Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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Thomas Schaller: Der Sommer nach dem Jahrhundertsommer

Bodo Kirchhoff: Der Sommer nach dem Jahrhundertsommer

Vorerst zu den Fakten: Im Lauf der Jahrzehnte hat Bodo Kirchhoff neben seinen – meist voluminösen – Romanen immer wieder auch kleinere Stücke geschrieben, die seit 1981 in insgesamt 4 Erzählbänden erschienen sind. Der vorliegende Band, der auch „Sämtliche Erzählungen“ heißen könnte, vereint nun die gesammelten Geschichten in einem Buch. Zusätzlich wurden drei – aus welchen Gründen immer – bislang unveröffentlichte, ältere Stories aufgenommen, und als Draufgabe noch drei aktuelle, neue.

Und: Bodo Kirchhoff hat seine Erzählungen für die Neupublikation sanft überarbeitet, sodass sie nun in der „definitiven, vom Autor als gültig erachteten Fassung vorliegen“. – Wie die editorischen Hinweise am Schluss des Bandes festhalten.

Für die Fans des deutschen Großautors, und deren sind ja nicht wenige, ist der Sammelband also ein „Must Have“ – um‘s in der Sprache heutigen Produkt-Marketings zu sagen. Wiewohl – einem literarischen Verlag und seinem Autor modernes Produkt-Marketing zu unterstellen, das schickt sich ja nicht. Also nehmen wir es gleich wieder zurück.

Für den Rezensenten ergibt sich die reizvolle Möglichkeit, den frühen, den wilden, zornigen Kirchhoff mit dem nunmehr älteren, gesetzten Meisterstilisten vergleichend gegen zu lesen.

Um‘s gleich auf den Punkt zu bringen: Die Unterschiede sind nicht so groß, wie man erwarten könnte. Bodo Kirchhoff schreibt grundsätzlich einmal immer über sich selbst. Seine – meist ich-erzählenden – Hauptfiguren sind immer Männer, sie sind immer Schriftsteller und sie sind immer genau in dem Alter, in dem auch ihr Autor gerade ist.

So handeln die frühen Geschichten aus den 70er Jahren von einem jungen, unbekannten Schriftsteller, der in einer Dachkammer wohnt und das Frankfurter Rotlichtviertel durchstreift. Die Geschichten des 50jährigen Kirchhoff haben einen arrivierten 50jährigen Schriftsteller zum Protagonisten, der gerade sein neu erworbenes Haus am Gardasee einrichtet. Die aktuellen Geschichten des 60jährigen handeln – richtig – von einem 60jährigen nunmehr hoch dekorierten Schriftsteller, der sich bereits mit dem Gedanken trägt, besagtes Haus wieder zu verkaufen. Erstens, das Grundstück macht schon mehr Arbeit als Freude, zweitens, das 380-PS-Motorboot ist auch nicht leidensfrei in Schuss zu halten, drittens, dem nicht mehr ganz so wehrhaften Mann machen neuerdings albanische und rumänische Einbrechertrupps Sorgen, die die Gegend verunsichern.

Uns so kann der Sammelband, er umfasst insgesamt 31 einzelne Titel, auch als eine Art Autobiographie in Episoden gelesen werden.

Weiters gibt’s bei Kirchhoff, ein Thema, und das zieht sich über 30 Jahre hinweg, in jeweils altersangepasster Perspektive: die Beziehung zwischen Mann und Frau. Und man sollte hier nicht vereinfachend sagen: die Liebe.

Bodo Kirchhoff weiß, oder glaubt zu wissen, dass das Verhältnis zwischen Mann und Frau fundamental körperlicher Art ist. Es ist ein Verhältnis von Attraktivität, von Begehren und von Verlangen, oft auch von vergeblichem, aber nicht von etwas, das man im engeren Sinn als „geistig“ bezeichnen müsste.

