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P u b l i k a t i o n e n
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Skat in Addis Abeba
Eine gesamtdeutsche Auftragsarbeit
in: TransAtlantik
Heft 8, 1981
S. 30 - 39
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Vierundzwanzigster März neunzehnhunderteinundachtzig, zwei Uhr früh, Transitraum Flughafen Dschidda - junge Männger im Burnus, asiatisches Personal - Saudi-Arabien.
Die Hallen für die Leopards seien doch schon fertig, meinte der deutsche Bauingenieur, mit dem ich ins Gespräch gekommen bin; Herr Zaunkönig - getönte Brille, Blümchenhemd, etwa mein Alter - wartete auch auf die Maschine nach Addis Abeba, »um mal wieder Bier zu trinken und wegen der Girls«.
Ob er schon mal dort gewesen sei. - Noch nie; ob ich denn wenigstens »Connections« hätte. - Nein. - Was ich dann dort wolle, »etwa auch nur relaxen?« - »Mich mal umschauen, mich unterhalten.« - »Und mit wem?« - »Ganz egal. Zum Beispiel auch mit Leuten aus der DDR.« Aber das sei ja wohl schwierig. - »Stop«, sagte der Bauingenieur; er habe gehört, die Frauen in Addis, die hätten die Connections. Überhaupt: Die Girls dort gingen ja alle auf den Strich, nebenbei. - »Und das im Sozialismus?« - »Ach ...«
Das Ethiopia Hotel, ich hatte dort ein Zimmer reserviert, wird von Schwarzafrikanern und Ostblockmenschen bevorzugt, Delegationsteilnehmer vor allem - schlechtsitzende Anzüge, Wichtigtuerei. Auf den zweiten Blick fiel mir ein steifes DDR-Fähnchen auf, unterhalb eines Gruppenbildes Marx/Engels/Lenin und des Porträts von Comrade Chairman Mengistu Haile-Mariam - Halstüchlein, Kinderaugen -, Vorsitzender des Provisorischen Militärischen Verwaltungsrats, Vorsitzender der Kommission zur Organisierung der Partei der Werktätigen Äthiopiens, Vorsitzender des Ministerrats und Oberbefehlshaber der Revolutionären Armee.
Zahlungsmittel im Ethiopia Hotel ist der Birr, ein Birr gleich eine Mark, willkürlich; die Verkehrssprache ist Englisch; eintretende Schwarze müssen sich abtasten lassen. Ich trank eine Cola in der Eingangshalle, suchte auf den umherstehenden Gepäckstücken nach dem Aufkleber INTERFLUG, ergebnislos, und ging dann nach draußen.
Unzählige Geier, langsam und in einem fort kreisend, bedeckter Himmel. 1974 hat hier eine Revolution stattgefunden, ausgelöst durch eine Hungerkatastrophe, durch Preissteigerungen, vorangetrieben durch Erneuerungswünsche. Ungefähr wußte ich schon, wo ich war; Addis Abeba, gerade hundert Jahre alt, zweitausendfünfhundert Meter über dem Meer, Sitz der Organisation für Afrikanische Einheit, zweitgrößte Außenstelle der UNO, ehemalige Metropole des Kontinents - ein oberer Stadtteil, ein unterer Stadtteil -, schwer zu sagen, wo das Zentrum liegt. Die neueren Gebäude alle verstreut, eine Architektur ohne Glanz. Dazwischen ausgedehnte grau-grüne Flächen: Wellblechhütten umgeben von Wildwuchs, schlammige Straßen, dunkelbraune Regenbäche.
Mein erster Weg führte ständig bergauf, und ich hatte Mühe beim Atmen: neben Bäuerinnen, die bepackt waren wie Esel, belästigt von schritthaltenden Krüppeln; Beinlosen, die auf ihren Händen liefen; einem Jungen mit Armen, die wie weicher Brotteig bis zu den Knien durchingen; einer Frau, die mich ansah mit den Resten ihres Gesichts, über Bündel hinweg, aus denen Gliedmaßen ragten, vollständige und unvollständige; und immer wieder wurde ich angebettelt von Kindern mit schlenkernden Beinen, auf die seltsamsten Krücken gestützt, mit den erfindungsreichsten Gangarten.
»How are you?« fragte mich plötzlich ein junger Mann neben mir, und ich sagte: »Fine«, und er hakte nach: »Whe're you from?« Es gebe hier etliche Provokateure, hatte man mir eingeschärft; die versuchten bespielsweise zu ermitteln, ob jemand Journalist sei und nicht angemeldet.
»Germany«, sagte ich und wartete ab. - »Germany ... Which part?« - »What do you think?« Der junge Mann - Anfang Zwanzig, Zufallskleidung aus dritter Hand - sah an mir vorbei und sagte: »West.« Weshalb er sich so sicher sei. - Er könne das fühlen; »that's it.« Ich fragte ihn nach seinem Namen und wo man hier einen Stadtplan bekomme, und Bekele nahm sich meiner an.
Er erzählte mir, daß er Student sei, Ferien habe und Sorgen; es sei für ihn nicht ungefährlich, so mit mir zu reden, man wisse ja nie. Und ich erzählte ihm, daß ich Schriftsteller sei. alles andere als ein Zeitungsmensch, mich aber die politische Situation interessiere, wer hier so den Aufbau des Sozialismus betreibe. Er kenne sich da aus, sagte Bekele; er habe eine Menge Bekannte. - Ob auch Leute aus der DDR dabei seien, »people from the GDR?« -Auch. Er sei sogar mit einem befreundet. - Da könne man sich ja mal treffen. - »Maybe«, meinte Bekele; wie ich denn zu erreichen sei. Ich nannte ihm Hotel und Zimmernummer, und er versprach, sich zu melden.
Am nächsten Abend hatte ich eine Verabredung mit dem Bauingenieur Zaunkönig im Hilton. Auf dem Fußweg dorthin, in der rasch aufkommenden Dunkelheit, sprach mich wieder jemand an.
Er sei in dem Hotel beschäftigt, in welchem ich wohne, er habe mich beobachtet, ich sei ja wohl ein Journalist, ob er mich begleiten dürfe, er wolle mir was erzählen. Und er begann mit einer langen Geschichte und kam kurz vor dem Hilton zum Kern: Er sei daher leider mit seiner Miete im Rückstand, zwanzig Birr bis zum nächsten Zahltag, ich sei ja häufig im Hotel und würde tippen, da könne er mir dann das Geld aufs Zimmer bringen. Es schien mir schon fast unvernünftig, nein zu sagen.
Ein paar Meter weiter begann der Hilton-Bereich. Das Hilton schützt seine Gäste; ein Parkgelände dient als Pufferzone. In der großen, halbdunklen Lobby die sozialistischen Symbole ohne Aufdringlichkeit. Die Unbehelligten sind hauptsächlich Vertreter des Westens auf Spesen, die hier in Quarantäne leben.
Ich setzte mich und ließ mir den Ethiopian Herald bringen, eine Art Neues Deutschland für Äthiopien, in der englischen Fassung, wie es heißt, versöhnlicher als in der amharischen, aber immer noch unmißverständlich; beratend in der Redaktion, angeblich, Leute aus der DDR.
Nach dem zweiten Artikel über Grußworte des Comrade Chairman erschien der Bauingenieur, entspannt und stellte mir sein Girl vor. »Das ist Sonny«, sagte er. Sonny - Rehgesicht, Flüstersprache - lächelte, sobald man sie ansah. Während des Aperitifs an der Bar schilderte mir Herr Zaunkönig ihre Vorzüge und Nachteile. Dann gingen wir in den Speisesaal und erlebten eine Überraschung: blauweiße Tischdecken, die äthiopischen Kellner mit Tirolerhut und Wams, auf der Speisekarte Schweinernes und als Background Blasmusik - Bayrischer Abend.
Wir suchten uns einen Platz, und auf einmal hatte ich eine Umkehrvorstellung: Äthiopischer Abend im »Frankfurter Hof«, deutsche Kellner halbnackt, Essen mit den Fingern, und was man so als Urwaldmusik bezeichnet.
Als ich zurückkam, lag im Hotel eine Nachricht für mich; ein zusammengefalteter Zettel, auf dem stand: »See you tomorrow at the place I met you, nine a. m.«
Ich ging auf mein Zimmer und sah aus dem Fenster. Draußen war kein Mensch mehr, keinerlei Bewegung auf der Straße. Beginn der Sperrstunde von Mitternacht bis fünf Uhr früh. Was treibt die DDR in Äthiopien? Das ging mich nichts an, und ich hatte auch nur deshalb zugesagt - in diese Fremde zu fahren -, um über etwas schreiben zu können, was weit außerhalb liebt.
