Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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R e z e n s i o n e n
zu »Wo das Meer beginnt«

Vor Coolness gähnen oder vor Glück platzen
Witold Gombrowicz, Joachim Lottmann, Ralf Rothmann, Juli Zeh, Bodo Kirchhoff und Julián Ayesta erzählen von der Pubertät

Mit zwanzig ist man Brandstifter, mit vierzig Feuerwehrmann - so lautet ein Bonmot des großen Witold Gombrowicz. Für die auffallend zahlreichen Romane zum Thema Jugend, die in diesem Herbst erscheinen, stellt sich die Frage: Sind diese Bücher, die die Schwellenphase zwischen Kindheit und Erwachsenen leben erkunden, eher auf den Brandstifter- oder auf den Feuerwehrmann-Ton gestimmt? Auf Anhieb lässt sich eine eigentümliche Mischung erkennen, die entsteht, wenn zumeist etwas ältere Autoren junge Menschen sentimentalisch darstellen: der zündelnde Feuerwehrmann.

Gombrowicz selbst steht dabei an erster Stelle. Zum 100. Geburtstag des polnischen Modernisten wurde eines seiner Hauptwerke, der Roman "Pornographie", neu aufgelegt. Wer sich hier das verspricht, was der Titel anzukündigen scheint, ist allerdings im falschen Buch. Deftige Leibesübungen sucht man vergebens, subtil pornografisch ist allenfalls die voyeuristische Erzählperspektive. Zwei ältere Herren, Witold und Friedrich, erblicken in "Pornographie" zwei junge Menschen, füreinander wie geschaffen: den hübschen Karol und die niedliche Henia. Doch die beiden scheinen keinerlei Interesse aneinander zu haben, das Mädchen ist sogar bereits mit einem anderen verlobt. Witold und Friedrich irritiert das, sie möchten, dass sich die Anmut gemeinsam verkörpere und versuchen nun (ohne Erfolg), die Beziehung zu arrangieren, wie sie sein sollte.

Henia und Karol sollen einer Dramaturgie unterworfen werden, wodurch sie gerade ihre so reizvolle Ungezwungenheit und Natürlichkeit verlieren müssten. Ein paradoxes Unterfangen, bei dem es nicht um physische Eroberung, sondern um die ästhetizistische Aneignung der "Jungen" geht, um eine Art philosophischer Kuppelei - an ihrem Phantasma von Jugend wollen die beiden Alten genesen.

Gombrowicz' Werke sind wie die Thomas Manns von polaren Gegensätzen bestimmt, zwischen denen sowohl permanenter Kampf wie erotische Spannung herrscht: Unreife gegen Reife, Unform gegen Form, das Niedere gegen das Hohe, Natur gegen Kultur und vor allem und immer wieder: das Junge gegen das Alte. Bei Gombrowicz wird die Jugend zum Gott. Schon lange vor Nabokovs "Lolita" machte er in seinem herrlich grotesken Debütroman "Ferdydurke" (1937) eine Zentralfigur des 20. Jahrhunderts literaturfähig: den Teenager, dieses sportliche, attraktive, durch und durch rätselhafte Geschöpf.

Zum Gähnen, wenn es nicht so schön wäre

Hat Joachim Lottmann das Zeug zum deutschen Gombrowicz? Zumindest gibt es kaum einen deutschen Roman, der so in der Spannung von Jung und Alt steht wie Lottmanns neues Prosawerk "Die Jugend von heute". Jo Lohmer - so der Name von Lottmanns Alter Ego - machen deutsche Städte schwer zu schaffen: "oll und überaltert, ohne Jugend", überall "Jogginghosen-Wendeverlierer". Gierig nach den "Jungen", schlittert Lohmer als freiwilliger Feldforscher auf den Spuren seines Neffen Elias in die Abgründe des Berliner Nachtlebens. Da trifft es sich gut, dass er mit einem Clubkönig befreundet ist. Lohmer erschließt sich eine Welt, die den MTV-Clips mit ihren "Kindergesichtern auf Sexbombenkörpern" zum Verwechseln ähnlich sehen möchte: "So ging es Nacht für Nacht. Wir saßen in der dicken Stretch-Limo, die fetten Bräute schnupfend im Fond..."

