Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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G e s p r ä c h e
Christoph Schröder: Anmut und Verzweiflung

Christoph Schröder im Gespräch mit Bodo Kirchhoff über seinen neuen Roman Eros und Asche.


VOLLTEXT: Ihr neues Buch Eros und Asche trägt den Untertitel "Freundschaftsroman", und gleich auf der ersten Seite wird Ihre Freundschaft zu dem verstorbenen M. als "ungeklärt" bezeichnet. Was war daran ungeklärt und was hat sich durch das Schreiben daran geändert?

BODO KIRCHHOFF: Diese Freundschaft hatte im Lauf der Jahre ihre Praxis verloren. M. und ich hatten eine lebenslange Verbindung, haben uns sporadisch gesehen, haben telefoniert, wir haben sogar voneinander geträumt. Der Kontakt ist also nie ganz abgerissen, aber was diese Verbindung eigentlich war, worin unsere Freundschaft bestand - darüber haben wir nie gesprochen. Und auch die Frage, ob es am Ende überhaupt noch eine Freundschaft war, wurde nie geklärt. Mir ist durch das Schreiben bewusst geworden, dass M. und mich im Grunde nur noch die Sehnsucht danach verband.

VOLLTEXT: Verbunden waren Sie auch durch die Versäumnisse, durch das, was Sie nicht mehr gemeinsam gemacht haben, obwohl es möglich gewesen wäre. Zum Beispiel diverse Reisen.

KIRCHHOFF: Ich glaube, es gab nur ein ganz schmales Zeitfenster, in dem Vieles noch möglich gewesen wäre, nur haben wir beide das nicht begriffen. Eine Zeit lang war er, dann wieder ich beruflich zu eingespannt, später hatte er zu wenig Geld, um zu reisen, was ich wiederum nicht wusste, am Ende war er bereits krank. Uns beiden sind diese Reisen immer wieder im Kopf herumgespukt. In der Fantasie sind sie ja sogar vollzogen worden, bis zu der Konsequenz, dass M. von Reisen erzählt hat, die gar nicht stattgefunden haben.

VOLLTEXT: Sie sprachen von der Sehnsucht nach einer Freundschaft. War es die Sehnsucht nach dem, was Sie beide bereits hatten, als Sie sich als Jugendliche im Internat am Bodensee kennen gelernt haben? Oder nach etwas, was es nie gegeben hat?

KIRCHHOFF: Doch, das gab es, stellenweise, wenn vielleicht auch nicht genau so, wie ich es mir vorgestellt habe. Freundschaft ist die schwierigste aller Beziehungsformen, weil einem mit zunehmendem Alter schlicht die Zeit dafür fehlt. Schauen Sie, man hat eine Ehe, man hat Kinder, man hat einen Beruf, all das ist geregelt, teilweise sogar von Institutionen. Eine lebenslange Freundschaft dagegen ist anarchisch, sie fordert Zeit und vielleicht auch eine andere Kultur. Die Freundschaft zwischen M. und mir war immer kompliziert, weil wir beide auch kompliziert waren und sind.

VOLLTEXT: Es mag aber auch daran liegen, dass, wie es im Roman heißt, die Grenze zwischen einer Liebe und einer Freundschaft nicht exakt zu ziehen ist.

KIRCHHOFF: In diesem Fall bestimmt nicht. Das hing aber auch damit zusammen, dass wir füreinander jeweils ein Spiegel des Anderen waren und die Freundschaft mithin auch sehr viel mit dem Verhältnis zu sich selbst zu tun hatte. Das ist möglicherweise gar nicht so gut; vielleicht ist es gesünder, wenn man es mit einem grundsätzlich unterschiedlichen Menschen zu tun hat, mit dem man lediglich gemeinsame Erfahrungen teilt. Es gefällt einem ja bei weitem nicht immer, was man im Spiegel sieht.

VOLLTEXT: Das Bemerkenswerte an Eros und Asche ist ja ohnehin, dass es nicht nur ein Buch über einen befreundeten Menschen ist, sondern gleichzeitig auch eine Selbstfindung. Es gibt lange, tagebuchartige Passagen aus dem Alltag eines Schriftstellers, in die die Erinnerung hereinbricht. War das für Sie die einzige Möglichkeit, sich gleichzeitig M.s und Ihrer selbst gewiss zu werden?