Plötzlich das Telefon. Ich nehme ab, und am anderen Ende, begleitet von Nebengeräuschen, Bekele. Er sagte nur einen Satz, nachdem ich mich gemeldet hatte: »Same place, but two hours later«, und legte wieder auf. Und ich knipste alle Lichter an und begann das Zimmer zu durchsuchen.
Es gebe hir überall Wanzen, und Telefongespräche würden auf jeden Fall abgehört. Ich konnte aber nichts finden, wollte wohl auch nicht und lag dann noch sehr lange wach, immer das an- und abschwellende Wechselgeheul zahlloser Hunde im Ohr.
Bekele wartete bereits und führte mich auf den Markt von Addis Abeba, den größten Afrikas, niemand weiß, wie groß er wirklich ist.
Wir schlängelten uns zwischen Abertausenden von Menschen hindurch, die einen auf der Suche nach
dem Günstigsten, die anderen meist auf dem Boden neben ihrer Ware, manchmal nur einem Reisigbündel, geklammert an den Gestus des Verkaufens. Etliche lagen auch bloß im Dreck, Aufgegebene, in einer starren Bettelhaltung, lepröse Hände, die sich eben noch zum Münzeinwurf eignen, weit von sich gestreckt; und viele Torsi, Kriegsopfer, die hier morgens abgesetzt werden und abends wieder eingesammelt. Aus der Menge ab und zu ein böser Zuruf, der mir galt: »Russian!« Ansonsten war es seltsam still; das Gefeilsche gedämpft, als sei es nicht schicklich, und Bekele, der mir leise aus seinem Leben erzählte, war bis auf weniges gut zu verstehen.
Er sei fast ein Jahr im Gefängnis gewesen, sei aber dann entlassen worden, weil er den neuen Menschen vorgetäuscht habe; »they tried to architect me.« Nach den Säuberungen 77/78 seien die Gebildeteren knapp geworden, und die Verantwortlichen hätten eingesehen, daß nicht alle Brillenträger Konterrevolutionäre seien. Tesfaye, seinen besten Freund, habe man umgebracht - »they beat him to death« -, er selber sei davongekommen, weil er sich schon zu Kaisers Zeiten angewöhnt habe, seinen Unmut anders loszuwerden: »I talked to the wall.«
Auf dem Rückweg wechselte dann Bekele auf einmal das Thema und kam auf seine gegenwärtigen Probleme. Ein holländischer Bekannter habe ihm ein Tonbandgerät geschickt, das er aber nur von der Post abholen könne, um es dann gut zu verkaufen, wenn er zuvor den Zoll bezahle, und das seien dreihundertachtzehn Birr; ich könne ihm das doch sicherlich borgen. - Darüber ließe sich rede. Wenn ich die Adresse seines DDR-Freundes bekäme. - Das sei zu gefährlich. - Was denn sein Freund hier so mache. - Der habe einen leitenden Posten bei der IFA, einem DDR-Servicebetrieb, der vor allem für die Wartung der gelieferten Fahrzeuge zuständig sei. - Ich bräuchte seinen Freund ja auch gar nicht persönlich zu sprechen; es reiche mir schon aus, wenn er in Erfahrung bringen könne, wo DDR-Berater zum Beispiel ihre Freizeit verbrächten, aber nicht die technischen, sondern die politischen Berater - dann sei das kein Problem, ihm Geld zu leihen. »I will give you a message«, sagte Bekele - und verschwand.
Ein paar Tage später, ich hatte noch keine Nachricht erhalten, stand im Ethiopian Herald eine kurze Notiz über ein Attentat auf Reagan, sehr neutral gehalten, keine schlafenden Hunde weckend. Über die einschneidenden Benzinpreiserhöhungen, von der hier jeder sprach, kein Wort. Die Taxifahrer verlangten auf einmal fast doppelt soviel, und so ging ich am späten Nachmittag wieder zu Fuß zum Hilton, zu einer Verabredung mit einem Schweden, der sich auskennen sollte. Nach einem Drittel des Weges plötzlich mein alter Bekannter, für dessen Miete ich aufgekommen war. »How about the money?« fragte ich ihn, und darauf erzählte er mich den zweiten Teil der Geschichte.
Seine Jacke, die er im Hotel tragen müsse, sei in der Wäsche, und er könne sie nur abholen gegen Barzahlung. Holte er sie aber nicht, könne er auch nicht arbeiten und bekomme infolgedessen auch am Zahltag keinen Lohn und könne also auch seine Schulden bei mir nicht begleichen - zehn Birr.
Diesmal schien es mir noch unvernünftiger, ihn nicht zu unterstützen, ich gab ihm das Geld, und er küßte mir die Hände. Anschließend traf ich den Schweden und fragte ihn über die politischen Verhältnisse aus. Später traf ich einen Italiener, der nicht glauben wollte, was mir der Schwede anvertraut hatte. Danach suchte ich den Bauingenieur.
Für den Heimweg nahm ich doch lieber ein Taxi, ließ mich in Hotelnähe absetzen, bezahlte viel zuviel und ging dann noch ein bißchen auf und ab, zum ersten Mal um diese Nachtzeit.
Ich ging langsam, und schon nach wenigen Metern tauchten junge Frauen aus der Dunkelheit auf. Schlanke Mädchen mit freundlichen Augen, in Sonntagskleidern mit einem Schimmer Chichi. Sie grüßten mich, faßten mich an, baten um Zigaretten, machten mir Vorschläge, sprachen kein Wort über Geld, wollten mich nicht gehen lassen. Eine von ihnen konnte ein paar Worte Deutsch: »Wie geht es dir? Sozialist-Deutschland?«, und ich versuchte mir ihr Gesicht einzuprägen.
Im Hotel lag eine Nachricht für mich, die lang erwartete. Kein Zettel diesmal, sondern ein Brief, mit Klebestreifen gesichert. Ich öffnete ihn erst im Zimmer und fand darin ein Stückchen Stadtplan von Addis Abeba mit einem eingezeichneten Kreis, unter welchem »Tomorrow 6 p.m« stand und »Don't forget the money!« Der Gedanke, daß es vielleicht eine Falle sein könnte, kam und ging, und ich schlief in Intervallen.
Anderentags versuchte ich zu arbeiten, dachte an meinen Auftrag und hatte das Gefühl, nicht weiterzukommen. Ich las Artikel über Äthiopien, die in letzter Zeit erschienen waren. Immer wieder das gleiche: Mengistu der neue Haile Selassie und das Ganze nur ein Moskau-Satellit. Dazu Äußerungen ungenannten Diplomaten, mühelos zurückzuführen, und natürlich Anekdoten, wie man sie auf Fahrten in Botschaftslimousinen zu hören bekommt, in der Warteminute an der Ampel, wenn sich die Krüppel an den Scheiben drängeln und man sich zum Geradeaussehen zwingt.
Gegen Abend rief ich im Hilton Hotel an, ließ mir Herrn Zaunkönig geben, den ich mittlerweile sehr mochte, und sagte, für Hinzugeschaltete auch noch in englisch, daß ich ihn vor der Sperrstunde noch einmal anrufen würde; falls nicht, sollte er sich kümmern. Dann steckte ich das Geld ein ung ging.
Der Treffpunkt lag irgendwo zwischen Ober- und Unterstadt, an einer der breiteren nichtsasphaltierten Straßen, gegenüber einer kleinen Kirche, vor der ein Andrang herrschte. Bekele war noch nicht da, und ich lehnte mich an eine Tonne. Vor den Hütten bereiteten Frauen die Abendmahlzeit vor oder wuschen ihre Kinder mit Regenwasser ab. Die Männer gafften mich an. Je länger ich dastand, desto mehr wurden aufmerksam und rückten näher, und ich fing sie, einen nach dem anderen, an zu fürchten.
Endlich sah ich Bekele von weitem. Er gab mir ein Zeichen und ging, und ich folgte. Er bog in einen Seitenweg ein, der übersät war von Pfützen, gefährlich tiefen Schlaglöchern, und blieb dann vor einer Umzäunung stehen, hinter der ein verwilderter Garten begann.
Ob ich das Geld mitgebracht habe. - Ob er mir was sagen könne. - Ganz in der Nähe sei ein Lokal, »go there and open your eyes.« - Wo das genau sei. - »First the money.« Ich gab ihm dreihundertzwanzig Birr, und Bekele zeigte auf den verwilderten Garten. Wie es nun weiterlaufe, fragte ich ihn. Nächste Woche brauchte ich das Geld. »No problem«, sagte Bekele, »I give you a call«, und drehte sich um.
