Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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G e s p r ä c h e
Ralph Schock: Die Weihnachtsfrau – Eine erotische Weihnachtsgeschichte

Bodo Kirchhoff: Die Weihnachtsfrau – Eine erotische Weihnachtsgeschichte

Dreiteilige Autorenlesung, 24.,25. u. 26.12.1997, SR 2
Im Anschluß an den 3. Teil folgendes Gespräch:



Ralph Schock:
Vielen Dank, Bodo Kirchhoff, für diese schöne Weihnachtsgeschichte, die wohl deswegen so schön und so ergreifend ist, weil sie mehrfach immer wieder sozusagen peinlich wird, weil sie das Peinliche ausspricht, was man ja im Grunde an Weihnachten auch so schwer aushält.
Das Peinliche ist zwar immer da, aber niemand redet darüber, und diese Geschichte spricht dieses Peinliche aus und deswegen hat sie mir als Weihnachtsgeschichte so besonders gut gefallen, weil viele andere Weihnachtsgeschichten dieses Peinliche nicht aussprechen.
Die Geschichte könnte man in Frankfurt situieren, es gibt ja einige Anspielungen darauf, Bloch wird erwähnt, Adorno kann man erschließen, – können Sie etwas sagen zu dem Anlaß der Erzählung.

Bodo Kirchhoff:
Also zunächst einmal: Natürlich stimmt Ihr Frankfurt-Verdacht, und als ich dann anfing, an dieser Geschichte zu arbeiten, war es für mich eine Gelegenheit, nun bald dreißig Jahre Frankfurt am Rande einzuarbeiten. Ich wollte das nie zu einem Hauptgegenstand machen.
Der Anlaß war sehr einfach: Ich habe eine gute Bekannte, die eine Galerie hat, und die bat mich, als es im vorigen Jahr auf Weihnachten zuging, ob ich in ihrer Galerie lesen würde anläßlich einer Ausstellung. Ich habe dann etwas leichtfertig zugesagt, und als ich mir überlegte, was ich denn da lesen könnte, merkte ich, daß eigentlich aus meinem Werk nichts zumutbar ist an Weihnachten oder damals jedenfalls nichts zumutbar gewesen ist zu diesem Anlaß.
Deshalb dachte ich: Na ja, vielleicht schreibe ich dann etwas. Das hätte ich aber nicht gedacht, wenn es nicht einen Nukleus gegeben hätte für diese Geschichte, und der bestand darin, daß ich in der Tat als Student eine Beziehung hatte zu einer Frau, einer sehr schönen Frau. Und vor etwa zwei, drei Jahren sah ich auf der Straße diese Frau in einem Rollstuhl wieder mit schneeweißem Haar. Sie guckte mich an, versuchte mir auszuweichen, und ich wußte, sie hat mich erkannt und ich habe sie erkannt.
Es war eine Sache von fünf, sechs Sekunden, die mich unglaublich beschäftigt haben. Weil es natürlich nicht zu überbrücken war, es war auch das Beste, daß ich wegging, ich habe das gemerkt, daß das auf jeden Fall auch ihr Wunsch war. Seitdem hat mich das beschäftigt und diese Begebenheit spielte natürlich in dieser Weihnachtsgeschichte eine Rolle, wobei alles drum herum dann dazu kam. Ich habe einfach überlegt, was kann ich daraus machen und so ergab sich das dann nach und nach, wobei die Geschichte - wie bei allen anderen Büchern auch - eben durch das
Schreiben zustande kam. Aber es gab eben dieses kleine Bild am Anfang, es gab dieses kleine Bild.

Ralph Schock:
Auch das war so eine Sache, die mich sehr angerührt und mir sehr gefallen hat: das Moment des Liebesverrats. Wenn also eine Liebesbestätigung gefordert wird, und wenn diese auf Anforderung hin dann auch sozusagen geliefert wird, ist das im Grunde oft bereits ein Verrat. Oder?

