Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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G e s p r ä c h e
Leo Sorel: "Ich bin ein Erzähler!"

"Ich bin ein Erzähler!"
Wo das Meer beginnt heißt der mit Spannung erwartete neue Roman von Bodo Kirchhoff. Buchszene wollte Genaueres - auch über den Autor wissen

Ein Tag im Leben des Schriftstellers Bodo Kirchhoff: Wie sieht er gewöhnlich aus?

Ich habe eine "Arbeitswohnung", in der ich, ein paar hundert Meter getrennt von meiner Familie, für mich wohne. Da stehe ich auf und fange einfach sofort an zu arbeiten, nachdem ich schnell irgendetwas gefrühstückt habe. Der entscheidende Punkt ist, dass diese ganze morgendliche Energie unmittelbar in die Arbeit geht. Ich schreibe dann meistens durch bis um eins, halb zwei, mit winzigen Pausen zwischendurch. Dann esse ich meist ein bisschen, gehe spazieren oder fahre Rad. Gegen halb vier fange ich dann wieder an und arbeite dann bis in den Abend. Anschließend gehe ich hinüber zu meiner Familie, ich esse mit ihnen,  unterhalte mich, befasse mich mit den Kindern. Gegen 11 Uhr bin ich dann meist zuhause, ich lese noch etwas und gehe ins Bett. Ein ziemlich sturer Ablauf. 

Ein asketisches Leben! Doch zurück zum Lesen. Was lesen sie denn gerade?

Während ich wirklich hart schreibe und arbeite, lese ich so gut wie gar nichts. Ich schmökere und lese dann wirklich nicht ernsthaft. Ich lese jetzt im Moment und das hängt wiederum damit zusammen, dass ich eine Fernsehsendung mache, in der es auch um Bücher geht. Ich verordne prominenten Zeitgenossen ein Buch, von dem ich glaube, dass es in irgendeiner Weise mit ihrem Leben zu tun hat. Also auf keinen Fall die so genannten Lieblingsbücher. Wenn ich am Gardasee in meinem Haus bin, dann hauptsächlich, um zu lesen.

"Wer bin ich, wenn ich begehre?", so lautet die Frage, der sich Victor Haberland, der Held Ihres neuen Romans Wo das Meer beginnt stellen muss. Anlass dafür ist das mögliche Wiedersehen mit Tizia, einer Schulfreundin. Vor zwölf Jahren ist es bei einer Theaterprobe im Keller des Hölderlingymnasiums zwischen beiden zu einem "Vorfall" gekommen, der zu einer außerordentlichen Lehrerkonferenz führte. Was hat es mit diesem Zitat auf sich?

"Wer also bin ich, wenn ich begehre, wessen Zeit gilt", heißt es genau. Ich stelle mir in diesem Roman die Frage, wie man überhaupt vom "Begehren" erzählen kann. Gibt es dafür eine Sprache? Ich löse ja in meinen Büchern keine abstrakten Fragen. Ich bin ein Erzähler! Mein ganzes Hauptanliegen ist es, wirklich so zu erzählen, wie andere nicht erzählen. Einfach wirklich, tief greifend, genau und packend zu erzählen. Ich mache ja auch - zweimal im Jahr - in meinem Haus Erzählseminare für wenige Leute, Menschen aus verschiedensten Lebensbereichen. Die treffen sich hier für eine Woche und wir machen von morgens bis abends nicht anderes als Arbeit an kleinen Texten, die hier entstehen. Es geht um die Frage, wie erzählt man eine Geschichte. Das mache ich mit meiner Frau zusammen und da gibt es keine abstrakten Vorträge, es ist nur Arbeit am Text. Es ist auch für mich eine Erweiterung meiner eigenen Erfahrung. Wen diese Erzählseminare interessieren, der kann sich an meine Web-Seite wenden.

Victor bereitet einen Abend mit dem Thema "Das traurige Ich" vor, bei dem u. a. Tizia Gedichte vortragen soll. Bei der gleichen Veranstaltung soll ein Hirnforscher seine Thesen zur "Neurologie der Romantik" vortragen. Ein überraschendes  Motiv. Versteht das "Erzählen" den Menschen besser als die Wissenschaft?

Selbstverständlich. Aber "Verstehen" meine ich nicht. "Erzählen" teilt mehr mit. Wir können aus einem guten Roman, wenn wir zu lesen verstehen, soviel mehr für uns erfahren, weil ein Buch ein über Jahre gestaltetes, begriffenes Leben enthält. Ich habe in diesem Buch in allererster Linie für mich eine Spracharbeit geleistet. Das ist ein Buch der Sprache. Und wer diese Sprache aufnehmen kann, der hat viel davon. Daran glaube ich ganz fest. Literatur ist in diesem Punkt konkurrenzlos!


Herr Kirchhoff, ganz direkt gefragt: Wo beginnt das Meer?

Das Meer beginnt an keiner konkreten Stelle, sondern es ist eine fließende Grenze. Es gibt nicht diese genaue Grenze, man muss es immer wieder neu herausfinden. Genau davon handelt das Buch.


"Wer sich diesem Buch nähern will, der kann es nur über die Sprache."


Leo Sorel
in: Buchszene. 03/2004
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Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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