Bodo Kirchhoff: "Parlando"
Genie und Wahnsinn liegen nahe beieinander – so haben wir's schon öfter gehört. In Abwandlung der sprichwörtlichen Weisheit könnte gelten: Brillanz und Schwachsinn liegen nahe beieinander. Ein exemplarischer Beleg dafür ist Bodo Kirchhoffs Roman "Parlando".
Beginnen wir mit dem Schwachsinn:
"Ich hatte geträumt, stark, stärker als jeder Kopfschmerz."
Der Satz ist offensichtlich eine Havarie, ein Spachunfall der gröberen Art. Wie kann ein Traum stark sein, muss sich der Schreiber fragen lassen, dazu noch stärker als ein Kopfschmerz... ?! Wahrscheinlich geben Sie mir recht, wenn ich meine: Schriebe meine Tochter, die zwölf Jahre alt ist, so etwas in einem Schulaufsatz, ich wäre frustriert.
Das nächste Problem: Dieser Satz ist nicht irgendeiner, irgendwo in den 550 Seiten dieses Romans. Er ist der erste. Und wiederum werden Sie bestätigen: Nach einem solchen ersten Satz wird der spontane Impuls, das Buch auf der Stelle zum Altpapier zu werfen, nahezu übermächtig.
Da man es aber nun in der Hand hat, es sich im Lesesessel schon bequem gemacht hat, liest man halt weiter. Und siehe da, nach 150 oder vielleicht 180 langweiligen Seiten, die den ersten Eindruck bestätigen, nach einer beträchtlichen Durststrecke also, findet man sich in einer Geschichte wieder, die nicht unspannend ist.
Zugegeben, auf den ersten Blick hat auch sie ihre Crux: Ein junger Mann, Name Karl Faller, Ich-Erzähler, 36 Jahre alt, brachte seit der Geschlechtsreife seine Tage zwanghaft damit zu, sämtliche Ex-Geliebte und Ex-Frauen seines Vaters ebenfalls zu lieben. Das waren nicht wenige waren, und so war er, der Sohn, recht beschäftigt. Erleichtert hat es ihm die Tatsache, dass jener Vater nur knapp 17 Jahre älter ist, als er selbst.
Hinzu kommt, dass er vor etwa einem halben Jahr, einem halben Jahr vor Einsetzen der eigentlichen Romanhandlung, diesen Vater, Kristian, ermordete. Jedenfalls bezichtigt er sich dessen beharrlich selbst. Die zuständige Staatsanwältin weiß es besser, das ganze war ein Unfall. Er, Karl Faller, sei, jedenfalls im strafrechtlichen Sinn, unschuldig am Tod Kristians. Karl besteht dennoch auf seiner Schuld.
"Ödipus" werden Sie jetzt sagen. Das hatten wir doch alles schon.
Der Autor macht die Sache allerdings spannend: Eine der zahlreichen Ex-Geliebten des umtriebigen Kristian, allem Anschein nach sogar seine wichtigste, ist unauffindbar. Sie existiert nur in vagen Andeutungen in den Büchern des berühmten Reiseschriftstellers Kristian und in einigen nebulosen, hinterlassenen Aufzeichnungen. Karl, dieser Neurotiker mit dem Vaterschaden, Erbe der väterlichen literarischen Hinterlassenschaft, macht sich auf die Suche nach jener rätselhaften Frau.
Sie führt ihn durch mehrere Kontinente, an exotische Strände und in Großstädte wie Rom, Moskau, Lissabon, Buenos Aires oder Mexiko City.
Dieser Konstruktion, und sie ist zweifelsohne gewagt, verdanken der Autor und sein Buch zweierlei: Einmal den kriminalistischen Aspekt. Die Suche nach Spuren, Hinweisen und Indizien verleiht der Story, wie gesagt ab etwa Seite 180, eine nicht unbeträchtliche Spannung. Ist es die? Oder ist es jene? Gibt es sie überhaupt? Oder ist sie vielleicht nur ein Phantasieprodukt, eine literarische Wendung, derer Kristian sich bediente?
Zweiter Effekt: Die weitläufigen Reisen des Karl Faller geben Gelegenheit, im Lokalkolorit der jeweiligen Städte zu schwelgen. Und dabei beweist der Autor genaue und gut recherchierte Kenntnisse, eine frappierende Beobachtungsgabe und einen Blick aufs Detail, den man als brillant bezeichnen kann. Mit wenigen, präzisen Sätzen produziert er Stimmungen, zaubert aus kleinen Beobachtungen die Atmosphäre des jeweils bereisten Orts. Keine Frage: Bodo Kirchhoff wäre ein großer Reiseschriftsteller geworden.