Durch den Garten führte ein Kiesweg, und an dessen Ende stand ein runder, einstöckiger Holzbau mit kegelförmigem Dach, unter großen Bäumen, in denen Hunderte von Geiern saßen, schwarze Brocken, die ab und zu die Flügel öffneten und wieder schlossen; Geräusche wie von schlagenden Flaggen.
Ich ging über eine Treppe auf eine Verandy und betrat dann einen runden Hauptraum. An der Wand entlang Sitzkissen, davor kleine Tische, zwei Europäer die einzigen Gäste. Ich setzte mich drei Tische weiter. Die beien Männer - Anfang und Ende Fünfzig. Der jüngere mit einem stillen Schnupfen, fortwährend mit Abwischen beschäftigt. Er trug ein Netzhemd, dessen Farbe schwerlich zu bezeichnen ist, es sei denn mit DDR-Netzhemd-Rot. Der etwas ältere Mann war hager, trug Levis und ein Khakihemd und steckte sich mit seinem Zigarettenrest die nächste an. Die beiden sprachen deutsch, der eine mit sächsischem Einschlag, der andere mit alemannischem. Als die Bedienung kam - eine Kinderbibelschönheit -, rief sie der mit dem Netzhemd heran, in einem fehlerlosen Englisch, dem man jedoch die ganze Verachtung für das Ambiente dieser Sprache anmerken konnte. Er erkundigte sich bei ihr nach einem Herrn Schinke, brachte aber nichts in Erfahrung. Danach kam die Bedienung zu mir, und ich gab ihr meine Bestellung; auf italienisch, was hier nicht ungewöhnlich ist. Die beiden Männer sahen kurz herüber und unterhielten sich dann weiter.
Offenbar kannten sie sich schone eine Weile, von einem zurückliegenden Besuch des Mannes mit dem sächsischen Akzent, und bedauerten beide, daß jener Herr Schinke nicht da sei und man daher keinen Skat spielen könne. Von da an hörte ich nicht weiter zu, sondern dachte über den Eröffnungssatz nach; ich war ziemlich sicher, daß mir der Bauingenieur Zaunkönig in einem Tag die Grundregeln des Skatspielens beibringen könnte.
»Entschuldigen Sie«, sagte ich schließlich, »ich bin ihr dritter Mann, wenn Sie wollen. Ich muß nur leider jetzt gleich weg. Morgen abend?« - »Prima«, sagte der ältere von beiden und bot mir einen Platz an. Ich müsse ja wirklich gleich gehen, stellte ich noch einmal fest, trank meinen Kaffee und legte einen Geldschein auf den Tisch. Er esse hier immer zu Abend, sagte der etwas jüngere Mann, so gegen halb sieben, und Herr Kromer komme dann gegen halb acht, ich könne doch mit ihm zusammen essen: »Dünnpfiff kriegen Se auch im Hilton.« - »Gut«, sagte ich, »bis morgen dann«, ging hinaus und suchte mir ein Taxi.
Harald Zaunkönig war im Viking Club, einem kleinen Schuppen am Rande einer Ausfallstraße, in einem offenen Gelände, nur ein paar Hütten ringsum, ein paar Schafe, einige Feuerstellen, einige Menschenbündel. In dem nur durch eine grüne Birne beleuchteten Raum etwa zwanzig Frauen, die an den Seiten saßen, wie in der Tanzstunde. Auf der Tanzfläche, klein und häßlich, ein betrunkener Japaner. »What a difference a day makes« aus einem alten Grundig-Plattenspieler. »Cool bleiben«, sagte der Bauingenieur, »das bring' ich dir bei«, bezahlte und fuhr mit mir zum Hilton. Auf seinem Zimmer riß ich Blätter aus meinem Notizblock und bezeichnete sie als Karten. Und nachdem der Servicekellner Bier gebracht hatte, fing der Unterricht an.
Am nächsten Tag, ich hatte im Hilton übernachtet, übten wir noch bis um zwölf; mehr war nicht möglich, da der Bauingenieur am Nachmittag nach Saudi-Arabien zurückfliegen sollte. Wir verabschiedeten uns vor meinem Hotel, und ich winkte seinem Taxi hinterher. Später erkundigte ich mich nach dem Hotelangestellten, dessen Gläubiger ich war, doch niemand kannte ihn, und seine Geschichte war damit zu Ende, immerhin: was sind schon dreißig Birr gegen eine gute Geschichte?
In meinem Zimmer ging ich noch einmal in Ruhe das Skatspielen durch, steckte dann zwei meiner Bücher ein und brauch auf.
Der Mann im Netzhemd saß allein und massierte sich die linke Wade. Man habe eben zuwenig Bewegung. - Da habe er recht; kaum gehe man hier abends vor die Tür, werde man von Frauen angequatscht, da bleibe man doch lieben im Hotel. Ich verstünde das gar nicht. Ob die wirklich so arm seien, daß sie sich verkaufen müßten. - Hier hungere niemand. - Eingeweihte sprächen aber von Versorgungsengpässen. - Unsinn. Er kenne hier die Menschen, er kenne die Gegebenheiten - und er begann, nichts Neues zu erzählen.
Mich interessiert ja nicht, unterbrach ich ihn nach einer Weile, was er hier so mache und woher er komme; aber vielleicht könne er mir doch ein bißchen was erklären. Woch ich herkäme, sei ja klar. Ich lebe als Schriftsteller dort, und es fehle mir natürlich an Praxis, daher diese Reise; er dagegen stecke ja wohl drin im Leben und wisse, wie sich hier der neue Staat entwickelt, wie sich das hier alles so aufbaut.
Er vielleicht nicht so, sagte mein Gegenüber, »verstehen Sie?«, aber ein guter Bekannter, also egal; was ich denn so schriebe. Und ich überreichte ihm mein Buch über das Frankfurter Bahnhofsviertel, »als Geschenk, wenn Sie erlauben«. Es sei total verrissen worden in der FAZ, na ja, die bürgerliche Presse ....
Oh, er kenne die westdeutsche Presse, bis hin zur Welt; aber ob ich ihm nicht eine Widmung hineinschreiben wolle. - Selbstverständlich. Wie er denn heiße. - »Rolf Dieter Üding. Mit Bindestrich bitte.«
Herr Üding bedankte sich mehrmals, und wir sprachen dann kurz über Literatur. Ich erwähnte Hermann Kant, o ja, den schätze er sehr; bei Kafka hingegen habe er seine Probleme, immer gehabt, der gehöre ja auch hier gar nicht hin, wenn schon, dann Brecht, den müsse er auf jeden Fall noch nennen; und über Brecht kamen wir wieder zum Thema.
Sein Bekannter, der sei der der Gewerkschaft, FDGB, wohne in Berlin und leite hier die Aufbauarbeit. »Kaderschulung, verstehen Sie?« Da kämen dann die Funktionäre aus den einzelnen Regionen, Leute, die ein bißchen schreiben könnten und auch wüßten, wer Marx sei, logisch, »also keene Bauern oder Tellerwäscher«, und er, das heißt sein Bekannter, halte dann Seminare auf englisch, die gleich ins Amharische übersetzt würden, »um da Struktur hineinzubringen.«
»Oder um alte Strukturen zu erhalten, kann das sein? Die Vorherrschaft der Amharen; in die Tigrinya und Oromo-Sprache wird ja wohl nicht übersetzt.« - Das sähe ich nicht richtig, sagte Herr Üding. Das Amharische habe sich ja nun mal durchgesetzt, und eine gewisse Vereinheitlichung sei geradezu notwendig. Es gebe zwar schon dreihundertfünfzigtausend Gewerkschaftsmitglieder, aber die hätten bisher noch keinen Kongreß abgehalten, »ja, warum wohl?« - »Es gibt ja auch noch keine Verfassung; es gibt ja noch nicht mal ein wirksames Arbeitsrecht, und die Regierungsspitze nennt sich ja auch Provisional Military Administration Council ...«
Eben. Aus diesen Gründen bräuchte man ja Massenorganisation, eine funktionierende Einheitsgewerkschaft; daraus ergebe sich dann alles andere. - »Auch die Bestätigung des Provisoriums?« - Alles müsse vorbereitet werden, »na, und da sind wir eben behilflich.« Die Kindelbibelschönheit kam, fragte nach unseren Wünschen, und Herr Üding empfahl mir Injera und Wott.