Pädophiler Vermieter im Bademantel

Aber auch ihm selbst wird nachgestellt, Herr Gorny zieht es zu den Knaben. Sehr gekonnt, wie Rothmann die Bedrohung durch einen älteren Mann beschreibt, der jede Gelegenheit nutzt, sich unter allerhand locker-vertraulichen Sprüchen an den Jungen zu pressen. Bei Nacht schleicht der pädophile Vermieter im Bademantel ums Haus und drückt schließlich die Klinke der Wohnungstür herunter. Julian, allein zu Haus, hat gerade noch rechtzeitig abgeschlossen - Szenen wie in einem Hitchcock-Film. Von Anfang an sendet der Roman Bedrohungssignale aus und mündet schließlich in eine Familienkatastrophe. Am Ende des Sommers steht der Umzugswagen vor der Tür, nichts ist mehr, wie es war.

Ein weiser Trinker aus der Nachbarschaft gibt dem Jungen eine Perspektiv. Ein Indianer sei er: "Für einen Indianer ist alles wichtig. Jeder Stein am Weg, jeder geknickte Zweig. Du hast dich für die Aufmerksamkeit entschieden." Diese indianische Aufmerksamkeit kennzeichnet Rothmanns Bücher. Er findet prägnante symbolische Bilder; alles Innere drückt sich im Äußeren aus, in der filigranen Beschreibungskunst, die viele Details mit unaufdringlicher Bedeutung auflädt.

Der forcierte Naivitätston, mit dem Kinder und Jugendliche oft dargestellt werden, liegt Rothmann fern. Julian ist ein ernster Junge, ein Leidensmensch, der in diesen Wochen ein pubertäres Martyrium durchmacht: Schulangst, Familienpein, Panik, weil ihm das vom Vater geliehene Fahrrad am Baggersee gestohlen wird, die Verlegenheit, als er in einen Ladendiebstahl verwickelt wird. Aus solchen Kindheitserlebnissen hat Rothmann ein sommerhelles Buch gezaubert. Es liegt eine Verklärung darüber, die rein gar nichts mit Kitsch zu tun hat.

Die Eiseskälte wirklich freier Geister

In diesem Herbst liest man wieder Schülerromae, das einst beliebte Genre hat lange brachgelegen. Ada, fünfzehnjährige Schülerin einer Bonner Privatschule für gut betuchte Problemjugend, ist die Heldin von Juli Zehs Roman "Spieltrieb", und sie gibt sich ebenso belesen wie blasiert. Ob Machiavelli, Nietzsche oder Derrida, ob Balzac, Thomans Mann oder Dostojewskij - sie scheint alles bereits verschlungen zu haben: "Ada las, wie man Stämme in ein Sägewerk schiebt." Besonders liebt sie Arno Schmidt und seine abwechslungsreichen Mondbeschreibungen. Ein langes, unergiebiges Gespräch gilt ihr als "Settembrini-Castorp-Nummer". Lektüre der zehnten Klasse ist übrigens Musils "Mann ohne Eigenschaften".

Aber es bleibt nicht bei Lese-Erlebnissen. Ada tut sich zusammen mit ihrem Mitschüler Alev, einem Halbägypter, dessen dostojewskijhaft dunkles Auftreten sie fasziniert: "Er hatte die Intelligenz und Härte eines Wahnsinnigen." Gemeinsam tüftelt man mit der Eiseskälte wirklich freier Geister eine grässliche Intrige aus, ein Menschen-Experiment. Ada verführt den polnischen Lehrer Smutek in der Turnhalle, Alev fotografiert den Akt und stellt die Fotos ins Internet: Eine sexuelle Erpressungsgeschichte nimmt ihren bösen Lauf. Die "Urenkel der Nihilisten" verstehen es als "spieltheoretische Testreihe". In diesem Roman wird die Gombrowicz-Konstellation umgekehrt: Hier sind es die "Jungen", die in schauriger Überlegenheit den "Alten" inszenieren. Und "Pornographie" ist auf jeden Fall im Spiel.

Zehs superkluge Pubertisten, deren Bildung die eines durchschnittlichen Examenskandidaten weit überschreitet, wirken nicht gerade authentisch. Man würde sie als Kunstfiguren gelten lassen, wen sie einem nicht bald schon ein wenig auf die Nerven gingen. Offensichtlich ist Musil das große Vorbild der Autorin. Die Versuchungen des Amoralismus, wie sie in "Die Verwirrungen des Zöglings Törleß" geschildert werden, kehren in zeitgemäßer Form wieder. Über solche Bezüge hinaus versucht Zeh sich auch am Reflexionsstil des "Mann ohne Eigenschaften", verfängt sich dabei aber regelmäßig in den Fallstricken der Metaphorik, zu der schon Musil eine nicht immer glückliche Liebe hegte. Da wird ein Blick aus einem Gesicht gezogen "wie ein Messer aus einem Stück Butter". Da werden "nicht gerissene Witze" zusammengetrieben "wie eine verirrte Rinderherde, die schließlich in großer Stammpede in die vorgegebene Richtung braust". Und "die Sonne brüllte vom Himmel wie ein zahnloser Tiger".

