Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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R e z e n s i o n e n
zu »Wo das Meer beginnt«

Ich begehre, also bin ich
Bodo Kirchhoff hält sich auch in seinem neuen Roman an Rausch und Räusche


Ganz am Ende, als der Studienrat und verkappte Schriftsteller Branzger gestorben ist, kommt einem Michel Foucault in den Sinn: Die Literatur sei der Ort, an dem der Mensch zugunsten der Sprache verschwinde. Wo das Wort erscheine, sagt Foucault, höre der Mensch auf zu existieren. Man muss das Verschwinden hier ganz wörtlich und übertragen zugleich nehmen: Dr. Branzger, der Lehrer und Lehrmeister, wird zur Leerstelle, die schließlich mit seiner Geschichte aufgefüllt ist. Eine Erzählung zum Tode. Der Ich-Erzähler fungiert zunächst als Branzgers Gehilfe, jener, der das Begehren des Schreibenden in Gang setzt. Er ist sein Handlanger, der schließlich die Sprache zum Klingen und im wahrsten Sinne des Wortes zum Erscheinen bringt. Er ist der erotische Transmissionsriemen, über den die Sehnsüchte und Begierden verdichtet in Schrift übertragen werden. In Literatur. Im neuen Roman von Bodo Kirchhoff lässt sich die Entstehung eines Buches verfolgen und das Verschwinden des Autors - aber ganz anders, als Foucault sich das gedacht hat.

Kirchhoff hat nach dem hinreißend-verspielten Schundroman, nach dem für Hannelore Elsner - notorisch sind ihre Cameo-Auftritte in den Kirchhoffschen Texten - verfassten Drehbuch Mein letzter Film einen neuen Roman vorgelegt: Wo das Meer beginnt ist ein beinahe an seiner komplexen Struktur, seiner fast übertriebenen Konstruktion scheiterndes Erzählwerk, das erstaunlicherweise dennoch grandios gelingt: Das liegt nicht zuletzt an der obsessiven Kompromisslosigkeit, mit der Kirchhoff seine Figuren den treibendsten, gefährlichsten Leidenschaften aussetzt: Erotik, Sex und Gewalt. Mit anderen Worten: Es liegt an Bodo Kirchhoffs diese Obsessionen genau protokollierender, also rücksichtsloser, rhythmisch dahinfließender Sprache.

Sex und Gewalt - das sind durchgängige Themen im Schreiben von Kirchhoff. Wie sich ohnehin hier ein Werk abzeichnet, das sich über Motive und immer wiederkehrende Fragen konstituiert. Im neuen Roman ist solch ein Leitthema - Vergänglichkeit und Leidenschaft - in einem Hölderlin-Zitat aufgehoben: "Laß uns vergessen, dass es eine Zeit gibt und zähl die Lebenstage nicht. Was sind Jahrhunderte gegen den Augenblick, wo zwei Wesen so sich ahnen und nahn..." Knapper und in Kirchhoffscher Diktion: Wer bin ich, wenn ich liebe, oder vielmehr: begehre. Auch seine Figuren - zumindest bestimmte Namen - tauchen immer wieder auf. So heißt der Held in Kirchhoffs 1979 erschienener Novelle Ohne Eifer, ohne Zorn Branzger; und ein vergessener Schriftsteller mit dem gleichen Namen spukte zuletzt durch seinen Schundroman.

Nun ist Branzger also in die Gestalt eines alternden Lehrers, eines kauzigen, bildungsbürgerlichen, mephistophelisch wirkenden Geistes geschlüpft, den scheinbar nur eines noch zu beherrschen scheint: die Lust am Erzählen. "Jetzt interessieren allein die Werte: wie du von dieser Stunde erzählst und was du von dieser Stunde erzählst. Oder hast du unsere Abmachung vergessen?" Der angesprochene Ich-Erzähler Viktor lässt sich auf einen Pakt mit seinem Erzieher und Mentor ein. Der Abiturient soll von einem denkwürdigen Tag berichten: Nach der Schultheaterprobe für den Sommernachtstraum am Hölderlin-Gymnasium hat er - im Stück Pyramus - sich mit seiner Thisbe in den Heizungskeller zurückgezogen.

Thisbe heißt eigentlich Tizia Jentzsch, und wer von beiden an besagtem Probennachmittag das Spiel der Verführung weitertrieb, bleibt bis zuletzt unklar. Aufsehen jedenfalls erregt die Körper-Begegnung in den Katakomben des Schulgebäudes: Schreie locken den Hausmeister herbei, dieser ruft einen Teil des Kollegiums zu Hilfe, und alle zusammen entdecken sie das theatralische Liebespaar auf einer Matratze in unzweideutiger Lage.

Eine Episode, wenn daraus nicht ein Skandal würde. Tags darauf bezichtigt Tizia den Ministersohn Viktor der Vergewaltigung. Die Lehrerschaft diskutiert den Fall und den drohenden Schulverweis ausgiebig, und Kirchhoff hat sichtlich Vergnügen daran, ein Gruselkabinett an Paukern aufzubieten und eine gruppendynamische Implosion zu beschreiben. Die Gereiztheiten machen sich etwa darin Luft, dass die unter Schülern grassierenden Spitznamen nun im Lehrerzimmer hin- und hergeschossen werden: Der geltungssüchtige Sportlehrer Graf, der sich halb nackt in Fitnessmagazinen ablichten lässt, hört auf den Namen "Porno-Graf", über den sanftmütigen "Königspudel Holger", Geografielehrer, der eine linksalternative Vergangenheit mit sich herumschleppt und die Probleme der Dritten Welt im Alleingang lösen möchte, spricht man als "Kongo Holger".