Zugleich, also etwa nach dem ersten Drittel des 550 Seiten schweren Buchs, werden auch die verunglückten Metaphern und Platitüden, die Binsenweisheiten und Sprachunfälle seltener. Es mehren sich Stellen, die man spontan am Seitenrand anzeichnet, um sie eventuell wiederzufinden. – Brillanz und Schwachsinn liegen hier verwirrend nahe beieinander. Es ist erstaunlich, wie ein Autor, der mitunter zu großartigen Passagen fähig ist, dann wieder in Spruchkalender-Weisheiten verfällt:
"Die ehrlichen Momente im Leben sind rar, auch im Leben der Ehrlichen."
Noch ein wenig weiter im Text. Bodo Kirchhoff, Jahrgang 1948, ist heute 52 Jahre alt; wie seine zweite Hauptfigur, der Vater Kristian Faller. Der ist, was man heute einen "Alt-68er" nennt: ein Angehöriger jener Generation, die erst zur allumfassenden Rebellion antrat, nach dem bekannten Motto: Es gibt kein wahres Leben im falschen. Und zum ebenso sprichwörtlichen „Marsch durch die Institutionen“.
Bodo Kirchhoff betreibt mit "Parlando" ganz offensichtlich auch persönliche Vergangenheitsbewältigung. Treffend, nachgerade schonungslos, analysiert er die Verirrungen seines Revoluzzers und Schriftstellers, Vaters und Filous. Eines jungen Menschen, der mit Sartre, Freud, Adorno und Habermas das Establishment jederzeit eloquent anprangern kann; der, immer mit Blick auf das große Ganze, die Gesellschaft zum Besseren wenden will; der im Dienste des Wahren, Guten und Schönen auch durchs Tränengas Frankfurter Straßenschlachten gegangen ist; der seinen Sohn nach dem Übervater Marx prompt Karl nennt; und der das Naheliegende vergisst, nämlich diesem Kind ein Zuhause zu geben, in dem es ohne Schaden heranwachsen kann.
Folgt man Kirchhoff, so war der ganze Aufstand der Kristian Fallers und ihrer "Make-Love-Not-War"-Kommilitonen nur vorgeblich einer gegen das Übel in der Welt. Eher ging's darum, sich aller Pflichten und Verantwortungen zu entledigen, und dabei die Annehmlichkeiten des Establishments erst recht, und zwar exzessiv zu konsumieren.
Der „Marsch durch die Institutionen" passt da gut ins Bild: Jenseits ihrer hehren Bekenntnisse haben die 68er die Institutionen wenig verändert; sie aber zum persönlichen Vorteil, für ihre kleinen und großen Karrieren sehr erfolgreich genutzt.
Man kann dieser Analyse zustimmen oder auch nicht, sicher ist: Bei ihrer Formulierung wird Kirchhoff manchmal brillant: unerbittlich, treffend, pointiert. Bis ihm wieder jene Formulierungen passieren, bei denen man nur den Kopf schütteln kann. Ein letztes solches Beispiel:
"Wer seine eigenen Fragen beantwortet, macht sich verdächtig, nichts mehr wissen zu wollen."
So hinterläßt der Roman einen zwiespältigen Eindruck. Eine gute Portion großen Schreibens findet sich in einem Topf mit einer ebenso großen Portion miserablen Gefasels. Es ist schwer zu entscheiden, ob da der Geist im Unsinn untergeht; oder ob die Perlen aus dem Mist doch so hervor leuchten, dass sich das Leseabenteuer lohnt.
Ein Tipp zum Schluss: Beginnen Sie die Lektüre dieses Buchs auf Seite 150. Lassen Sie das erste Drittel einfach aus. Dort ist’s am schlimmsten, und Sie versäumen garantiert nichts.
Leichter würde man sich tun, hätte uns Kirchhoff dieses Drittel und zahlreiche sonstige Ausrutscher gleich erspart. Das hätte den Umfang des Romans auf die Hälfte reduziert. Und das wäre dann ein wirklich gutes Buch gewesen.
Thomas Schaller
in: Österreichischer Rundfunk, Ex Libris - Das Bücherradio, 23.09.2001.
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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