Reden oder lieben?
Zu Bodo Kirchhoffs neuem Roman „Parlando“
Es beginnt mit einer Leiche. Und einem Mörder, Karl Faller, der ohne mit der Wimper zu zucken zugibt: „Ich war es.“ Nur: Die Staatsanwältin Suse Stein glaubt ihm nicht. Kein Wort. Denn Faller, der Ich-Erzähler und vermeintliche Mörder gesteht neben diesem einen Mord gleich noch drei weitere Morde: Er will nicht nur die Frau ermordet haben, in der er die geheimnisvolle „Stillsteherin“ (Lou-Feddouli) wiedererkannt zu haben glaubt, der vermeintlich großen Liebe seines Vater, sondern er behauptet auch der Mörder seiner Eltern zu sein, die ein Jahr zuvor bei einem gemeinsamen Ausflug in eine Schlucht des Monte Baldo stürzten und auch, als Schulkind, seines Kantors, der ihn zu sexuellen Taten „verführt“ hat. Statt Faller zu glauben beginnt sich Suse Stein in den Selbstbezichtiger zu verlieben, und als sich im aktuellsten Mordfall ein Geständiger findet, wird Faller auf freien Fuß gesetzt. Es beginnt eine Odyssee auf der Suche nach der „Stillsteherin“, die Fallers Vater in seinen „Reiseführern für Alleinreisende“ als Wüstenschönheit und Berberin beschrieben hat und die nun wohl doch nicht die ermordete Frau vom Anfang des Buches ist. Ob Buenos Aires, Lissabon, Mexiko oder Marrakesch, immer bleibt Faller mit der Staatsanwältin in Kontakt (per Fax oder Telefon), oder aber sie reist ihm nach und trifft sich mit ihm, nähert sich ihm immer weiter an. Währenddessen lüftet Faller Stück für Stück den Schleier seines Lebens.
Karl Faller ist ein Mann, der es nie geschafft hat, sich von Kristian Faller, der übermächtigen Vaterfigur, zu lösen. Den Ablösungsprozess beschreibt er als „langwierige Heilung“. Der Vater ist ein knallharter Typ, ein vom Sohn insgeheim bewunderter 68er, der selbstgedrehte Zigaretten raucht, mit nacktem Oberkörper wandert und dem Sohn auf brutalste Weise die Wahrheit sagen kann: „Ich habe dich angenommen wie man eine Ehrung oder Krankheit annimmt, etwas, das einem zufällt.“ Die Mutter dagegen ist ein „Schwarzwaldmädel“ mir „riesigen Brüsten“ und bäuerlichen Füßen, schon mit sechzehn zeugen die beiden den Jungen, es ist ein Unfall, auf der Rückbank eines alten Käfers. Die Beziehung seiner Eltern scheitert früh. In einzelnen Stationen erzählt Faller die traumatisierenden Erlebnisse seiner Kindheit: Das Heim, der Kantor, das Mitansehenmüssen, wie seine Eltern im Urlaub eine Fledermaus töten, die sich in ihr gemeinsames Zimmer verirrt hat, und eine Woche später das Mitansehenmüssen des wilden, ungezügelten Geschlechtsakts der Eltern, und schließlich deren Trennung. All dies führt dazu, dass Faller in einer zwanghaften Fixiertheit mit sämtlichen Geliebten des Vaters Kristian schläft (oder dies zumindest behauptet), Dora, wegen der es zur Trennung der Eltern kam, Irene, die zweite Frau Kristian Fallers, usw. In dieser „Sammlung“ fehlt nur noch die berühmte „Stillsteherin“, auf den ersten Blick eine professionelle Kleinkünstlerin, die als verkapptes Denkmal „stillsteht“ und Geld von den Touristen nimmt. Karl Faller macht sich auf die Suche nach ihr.