Wie bei den "zwölf Geschworenen" wird hier über Viktor Haberland verhandelt. Branzger stellt sich - ebenso wie die faszinierende Kunstlehrerin und Theater-AG-Leiterin Kristine Kressnitz - auf die Seite Viktors. Ein Interesse scheint Branzger anzutreiben, das sich in den darauf folgenden Treffen mit seinem Schüler mehr und mehr entlarvt als eine Form von homoerotischer Anziehung und Verfallensein ans Wort. Branzger inszeniert diese Begegnungen, die beiden Protagonisten belauern und locken sich, der Ältere in der Rolle des Verführers, der Jüngere als Novize, der letztlich zu nichts anderem getrieben werden soll als zur Literatur. "Branzger nahm meine Tasse und füllte sie mit Kaffee, er gab mir Gelegenheit zum Nachdenken oder tat so, wie ich überhaupt den Eindruck eines gewissen Theaters hatte, mit ihm als Regisseur und mir als einzigem Darsteller, nur dass die Rolle nicht klar war, ja nicht einmal das Stück feststand."

Branzger offenbart seinem Gegenüber letztlich mehr als dieser ihm. Er berichtet von einer vergangenen Affäre mit der Lehrerin Kressnitz, die einem Rausch gleichkam und sich bei einem Klassenausflug nach Portugal - dort, "wo das Meer beginnt" - entzündet hatte. All die Energie, die er in diese Amour fou steckte, verwendet er jetzt auf Viktor. Es ist tatsächlich eine Verschwendung, ein atemloses Sich-Verausgaben, eine letzte Kraftanstrengung für das Wort, das sich im Tod erfüllt. Branzger schneidet sich die Pulsadern auf, stirbt, sein Schüler wird zum Nachlassverwalter. Zwölf Jahre später im Jahr 2003, Viktor ist nun Anfang 30, kramt er die Protokolle seines Lehrers wieder hervor.

Haberland arbeitet inzwischen am Goethe-Institut in Lissabon, der Ort, an dem alle Fäden dieses Buches sich verknoten. Er bereitet einen Kongress zur neueren Hirnforschung mit dem Titel "Das traurige Ich" vor, und die Tagung soll der Frage nachgehen, was es angesichts alles determinierender neuronaler Prozesse mit dem freien Willen des Menschen auf sich habe. Das Thema verknüpft Viktor immer wieder mit seiner eigenen Geschichte. "Keinen einzigen unserer gesprochenen Sätze (...) können wir direkt aus unseren Hirnzellen ablesen, die Vorgänge sind unendlich vielschichtiger als das, was sich, biochemisch oder sonstwie, ablesen ließe. Ein einmal ausgesprochener Satz ist also für immer verloren, wenn ihn nicht vergleichsweise simple Systeme außerhalb des Hirns - Tonträger oder Stift oder Papier - festhielten, und nur weil dies geschehen ist, in Form von Branzgers Notizen, kann ich hier überhaupt meine Worte wiedergeben, wenn auch mit Vorbehalt." Die Literatur wird bei Kirchhoff nicht zuletzt zum Antiserum gegen die Hybris moderner Naturwissenschaft und die Entmündigung des Menschen durch deren Erkenntnisse.

Für die Veranstaltung in Lissabon braucht man eine Schauspielerin, die Texte von Heine und Hölderlin vortragen soll. Viktor macht Tizia ausfindig, die Schauspielerin am Staatstheater Saarbrücken geworden ist, er lässt sie einladen, und die schalldicht verschlossene Erinnerung beginnt zu sprechen. Viktor nimmt sich die alten Aufzeichnungen seines Lehrers vor, tippt sie ab, verändert sie, eignet sie sich an, erschreibt sich seine Geschichte neu, wird zum Autor seines Lebens und eines - wenn man so will - Romans. Den wir nun wiederum in Händen halten. Branzger ist dabei das Vorbild, das zugleich überwunden werden muss: "Wer erzählen will", hatte er Viktor beschworen, "muss sich erinnern lernen, was damit beginnt, sich jede Erinnerung auszutreiben, die nur aus zweiter oder dritter Hand stammt, ohne Rücksicht auf den eigenen Schrumpfungsprozess, ohne Rücksicht auf andere, die dadurch in trüberem Licht erscheinen. Keine Genauigkeit ohne Blutverlust, Haberland. Jedes Bemühen, gleichzeitig gut zu sein und gut zu erzählen, führt nur zu schlechten Geschichten."

Bodo Kirchhoff gelingt diese Genauigkeit, wenn er zuweilen durchaus ein wenig plaudernd und verschwenderisch mit seinem Material umgeht. So wie "Pyramus und Thisbe" im Sommernachtstraum als Spiel im Spiel inszeniert ist, inszeniert auch Kirchhoff diverse kleine Zwischenspiele und schiebt Binnenerzählungen ein. Er scheint ein riesiges Reservoir an Erzählbarem zur Verfügung zu haben. Das aber ist der letzte Vorwurf, den man einem Erzähler machen sollte.


Ulrich Rüdenauer
in: Frankfurter Rundschau - Literaturbeilage Buchmesse, 06.10.2004.

Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors

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