unsinn - er merkt es gar nicht, wenn er sich lächerlich macht Sie können sich nicht vorstellen, was er für einen Unsinn reden kann - und Fragen stellen -
bin ich schön -
waren die Römer gute Menschen/
DAME es waren Barbaren /
MUTTER sein Vater, Sie werden es nicht für möglich halten, hält ihn tatsächlich für begabt - für überdurchschnittlich/
und ich werde Ihnen jetzt -
noch etwas verraten -
mein Mann -
hat sogar jemanden engagiert, der ihn behandeln soll - einen Therapeuten -
DAME einen Therapeuten -
MUTTER einen Privattherapeuten - einen vollkommen unbekannten Menschen/
DAME wahrscheinlich -
noch ein ganz junger Mann -
MUTTER einen Mann/
einen Mann, der selbst kein Kind/
DAME ohne Autorität/
Kurzes Schweigen.
MUTTER heute abend, vor dem Abendessen, stellt er sich hier vor/
DAME vielleicht/
MUTTER ich hoffe nur eines, daß er wenigstens charmant ist/
DAME vielleicht /
MUTTER nein, ich weiß, daß es keinen Sinn hat -
Das Kind fängt damit an, sein Loch wieder zuzuschütten.
ich bin die Einzige, die ermessen kann, was ihm fehlt - solange er hier ist, Sie brauchen sich nur umzuschauen, mangelt es ihm an nichts/
DAME er schaufelt es wieder zu -
MUTTER natürlich schaufelt er es wieder zu -
er sucht eine ganz bestimmte Stelle/
aber er findet sie nie/
Kurzes Schweigen.
dir ist doch schon schlecht vor Hunger/
es ist Zeit für sein Brot - bringen Sie ihm bitte sein Brot -
HAUSMÄDCHEN gerne/
Das Hausmädcben geht ins Haus.
DAME sie ist immer höflich -
MUTTER ich kenne sie nicht anders/
noch einen Kaffee -
DAME einen Schluck/
MUTTER eine halbe Tasse/
Die Mutter schenkt ein.
DAME danke-.danke- danke/
MUTTER ich habe immer versucht, alles von ihm fernzuhalten - sobald man ihn stört, macht er so einen grübelnden Eindruck -
Das Kind hört auf zu schaufeln und macht einen grübelnden Eindruck.
schauen Sie, jetzt, diesen Ausdruck/
DAME aber es steht ihm gut - ob er an etwas denkt -
MUTTER woran denkst du/ hast du keine Lust mehr/
KIND ich mache eine Pause/
DAME er spricht/
MUTTER deine Mutter hat dich gefragt, woran du denkst -
KIND ich denke an Neuseeland/
MUTTER er träumt - man darf ihn nie aus den Augen lassen/
DAME Neuseeland/
MUTTER sein Vater kann sich überhaupt keine Vorstellungen machen/
DAME er ist sehr beschäftigt -
MUTTER der U-Bahnbau nimmt ihn ganz gefangen/
Kurzes Schweigen.
DAME mein Mann -
hat sich immer sehr für den U-Bahnbau interessiert - er war immer an allem interessiert/
ich bedaure es tief,
daß er tot ist/
Das Hausmädchen kommt mit dem Brot.
MUTTER warten Sie, ich will es ihm in Häppchen schneiden - ich schneid es dir in Häppchen, ja/
KIND ich habe - Keinenhunger/
Die Mutter schneidet das Brot.
MUTTER er sagt immer, er hat keinen Hunger -
und dann -
ißt-er-es-doch/ ohne mich-
würde er wahrscheinlich buchstäblich verhungern, stimmt das - würdest du verhungern ohne mich -
KIND buchstäblich/
MUTTER er ist ja nicht dumm/
obwohl - er manchmal gucken kann wie ein Idiot - wenn er will/
und nun bringen Sie ihm sein Brot -
Das Hausmädcben bringt dem Kind das Brot und geht anschließend wieder ins Haus.
mein Mann wird gleich kommen - sagen Sie mir Bescheid -
HAUSMÄDCHEN gerne/
Während sich die Dame und die Mutter weiter unterhalten, vergräbt das Kind heimlich sein Brot.
MUTTER ich möchte immer Bescheid wissen, wenn sein Vater kommt, damit er nicht so dasteht und grübelt - außerdem möchte ich, daß dieser Therapeut keinen falschen Eindruck bekommt -
es wird gleich ein Herr kommen und dich anschaun - am besten, du erzählst ihm etwas von Neuseeland/
Das Kind hat das Loch zugeschaufelt und sticht den Spaten an einer anderen Stelle in den Boden.
KIND ich habe jetzt -
die Stelle meines eigentlichen Loches gefunden/
MUTTER den meisten Ärzten, die ihn untersucht haben, ist er immer ein Rätsel geblieben/
Die Dame glättet ihr Kleid.
Sie wollen gehen/ er wurde übrigens auch geistig untersucht - von Spezialisten - und einem befreundeten Arzt - unserem Hausarzt - ein reizender, älterer Herr - Sie haben ihn mal gesehen, erinnern Sie sich/ war früher einmal ein bekannter Psychiater /
DAME ich erinnere mich an seine weißen Haare/
MUTTER es erschien sogar ein Buch von ihm/
DAME die gleichen weißen Haare wie mein Mann/
MUTTER unter seinem Namen - neunzehnhundertsechsunddreißig -
DAME zur Olympiade /
Die Dame holt einen Taschenspiegel hervor und betrachtet sich kurz.
MUTTER Sie wollen wirklich gehen -
DAME ich glaube,
daß ich soweit bin -
Sie steht auf und winkt dem Kind zu.
auf Wiedersehen/
MUTTER er antwortet nicht/
Man hört die Stimme des Hausmädchens.
HAUSMÄDCHEN Ihr Mann kommt - mit einem Herren -
MUTTER danke/
Die Mutter steht auf.
DAME ich verabschiede mich -
obwohl ich es gerne miterleben würde/
MUTTER es war schön, mal wieder zu plaudern/
DAME ich danke Ihnen für den Kaffee und die Kekse/
MUTTER Sie sind immer willkommen/
Die Dame geht durch den Garten ab.
DAME auf Wiedersehen Großerkleiner/
MUTTER passen Sie auf, daß Sie nicht stolpern -
DAME danke - vielen Dank/
MUTTER ich freue mich schon auf ein nächstes Mal/
DAME ich brenne darauf /
MUTTER ich freue mich wirklich/
Nachdem die Dame weg ist, nähert sich die Mutter dem Kind.
na/
Kurzes Schweigen.
dein Vater hat einen Herren mitgebracht -
er wird dir Fragen stellen/
KIND einen Therapeuten/
MUTTER woher weißt du das/
Sie verschiebt, gleichsam nebenbei, den Rollstuhl so, daß die Großmutter auf die neue Stelle, an der das Kind graben will, blicken muß.
willst du nicht graben -
KIND zuerst -
muß ich es abstecken Stück für Stück
Die Mutter richtet ihm die Haare, berührt ihn aber nicht dabei; sie tut dies bei jeder Gelegenheit. Dann geht sie zurück auf die Terrasse.
MUTTER du bist rührend -
Sie wirft ihm einen Kuß zu.
Kuß /
Und verschwindet ihm Haus.
KIND Kuß /
Auf der Bühne wird es dunkel.


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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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