Bodo Kirchhoff
Das beliebteste Spiel deutscher Kritiker heißt: Erst hochloben, dann niedermachen. Bodo Kirchhoff polarisiert Kritiker wie Leser seit seinem ersten Buch, aber diesen Herbst scheint er den Buhmann der Kritik zu sein. Vollkommen zu Unrecht.
Es gibt in Deutschland zwei Schriftsteller, die mit dem gleichen Problem zu kämpfen haben: Wolf Wondratschek und Bodo Kirchhoff. Beide haben eine eingefleischte (überwiegend weibliche) Fangemeinde und daraus resultierend eine besonders ekelhafte Sorte von vehementen Kritikern. Zum einen Männer, die ihnen den Erfolg bei Frauen mißgönnen. Zum anderen Frauen, die sie dafür hassen, daß es Frauen gibt, die das gut finden, was sie schreiben und was diese (meist verhärmt feministisch angehauchten) Gegnerinnen für "abgefuckte Männerscheiße" halten.
Kirchhoff neuer Roman "Der Sandmann" hat all das, was seine Fans an ihm schätzen: Exotisches Ambiente, nicht ganz durchsichtige Beziehungen, erotisches Flair, unmerklich wachsendes Unheil, Reflexionen über das Schreiben und das Dasein an sich.
Quint, ein Frankfurter Radiosprecher, flieht in Begleitung seines vierjährigen Sohne vor den Problemen seiner Ehe in die Medina von Tunis. Dort hofft er Helen, das Kindermädchen seines Sohne, zu finden. Aber statt der heimlichen Liebe begegnet er einer mütterlich besorgten Hotelbesitzerin und dem geheimnisvoller Dr. Branzger, einem "Habenichts im Exil". Die Suche nach Helen kostet Quint nicht nur den Sohn, sondern treibt ihn auch zu einem Mord und in den Selbstverlust.
Kirchhoff transportiert in seinem Roman die gleichnamige Erzählung von E.T.A. Hoffmann in die Gegenwart und verarbeitet gleichzeitig Freuds Abhandlung über das Unheimliche. Geschickt spitzt er das Grauen zu, wechselt raffiniert die Erzählperspektive, läßt beiläufig aktuelle politische Ereignisse (Wiedervereinigung, islamischer Fundamentalismus) und psychologische und philosophische Häppchen einfließen. Kirchhoff geht wie immer subtil vor. An den Sexszenen läßt sich seine Meisterschaft der leisen Töne am deutlichsten zeigen. Die pralle, schweißtreibende Erotik ist nicht seine Sache, er ist ein Vertreter der dezenten Andeutung, der phantasiestimulierenden Bilder, der anregenden Abblenden im Lubitsch'schen Sinne.
Sicher ist "Der Sandmann" nicht der große Wurf wie sein vorangegangener Roman "Infanta", trotzdem stellt auch dieses kleinere Werk unzweifelbar Kirchhoffs elegante Sprachkunst und sein Gespür für die scheinbar leichthändig geschriebene und dennoch anspruchsvolle Unterhaltungsliteratur eindrucksvoll unter Beweis.
Wolfgang Rüger
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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