KIRCHHOFF: Wenn man über einen Toten schreibt, der sich ja nicht mehr wehren kann, ist das für mich persönlich nur möglich, indem man eine Balance schafft und auch etwas von sich selbst preisgibt. Das ist für mich auch eine Frage der Fairness. Ich war mit mir sehr offen in diesem Roman und konnte es mir darum auch erlauben, mit M. ebenso offen umzugehen. Das ist ein Grund. Der zweite ist der, dass die Freundschaft ohne diese Tagebuch-Teile keine Chronologie gehabt hätte. Ich musste also die Monate, in denen ich mich so intensiv an M. erinnert habe, in einen chronologischen Rahmen packen, um dann den Erinnerungsschüben einen Halt zu geben, die wiederum nicht chronologisch sind.

VOLLTEXT: Wer oder was war M., Ihr Freund? Ein Gescheiterter?

KIRCHHOFF: Ein bewusst Gescheiterter. Er war alles andere als ein Versager. Er war einer, der das Scheitern als ein Prinzip betrachtet hat, das in unserer Existenz angelegt ist und von dem er sich angezogen fühlte. Er hat sich immer sehr viel zugemutet, war Arzt mit Fachgebiet Neurochirurgie und hat auch in diesem Bereich das Vergebliche, seine Grenzen erkannt. Das gehörte zu ihm: Sehr weit in etwas einzudringen, vorzustoßen, um dort das Vergebliche zu finden, und sich wieder zurückzuziehen. Das war gleichzeitig auch seine Schwäche - sich von allem immer wieder zurückzuziehen. Von Beziehungen und ganz zum Schluss vom Leben insgesamt, an einen See in Brandenburg.

VOLLTEXT: Und er wollte nicht funktionieren als Teil einer Gesellschaft.

KIRCHHOFF: Absolut nicht. Darin waren wir uns ähnlich, das hat sich bei mir erst geändert, seit ich Kinder habe.

VOLLTEXT: Gefällt Ihnen das, funktionierender Teil einer Gesellschaft zu sein? Oder ist dadurch möglicherweise auch ein verbindendes Element zu M. verloren gegangen?

KIRCHHOFF: Ich bin das auch nur partiell. Ich bin jemand, der immer auch mit einem Fuß auf der schiefen Bahn ist. Anders könnte ich auch gar nicht schreiben. Ich brauche dieses Anstemmen gegen die schiefe Bahn. Natürlich habe ich mir dieses Dazugehören zur bürgerlichen Gesellschaft auch mühsam erarbeitet. Ich wollte für mich selbst eine Situation schaffen, in der ich auf niemanden mehr neidisch sein muss.

VOLLTEXT: Es gibt eine Passage im Roman, auf die ich selbst ein wenig neidisch bin: Die Schilderung einer Reise von M. und Ihnen gemeinsam mit einem Schwesternpaar in ein italienisches Kloster. So etwas wäre doch in der Gegenwart gar nicht mehr möglich, auch weil der Skandalwert fehlte, richtig?

KIRCHHOFF: Erstens das. Zweitens ist diese Reise ein Beweis dafür, dass die Intensität der wenigen Erlebnisse, die M. und ich geteilt haben, so groß war, dass sie ein Leben lang Bestand hatte. Eines der beiden Mädchen von damals, heute Großmutter, spricht von dieser Reise nach wie vor so, als sei sie gestern gewesen.

VOLLTEXT: Waren Sie manchmal neidisch auf M.?

KIRCHHOFF: Ja, am Anfang schon, weil Vieles ihm so leicht fiel. Er hatte so eine Art, sich anzuziehen, auf Frauen oder Mädchen zuzugehen. Er hatte Geld und ich nicht. Gerade das hat sich im Lauf der Jahre gedreht. Er hat irgendwann seinen Job hingeschmissen und von der Hand in den Mund gelebt. Nur wusste ich das nicht, das hat er auch nicht erzählt.

VOLLTEXT: Als M. beerdigt wurde, gaben Sie gerade am Gardasee ein Schreibseminar. Sie sind nicht zur Beerdigung gefahren. Warum nicht?