"Ermüdendes Topfschlagen der Identitätssuche"

Der epische Mut Juli Zehs ist dennoch zu loben gegenüber routinierten Rückblicken auf die eigene Kindheit und Jugend, wie sie in den letzten Jahren unter jüngeren Autoren Mode geworden sind. Erlebnisarmut rettet sich da oft in eine halb provokativ gemeinte Oberflächen-Asthetik. Man vertraut auf die Madeleine-Wirkung von Produktnamen und pop-kulturellen Signalen. Ausgespart bleibt dagegen meist das, was die Coming-of-Age-Geschichte üblicherweise kennzeichnet: der erste Liebeskummer, die erste Identitätskrise, der erste Generationskonflikt.

Bei Juli Zeh spielt das alles wieder eine zentrale Rolle. Wie es sich für intelligente Menschen in der Pubertät gehört, wenn Sinn- und Weltfragen hin und her gewendet. "Transzendentale Obdachlosigkeit" und "Werteverlust" - alles drin, auch das "ermüdende Topfschlagen der Identitätssuche". Nie wird ja so dringlich philosophiert und nach Sinn gedürstet wie in den jungen Jahren. Und das alles nur, weil die Hormone verrückt spielen. Zu allem Übel müsse man sich seine "Verwirrungen" auch noch vom "Schandbegriff Pubertät" banalisieren lassen, heißt es an einer Stelle des Romans. Pubertät - die große biologische Kränkung.

Details aus dem Heizungskeller

Auch Bodo Kirchhoff hat einen Schülerroman geschrieben, was einigermaßen erstaunen mag. Waren seine Helden bisher doch vorwiegend routinierte Lustsucher auf verschiedenen Kontinenten, erotische Spezialisten, einsame Wölfe im Rotlichtviertel. "Wo das Meer beginnt" zeigt den Autor nun als raunenden Beschwörer einer Schülerliebe, die sich nahtlos aus einer Schultheaterprobe des für erotische Wirren bekannten "Sommernachtstraums" ergibt. Das Paar, Pyramus und Thisbe, liebt nach der Probe weiter im Heizungskeller des Frankfurter Hölderlin-Gymnasiums. Der Hausmeister hört verdächtige Geräusche und ruft das Kollegium herbei, das gerade beim Griechen nebenan den Geburtstag der Direktorin feiert. Das ist peinlich, und noch peinlicher wird es, als das Mädchen Tizia bald darauf behauptet, vom Politikersohn Viktor Haberland vergewaltigt worden zu sein.

Kirchhoff bietet Kunsthandwerk auf höchstem Niveau, was schon bei der Installation des Spannungsbogens beginnt. Was ist wirklich geschehen? Wir erfahren es erst ganz am Ende. Vorher wird ein Erzähl-Pakt geschlossen. Der Lehrer Branzger interessiert sich so brennend für das Vorgefallene, dass er Viktor Haberland verspricht, ihm seinerseits alles von der seinen möglichen Rausschmiss verhandelnden Schulkonferenz zu erzählen, wenn der Junge im Gegenzug alle Details aus dem Heizungskeller verrät.

So beichten und berichten die beiden um die Wette, Branzger selbst bietet unaufgefordert erotische Bekenntnisse. Und vor allem erfährt Viktor, wie seine Schäferstunde mit Tizia vom Kollegium angeregt hin und her gewendet wurde. Im Lehrerzimmer lauschte man sogar dem Song, der - seltsam genug - zum Liebesspiel erklang. Es handelt sich um "Tell me", einen Stones-Song aus der Zeit, als Mick Jagger gerade knapp dem Stimmbruch hinter sich hatte, ein Lied von 1964, an das sich garantiert keiner unter 56 erinnern wird. Was andererseits der Altersstruktur heutiger Lehrerkollegien genau entspricht.

Einsatz in der "Spielbank der Seele"

Die meisten Schülerromane sind Romane der Erinnerung. Sie fokussieren ein einschneidendes, in seiner Konsequenzen immer noch nachwirkendes Ereignis, einen Tag im Schülerleben, nach dem alles unwiderruflich anders sein sollte. So auch hier. Die Rahmenhandlung spielt zwölf Jahre später; inzwischen lebt Viktor Haberland in Lissabon und organisiert Vortragsreihen für ein deutsches Kulturinstitut. Von einer mit dem Titel "Das traurige Ich" ist immer wieder die Rede. Zu diesem Anlass hat Haberland eine Schauspielerin verpflichtet - und diese Frau ist niemand anderes als die Tizia-Thisbe von einst.