Einiges sei mir noch unklar, sagte ich nach einer kurzer Pause. Die »All-Ethiopia Trade Union« sei 1975 gegründet worden, und 1977, so hätte ich von durchaus kritischer Seite gehört, sei ihr Aufbau abgeschlossen gewesen. Zwei Jahre später nun, im Dezember 1979, habe man eine »Kommission zur Organisierung der Partei der Werktätigen Äthiopiens« ins Leben gerufen, die sogenannte COPWE, in der es aber so gut wie keine Gewerkschaftsvertreter gebe; und mir sei auch bekannt, daß zwei sowjetische Versuche, eine Partei aus dem Boden zu stampfen, praktisch gescheitert seien.
»Es fehlt an Kadern«, sagte Herr Üding, »Kader sind die Zellen für den neuen Staat.« - »Den neuen Staat?« - »Na, das ist doch alles noch im Übergang begriffen, der Sozialismus kommt doch erst!« - »Un die Sprüche im Ethiopian Herald?« - »Zukunftsmusik«, meine Herr Üding, »aber deshalb ja noch lange nicht verkehrt.« - Mag sein. Aber er müsse ja wohl zugeben, daß das seine Landsleute seien, die diese Zukunftsmusik dirigierten. Ich sei in dem Verlagsgebäude herumgeführt worden; man habe mir zwar nur den Offset-Druck erläutert, aber die großen Honecker-Bilder seien nicht zu übersehen gewesen; und im übrigen: wie er das fände, wenn in einem volkseigenen DDR-Betrieb überall das Porträt irgendeines Schwarzen hängen würde.
»Erstens«, wies mich Herr Üding zurecht, »ist Erich Honecker nicht irgendein Weißer, und zweitens kann man das gar nicht vergleichen; die wollen uns ja als Vorbild!« - »Dann ist das alos doch kein Märchen, daß das hier ein Satellit von Moskau ist?« Herr Üding nickte ein paarmal ganz rasch und schmunzelte gegen mich an. Das kenne man ja, derartige Thesen. - »Gut. Also ist das hier was völlig anderes als Afghanistan.«
Kurzes Schweigen; und dann plötzlich: »Der Dauerbrenner in Ihren Medien: Kommunismus unterstützt den Terrorismus!« - »Behaupten Ihre Leute aber auch: Imperialismus fördere den Terrorismus.« - »Na, müssen wir streiten über El Salvador?« - »Nein, und über Afghanistan auch nicht. Allerdings über Äthiopien, da kann man sich streiten.«. Und Herr Üding öffnete die Hände und lehnte sich zurück.
Einer, der es wissen müsse, habe mir versichert: »Die Sowjets können doch hier nur an der Oberfläche kratzen. Und beliebt sind sie auch nicht.« - »Was heißt hier beliebt?« rief Herr Üding, »ich meine, was heißt denn beliebt?« - »Daß man nicht gerade gehaßt wird, oder? Die sowjetische Hilfe hat manja zu Anfang dankbar angenommen. Als die Amerikaner bezahlte Waffen nicht mehr liefern wollten. Die gegen Somalia benötigt wurden. Das angegriffen hat. Aber dann wurde Abhängigkeit aus dieser Waffenhilfe; Abhängigkeit - nicht gut für die Liebe.«
»Also wir sind sehr beliebt hier«, entgegnete Herr Üding. »Wir helfen denen ja wirklich, zum Beispiel bei der Ernte, da kommen hier die FDJ-Brigaden rüber und packen mit an. Und alles mit Traktoren, die wir denen doch geschenkt haben, quasi.« - »Für die die Rechnung ein halbes Jahr später dann kam.« - »Für Ersatzteile, die Rechnung für Ersatzteile; woher wissen Sie das überhaupt?« - Ich hätte auch einen Bekannten, sagte ich ihm und war erleichtert, als in dem Moment das Essen aufgetragen wurde. Dünne, feuchte Brotfladen auf großen Tellern, dazu eine rostrote Sauce mit Hühnerteilen und hartgekochten Eiern.
»Das ist wirklich alles noch im Übergang begriffen«, meinte Herr Üding nach ein paar Happen noch einmal, »schmeckt's?« - »Es schmeckt mir.« - »Das schmeckt eigentlich immer; denn sehen Sie, es gibt ja immer noch Kräfte im Land, die das Rad zurückdrehen wollen, dieser Kampf ist doch noch nicht zu Ende.« - »Und da sind Sie auch behilflich, bei der Beendigung?«
Herr Üding nickte wieder ein paarmal und schloß dabei die Augen; er wisse schon, was ich meine. - Das pfiffen ja hier auch die Spatzen vom Dach, daß es mindestens dreihundert DDR-Leute bei Polizei und Geheimdienst gebe. - Das seien dann aber westliche Spatzen. Propaganda, Hetze; einseitig.
Und woher könne ich dann wissen, daß nicht nur die DDR dort mitmische, sondern auch die Bundesrepublik in diesem Sektor ihren Anteil habe: daß es zu den größeren bilateralen Projekten zähle, Ausrüstungshilfe für die äthiopische Polizei zu gewähren. - Woher ich das nun wieder habe, wisse er auch nicht. Vielleicht sei aber beides eine Ente, und wenn ich nicht bewiesen hätte, daß ich Schriftsteller sei, »ich meine Künstler«, er würde es jetzt nicht mehr glauben. »Sie sind so schrecklich verbohrt, wir arbeiten hier doch nicht gegen die Leute. Wir erzählen denen nur, wie das bei uns gewesen ist, da wurde eben gleich zu Anfang reiner Tisch gemacht, nur noch antifaschistische Lehrer, und wenn die Blume mit H geschrieben haen; aber rein, unser Tisch.« - »Aber hier doch wohl auch, ziemlich rein sogar.« - »Das ist bei jeder Revolution so.« - »Nur daß die Leute jetzt fehlen.«
»Na, deshalb sind wir ja auch hier«, fügte Herr Üding meiner Bemerkung hinzu, tupfte seine Nase ab und winkte Herrn Kromer, der hereingekommen war. »Ist Schriftsteller, unser Herr Kirchhoff!«, rief er ihm zu und deutete auf mein Buch; »das ist doch Ihr richtiger Name, oder nicht?« - »Ja«, sagte ich, »das ist mein richtiger Name«, und begrüßte Herrn Kromer.
Das Skatspiel war glimpflich verlaufen; schließlich wurde ich sogar gelobt und für das Wochenende wieder aufgefordert. »Besser als keiner«, hatte Herr Kromer gesagt - Erhard Kromer, Betriebswirt, Kaffee-Experte.
Am übernächsten Tag, nach einem Abendessen im »Cottage« - Europäertreffpunkt, gute Weine, Anekdoten -, ging ich den kurzen Weg zu meinem Hotel und sah mich nach der jungen Frau um, die mir ihre Deutschkenntnisse vorgeführt hatte; die anderen Frauen schickte ich fort, und auf einmal stand sie neben mir.
Ich fragt sie, wieviel, »just for talking«, und sie sagte: »Five for the room.« - »Und für dich?« - »What you like.« Doch damit konnte ich nichts anfangen, ich brauchte eine Zahl, wollte auch wissen, wie billig sie sich abgibt; »ten?« Und sie sah mich an, als habe sie Mitleid: »No money? Come on ...«, und ich wich ihr aus, und sie meinte: »Okay«, nahm meine Hand, und ich bekam Angst: »Not today. Maybe tomorrow.«
»Tomorrow I can be dead«, sagte sie, und ich ließ mich von ihr abführen. Zunächst ein Stück auf einem Trampelpfad, an einigen Hütten vorbei, vor einer zwei Männer mit Karabinern. Nach etwa fünfhundert Metern bog sie links ab. Wir liefen über einen Hof, auf einen flachen Blechbau zu und betraten einen Vorraum - hellgrün gestrichene Wände, ein Bildchen vom Comrade Chairman, ein Bildchen von Barbra Streisand. Plötzlich ein Junge, nicht älter als zwölf, auf einen Stock gestützt, das eine Hosenbein halbleer. Die Frau an meiner Seite wechselte ein paar Worte mit ihm. Danach gab sie mir ein Zeichen, ich reichte dem Jungen das Geld, und er humpelte voraus. Durch einen Gang, an dessen Ende sich zwei niedrige Türen befanden. Er öffnete die rechte, zündete eine Kerze an und ließ uns allein.
