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Nach meinem Beruf gefragt, würde ich auch heute noch mit der Antwort zögern. Ich bin nur Schriftsteller, solange ich schreibe; mische ich mich unter Menschen, stelle ich eher einen Schriftsteller dar. Ich möchte das nicht und tue es dennoch, stets ist mir unwohl dabei. Jede selbstverständliche schriftstellerische Haltung - in Äußerungen zu Gott und der Welt oder erkennbarem Auftreten als Literat, einschließlich Kleidung und Manieren - erregt daher meinen Verdacht: Ist da vielleicht ein Ungenügen im Schreiben? Wie ein Schriftsteller will ich nur erscheinen, wenn ich arbeite; schmierenhaft, ja manchmal obszön darum jene Fotos, die einen Autor oder eine Autorin beim Schaffen zeigen, sofern sie nicht heimlich aufgenommen worden sind.
In den letzten Jahren war mein Leben gleich Schreiben bis in die Träume hinein (und quälend ist es, im Traum Sätze zu bilden, die nie abgeschlossen werden). Diese Verbindung von Leben und Leidenschaft jedem zu zeigen, erinnert mich an die Leute, die sich das Piktogramm ihrer Sportart ans Auto kleben; es ist mir nicht unangenehm, wenn man mich für einen Arzt, Ingenieur oder Optiker hält: Der Narr bin ich in meinen vier Wänden. Gründlich verwische ich in Büchern die Spuren der Anstrengung und Destruktivität des Schreibens, selbst die der Kühnheit. Wer schreibt, muß sich entscheiden, ob er für sein Leben oder seine Phantasie Beachtung finden will. Die Entstehung meines Romans »Infanta« war abenteuerlicher als es der Inhalt des Buches ist. Fast täglich habe ich dagegen angekämpft, meine Arbeit zur Geschichte zu machen; der Phantasie folgen und sorgfältig schreiben hieß mein Gebot.
Ich war und bin vor allem an der Gegenwart interessiert, an diesem kaum faßbaren Nebeneinander des Ungleichen. Und die einzig mögliche Sprache dafür sehe ich nicht in einer Sprache, die diese Zersplitterung abbildet, sondern sie überwindet, während sie von mir erzählt. Dabei gerate ich freilich in die Nähe von Erzählweisen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts - ohne mir daraus viel zu machen. So wenig wie ich mich den Mitteln der Moderne verpflichtet fühle, so wenig stehe ich in einer Tradition, die sich mit Namen wie Fontane, Conrad oder Hesse verbindet. Ich kann nicht sagen, woher ich komme, ich kann nur sagen, was ich getan habe.
In den vergangenen fünf Jahren habe ich mir das Erzählen von Grund auf erarbeitet, und vielleicht werde ich es in meinem nächsten Buch zum Teil wieder über Bord werfen, um dann eine wenige geschlossene Sicht zu entwickeln, die in diesem Jahrhundert auch schon auf ihren Höhepunkt geführt worden ist; das Epigonale daran stört mich nicht im geringsten. Schriftstellerinnen und Schriftsteller meiner Generation sollten sich nicht mit der Sorge aufhalten, wie originell sie sind, sondern ihre ganze Kraft darauf verwenden, die beispiellos übersichtliche und rasende Zeit, in der sie leben, in ihren Büchern ein Stück weit zu bannen. Wer heute noch einen Roman schreibt, steht doch nicht mehr vor dem Problem formaler Wagnisse, sondern nur noch, neben allen gewöhnlichen Schwierigkeiten einer solchen Arbeit, vor drei großen Fragen: Was in dem ganzen Chaos der Gegenwart ist für mich signifikant, welche Geschichte will ich dazu finden, und wie kann und will ich mich dieser Geschichte, erzählend, nähern - vorausgesetzt, ich wünsche mir nicht nur Leser, denen meine Bücher bestätigen, was sie schon längst gewußt zu haben glauben. Ich möchte so erzählen, daß Leser und Text für einige Tage verbunden sind - nicht fesselnd, sondern tragend, auch und gerade bei schwer erträglichen Passagen.
Die Geschichten, die bei solchem Erzählen herauskommen, sind keine Geschichten aus meinem Leben, sondern aufgrund meines Lebens, und dieses Leben ist nicht pralles Schicksal. Als Mitteleuropäer wohne ich heute in einer Welt, in der die großen Erfahrungen aus ersten Hand immer seltener werden - das wird darum zur Quelle meiner Arbeit. Nicht die Authenzität, nur die Sehnsucht danach bestimmt mein Schaffen. Schreibend weiß ich, daß ich aus dem Leeren schöpfe. Ich stürze mich in das, wovon ich erzählen will; wenn ich etwas zu sagen habe, dann über diesen Sturz.
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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors
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