Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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Erzähl vom Ungeheuer, bittet das Kind am Abend den Vater. Zum ersten Mal sind Vater und Sohn allein unterwegs. Die Mama hat geschäftlich zu tun, Gott sei Dank; denn Quint, ihr Mann, Radiosprecher in Goethes Geburtsstadt, macht keine Erholungsreise. Er sucht das Mädchen, das ein Jahr lang auf Julian aufgepaßt hatte und über Nacht verschwand. Helen wohnte zuletzt in Tunis, in einem kleinen Hotel in der Medina, sie ließ dort ein Heft zurück; Vater und Kind beziehen ihr Zimmer. Es folgen sechs sich überstürzende Tage, vielleicht sind es auch sieben - Quint verliert das Gefühl für die Zeit. Während er Julian, mit geübter Stimme, vom Ungeheuer erzählt, dringt das Ungeheure in seine Welt.
Da ist Madame Melrose, Besitzerin des petit hôtel de la tranquillité, eine Frau am äußersten Rande des Jungseins; Quint erliegt ihr. Und da ist Dr. Branzger, einziger weiterer Hotelgast, angeblich im Exil und vom Schicksal geschlagen, ein Mann mit Mantel und Stock, dazu unwiderstehlicher Erzähler und begnadeter Konstrukteur von Papierfliegern, dem beide, Vater und Kind, erliegen. Ferner tauchen ein Schwarzer auf, vermutlich mit Helen liiert, sowie ein junger Mensch mit nur faustgroßem Kopf, Liebhaber von Cello-Konzerten, und immer wieder eine vermummte Gestalt im Kapuzenkleid. Doch vor allem ist da Helens Heft, eine einzige Abrechnung mit ihrem väterlichen Freund, dem Radiosprecher, die bald nach dessen Ankunft weitergeht: Neue Seiten werden in Quints Zimmer geschoben und lassen das Schlimmste befürchten.


Bodo Kirchhoff
Foto: Alexander Beck

Bodo Kirchhoff, nach dem Erfolg von ›Infanta‹ Autor des Jahres 1990, erzählt in seinem neuen Roman von einem Mann namens Quint, der innerhalb weniger Tage und Nächte, in einem Schrecken ohne Ende, aus lebenslangem Kindertraum erwacht. Eine aberwitzige Hoffnung treibt ihn mit seinem vierjährigen Sohn in die Medina von Tunis, wo er gespenstischen Menschen und einer unerwarteten Liebe begegnet.


Türkische Ausgabe




P u b l i k a t i o n e n

Sandmann




Der Sandmann

Roman

1. Auflage 1992
Suhrkamp Verlag
Frankfurt am Main 1992
213 Seiten
ISBN 3-518-40481-4
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Leseprobe

Ein erster Mord, das ist der Augenblick, in dem die Welt zerbricht durch eine einzige Bewegung, den Ruck, der das Opfer vom Dach stößt. Das ist das blutgetränkte Haar auf einem Kopf, in dem jedes Wissen erlischt, das ist der Täter, der nicht zum Tier wird; am Tier vorbei fällt er ins Bodenlose. Das war der Fall, der auf mich zukam.

