Eros und Asche von Bodo Kirchhoff
"Pack unsere Dinge in einem Roman" lautet der letzte Wunsch, den der eine dem anderen, dem Freund, ins Seelennotizbuch diktiert. Unsere Dinge, wie er sagt, sind eine Art Fels in der Brandung. Auf den ersten Blick wenig spektakulär der Handlungsrahmen, eine lebenslange Freundschaft, aber wie so oft: der Leseblick hinter die Fassade lässt die Innenarchitektur mit den feinen Facetten erschließen. Jedenfalls bei Bodo Kirchhoff.
Intensiv, autobiografisch (oder doch fiktiv) und dadurch sehr persönlich schreibt er über die vielen kleinen und großen Risse, Tragödien, manchmal auch Komödien, die eine Freundschaft erst zu einer Freundschaft werden lassen, wenn man ihr die Zeit zum Reifen gibt. Von Anfang an macht Bodo Kirchhoff dabei klar, dass die Freundschaft zwischen ihm als Autobiograf und M. dem Verstorbenen , keine Freundschaft war, die Kraft aus dem Täglichen, über Jahrzehnte hinweg gemeinsam Erlebtem bezog. Zu unterschiedlich die eingeschlagenen frühen Wege: Unsere bitterste Auseinandersetzung über die Gestaltung, den Sinn des Lebens, fand einige Monate nach dem Abitur statt, im September 1968 in einem Lokal auf einer Klippe bei Puerto de la Cruz (Anm: Auf Teneriffa). Wir saßen im Freien an einer Holzbrüstung, unter uns krachte das Meer gegen den Fels. Unsere Stunde null sollte der erste Oktober sein, für ihn der Beginn des Jurastudiums, für mich der erste Tag bei der Bundeswehr.
Vielmehr bestand sie, die Freundschaft, aus wenigen Telefonaten, noch selteneren Treffen über die Jahrzehnte hinweg, die, wenn nicht gerade, wie zuletzt, im Café Einstein in Berlin, in der hektischen Umgebung quer über Deutschland verstreuter Autobahnraststätten stattfanden: Mehr war nicht nötig, denn alles war in uns, die Jahre von damals reichten für ein Leben; mit keinem anderen habe ich so viele Nächte in einem Zimmer verbracht.
Dabei offenbart Bodo Kirchhoff schnell die selbstzerstörerische Kraft des Romantikers, des tragisch begabten Freundes, der sich Stück für Stück selbst aus dem Leben heraus isoliert, wenn nicht gar operiert. Die Zigarette als permanenter, keineswegs nur symbolischer Begleiter in allen Lebenssituationen, ein Ritual der vielleicht von Beginn an bewusst gewählten und bis zum letzten (entrauchten) Atemzug vorgezogenen Selbstvergänglichkeit.
Die existentielle Kraft der Freundschaft entstand in den frühen Jahren, den Jahren, in denen die Weichen gestellt werden, in denen Lebenswut, Lebensträume und Enthusiasmus noch ungebrochen sind. Ein feines Netzwerk, gesponnen durch gemeinsame Internatserlebnisse, durch Reisen und die geteilte Musik, der zu dieser Zeit sicherlich eine eminente Rolle zukam; in einer Zeit, in der die Medien noch eine halbwegs gesunde Distanz wahrten.
Mit der ihm eigenen Sprachmelodie und seinem subtilen Lebenserfahrungshumor lässt Bodo Kirchhoff die Erinnerungen an die Freundschaft an sich heran gleiten. Ohne Wut, ohne Vorwürfe oder Vorbehalte, die unausgesprochen geblieben sein könnten, höchstens ungeklärt. Eingebettet in die Tage des deutschen Fußballsommermärchens 2006 erzählt er, was viele vielleicht erleben, nur eben nicht aufschreiben. Eine Chronik der laufenden Erinnerungen entlang des laufenden Geschehens wie Verleger Dr. Joachim Unseld (Frankfurter Verlagsanstalt) den Freundschaftsroman Bodo Kirchhoffs umschreibt. Den innern Blick ausgerichtet an einem Horizont, der vom unbekannten See (irgendwo bei Berlin), gleichzeitig die letzte Lebensstätte seines Freundes, bis hin zum bekannten See (Garda) reicht, der Bodo Kirchhoff als zweite, wenn nicht sogar als erste Heimat dient.
Mit Eros und Asche legt Bodo Kirchhoff einen fulminanten und gleichzeitig sensiblen Freundschaftroman vor, dem das Etikett des Lebensroman genauso gut stehen würde.Ich hätte mehr auf mich hören sollen, auf mein Bangen um ihn in diesen Minuten, die so wenig von letzten Minuten hatten, statt zu glauben, es würde einfach immer so weitergehen mit unserer lebenslangen ungeklärten Freundschaft, so beginnt der Roman und lässt nicht mehr los.
Andreas Schneider
auf: daswortreich.de, 01.12.2007
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors.
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