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P u b l i k a t i o n e n

Ewige Sekunden der Lust




Ewige Sekunden der Lust

Ein Lesebuch

Herausgegeben und mit einem Vorwort
versehen zusammen mit Ulrike Bauer
1. Auflage 1991
Suhrkamp Verlag
Frankfurt am Main 1991
272 Seiten
ISBN 3-518-38232-2

Leseprobe

Vorwort

Nur nach der Zeit bemessen, wären die Sekunden der Lust nicht der Rede wert. Diese wenigen, immer an seidenen Fäden hängenden Augenblicke hätten kaum die vielen Erzählungen, Romane, Briefe, Geschichten oder Tagebücher hervorgebracht, durch die Literatur zum Spiegel unseres Begehrens wird. Es sind wohl eher die Stunden und Tage, die Wochen und Monate vor und nach der Erfüllung, die sich episch niederschlagen - das Sehnen und das Sicherinnern. Eindeutige Passagen, die die Erfüllung wiedergeben, sind ihrem Gegenstand nach kurz und bilden selbst in den Werken der erotischen Literatur die Ausnahme. Sie erzählen von Höhepunkten des Lebens und sind - wenn sie uns nicht kalt lassen - auch unverkennbare Höhepunkte des Schreibens.
Anders als im ersten Band unserer Anthologie Niemandstage der Verliebtheit springen die sogenannten Stellen ins Auge; doch je mühelosen sie zu finden sind, desto ähnlicher sind sie sich in der Regel. Im zweiten Band der fünfteiligen Reihe Der lange Augenblick der Liebe suchten wir daher nach möglichst unverbrauchten Texten zu dem alten Thema. Wir fanden Geschichten, die unser Erstaunen hervorriefen, zum Beispiel Tomasi di Lampedusas »Die Sirene« oder Marguerite Duras' »Der Liebhaber«; wir stießen auf Erzählungen, die unseren Neid weckten, wie Georges Batailles »Das Auge Graneros« oder Louis Aragons »Die Französin«; lasen Briefe, die uns auf der Stelle nervös machten; Henry Miller an Anais Nin, Paul Eluard an Gala. Wir gerieten an Texte, die uns erschauern ließen, wie Yukio Mishimas »Patriotismus« oder Peter Weiss' »Abschied von den Eltern«, an Schilderungen, die unser schallendes Gelächter auslösten, etwas Charles Bukowskis Lebenserinnerungen »Fast eine Jugend« oder Juan José Arreolas »Anzeige«.
Was interessierte uns nicht? Das Deftige, weil mit dem Begehren nicht zu spaßen ist. Die Pornographie, sie ist eine Angelegenheit für sich. Die erotischen Klassiker - von Boccaccios »Decamerone« über Apollinaires »Die elftausend Ruten« bis zu D.H. Lawrences »Lady Chatterley« - sie waren uns zu altbewährt und würden durch jedes weitere Auftauchen in einer Anthologie nur noch »klassischer« werden. Das Zurückgreifen auf die berühmt-berüchtigten, einst skandalösen Stellen führt ja nur dazu, daß der exklusive Kreis von Autoren erotischer Werke wieder einmal unter sich bleibt - ein Herrenclub mit zwei, drei Damen, der keine neuen Mitglieder mehr aufnimmt. Ewige Sekunden der Lust stellt eine Reihe von Anwärterinnen und Anwärter vor, die durch diesen Band vielleicht Einlaß in den Club finden.
Wie verschieden ihre Texte von unserer Erfahrung auch sein mögen, im Kern sind sie uns vertraut; jeder von uns hat seinen eigenen Weg zum Liebesgenuß, wir alle sind schon in die gleichen Abgründe gestürzt. Die Lust ist weder die einfachste noch die natürlichste Sache der Welt. Über vierzig Autorinnen und Autoren wissen davon zu erzählen. Wenn wir ihnen folgen, sind wir die Frau, die für einen Saxophonspieler ihren ganzen Reichtum wegwerfen möchte (Lygia Fagundes Telles); das Mädchen, das sich in die Einöde begibt, um zum ersten Mal zu lieben (Edna O'Brien), oder die Frau, die jeden Abend zu gleichen Stunde mit den gleichen Phantasien ihren Mann betrügt (Jean-Paul Sartre).
Ewige Sekunden der Lust - dem als dritter Band eine Sammlung von Texten über die Ehe folgt - ist aber nicht nur eine Zusammenstellung von Extremen, sondern auch erzählter Liebesalltag.

Ulrike Bauer/Bodo Kirchhoff

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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Suhrkamp Verlages sowie des Autors

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