*

Ich hatte das Glück, einen angenehmen Beruf auszuüben, der mir noch dazu etwas Wohlstand verschaffte, Radiosprecher in Goethes Geburtsstadt; ich hatte auch das Glück einer geräumigen Wohnung, Altbau mit Südbalkon, in günstiger Lage; doch vor allem wurde mir das Glück eines gesunden Sohnes zuteil, auf den, als er noch nicht reden konnte, abends oft eine Abiturientin aufpaßte. Und damals hätte ich sogar noch einmal mit der Liebe in Berührung kommen können, weil meine Frau an Trennung dachte. Damals, das hieß während des osteuropäischen Umbruchs, der mich als Sprecher der Nachrichten täglich beschäftigte - seitdem ist es Herbst und Winter geworden, Frühling und Sommer, und ich war angebunden in der Stadt am Main, die bis vor kurzem in der Mitte Deutschlands lag. Der erste Jahrestag der neuen Einheit fiel dann in meine Urlaubszeit - ich mag den letzten Atemzug des Sommers, wenn schon ein anderer Wind weht, selbst im Süden.
In diesem Oktober flog ich nach Tunis. Neben mir, am Fenster, saß Julian, er schlief. Julian war klein, rundbäckig, hell. Alles an ihm schien mir hell, sein Haar, seine Stimme, die Haut, besonders natürlich sein Verstand; doch selbst seine braunen Augen blitzten hell auf, wenn er lachte. Aber nun schlief er ja, worüber ich froh war. Julian schwitzte im Schlaf. Auf seiner Nase glänzten Tröpfchen, mit einer Ansichtskarte fächelte ich Luft hinüber; ohne diese Karte - sie hatte mich Ende September erreicht - wären wir zwei nie verreist. Auf ihrer Rückseite stand folgendes: »Du irrst Dich nicht, das ist meine Schrift, ich lebe. Tunis ist angenehm, in der Medina gibt es kleine Hotels mit viel Ruhe. Was macht Julian? Wie geht es Christine? Wie geht es Dir? Hoffen wir das Beste, Helen.«
Längst konnte ich ihre Wort aufsagen wie einen Vers. Helen hatte sie mit Bleistift geschrieben, bei dem Wort Ruhe war ihr offenbar die Spitze gebrochen. Ich beugte mich an Julian vorbei und sah aus dem Fenster. Noch immer das Meer, blau und gekräuselt; über Elba war er eingeschlafen. Wange auf der Schulter, Hände im Schoß, so saß er da und schnaufte. Die Stewardessen ließen ihn kaum aus den Augen. Sobald Julian schlief, kam seine sanfte Macht zum Vorschein. Auch Helen hatte diese Macht gespürt. Oft war sie wie gebannt an Julians Bett gesessen, wenn Christine und ich von einem Konzert oder Essen heimkehrten; erst das Geld, das ich ihr gab, brachte sie wieder zu sich. Helen erschien zwei- bis dreimal in der Woche. Sie trank und rauchte nicht, und nie trafen wir sie vor dem Fernseher an. Christine hatte sie eingestellt, sie mochte Helen. Genaugenommen mochte sie, daß Helen sie mochte, was ich wiederum gar nicht mochte; im übrigen beängstigten mich ihre Scheidungsgedanken, denn ich war an Christine gewöhnt. Außerdem bewunderte ich ihren Verstand. Sie übersetzte schwierige Bücher und hatte dafür schon Preise bekommen; zur Zeit besuchte sie einen russischen Autor. Bei ihrer Rückkehr würde sie eine Nachricht finden: Bin mit dem Kleinen in Tunis, rufe dich an! Und das dürfte sie überraschen, denn es war meine erste Reise mit Julian. Als das Flugzeug zur Landung ansetzte, weckte ich ihn. »Schau, da, die Wüste«, rief ich und zeigte auf ein Ödland längs der Piste. Julian nahm meine Hand. Er fragte nach Kamelen, und ich erzählte ihm, die Kamele seien unterwegs. Natürlich glaubte er das; mir nicht zu glauben war auch kein Kinderspiel bei meiner Stimme.
Die Fahrt ins Zentrum zog sich hin. Tausende waren an diesem Oktobertag auf die Straße gegangen und verlangten Rückkehr zu alten Gesetzen. Die Menschen rannten durcheinander, wer stehenblieb, wurde mitgerissen; ein Gewirr aus braunen Kutten und weißen Gewändern in einer Sonne, die immer noch brannte. Da ich dem Fahrer nur Medina! gesagt hatte, hielt er vor einem wuchtigen Tor, hinter dem die Altstadt begann. Sofort kamen Händler und Bettler zum Wagen, und ich wollte schon in ein besseres Viertel ausweichen, da fiel mir Helens Karte wieder ein, diese Spur von Nachdruck auf dem Wort Ruhe.
Julian im Arm und in der Hand einen für die Gegend zu vornehmen Koffer, betrat ich also die Medina von Tunis, ohne das geringste Interesse für Leben und Treiben um uns herum; während mich Julian am Haar zog, Zeichen dafür, daß er Christine entbehrte, hielt ich nach Hotelschildern Ausschau. Und so sicher ich mir dann bei einem Dutzend kleiner und kleinster Herbergen war, vor der falschen Adresse zu stehen, so sicher war ich mir, am Ziel zu sein, als ich an einem schmalen Gebäude mit trocknender Wäsche auf dem Dach die Schrift petit hôtel de la tranquillité las.

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Digitale Präsentation der Leseprobe mit freundlicher Erlaubnis des Autors

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