In der Kammer stand eine Pritsche, auf der eine Wolldecke lag, und neben der Pritsche stand ein Hocker. Die Frau schloß die Tür und hängte ihr Halstuch vor das Schlüsselloch; »'cause the boy is always looking.« - Ob er Englisch verstehe. - »Nein. No problem.« Sie fing an, sich auszuziehen, und ich winkte ab. Beleidigte sie aber offenbar damit, entschuldigte mich und sagte: »Go ahead, please.«
Unter ihrem Sonntagskleid trug sie ein Leibchen und darunter eine erschreckende Hose; vielleicht erschreckte mich auch ihr Körper, das Nichtvorhandene daran, diese Kluft zwischen den Oberschenkeln, und ich fragte sie, ob sie nicht friere. »Ein bißchen«, sagte sie auf deutsch. Dann solle sie sich wieder anziehen, ich habe sie ja jetzt gesehen. »No fucking?« - »Just talking«, und ich stellte ihr Fragen.
Sie heiße Denit und habe die paar deutschen Worte alle von Rainer. Rainer »from the GDR« sei öfter hier gewesen, »at this place«, und daher ihr Freund, sei aber jetzt im Süden, als Adviser, und komme nur noch einmal im Monat. - Wen er denn berate. »Military?« - »No.« - »Farmers?« - »He is not a farmer.« - »Secret Service? At the country-side?«
Denit legte mir den Zeigefinger auf den Mund, und ich schob ihn beiseite; wie lange es die Räume hier schon gebe. - Immer schon. - »Also auch während der Revolution?« - »No problem.« - Und wie sich das heutzutage abspiele; ob so was denn erlaubt sei. - Man müsse nur bis Mitternacht zu Hause sein, bis zur Curfew, »when socialism starts.«
Sie sei wohl Studentin. - Ja, sie studiere, komme aber nicht von hier. Sie komme vom Land und habe schon mit fünfzehn heiraten müssen, sei aber dann geschieden worden, nach der Revolution, habe Lesen und Schreiben gelernt und studiere nun Schreibmaschine; »typing«. - Ob sie religiös sei. - Sie gehe zur Kirche. - Was Rainer davon halte. - »He didn't put that question«, aber warum mich das so interessiere.
»I don't know«, flüsterte ich; vor der Tür waren auf einmal Geräusche. Ich holte zwanzig Birr aus meiner Tasche und steckte sie ihr zu. »Why?« fragte sie erstaunt, »why?« - »I want to come home, understand?« Und Denit nahm mich in die Arme, sagte einen lauten Satz auf amharisch, und irgend jemand zog sich zurück. Keine Angst, gab sie mir zu verstehen, und wir gingen leise nach draußen; ich sei ja nun ihr neuer Freund.
Als ich ins Hotel kam, grinsten die Portiers, und an der Rezeption hinterlag eine Nachricht. Wieder ein Brief, in dem ein kleiner Stadtplanausschnitt war mit Kreuzchen und Uhrzeit, aber erst am nächsten Montag, und darunter geschrieben: »Don't worry about the money, okay?«
Seine Kollegen hier genierten sich ein bißchen, ihn zu sich einzuladen, kein Wunder, die hätten ja auch nichts, und da sei das Wochenende eben immer ein Problem, und jetzt noch dieser Feiertag dazu. Bei seinem letzten Besuch, im vergangenen Herbst, seija mehr losgewesen, seine Handballmannschaft sei dagewesen, »unsere Jungs zum Höhentraining«, und hätten auch mal gegen die Äthiopier gespielt. »Mach doch mal die Beene breit! hat der Trainer immer unserm Torwart zugerufen.«
Aber seine Kollegen seien doch auch für länger hier, die müßten sich doch eingerichtet haben. - Nur ein paar, die Stützpunktleiter, die hätten auch Familie hier, aber sonst: »Alles junge Kerle zwischen zwanzig und dreißig, die für ein halbes Jahr hier rüber kommen, vorher acht Wochen Englisch, Intensivkurs, und dann hier aufs Land, mit Flöhen und Kakerlaken pennen, kein Vergnügen. Aber die packen dort zu und bilden gleichzeitig aus, in allen Bereichen.« - »Und wer organisiert so was?« - »Das geht alles von der FDJ aus. Wir lassen uns das schon was kosten; wir stecken doch was rein in usnere Jugend.« - »Das kann man sagen; das stimmt.« - »Natürlich stimmt das. Denken Sie doch nur mal an den Sport!« Und damit kam er auf sein Lieblingsthema.
Rolf-Dieter Üding kannte »alle unsere Weltrekorde«, räumte jedoch ein, daß es, »in Einzelfällen, wohlgemerkt«, auch gewisse Rückschläge gebe, »Stabhochsprung, das hat ja jetzt der Pole, diese Fünfdreiundsiebzig, da gibt's bei uns jetzt keinen, im Moment.« - Und der Weitsprungweltrekord?« fügte ich hinzu, »der bleibt ja wohl auch noch eine Weile im Ausland, diese acht Meter neunzig.« Herr Üding schmunzelte auf seine verneinende Weise und deutete mit beiden Zeigefingern einen knappen Dreißigzentimeterabstand an. »Nur noch so ein Stückchen fehlt da unserem Mann, und da liegt auch noch was drin. Die Grenzen sind noch lange nicht erreicht.« - »Aber irgendeine Grenze, zum Beispiel über hundert Meter, wird doch mal das Äußerste sein.« - »Na ja«, meinte Herr Üding, »keene Zeit geht nun mal nicht; Null Null über hundert Meter wern wa ja wohl nie erreichen.«
Ich nickte, und wir schwiegen eine Zeitlang, und dann fragte er mich plötzlich, wie das denn nun mit der Startbahn West sei. Er könne das gar nicht verstehen, »da hat Ihre Wirtschaft doch Interesse dran«; er habe ja in Frankfurt auch schon mal fast eine halbe Stunde auf seinen Take-off gewartet, »also ist das doch mit dieser Startbahn keine Frage.« - Nein. Wie er darauf komme?
Montag, sechster April, vierzigster Jahrestag der Vertreibung der Faschisten; Paraden in Addis Abeba, viele Italiener. Ich lief durch die Stadt und fühlte mich zum ersten Mal sicher. Meine Skatkenntnisse hatten sich inzwischen gefestigt.
Gegen Abend traf ich mich dann mit Bekele. Er habe Interessenten für das Tonbandgerät, versuche aber den Preis noch zu treiben. Wir gingen über den jetzt menschenleeren »Revolution Square« und setzten uns später auf die hölzerne Seitentribüne, auf der sich tagsüber die Geier ausruhen, einer neben dem anderen. Wir waren allein, und ich erkundigte mich bei Bekele nach dem Leben auf dem Lande. Nach dem Verhältnis zwischen Bauern und Landarbeitergewerkschaft; zwischen den Menschen, die fast neunzig Prozent der Bevölkerung ausmachen und allein mit ihrer Kaffeeproduktion für etwa siebzig Prozent des gesamten Exporterlöses sorgen, und jener Aufsteigergruppe von Funktionären, die vermutlich durch die Kaderschulung geht.
Wer ein bißchen geschickter sei, ein gewisses Propagandatalent habe, ein paar sozialistische Sprüche nachbeten könne, der könne Chairman werden in der Landarbeitergewerkschaft, der weitaus größten des Landes, und damit auch eine begrenzte Gerichtsbarkeit ausüben. Dies aber habe nun dazu geführt, daß das Bakschisch-System blühe und viele Bauern nahezu ungehemmten Schwarzhandel betrieben; dazu seinen sie geradezu gezwungen, denn vom Erlös des Teiles ihrer Ernte, den sie für die Kooperative erzeugten, gingen, unabhängig von der Einzelleistung, so viel Steuern ab, daß nicht wenige Bauern sogar noch ihre Kinder zur Arbeiten schicken müßten. Es sei zwar die Willkür der Landlords mit der Landreform beendet worden, aber an der Armut auf dem Lande habe sich so gut wie nichts geändert, da ja der Staat, ohne Industrieexporte, ganz auf die Ausbeutung der Bauern angewiesen sei. Und um den Opfern, die die Menschen auf dem Lande brächten, einen Sinn zu geben, dafür seien die Funktionäre unter anderem da; »they have to make it glitterin.«
Zwei Äthiopier setzten sich in unsere Nähe, und Bekele stand auf. Wir liefen noch ein paar Minuten durch die Dunkelheit, und ich fragte ihn noch einmal nach dem Geld. - Spätestens am Wochenende; aber ob ich denn zufrieden sei mit der Kontaktadresse. - Ich sei sehr zufrieden, und was das andere betreffe: »No problem.«
Am selben Abend, keine dreißig Meter vom Hotel entfernt, kurz nach zehn. Ich wollte noch mal mit Denit reden, sah mich nach ihr um und erschrak, als plötzlich ein Mann neben mir war. Leise und ohne mich anzusehen dabei, teilte er mir mit, daß die Frauen hier doch alle krank seien und außerdem schon viel zu alt; »I'll show you the babies.« -»I'll be right back«, sagte ich, ging ins Hotel, ließ dort alles Geld bis auf zehn Birr und ging wieder hinaus.