Bodo Kirchhoff:
Also dazu kommt natürlich etwas, das bei mir auch eine Rolle spielt: Ich bin zehn Jahre lang in einem christlichen Internat groß geworden und sehr mit diesen Dingen beschossen worden – manches hat sich ganz gut niedergeschlagen, so daß es da ein Fundus von Gefühlen in mir gibt, also wenn ich z. B. Chormusik höre, die mich sofort ergreift.
Anderes löst heute noch Hass in mir aus – also beides ist da, aber ich habe natürlich gelernt, daß in dem ganzen christlichen Denken und Fühlen der Verrat natürlich eine Rolle gespielt hat und spielt; überhaupt, daß Liebe und Verrat miteinander zu tun haben. Was man natürlich auch bei anderen Autoren, die später dazu kamen, vor allem bei Genet, lernen und immer wieder sehen kann, ehe man es noch in seinem eigenen Leben erfährt oder aber begleitend.
Das Schöne an der Literatur ist ja, daß sie, wenn es gute Literatur ist, einem immer wieder das Gefühl gibt, daß man mit den Dingen, unter denen man leidet und die man für einzigartig hält, nicht alleine dasteht.
Es ist auf der einen Seite also eine kleine Kränkung, daß man nicht einzigartig ist, aber auf der anderen Seite eher ein großer Trost, und Liebe und Verrat gehören, glaube ich, sehr eng zusammen.
Das spielte eine Rolle und gleichzeitig natürlich, daß ich durch eine Scheidung der Eltern auch ein aus meinem kindlichen Gehäuse vertriebener Mensch bin. Das hat sicherlich mitgespielt, und so ist Weihnachten für mich etwas vollkommen Gespaltenes.
Es hat überhaupt erst seit einigen Jahren an Bedeutung für mich gewonnen, seit ich selbst Kinder habe und es für mich ganz selbstverständlich ist, daß diese Kinder ein schönes Weihnachten erleben und daß ich das mit ihnen mache.
Das ist auch, glaube ich, kein Spiel von mir, das nehme ich auch ernst, weil sie es ernst nehmen.

Ralph Schock:
Gleichwohl, und auch das ist ja auch ein Aspekt der Geschichte, darf man nicht vergessen, daß die Kinder in gewisser Weise ja auch Zeitdiebe sind, das erwähnen Sie ja auch. Und man muß – auch das ist ein Aspekt der Erzählung – versuchen, die Balance zu finden, und man findet sie in solchen Festen dann auch. Also einerseits zurückzubekommen, was man ihnen gegeben hat, aber andererseits ist es natürlich ein emotional hoch aufgeladenes Ereignis, das zu Übersprunghandlungen in fast jeder Hinsicht Gelegenheit gibt.

Bodo Kirchhoff:
Weihnachten ist ein unberechenbares Fest. Ich habe es früher häufig erlebt, daß an Heiligabend so ab zwölf sich der ganze angestaute Frust Luft gemacht hat, oder ich habe es von anderen erzählt bekommen, die dem heute ausweichen.
Ich habe das in den letzten Jahren Gott sei Dank nicht erlebt, es ist schon so, daß dieses Glück der Kinder einem tatsächlich die Zeit zwar nicht wiedergibt, aber es ist schon ein wirkliches Ambivalent (gemeint wohl: Äquivalent, RS) dafür. Das ist etwas Einzigartiges, und das heilt die eigenen Kindheitswunden, die man mit Weihnachten mit sich herumträgt. Ich glaube, das ist das viel Entscheidendere daran, daß diese Wunden erst jetzt, wo ich auf die fünfzig zugehe, dadurch ein Stück verheilen.
Natürlich ist das nicht das Thema der Erzählung gewesen, hier ist es eigentlich eher der Punkt, daß ein Mann sehr spät zu Einsichten gelangt. Ich glaube, daß man auch spät im Leben Dinge begreifen kann – die Geschichte dieses Mannes ist nun nicht unbedingt meine Geschichte, da sind einfach nur gewisse Aspekte eingearbeitet. Dennoch ist diese Figur natürlich eine erfundene Figur. Aber die Erfahrung, daß man sehr spät etwas noch begreifen kann für sich, daß es dafür nicht zu spät ist, die kommt da auch vor, ja.

