Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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R e z e n s i o n e n
zu »Schundroman«

Schreiben als Verbrechen

Von Steffen Martus

Wenn Leser zu Detektiven werden - in seinem "Schundroman" lässt auch Bodo Kirchhoff den Großkritiker ermorden


Ein seltsamer Zufall: Im letzten Herbst begann Bodo Kirchhoff seinen neuen Roman, in dem ein Großkritiker getötet wird. Um die Jahreswende erfuhr er von Martin Walsers Kritikermord, den er augenblicklich verarbeitete - im 45. Kapitel seines "Schundromans" zirkuliert das Manuskript "Tod eines Kritikers" in Autorenkreisen, ein "Krimi mit Ambition", geschrieben von einem "älteren Schriftsteller", den man als Auftraggeber des Verbrechens verdächtigt. Nach der Skandalisierung von Walsers Roman sieht sich Kirchhoff jedoch mittlerweile als Opfer der "Gütergemeinschaft von Falschem und Billigem mit Geschicktem oder Medienwirksamem" und leidet unter "Bedeutungsraub" durch die Walser-Debatte. Die Frankfurter Verlagsanstalt reagierte schnell und zog den Erscheinungstermin des "Schundromans" vom Herbst auf Juli vor, um den Verdacht der Trittbrettfahrerei von vornherein zu entkräften. Immerhin ein Gutes hat das Ganze für Kirchhoff, wie die ersten Besprechungen zeigen: Nachdem Walser alle negativen Energien auf sich gezogen hat, bleiben für ihn, den nicht gerade Lobverwöhnten, Wohlwollen und Sympathie.

Ein Buch aus der Hüfte
Worum geht es im "Schundroman"? Zunächst um die Liebe, die, wie bei Kirchhoff zu erwarten, nicht ohne Gewalt auskommt. Der Autragskiller Willem Hold verliebt sich in die Edelhure Lou Schultz. Diese wird mit einem Besenstiel gepfählt. Der Mörder wiederum bekommt den Zorn des liebeswunden Willem Hold zu spüren. Zur Garnierung fliegt hier und da mal ein Gehirn durch die Luft, der Autor selbst sowie einige Prominente wie Harald Schmidt, Johannes B. Kerner, Christa Wolf oder Dolly Buster laufen unter echtem oder falschem Namen durchs Bild, und eine Parallelhandlung um die beiden Detektive Helene Stirius und Carl Feuerbach stiftet die notwendige Verwirrung. Ach ja, und dann kommt am Anfang auch noch Louis Freytag versehentlich zu Tode, "Deutschlands berühmtester Kritiker", der "Bücherpapst", weil Hold ihm seinen Ellenbogen etwas zu kräftig auf die Nase drückt.
Das eigentlich Opfer ist jedoch nicht die Figur des Kritikers. Wollte man den "Schundroman" neben Walsers "Tod eines Kritikers" setzen, müsste er "Tod eines Autors" heißen. Gejagt wir ein Autor, den die gerade stattfindende Frankfurter Buchmesse als neues "Männerwunder der deutschen Literatur" feiert. Getötet wird mit brutaler und zielstrebiger Absichtlichkeit, weil ein literarischer Plagiatfall vor der Entdeckung steht. Wenn der Bösewicht, dessen Namen bedenklich an den Michel Houllebecqs erinnert, schließlich durch bloße Worte, durch die sprachliche Vergegenwärtigung seines bevorstehenden Todes stirbt, dann wird hier jene sinnliche Sprachenergie wirksam, die Bodo Kirchhoff so meisterhaft zu handhaben versteht und die er den kraftlosen Schnellschreibern entgegensetzt - nicht in diesem Roman, gewiss, der wie eine Art Erholung vom langjährigen "Parlando"-Projekt wirkt. Seinen "Schundroman" nennt Kirchhoff daher selbst ein Buch "aus der Hüfte".
Walser und Kirchhoff verbindet somit nicht das Zentralmotiv des toten Kritikers, der hier zufällig un dort gar nicht stirbt, der hier einen Nebenschauplatz und dort das Zentrum des Geschehens bildet. Sondern die beiden verbindet das Motiv vom Autor als einem gejagten Verbrecher. Seit der Genieästhetik, seit Autoren also erstens Geld für ihre Bücher erhalten und dafür zweitens auch die volle Verantwortung übernehmen, stellen sie sich gern in der unangenehmen Rolle des Kriminellen dar. Warum? Zum einen sehen sie sich einer unübersehbar großen Kritikermeute gegenüber und fühlen sich daher stets bedroht und verfolgt. Zum anderen reklamieren sie damit Aufmerksamkeit für sich. Historisch verlief parallel zur Genialisierung des Autors, der zum Täter gemacht wird, die Humanisierung des Verbrechens. Entscheidend für die Bestrafung war nicht mehr die Tat, sondern wie es zu dieser Tat kommen konnte, welche Motive, welche Dispositionen oder welche Einflüsse den Menschen zum Verbrecher gemacht haben. Von da an wird potenziell alles bedeutsam und wichtig, so dass die Justiz die Tat mit akribischer Genauigkeit entziffert und interpretiert. Der Verbrecher avanciert zum kulturellen Muster für Täterschaft überhaupt, so auch für den Dichter, der von sorgfältiger Lektüre ebenso bedroht wird, wie er sich diese erhofft.