Der Mann stand inzwischen woanders und gab mir zu verstehen, daß ich ihm mit Abstand folgen solle. Er lief in Richtung Hilton, bog dann irgendwann rechts ab, lief an einigen winzigen Läden vorbei - in einem nur Bananen und Karl Marx -, bog dann noch einmal ab in einen Seitenweg und wartete auf mich vor einer langen Wellblechwand. Als ich herangekommen war, öffnete er eine Art Tür und ließ mir den Vortritt. Ich kam in einen Hof, in dem alte Autos standen. Der Mann verschloß die Öffnung in der Blechwand und ging wieder voraus, zu einer schwarzen Limousine. Er machte die hintere Wagentür auf und leuchtete mit einem Zündholz hinein; auf dem Rücksitz saßen zwei Mädchen, beide nicht älter als acht. Der Mann sah mich erwartungsvoll an und sagte nach ein paar Sekunden: »They will suck you, okay?«
Ich gab ihm die zehn Birr und antwortete: »Thank you«, und er fragte mich, woher ich sei. »Germany. You know, which part?« - »I know«, sagte der Mann, nahm meine Hand und schüttelte sie und deutete dann wieder auf die Mädchen. »You will like them both, my friend.« - »I am sorry. These girls are very young.« Und der Mann voller Stolz daraufhin: »That's my children, Sir!«, bedankte sich für das Geld und brachte mich noch bis zum Ausgang.
Früher Sonntagnachmittag, große Hitze; Herr Üding und Herr Kromer hatten schon auf mich gewartet. Bis vier Uhr spielten wir ununterbrochen. Dann wurde Kaffee bestellt, und das Thema, über das ich reden wollte, kam auf den Tisch.
Der Kaffee sei hier ja das Beste; die müßten doch eigentlich reich werden können mit ihrem guten Kaffee. - Natürlich, meinte Herr Kromer, deswegen sei es ja zum Verzweifeln. Er habe noch nie so wenig »job satisfaction« gehabt. Seit sechsundzwanzig Jahren berate er in Afrika, aber so was ... Er werde zwar sehr gut bezahlt, müsse auch gar nicht mehr »schaffe«, brauche jedoch die »job satisfaction«, aber hier ... Seitenblick auf Herrn Üding, der seine Augen kurz schloß.
Die hätten ja in den Kaffee-Kooperativen noch nicht mal eine Buchführung, und das bei Monatsumsätzen von anderthalb Millionen Birr und mehr. Das trage dann einer mit sich herum, »in 'nem Lädersäckel, stimmt's?« Auf fünfundachtzigtausend Tonnen belaufe sich jetzt der Jahresexport, und das Zehnfache könnte es sein. Der Kaffee wachse hier doch nur so; nur bringe man keine Äthiopier dazu, die Bäume zu schneiden, wenn sie zu hoch seien, »und wenn da oben noch zwei Blüten drauf sind, schon gar nicht.« Seitenblick zu Herrn Üding, der wieder seine Augen schloß und dazu ein paarmal nickte.
»Und dann der schwarze Inlandsmarkt! Ha, die saufen eben selber gerne Kaffee, und obendrein der Schmuggel; ja, was glauben Sie, was auf den Kooperativen so alles verschwindet und was da manchmal mit dem Geld passiert, ich meine, nehmen Sie mir's bitte nicht übel, Herr Üding, aber die kleinen privaten Verkaufsorganisationen, die es hier überall gibt, in die der Kaffee aus den paar Hektar Boden fließt, die man den Bauern noch gelassen hat, die sind straffer geführt; marktwirtschaftlich.«
Herr Üding schloß diesmal länger die Augen, nickte rasch und anhaltend und spitzte dabei seinen Mund, und Herr Kromer holte etwas weiter aus. Man habe den Bauern zwar das Versprechen gegeben, nach der Landreform, ihnen den Boden, den sie selbst bestellten, irgendwann zu übereignen, habe das aber dann bald wieder vergessen und Kooperativen gegründet, und das sei ja nicht das Endziel; das Endziel sei ja wohl die Staatsfarm. Kolchosen, wo es dann keine private Nebenwirtschaft gebe, der Bauer Lohnempfänger werde und die Versorgung dadurch noch mieser, »stimmt's, Herr Üding, das wollen doch hier die Russen?«
Er gehe im Kreml nicht ein und aus, entgegnete Herr Üding und setzt hinzu: »Aber bei uns funktioniert das ja auch: LPG, Typ drei.« - »Da werden doch die Lahmen mitgeschleppt, bei Ihnen«, erwiderte Herr Kromer, woraufhin Herr Üding lebhaft wurde: »Wir haben ein ganz hartes Leistungsprinzip! Da stehen wir Ihnen in gar nichts nach!« - Weshalb man hier, bei solchem Vorbild, dann nicht auch so tüchtig sei, fragte ich die beiden Experten. Das sei ganz einfach, erklärte Herr Kromer. Die könnten hier doch alle sehr viel mehr erzeugen auf ihren Kooperativen, die würden sich aber hüten. Sobald die nämlich ein bestimmtes Soll erfüllten, würden die doch reif sein für die Staatsfarm. Nein, nein, gegen diese Bergbauernschädel sei eine Planwirtschaft machtlos, »keine Chance«; und dann fragte er mich plötzlich: »Was machen eigentlich Sie hier? Sind Sie etwa Journalist? Mit Journalisten rede ich kein Wort mehr.« - Ich sei Schriftsteller, beruhigte ich ihn, das wisse er doch; aber woher er diese Abneigung habe?
Journalisten hätten ihm mal beinahe ein Pojekt geschmissen, eines der wenigen wirklich erfolgreichen, in Burundi. Da habe man privat zusammengesessen, so wie jetzt, getrunken und auch mal Blödsinn geredet, und später seien dann Sätze wieder aufgetaucht, aus dem Zusammenhang gerissen, »mein Hund beißt nur die Schwarzen und so weiter«, das sei dann die Reportage gewesen, pfui Teufel. - Ich fände so was auch abscheulich, sagte ich. Und würde ich was schreiben, über diese Reise, dann bestimmt nicht in der Absicht, jemanden zu denunzieren, vor allem niemanden, der hier zu Hause sei. - Hoffentlich, sagte Herr Kromer; er sei hier nämlich zu Hause, in Afrika, und er wolle auch nicht mehr zurück. Hier sei er nämlich frei, und »daheim« fände er nicht mal mehr Arbeit.
»Das ist eben der Unterschied!« triumphierte Herr Üding; »bei uns ist eben alles gesichert.« - »Sie saget es«, bemerkte Herr Kromer und stand auf. Er müsse jetzt gehen, er müsse früh raus, die Arbeit im Sozialismus sei hart. - Er denke doch nur an sein Geld, wie alle Westdeutschen. - Es sei von unserer Seite schon genug getan worden für den Sozialismus! schlug Erhard Kromer beim Hinausgehen zurück; »zwei von denne drei Herren, die hier überall hänge, häm mir beigesteuert, und einen hämma befördert!«
Nachdem Herr Kromer weggegangen war, schwieg Herr Üding eine Weile. Dann stellte er fest: »Auch nicht so das Wahre, der Kromer und seine Marktwirtschaft.« - Ich könne das nicht beurteilen, habe aber den Eindruck, daß der Sozialismus ebensowenig stubenrein sei, hier jedenfalls. - Es sei ja auch noch keiner, wie oft solle er das denn noch sagen; Mengistu sage das übrigens selber: der Sozialismus komme erst!
Ob er denn wirklich glaube, fragte ich ihn, daß eine fast zweitausendjährige tiefreligiöse Tradition mit dem Ethiopian Herald und mit Straßentransparenten ausgeredet werden könne. Es gebe doch hier immerhin fünfundvierzig Prozent äthiopisch-orthodoxe Christen, über vierzig Prozent Moslems, zwei Prozent Protestanten und dann natürlich die berühmten Sonstigen, nach meiner Rechnung etwa fünf Prozent, wovon dann noch die äthiopischen Juden abgingen, und alles, was dann übrigbleibe, seien wohl Sozialisten; ja, böse Zungen behaupteten sogar, Mengistu sei der einzige im Lande.
Dann müsse ich blind sein. - Aber ob es ihm denn nicht bekannt sei, daß sogar die Frau des Comrade Chairman auf den Knien rutschend wallfahrte, und ob er nicht wisse, daß es hier einen wichtigen Ministen gebe, der die Annahme seines Amtes von der Möglichkeit abhängig gemacht habe, seiner Kirche verbunden zu bleiben; und was er davon halte, daß kürzlich hinter dem Sarg eines Prinzen Tausende von Menschen hergezogen seien.