"Je schrecklicher der biologische Verfall, desto dringender bedarf man der Leidenschaft eines verzehrenden Feuers, lieber verbrennen als langsam und leichenhaft abkühlen, die Leidenschaft ist für das Alter wichtiger als für die Jugend", meint - nein, nicht der alte Branzger, sondern wiederum Gombrowicz. Kirchhoffs sterbenskranker, nach Leidenschaftsberichten dürstender, von Leidenschaftsrede überströmender Lehrer wirkt wie eine Illustration dieser These. Der Enthusiasmus, mit dem er sich über die junge Liebe beugt, hat etwas von der Haltung der alten Ästheten in "Pornographie". Auch in Kirchhoffs Roman soll der "Junge" gezwungen werden, wenn auch nur zum Erzählen.

"Wo das Meer beginnt" ist mit stilistischer Eleganz und formaler Sicherheit geschrieben, ein erinnerungsschweres, sentimentalisches, manchmal auch ein wenig sentimentales Buch, auf der Suche nach der intensiven Liebeserfahrung. Die Liebe noch nicht in der Wiederholungsschleife, sondern als brennende Einzigartigkeit - darauf laufen die Lebenslehren des alten Branzger hinaus: "Weil du nur einmal wirklich liebst im Leben, unter Umständen nur eine Nacht lang..." Das Verlangen sei "der Ort, an dem wir uns ruinieren, die Spielbank der Seele" - Sätze, wie für einen Roman gesprochen. Vieles in diesem Buch wirkt ausgesprochen belletristisch.

"Helena, ich liebe dich!"

Ebenfalls am Rand des Meeres angesiedelt ist schließlich das kleine, 1952 erschienene Buch des Spaniers Julián Ayesta (1919-1996), "Helena oder das Meer des Sommers". Auch in dieser lose zusammenhängenden Folge von Geschichten geht es um das Ende der Kindheit. Im Arkadien des mediterranen Sommers vollzieht sich eine schmerzlose Wandlung: in einem Jahr noch Kissenschlachten, im nächsten Küsse auf der grünen Wiese. Der zeitliche Hintergrund sind die frühen dreißiger Jahre, noch vor den Schrecken des Spanischen Bürgerkrieges und der politischen Zerstörung des unbefangenen Lebens. Man genießt einfache Freuden - Schmetterlinge fangen, Beeren pflücken, im Meer baden - und wird dabei "ganz verrückt vor Freude". Es finden sich Formulierungen von schöner Kühnheit: "Die Sonne schnarchte auf den Apfelbäumen."

Den sechs Sommergeschichten steht eine Wintergeschichte gegenüber, die längste des Bandes. Hier geht der Blick ins Innere, und da sieht es weniger heiter aus: unkeusche Gedanken, religiöse Anfechtungen, sadistische Phantasien, Beschwörung von Todsünden. Das erinnert an den verquälten Katholizismus, wie ihn James Joyce im "Porträt des Künstlers als junger Mann" kunstvoll beschrieb. In einer Übersetzung von 1926 entfaltete der Roman in Spanien Wirkung; Ayesta eifert ihm in einigen Passagen offensichtllich nach.

Dann aber ist wieder Sommer, und was sonst so oft die Jugend verbittert, vergebliches Schmachten und Sehnen, davon bleibt in diesem Buch der Erfüllung keine Spur: "Helena, ich liebe dich!" bekennt der Junge. Und Helena antwortet: "Ich dich mehr." Ein Laber-Flasch ist hier nicht zu befürchten, die einzige Droge: Cidre. "Onkel Arturo konnte den schäumenden Apfelsekt sehr gut einschenken, und es machte Spaß, das Prickeln des Sekts am Glasrand zu hören und den gelben, goldenen Strahl zu sehen, der manchmal, wenn die Sonne ihn traf, auffunkelte, und die dunkelgrüne Flasche, die immer heller und durchsichtiger wurde." Und zu allem Überfluss darf man unterm Tisch Helenas Hand halten. "Ich war glücklich, hätte vor Glück platzen können."

Welch ein Schmerz beim Lesen - von der Welt so schöner Gefühle ausgeschlossen zu sein. Weil man nicht mehr jung ist. Und weil es, als man jung war, so schön nun doch nicht war.


Wolfgang Schneider (ist Literaturkritiker und lebt in Berlin)
in: Literaturen (Nr. 11), Ausgabe November 2004.



Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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