Bodo Kirchhoff: Die kleine Garbo
Schon in seinem sicher mit Absicht so betitelten "Schundroman" hatte sich Bodo Kirchhoff nicht vor der Kolportage gescheut: grelle Effekte, schrille Gags, ein überdrehter Plot weit jenseits der Wahrscheinlichkeit - Kirchhoff machte ungeniert Anleihen bei den Klischees der populären Medien und karikierte sie gleichzeitig auch. Jetzt bewegt sich der Frankfurter Schriftsteller wieder auf dem schmalen Grat zwischen Schund und Kunst: Ein Bankräuber, der eigentlich kein schlechter Kerl ist, entführt einen Kinderstar, der einen Engel spielt. Kein Wunder, dass die Kriminalgeschichte einen vergleichsweise glücklichen Ausgang nimmt. Holger Schlodder hat Kirchhoffs neuen Roman für uns gelesen.
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"Das Geschoß traf Herrn Weiß schräg in die Brust, durchdrang den Knochen, streifte sein Herz und trat am Schulterblatt, ein faustgroßes Loch reißen, wieder aus, das Ganze im Bruchteil einer Sekunde. Danach schlug das Herz zwar noch, nur ging das meiste Blut nicht mehr in Kopf und Beine, sondern in das gestärkte Hemd, und Herr Weiß griff in die Luft, als könne er sich dort irgenwo halten." (S. 22)
Auf der Flucht nach einem mißglückten Bankraub hat Jakob Hoederer den Chauffeur einer noblen Limousine angeschossen. Jetzt sitzt er, den Verblutenden neben sich, am Steuer des Wagens und sucht nur noch ein stilles Waldstück, um nach dem Desaster die Pistole gegen sich selbst zu richten. Da macht sich im Fond des Wagens ein Mädchen im Engelskostüm bemerkbar: Malu, ein Kinderstar der Fernsehunterhaltung, war mit dem jetzt nur noch röchelnden Herrn Weiß auf dem Weg zu einer Nachtaufnahme. Das Filmteam wird die Dreharbeiten an seinem "mystery drama" fürs Sonntagsabendprogramm erst einmal unterbrechen müssen. Denn anstatt das Mädchen laufen zu lassen, leistet sich Hoederer auch noch eine Entführung: vier Millionen für die Rückgabe des Engels.
Bodo Kirchhoff, theater- und drehbucherprobt und mit großem Gespür für die Darstellung zugespitzter Lebenslagen, inszeniert den Kriminalfall als Kammerspiel: draußen eine eiskalte Winternacht in den verschneiten Wäldern Mecklenburg-Vorpommerns, im Innern des komfortablen Fahrzeugs die Konfrontation von zwei Leben, die gegensätzlicher nicht sein können. Der Alt-Achtundsechziger Hoederer hat alles verloren: den Glauben an die Utopien, seine Arbeit, zuletzt auch seine Frau. Irgendwie hat er im Leben alles falsch gemacht. Jetzt ist er Hartz-Vier-Empfänger und findet Glück allenfalls noch im Kino:
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"Filme, wie sie ab und zu in Programmkinos laufen, an Sonntagnachmittagen, wenn du Glück hast, und wo einer wie ich alleine in der Reihe sitzt, vor den Kindern des Olymp oder dem tanzenden Sorbas. (...) Und auch wenn in solchen Filmen immer jemand stirbt, gibt es doch diesen Schwung darin, der mich jedesmal heulen läßt - vor Glück oder Freude, man weiß es nicht." (S. 163)
Damit kann die zwölfjährige Göre in Designerklamotten und mit Anastacia-Songs auf ihrem iPod natürlich gar nichts anfangen. Das Glückskind aus gut bürgerlichen Verhältnissen kennt das Leben nur von seiner Sonnenseite und aus dem Fernsehen. Mit dümmlichen Werbespots für Handys und Hundefutter verdient sie in dreißig Sekunden mehr als Hoederer im ganzen Jahr bekommt. Dafür kann er ihr Nachhilfe in Bruchrechnen geben - und in Filmgeschichte.
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"Welche Filmschauspielerin für ihn die größte sei, fragte sie.
Hab ich das nicht schon gesagt? Die Garbo.
War das die in Titanic?
Nein, war sie nicht, da war sie längst tot.
Wegen Drogen?" (S. 63)
Bodo Kirchhoff macht unterhalb dieser hinreißend aberwitzigen Dialoge eine ganz andere Tonspur hörbar: Hoederer hat in seiner Geisel auch das Kind gefunden, das er nie hatte. Während er in dieser verrückten Winternacht etwas von seinem verfehlten Leben nachholt, hat sie mit der vermeintlichen Arglosigkeit des Kinderstars längst das Gesetz des Handelns in die Hand genommen.
Wenn ihnen nicht doch noch die Medien dazwischen funkten. Die resolute Fernsehproduzentin des Engelchens will die Lösegeld-Übergabe als Live-Event inszenieren. So etwas kann natürlich nicht gut gehen: im Leben nicht, und leider auch in diesem Roman nicht. Der verliert gegen Ende an psychologischer Spannung. Mit seiner plakativ inszenierten Medienkritik hat Kirchhoff die Kolportage vielleicht doch etwas zu weit getrieben.
Holder Schlodder
in: NDR Kultur "Neue Bücher", 14.09.2006.
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autors
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