»Ach, wissen Sie«, sagte Herr Üding, »wir hatten ja auch unsere Übergangsphase; bei uns ging's eben schneller.«
Zwei Tage später vor einem Kino, schräg gegenüber meinem Hotel; ich sah mir gerade die Filmbilder an; Szenen aus Der letzte Saurier, als Bekele auf einmal neben mir stand. Er habe hier auf mich gewartet, sagte er und bat mich, ihm zu folgen. Ich lief hinter ihm her bis zu einer Bushaltestelle an der »Churchill Road«, die heute »Patriotic Road« heißt, was aber kaum einer weiß. Und als ich in seiner Reichweite war, fing Bekele, von mir abgewendet, an zu reden. Er habe mit einem Freund, der so denke wie er, etwas aufgeschrieben für mich, sei dann weggegangen, um neues Papier zu besorgen, und als er zurückgekommen sei, sei sein Freund inzwischen verhaftet worden, und er mache sich nun große Sorgen. Ich glaubte ihm nicht ganz, bekam aber Angst, weil er zitterte, und schlug vor, sich am Sonntagabend im »Cottage« zu treffen, das mir sicher erschien. Er solle aber mein Geld nicht vergessen, ich würde mich inzwischen kümmern; wie denn der Name seines Freundes sei.
Das könne er mir nicht sagen, meinte Bekele, »see you on Sunday«, und verschwand, und ich lief zum Hotel zurück. Der Verdienst eines Arbeiters, hatte mir jemand erzählt, liege hier bei achtzig Birr, der eines Angestellten bei zweihundert, und da lasse man sich schon was einfallen, um einen Europäer weichzuklopfen; »wie schön das hier doch wäre ohne die vielen Äthiopier!« war in dem Zusammenhang gefallen.
Die beiden nächsten Tage blieb ich im Hotel. Ich überlegte mir, ob ich die deutsche Botschaft anrufen solle, unterließ es aber dann; keine Verbindung zu den eigenen Leuten, hatte ich mir vorgenommen. Ich las in meinen Notizen und ergänzte ein paar Stellen. Mittlerweile gab es ein Interesse an der Arbeit. Sozialismus in Äthiopien ging mich immer noch nichts an, war aber ein Gegenstand geworden, der meine ganze Schreiblust auf sich zog. Außerdem fand ich Gefallen daran, eine gewisse Angst zu verfolgen, die ihren Grund nicht in mir, sondern den Umständen hatte; sie in meinem Tagebuch festzuhalten als Ableitung von Äußerlichkeiten: einem kleinen Stück Geschichte, dem ich vorübergehend unterworfen war.
Später ging ich Unterlagen durch. In den fünfziger und siebziger Jahren wurde Äthiopien regelmäßig besucht; zwischen einer Visite von Willy Brandt, im November 1963, und der nächsten Reise einer Frau Herklotz, MdB, im September 1971, klafft ein Loch von acht Jahren. Der englische Guardian vom 14.3.81 spricht voneiner »anti-information policy« Äthiopiens; der Bericht enthielt dann auch nur Diplomatenstatements, offene Geheimnisse. Gleichwohl, vielleicht auch, um herauszukommen aus dem Hotel, verabredete ich mich mit einem, wie es allgemein hieß, »gutunterrichteten« älteren Herrn zu einem Mittagessen bei »Castelli«, dem italienischen Feinschmeckerlokal von Addis Abeba.
Mein Gesprächspartner - beweglich bis elastisch, sehr intelligent, ich hatte ihn kennengelernt bei einer Vernissage in einem der hiesigen Kulturinstitute - kam auf die Minute pünktlich, empfahl Filet mit Pilzen und riet mir von der Zabaione ab.
An den übrigen Tischen vorwiegend Weiße, aber auch ein paar einsilbige äthiopische Frauen, um keinen Blick verlegen. Wohlhabendes Publikum; kein »Geldadel«, wie es im Guardian hieß, sondern Leute, wie man sie auch sonntags beim »Buffet de la Gare« sehen kann, dem unvergleichlichen Kleinbürgertanzspaß (drei Äthiopier: Piano, Schlagzeug, Gitarre; zwei alte Indianer: Ziehharmonika und Tenorsaxophon).
Man habe mir versichert, begann ich den offiziellen Gesprächsteil, daß es hier mehr als zweitausend DDR-Bürger gebe, allein zwei- bis dreihundert im Sicherheitsbereich, dazu militärische Berater, Mitarbeiter in den Medien und natürlich Spezialisten im technisch-landwirtschaftlichen Sektor. - Ja, ja. Das könne der Fall sein, sagte der Gutunterrichtete und winkte jemandem zu. »Na schön. Und wie steht's mit politischen Gefangenen? Die gibt es doch ...« - »Ja, sicher.« - »Über zehntausend, behauptete der Guardian.« - »Das behaupten die Amerikaner.« - »Und was behaupten Sie?« Mein Gegenüber winkte wieder jemandem. »Tausende, aber keine zehntausend.« - »Gut. Und stimmt es, daß man wegen Westkontakten verhaftet werden kann?« - »Vor zwei Jahren; heute nicht mehr.« - »Die Schweden sind da anderer Meinung.« - »Impossible. They are very close to them.« - »Nicht die offiziellen Schweden; die Engländer sind übrigens auch anderer Meinung.«
Der in so vieles Eingeweihte lehnte sich zu mir herüber: die neigten ebenfalls zu Übertreibungen. Wenn auch nicht so wie die Amerikaner. Das beruhe doch hier alles auf Vermutungen. Selbst die Amnesty-Zahlen beruhten auf Vermutungen; »kein einziger Beleg.« - »Aber Folterungen gibt es ...« - »Im dritten Polizeigefängnis, ja.« - »Und Hinrichtungen?« - »Kommen natürlich auch vor. Aber mehr durch Militärgerichte.« - »Ach so. Ja, und dann die Demokratisierung; wird es Wahlen geben irgendwann?« - »Irgendwann bestimmt.« - »Also keine Wahlen.« - »Ja. Das heißt natürlich, nein.« - »Aber ein Satellit von Moskau ...« Er machte wieder Winkewinke. Aber ein Satellit von Moskau, wiederholte ich leise, sei Äthiopien doch nicht.
Das sei es auf gar keinen Fall. - Ja, was es denn dann aber ... - Das Land befinde sich im Übergang. - Richtig ...; und im Übergang zu was, das müsse man doch wissen. - Das müsse man abwarten; wie denn mein Steak sei. - »Very good«, sagte ich. »Nicht zu blutig, nicht zu unblutig; just in the middle.«
Am Sonntagabend wartete ich vor dem »Cottage«, aber Bekele erschien nicht. Schließlich ging ich allein hinein und traf auf die Schweden, mit denen ich mich schon mehrfach unterhalten hatte. Sie erzählten, daß einer von ihnen heute früh, als er ausreisen wollte, von Sicherheitsbeamten festgenommen worden sei, weil er antirevolutionäres Material in seinem Koffer gehabt habe, und sie wüßten nicht, an welchem Ort er sich befinde.
Am anderen Morgen brachte ich einen Umschlag mit meinen Notizen und sämtlichen Materialien zu einer Sammelstelle für Kurierpost. Abends versuchte ich Bekele zu erreichen, über einen Mittelsmann, Taxifahrer, der uns oft gefahren hatte; er wisse nichts, sagte der Mann, er habe ihn auch nicht gesehen.
Zwei Tage danach, ich war gerade beim Packen, rief er mich dann endlich an. Er sprach sehr langsam, geradezu beschwörend, und wiederholte sich so oft, daß ich mitschreiben konnte.
Bekele: »You know, I am very sad ...« Ich: »Why didn't you come?« - »They watched me, you know; security.« - »I don't believe you. I think, you didn't come, because you won't give me the money.« - »You know, I am very sad; my friend is in jail. I have a great problem.« - »My problem ist the money. I have to pay my bill.« - »I am very sad ...« - »If you don't bring it ...« - »I can give you the money next time.« - »There will be not a next time; I leave tomorrow morning.« - »You know, I am very sad; I need the money.« - »I need it, too.« - »But I need it more.« - »That's kind of robbery!« Und danach sprach er schneller, und ich war auch zu haßerfüllt, um noch länger mitschreiben zu können.