Ralph Schock:
Wie würden Sie denn - mit anderen Worten als in der Erzählung - das beschreiben, was dieser Mann kapiert hat? Was geht in seinem Kopf vor, wenn er sagt, daß er an diesem Weihnachtsabend seine Unschuld verloren hat, an diesem letzten, nicht an dem ersten, sondern an diesem letzten mit der Tochter, als die vier Jahre als ist.

Bodo Kirchhoff:
Also ich glaube, daß man wahrscheinlich als Mensch schwer ein Leben führen kann, ohne sich zu versündigen. Das kann man ruhig auf die zehn Gebote bzw. unsere christliche Welt beziehen, was ich da sage. Und es ist eine Versündigung, wenn man gegenüber sich, aber auch gegenüber einem Menschen, den man geliebt hat, - wenn man den verleugnet. Und wenn man die Chance, die in dem Moment da war, eine Brücke zu schlagen oder überhaupt etwas zu heilen, wieder etwas zusammenzufügen - wenn man die nicht wahrnimmt, dann ist es eine Versündigung.
Ich empfinde es so, und in diesem Sinne hat er die Unschuld verloren. Er hat vielleicht vorher alles Mögliche getan an kleinen Schweinereien, die man vielleicht nicht tun sollte, aber das ist nicht so tief. Dies hingegen ist etwas Tiefes, das ganz elementar die eigene Geschichte berührt, es ist ja auch ein Verrat an einem selbst.
Es ist eine Chance, die man für sich selbst noch einmal bekommen hat und die in dem Moment nicht genutzt worden ist. Das betrachte ich als den Verlust der Unschuld, von dem Moment an war der Mensch schuldig, und damit muß er leben.
Das ist ja das Interessante, dieses erste Unschuld zu verlieren im Sinne der Erfahrung von Sexualität, wo man zwar nicht im massiven Sinne schuldig wird, aber in diesem Augenblick dennoch ein anderer wird durch diese Erfahrung.
Das ist jetzt auch der Fall, er ist jetzt ein anderer, aber in einem so starken Maße, daß es überhaupt kein zurück mehr gibt. Damit fertig zu werden erfordert sehr viel Arbeit.

Ralph Schock:
Bodo Kirchhoff, Sie haben dieses Buch in der Frankfurter Verlagsanstalt herausgebracht, nicht bei Suhrkamp, was ja eigentlich Ihr Verlag ist. Hat das Signalcharakter für weitere Bücher von Ihnen?

Bodo Kirchhoff:
Nein, das hat keinen Signalcharakter, das hat mit zwei Dingen zu tun. Einmal damit, daß ich mit Joachim Unseld sehr eng befreundet bin, aber das ist nur die eine Seite. Die andere Seite ist, daß es mir sehr imponiert, was er in kurzer Zeit mit diesem kleinen Verlag geschaffen hat, und daß ich damit für mich oder überhaupt dokumentieren wollte, daß ich das gut finde und daß ich es schön finde, dort auch ein Buch zu machen. Ich habe mit seinem Vater darüber gesprochen, das war keine Nacht- und Nebel-Aktion, und es ist nicht so, daß ich dadurch den Verlag wechsle,
dazu besteht auch im Moment gar kein Anlaß.

Ralph Schock:
Vielen Dank.

Bodo Kirchhoff:
Bitte sehr.



Ralph Schock
Saarländischer Rundfunk, SR 2 KulturRadio, 26.12.1997.
Gespräch verschriftet von Gabriel Rumler
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Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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