In diesem Punkt ist er sehr offen. Um es in gleichermaßen offenen Worten zu sagen: Liebe, so Kirchhoff, ist Sex. Andererseits, und das macht die Sache erst beschreibenswert, Sex ist etwas wesentlich Komplizierteres, als das gemeinhin kolportiert wird. Er passiert nicht einfach, sondern muss erarbeitet werden, über Klippen und Hürden hinweg. Und das Komplizierte daran, das wird mangels eines besseren Ausdrucks eben Liebe genannt.

Was in dem Sammelband noch auffällt: Jener junge, wilde, zornige Bodo Kirchhoff hatte eigentlich immer schon ein wenig von einem Porpagandatrick. Die Unterschiede zum älteren sind – einmal mehr – beinahe vernachlässigbar. Bodo Kirchhoff war schon als Junger eigentlich ein sehr gesetzter Schreiber von erstaunlich alt-weiser Weltsicht.

„Rücksichtslos“ ist so ein Wort, das der junge Autor gern verwendete.  Es ist das erste der ersten Geschichte im vorliegenden Band, somit das erste des Buchs überhaupt. Oder „Grausamkeit“.

Aber der Eindruck täuscht, es sind nur Worte. Tatsächlich findet sich von Rücksichtslosigkeit oder Grausamkeit wenig. Seine durchwegs moralisch-rücksichtsvolle Grundhaltung hat auch der junge Kirchhoff selbst bei einem Bordellbesuch schon ganz und gar internalisiert. Nach einigen Reflexionen über das Herkunftsdorf der aufgesuchten Dame, einer Portugiesin, zieht der Kunde unverrichteter Dinge ab.

Schon da, im Jahr 1978, stellt sich also heraus: Sex ist komplizierter, als man glaubt. Um den vermaledeiten Nicht-Vollzug drehen sich Kirchhoffs Geschichten in der Folge 30 Jahre lang.

Was bleibt, ist das, was man ohnehin schon über den Schriftsteller wusste: Er ist nicht nur ein meisterhafte Stilist, sondern auch noch ein grandioser Beobachter. Er verfügt über eine geradezu gnadenlose Fähigkeit, Dinge zu sehen, kleine Dinge, unscheinbare Details. Und er vermag es, sie einzufangen, sie in meisterhafter Knappheit mit wenigen Strichen zu skizzieren. Und vor allem: In beeindruckender Art gelingt es ihm, aus den Details am Straßenrand, im Hausflur, aus den Spiegelungen auf einem See, aus den Kratzern im Lack eines Autos, kurz: aus den Requisiten seiner Geschichten Stimmung und Atmosphäre zu generieren. Um nicht zu sagen: zu zaubern.

Diese Sensibilität für die unscheinbaren Dinge und die Fähigkeit, sie gezielt für seine Geschichte einzusetzen – darin liegt der Reiz des Kirchhoffschen Schreibens. Das wird in seinen Kurzgeschichten fast noch mehr klar, als in seinen großen Romanen.

Konservative Geister könnten sich von Literatur nun etwas mehr erwarten. Nämlich so etwas wie die Abhandlung der großen Themen des Lebens. Sie könnten meinen, Literatur müsse zum Kern der Dinge vorstoßen, zum Eigentlichen der Existenz, zum Wesen des Seins vordringen.

Hat man solch hehre Ansprüche, wird man bei Bodo Kirchhoff nicht leicht fündig. Der Deutsche ist der Meister des Kleinen, und er begnügt sich dann auch damit.

Oder wie er es schon 1978 sein Alter Ego in einer der frühen Erzählungen aussprechen lässt: Ich könnte das Eigentliche nicht beschreiben, weil es für mich nicht vorhanden ist.

Um diesen inneren Monolog mit der doch bemerkenswerten Feststellung abzuschließen: Ich bin kein Gegner von Sinn. Wenn sich Sinn ergibt, warum nicht? Aber es muss auch nicht sein. Ich würde mich höchstens als Schreibkraft bezeichnen.


Thomas Schaller
in: Österreichischer Rundfunk, Ex Libris - Das Bücherradio, 03.07.2005.
Den gesendeten Beitrag finden Sie hier: http://oe1.orf.at/highlights/40109.html


Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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