Nachdenken über Michael P.
"Eros und Asche": Ein Freundschaftsbuch von Bodo Kirchhoff
Bodo Kirchhoff galt als Blondine unter Deutschlands Dichtern. Er wirkt so attraktiv, dass man ihm intellektuell wenig zutraute. Gerade hat er einen beeindruckenden uneitlen Roman vorgelegt: "Eros und Asche".
Wer es unterhaltsam haben will, kann "Eros und Asche" als Homestory leben: Tagebuchartig erzählt Bodo Kirchhoff von seinem Dichterleben in Frankfurt, am Gardasee und auf diversen Lesereisen. Wer es traurig mag, kann einem Arzt nachgründen, dem auf Erden nicht zu helfen war: M., Michael Päselt, Gefährte der Jugend. Kirchhoffs Roman verquickt beide Lesebedürfnisse und gibt allzu Privatem Form und Sinn; er beschreibt sich selbst auf der Suche nach der verlorenen Zeit mit M.
In der Internatsschule Gaienhofen am Bodensee waren sie Zimmergenossen bis zur Matura 1968: Bodo und Michael, der schon damals zur Geheimnistuerei neigte. Später haben sie einander aus den Augen verloren. Während Bodo ein bekannter Schriftsteller wurde, warf M. seinen Job als leitender Oberarzt in Berlin hin. M. verarmte, während Bodo aufstieg. Bodo erwarb ein Haus am Gardasee, M. fand an einem versteckten See bei Berlin sein Ruderglück - und 2005 den Tod. Herzversagen.
Es ist dies ein Herzversagen in mehrfachem Sinn. Bei M. ist es eine Unfähigkeit zu lieben; er bleibt Betrachter, besessener Fotograf erotischer Szenen, ein Aussenstehender, der sich selber aufgibt und dem Tod nachhilft.
SCHEU. Herzversagen: Das gibt es auch bei Kirchhoff, er lässt den Freund ziehen, gehen, fallen. Man telefoniert, verspricht gemeinsame Reisen, aus denen nie etwas wird. Der Roman will Wiedergutmachung sein. Doch etwas in Kirchhoff scheut den Freund bis heute: Was in den 14 Jahren geschah, als Kirchhoffs Schwester mit M. zusammen war, bleibt im Dunkeln. Nur am Rande erfährt der Leser, dass Kirchhoff bei der Beerdigung von M. fehlte, weil ihm ein Schreibseminar wichtiger war. Lieblosigkeit?
Was die Freunde unausgesprochen verbindet, ist etwas Zügelloses, Intellektuelles, eine grandiose Unverbindlichkeit, die andere verletzen mag. Beide haben "mehr Treue zu sich selbst als gegenüber dem anderen". Narzissmus? Unabhängigkeit? Michael führt diese Selbstbezogenheit ins Asoziale; Bodo führt selbstbezügliche Seelenarbeit zum Erfolg.
"Pack unsere Dinge in einen Roman": So lautete, angeblich, 2005 der letzte Wunsch von M. Und Bodo Kirchhoff packts. Er packt ihre zwei Leben zueinander: eigene Buchmessenauftritte und M.s Bücherhöhleneinsamkeit, die Querelen im Hause Suhrkamp und Kirchhoffs Familienglück am Gardasee, M.s platonische Lieben, Briefe, Fotos, Bücher und eigene Erlebnisse, Warschau, Lissabon, die Fussball-WM 2006.
Bodo Kirchhoff spannt sein Schriftstellerleben hell und banal über das Schicksal von M. wie über einen nahen Abgrund, in den Kirchhoff hineinsehen muss wie in einen dunklen See. So treiben sie dahin in diesem Roman, Michael und Bodo, verflochten wie am Bodensee, als sie jung waren und einander schwimmend ans Ufer halfen. Damals wirkte M. wie ein Wichtigtuer. Heute ist Kirchhoff klüger: "Er log, um lieben zu können, nicht um geliebt zu werden." Vielleicht ergeht es auch Kirchhoff so: Er dichtet, um Menschen lieben zu können, nicht um vom Publikum geliebt zu werden.
Christine Richard
in: Basler Zeitung, 12.10.2007
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
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