Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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G e s p r ä c h e
Jens-Uwe Sommerschuh: „Unsere kleine Zeit vergrößern"

Unsere kleine Zeit vergrößern

Der Schriftsteller Bodo Kirchhoff erzählt im Interview, warum er Peter Hartz und Reich-Ranicki in seine Bücher holt.

In Ihrer jüngsten Novelle "Der Prinzipal" steht ein Mann im Mittelpunkt, der einschneidende Reformen für den Arbeitsmarkt anregte. Seine Karriere beim Autokonzern fand nach der Aufdeckung massiver Bestechung von Betriebsräten jüngst ein jähes Ende... Was hat Sie, Herr Kirchhoff, an diesem unschwer zu erkennenden Typen, an diesem Typus Mann gereizt?

Das ist jemand, der viel erreicht hat, mit seinem Charme, seiner Kraft, mit allen möglichen Mitteln, am Ende aber an sich selbst gescheitert ist. Das erleben wir in der Politik, in der Wirtschaft, im Showgeschäft. Plötzlich ist der Bogen überspannt, und alles bricht zusammen. Das hat mich interessiert. Es ist auch nicht nur Peter Hartz, da ist etwas von Schröder drin, etwas von Ackermann. Das meiste aber ist erfunden. Ich zeige eine private Person, und in ihrer Privatheit ist sie auch mir ähnlich. Sonst könnte ich sie gar nicht so beschreiben.

Eine Novelle verlangt ein unerhörtes Ereignis. In "Prinzipal" fällt eine junge Frau vom Himmel. Ein Engel im Gardasee?

Abstürze sind Teil der Realität dort. Wer das Kitesurfen nicht kann, fliegt mit seinem Drachen böse auf die Schnauze. Aber hier ist es eine Aphrodite. Der übermächtige Großvater-Prinzipal ist grad schwimmen, und der schüchterne Enkel muss und will der Bewusstlosen helfen, die halb nackt und sehr schön ist. Das ist für den Jungen eine sehr intime, aufregende Angelegenheit. Für den Großvater, der dann zurückkommt, ist das alles jedoch nur etwas, das den weiteren Verlauf des Tages, sein Geburtstagsessen stören wird, und er will sich des Problems entledigen.

In Ihrem "Schundroman" von 2002 wird am Rand der Frankfurter Buchmesse ein Großkritiker getötet. Marcel Reich-Ranicki hatte Sie anlässlich Ihres Vorgängerwerkes "Parlando" als "fabelhaften Erzähler" gerühmt. Und Sie schicken ihn mit einem schnöden Ellenbogenschlag in die ewigen Jagdgründe?

Wenn ich eine schillernde Figur aus dem Umfeld der Buchmesse brauche, nehme ich mir in der Logik des "Schundromans" die Schillerndste und nicht die Zweitschillerndste. Und heute sind nun mal die Ausleger von Literatur schillernder als die Macher von Literatur. Reich-Ranicki ist im Grunde selber schuld. Keiner bot sich so an wie er... Ich wollte ihm nichts Böses.

Ihre Bücher spielen konsequent in der Gegenwart, und doch entsteht manchmal der Eindruck, sie könnten auch in einer anderen Zeit angesiedelt sein.

Da wir nach meinem Gefühl in einer kleinen Zeit leben, in der die Banalität triumphiert, in einer disparaten Gegenwart mit der Zersplitterung in unendlich viele Individualismen, möchte ich dieser Zeit etwas Episches abringen. Ich möchte aus dieser kleinen Zeit eine größere machen. Das geht aber nur, wenn ich diese Größe in einem Roman auch beschwören, glaubhaft machen kann. Das Leben ist nicht banal, überhaupt nicht. Aber unsere Zeit täuscht unglaublich darüber hinweg.

Sie sind geboren in Hamburg, aufgewachsen im Schwarzwald und am Bodensee, inzwischen seit Jahren in Frankfurt und am Gardasee zu Hause - wo ist Ihre Heimat? Was ist Heimat für Sie?

Heimat ist für mich stark geprägt durch Landschaft, weniger durch eine Stadt. Von einer Landschaft geht für mich eine größere Intensität aus. Meine Landschaften waren immer verbunden mit Berg und See. Und der Gardasee hat beides, er markiert den Übergang von Mittel- nach Südeuropa. Von Torri aus sieht man im Norden die Alpen, nach Süden hin weitet sich der See.


Gespräch: Jens-Uwe Sommerschuh
Sächsische Zeitung, 03.05.2007


Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Sächsischen Zeitung
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