Von Kritikern gejagt
Walser reflektiert diese zwiegesichtige Position des Autors, wenn er in "Tod eines Kritikers" die Kriminalbeamten auf die Bücher des verdächtigen Hans Lach als Indizien ansetzt oder wenn das letzte Werk von Lach den Titel "Der Wunsch, Verbrecher zu sein" trägt. Und tatsächlich: Wann konnte ein Autor in letzter Zeit je so viel Aufmerksamkeit auf sich ziehen wie Walser? Eine Flut von Kritiken mit einem Großaufwand an Argumenten, mit einem aufs Äußerste gereizten Gespür von Nuancen und Andeutungen bekommt man nicht alle Tage - Kritiken, die sich bei einer Neuerscheinung sogar für die verschiedenen Textfassungen interessieren und dabei nach Motiven, möglichen Ursachen und Beweggründen für die Varianten suchen. Wenn der Autor zum Verbrecher wird, schlägt die Stunde der Philologen, die sich immer wieder gern als Detektive sehen. Die "Doktorarbeit über Identität bei Hans Lach", auf die sich die Kriminalbeamten beziehen, gehört also mit zum literarischen Verfolgungsspiel. Seinerseits gewinnt der Aufdruck "Ungekürzte Originalfassung!" auf Kirchhoffs "Schundroman"-Cover in diesem Zusammenhang einen neuen Sinn. Dass indes die meisten der Reaktionen auf Walsers Roman eher negativ ausfallen, gehört zum Risiko und zeigt nur, dass der Grad an Gefährdung mit dem Grad an Aufmerksamkeit wächst. Schreiben ist immer Selbstdenunziation. Hierin besteht die heimlich Komplizenschaft von Literatur und Kritik.
Wenn die Autoren die Täter sind, dann sind deren Verfolger die Leser, die mit kriminalistischem Spürsinn die Taten, also die Bücher, nach Spuren und Indizien durchforsten. Darin besteht in Kirchhoffs "Schundroman" die Aufgabe der beiden Detektive Helene Stirius und Carl Feuerbach, die Willem Hold überführen wollen, allmählich aber zu seien Komplizen werden und erkennen, dass er aus "Notwehr" handelt und dass sich die Zusammenhänge der Tat nicht nach dem ersten Augenschein bewerten lassen. Aus demselben Grund nun hat Kirchhoff seinen "Schundroman" geschrieben - in einem kurzen Vorwort begründet er "die Notwehrlage für diesen Roman aus der Hüfte" mit dem "Sizilianischen unseres Literaturbetriebs". Daher sollen wir den Roman auch aus dem Werkzusammenhang heraus lesen, nämlich als Antwort auf die zwar lobende, aber noch immer unangemessene Lektüre von "Parlando", den letzten, wirklich gorßen Roman Kirchhoffs, der im "Schundroman" als T-Shirt-Aufdruck erscheint. Unangemessen war die Lektüre dabei im Verhältnis von schriftstellerischer Anstrengung und schnell gefälltem Kritikerurteil. Nach "Parlando", erläutert Kirchhoff, "lief wohl ein inneres Fass über: jetzt, endlich, das Buch schreiben, das sich den Betrieb vorknöpft statt ihn zu erdulden". Denn auch Kirchhoff musste sich im Literarischen Quartett die wenig variantenreichen Paradoxien der Rhetorik Reich-Ranickis gefallen lassen. Heißt es bei Walser "Ein so guter Autor, und wieder ein so schlechtes Buch!", so bei Kirchhoff: "grandioser Erzähler, missratenes Buch".

Billig, das will ich
Man könnte den "Schundroman" als neuerlichen Anlauf nach "Parlando" verstehen, die Leser zur genauen Lektüre zu bringen, nun eben auf Pulp-Fiction-, auf Groschenheft-Niveau: schnell geschrieben, klar konstruiert, auf Effekt berechnet und doch ein Buch von erstaunlichem Beziehungsreichtum. Eine Fülle von Motiven und Anspielungen verbindet es mit den anderen Werken Kirchhoffs. Dieser Roman aus der Hüfte ist augenscheinlich kein Kunstwerk von Rang seines literarischen Vorgängers und will es, wie der Titel annonciert, vermutlich auch gar nicht sein. Dennoch: Wenn in "Parlando" eine Staatsanwältin und damit zugleich der Leser von der Beurteilungsroutine durch abschweifendes Erzählen abgebracht werden, so blockieren im "Schundroman" die beiden Detektive als Vertreter der aufmerksamen Leser den allzu raschen Fortgang der Handlung. Kirchhoffs Pulp Fiction mag auf schnellen Verzehr angelegt sein, in seiner ästhetischen Struktur dementiert der Krimi genau dies. Im Gegensatz zum "Männerwunder" der Buchmesse ist für den Autor des "Schundromans" der "Skandal eine ernste Sache".

Steffen Martus
in: Berliner Zeitung, 08.07.2002.


Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors.
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