Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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R e z e n s i o n e n
zu »Der Prinzipal«

Es geschah am helllichten Tag
Virtuos: Bodo Kirchhoffs Novelle "Der Prinzipal"

Die Frage steht zwangsläufig am Anfang: Wer erzählt? Die Antwort führt auf Bodo Kirchhoffs Grundeinfall, der es in sich hat: Das Auge der Kamera erzählt beziehungsweise derjenige, der sich den Film anschaut. Die Novelle "Der Prinzipal" ist der erzählte Film ihres Geschehens - was zugleich bedeutet, dass dieses Geschehen in mehrfacher Brechung zur Inszenierung wird. Daher auch das Impressionistische der Bilder, die Auflösung der Kulissen in ein betörendes Spiel wechselnder Farbeffekte.
Wer filmt? Es ist der 18 Jahre alte "Vigo" genannte Enkel eines über eine Affäre gestolperten Wirtschaftsbosses (dem Peter Hartz als reales Modell dient). Der hat, von Freund und Feind ins Private gedrängt, endlich einmal Zeit, seinen Geburtstag familiär, wenn auch standesgemäß zu verbringen: Mit dem Enkel unternimmt er auf seinem Motorboot einen Trip über den Gardasee, hernach ist - mit Frau und Tochter - ein Diner in ausgesuchter Uferlage vorgesehen.
Die Erzählung nimmt sehr langsam Fahrt auf: Die Kamera des einsilbigen Enkels folgt dem Großvater bei seinen Handgriffen und vor allem beim lebensweisheitlichen Gefasel über Karriere, Scheitern und Frauen - sympathisch wird einem der machtbewusste Egozentriker nicht. Während der rüstige Alte im See schwimmen geht, fischt der Enkel eine bewusstlose, vom Ertrinken bedrohte Surferin aus dem Wasser. Diese ist jung und schön und erotisch beunruhigend, und wie die Wellen auf einmal höher schlagen, so löst sich auch der Enkel vom Okular des Camcorders und wird zum Mitspieler in seinem Film.
War da was? Genug jedenfalls, um den affärengestählten Großvater nach seiner Rückkehr das potenzielle Problem diskret beseitigen zu lassen. Dazu gehört auch, dass am Ende der lästige Zeuge Camcorder im See versinkt: "Das Schließen undichter Stellen war ja zuletzt mein tägliches Brot, nur ist man selbst of die undichteste Stelle." Allerdings. Der Enkel, der ansonsten ohne scharfe Konturen bleibt, hat vorher die Kassetten herausgenommen.
Dieses intensive Kammerspiel mit zwei Personen zeigt Bodo Kirchhoff auf der Höhe seiner Möglichkeiten - angesichts dieser überlegen konstruierenden literarischen Kunst und der unauffälligen symbolischen Durchdringung, die dem Ganzen auch einen Zug klassizistischer Kühle und Distanz verleihen, werden große Teile aktueller deutscher Prosa zu flachem Spülwasser.


Markus Schwering
in: Kölner Stadtanzeiger, 05./06.05.2007


Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors.
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