Zum Dinner traf ich mich noch einmal mit Herrn Üding; Herr Kromer war inzwischen abgereist, »an die Front«. Es sollte unser Abschiedsessen sein, wieder Injera und Wott, und Herr Üding kam gleich nach der Bestellung auf unsere letzte Begegnung zurück. Er habe mir ja ganz schön viel erzählt, aus seiner Studienzeit und ja auch nicht nur von früher, wie gesagt: sehr viel, und man könne das auch wieder vergessen; aber jetzt mal was anderes: Ich hätte ihm neulich gesagt, daß ich Thomas Brasch kenne; nun, der sei ja gerade noch erträglich. Biermann dagegen sei »das größte Schweigen«, versprach sich Herr Üding, »ich mein', das allergrößte Schwein. Diese Show damals in der Westfalenhalle, diese Verleumdungsarien!«
Es gebe ja noch andere, sagte ich und nannte ein paar Namen. »Krug? Was haen wir uns um den bemüht. Der hatte doch alles bei uns.« - »Kunze? Ein Irrer. Ein Kranker.« - »Kirsch ...?« - »Sarah Kirsch.« - »Gehört die jetzt zu Ihnen?« - »Ich glaube, ja. Aber weiter; Hagen.« - »Hagen? Pervers. Und dabei soo begabt. Aber es sind ja auch viele geblieben, nicht wahr?«
Richtig; was er denn von Heiner Müller halte. - Der sei ihm jetzt gar nicht präsent. - »Der Dramatiker. Steht doch sogar im Schulbuch bei Ihnen. Geschichten aus der Produktion: Der Lohndrücker; Der Bau; Traktor; Zement ...« - »Ach, der ...«, sagte Herr Üding, als spräche er von einem Toten, und kam dann wieder auf Biermann: Der sei doch einfach gegen alles!
»Stimmt nicht. Der ist bei den Grünen.« - »Hören Sie mir auf mit den Grünen, meine Güte ...« - Ob sich dieses »Problem« denn nciht auch bei ihm zu Hause stelle. - Da gebe es staatliche Institutionen für diese Dinge, Spezialisten; »da haben doch die Laien nichts zu suchen!« Überhaupt: Die seien doch bald weg vom Fenster, diese Grünen und die ganzen anderen Gestalten; »die richten Sie noch zugrunde, ich will Ihnen mal was sagen: Wenn die Industriebosse das bei Ihnen nicht abstellen über kurz oder lang mit den Grünen, dann schmeiß' ich aber meinen Marx weg!« - Ich hielte das für ein Gerücht, daß Industriebosse bei uns etwas »abstellen« könnten, erwiderte ich und brachte dann Unruhen im allgemeinen zur Sprache.
Siebter Oktober, Alexanderplatz, er könne sich denken, worauf ich anspielen wolle, das seien aber Asoziale gewesen; »ja, was glauben Sie, was die für Gerichtsakten hatten? Arbeitsscheue, Säufer, Leute, die herumhuren.« - Diese Interpretation der Dinge sei mir geläufig, sagte ich, aus der Bild-Zeitung unter anderem, woraufhin Herr Üding einen Sprung nach Polen machte.
Das sei doch eigentlich unfaßbar, sei auch in der DDR undenkbar, daß sich da heimlich, still und leise über dreißig illegale Gruppen bildeten, vom Westen finanziert; »alles Leute, die schon im Gefängnis saßen, und dann auf einmal, da in Danzig, ans Tageslicht treten.«
Aber es herrsche doch auch in der DDR nicht nur Zufriedenheit. - ARD und ZDF, das beeinflusse nun mal die Menschen, vor allem die Jugend. - Ob es nur Propagandasendungen gebe. - Nicht alle seien unerträglich; »Kennzeichen D«, das ginge schon mal, das tröste ihn schon mal über Löwenthal hinweg. »Aber sehen Sie, ein Beispiel: Da wurden neulich mal die Kutterfischer aus der BRD und die von uns befragt, nach ihrem Einkommen und so weiter. Die aus dem Westen sagten, sie wüßten of nicht, ob sie ihre Fische loswürden, eben die Unsicherheit; unsere Fischer haben die Frage gar nicht verstanden, verstehen Sie?, und das hat man dann Ihren Fischern gezeigt und sie gefragt, ob sie da nicht lieber in der DDR leben würden. Na, und dann kam dieser typische westdeutsche Schlenker - dann sagten nämlich Ihre Leute im Fernsehen: Ja, aber die Freiheit, sie seien doch hier freie Menschen ...« - »Aber wenn die Fischer das doch meinten ...«
Herr Üding sah mich an, und in seinem Blick lag ein Bedauern. Das sei doch alles in den Mund gelegt, »ich bitte Sie«; genauso, was die Dissidenten sagten, das sei doch nicht auf deren Mist gewachsen, das stamme doch, wenn schon, dann alles von Biermann!
Diese Verführungstheorie sei mir gleichfalls geläufig; Abweichler seien wohl grundsätzlich Verführte. - »Aber es ist doch auch so: Das mit der Freiheit, das kommt doch mit tödlicher Sicherheit immer als Schlußwort bei Ihnen. Als ob man in der DDR nicht atmen könne! Ich kenn' doch Ihr Land dagegen.« - Dann müsse er ja wissen, was es mit der Freiheit auf sich habe. - O ja; in so einer Freiheit würde er eingehen. »Diese Hektik, diese zwischenmenschliche Kälte, dieser ewige Kampf und die Unsicherheit; nee!«
Ich fühlte mich dort immerhin zu Hause, hielt ich Herrn Üding entgegen und steigerte mich dann; wenn ich mal genug davon hätte, würde ich halt wegfahren. Nach Äthiopien. - Er wisse schon wieder, worauf ich anspielen wolle. Aber sei er denn etwas weniger hier; »also bitte!« - Ich könne aber nicht nur wegfahren, ich könne mich auch laut beklagen, davon lebten bei uns sogar zahlreiche Leute, und gar nicht übel. - Ja, was ich denn eigentlich so glaube: »Mensch, bei uns läuft doch keener mit 'm Maulkorb rum!«
Sicher richtig. Aber ob er es nicht auch ein bißchen seltsam finde, daß wir uns hier, in Addis Abeba, sechstausend Kilometer von Deutschland entfernt, über diese Dinge unterhielten; »ziemlich viel Aufwand für so ein Gespräch.« - »Wieso Aufwand«, sagte Rolf-Dieter Üding, »wir sind doch beide aus ganz anderen Gründen da.«
Die Zöllner hatten mich erwartet und untersuchten mein Gepäck. Mein Tagebuch trug ich am Körper; Körperkontrollen seien Ausnahmefälle, hatte ich gehört. »What is that?« - »A book I have written. About the shady side of Frankfurt.« Ich schenkte es dem Zöllner, der sofort damit verschwand. Als er zurückkam, durfte ich passieren.
Im Flugzeug, kurz vor dem Start, mußte ich plötzlich ans Abstürzen denken. Später, über den Einöden im Norden Äthiopiens, holte ich das Tagebuch hervor und trug einiges nach. Ein paar Sätze über die deutsche Vertretung in den Köpfen der Menschen - Kinder und Jugendliche dachten meistens an »socialist Germany«, wenn ich sie fragte; wer über sechzehn war, der wollte, daß ich aus dem Westen komme. Und dann schrieb ich etwas über einen alten Mann, der zwischen zwei Bäumen wohnt, die vor einer Mauer an der »Patriotic Road« stehen; von Baum zu Baum ist ein Stück Plastik gespannt, so daß zwischen dieser Schutzhaut und der Mauer ein schmaler Liegeplatz bleibt. Gegen Abend war der Plastikvorhang immer etwas hochgeklappt - während der Arbeitszeit des Alten -, und wenn er nicht die Hand hinhielt, war alles dicht.
Vor der Zwischenlandung in Asmara/Eritrea - wohin ich schaute: Militär - versteckte ich das Tagebuch noch einmal und sah erst wieder über dem Sudan hinein. Ich las die Eintragungen über äthiopische Frauen, über ihre unerotische Schönheit, und Randnotizen über Sachverhalte, die ich aufgeschnappt hatte, z.B., daß es einen Kommissar für Entschädigungsfragen gibt, ernannt am 25.8.80. Und ich dachte gleich an meinen teuren Informanten und daß alles gut verschlüsselt werden müßte, damit vieles noch entfernter würde - hin zu Erinnerungen an ein Land mit der Entwicklungsstufe LLDC, Least Developed Country, durch das sich irgendwas verschoben hat in meiner Gut-und-Böse-Ordnung, ich weiß nicht, was; das einzig sichere Gefühl, bei meinem Nachlesen im Flugzeug, war nur diese ungewohnte Absturzangst.
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Digitale Präsentation mit freundlicher Erlaubnis des Autors
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