KIRCHHOFF: Ich glaube, ich wollte den Menschen, denen ich dort begegnet wäre, nicht ohne den Puffer des Buches, das ich jetzt geschrieben habe, begegnen, das hätte ich nicht geschafft. Ich habe sofort mit dem Buch begonnen. Sicher, das ist eine Schwäche, aber es war meine Art, mit diesem Tod umzugehen. Ich werfe mir das nicht vor, aber es beschäftigt mich doch noch ziemlich stark.

VOLLTEXT: Der Titel des Romans lautet Eros und Asche. Der Eros ist gleich mehrfach anwesend, auch zwischen Ihnen und M. Und die Asche?

KIRCHHOFF: Die Asche ist für mich immer das schöne Scheitern. Asche ist etwas sehr Schönes, wenn Sie es in der Hand halten und ansehen. Es ist für mich ein Symbol von Anmut und Verzweiflung - von dem am Ende nichts übrig bleibt. Und vom Eros war M.s Leben ohnehin bestimmt, mehr noch von dem Wunsch, lieben zu können als geliebt zu werden. Und auch zwischen uns spielte das eine Rolle; wir haben uns angesehen, wir haben uns übereinander lustig gemacht, wir haben miteinander getanzt.

VOLLTEXT: M., so heißt es im Buch, sammelte pornografische Bilder und war doch niemals vulgär. Er muss eine gefährliche Ausstrahlung gehabt haben. Ich habe beim Lesen stets versucht, mir ein Bild vor Augen zu führen und dachte häufig an Andreas Baader. Stimmt die Richtung?

KIRCHHOFF: Nein, M. war intelligenter. zu seinen Lieblingsbüchern gehörten die von Dissidenten, die begriffen hatten, dass die Oktoberrevolution sich gegen die Menschen gerichtet hat, Mandelstam und solche Leute. Er hatte sehr früh sehr viel durchschaut und hätte sich niemals blind hinter irgendeine Fahne gestellt. Aufrührerisch war er, ja.

VOLLTEXT: Der erbittertste Streit zwischen Ihnen drehte sich darum, so steht es im Roman, wie die Welt zu gestalten sei. Worum ging es dabei?

KIRCHHOFF: Wir stritten um die Frage, inwieweit man sich praktisch in eine Veränderung der Welt hineinbegeben kann und soll. Der Arztberuf war für ihn das denkbar Praxisnäheste, um konkret Einzelschicksale von Menschen beeinflussen zu können. Das hat er von Anfang an gesehen - dass es nur darum gehen kann, nicht um das Große und Ganze. Hingegen war ich als Schriftsteller in diesem Moment der Papiertiger.

VOLLTEXT: Haben Sie M. irgendwann aufgegeben?

KIRCHHOFF: Sagen wir es so - es gab vor ungefähr zehn Jahren einen Moment, in dem mir bewusst wurde, dass er in eine Radikalität hineinläuft, die mit meinem eigenen Leben nicht vereinbar war. Er begann, sich abzukapseln; er las und las, allerdings ohne jedes Ziel, ohne damit etwas anzufangen, außer für sich selbst. Ich wusste so gut wie nichts über ihn, außer das, was er während unserer kurzen Begegnungen preisgab. Ich merkte, dass etwas auseinander läuft, ohne es verhindern zu können. Das war schmerzhaft.

VOLLTEXT: Eros und Asche ist nicht nur ein Freundschafts-, sondern auch ein Raucherroman. Ständig werden Zigaretten herumgereicht und weggeraucht. Welche Funktion hat das Rauchen?

KIRCHHOFF: Das Rauchen hatte für M. weniger mit der Sucht nach Nikotin als mit der Sucht nach einer bestimmten Haltung zu tun. Die Zigarette war ein Teil seiner Existenz, seines Körpers, und zwar der Teil, der sich immer wieder in Asche aufgelöst hat. Ohne Zigarette hätte er nicht sein wollen. Dieses Spiel des Entfachens und Verglimmens gehörte einfach zu ihm. Und schließlich hat er sich ja auch zu Tode geraucht.


Christoph Schröder
in: Volltext, Nr. 6/2007.

Christoph Schröder, geboren 1973, ist Literaturkritiker der Frankfurter Rundschau.
Zuletzt erschien Hundelieben. Eine Annäherung (Heinrich & Hahn, 2007)




Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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