Diese Suche quer durch die Kontinente wird geschildert in einer Art magischem Realismus, es geschieht immer genau das, was geschehen muss, es spielt keine Rolle, wer wann wo ist, ein einfacher Satz genügt, schon steigt Faller ins Flugzeug, steugt wieder aus und trifft genau den, den er treffen muss, damit die Geschichte weitergeht. Die geheimnisvollen, einer Traumwelt entsprungenen Nebenpersonen, die Atmosphäre, die dichten Beschreibungen, die zahllosen Zufälligkeiten, all das trägt Züge einer nicht wirklichen Welt. Die Trennung zwischen wirklich und nicht wirklich ist aufgehoben, das Innen und Außen verdichtet sich zu einem undurchsichtigen Nebel, durch den der Erzähler tapst, ja, Faller selbst verliert im Laufe der Geschichte immer mehr an Sehkraft, der Roman endet im Krankenhaus, nach einer Augenoperation.
Und all das ist meisterhaft geschrieben. In diese Welt kann man als Leser eintauchen, ohne sich letztlich daran zu stören, ob das, was da geschrieben steht, stimmt oder nicht. Man weiß von Beginn an, dass man es mit einem spätestens seit Poe so beliebten „unzuverlässigen Erzähler“ zu tun hat, der sogar einer Staatsanwältin Morde gesteht, die er gar nicht begangen hat. Wer so etwas tut, dem kann man eigentlich gar nichts mehr glauben.
Aber das ist auch nicht wichtig. Es ist nicht wichtig, ob der Mord am Kantor eine Erfindung ist oder nicht. Wichtig ist, dass für ihn, Faller, Zeit seines Lebens, die Liebe immer und untrennbar mit dem Tod verknüpft ist: Das uralte Eros-Thanatos-Motiv. Woher kommt es nun zu dieser Verknüpfung in Fallers Leben?
Schlüsselerlebnis und also Schlüsselszene des Romans ist die Beobachtung des zehnjährigen Fallers während eines Urlaubs am Gardasee. Er liegt im selben Zimmer wie seine Eltern, und ist gezwungen, den elterlichen Geschlechtsverkehr mitanzusehen, packend geschildert, mit roher Brutalität: „Begreife ich, dass so Kinder entstehen? ... Eher schon begreife ich, dass sie eben kein Kind dort machen, im Gegenteil, sie töten eins, keuchend, wimmernd, schweißüberströmt stampfen sie’s tot.“ Nur eine Woche zuvor haben die Eltern im selben Zimmer eine Fledermaus getötet. Und die Vermischung, das Nichtmehrauseinanderhaltenkönnen dieser Brutalitäten lassen Faller fortan nicht mehr los, nie mehr gibt es Liebe, die nicht irgendwie vom Tod ummantelt ist, und dabei ist der Einfluss seines Vaters weiterhin leitend, ja, erdrückend: Wenn Kristian Faller erzählt, wie er die Stillsteherin verführt und aus ihrer „Sippe“ herausreißt, heißt es, „ohne die Sippe, das wäre nicht mehr ihr Leben, das wäre eigentlich der Tod“. Wenn Kristian weiter erzählt, wie die Stillsteherin zur Stillsteherin wurde (eine wunderbare Auflösung), wird ein weiteres Mal klar, wie eng Liebe und Erstarrung miteinander verwoben sind. Und schließlich erzählt Kristian, dass er sich manchmal vorstellt, seine zweite Frau, Irene „sei tot, ... sie sei entweder an Krebs gestorben ... oder durch einen Autounfall ums Leben gekommen“.
Wenn Kirchhoff szenisch schreibt und handlungssatte, intensive, spannende Momente entwirft, so ist seine Prosa dicht und brillant, die Schilderung des (angeblichen) Mordes am Kantor zum Beispiel oder die Entdeckung der (möglichen) „Stillsteherin“ im Hotel, der Geschlechtsakt der Eltern oder die letzte Wanderung, am Schluss des Buches. All dies ist so mitreißend geschrieben, dass man es fast sicht- und greifbar vor Augen hat. Vor allem aber sei hier noch einmal die Fledermausszene genannt, die wahrlich in die Kategorie von Prosastücken gehört, denen die größten literarischen Komplimente gemacht werden müssen, eine Szene, die schon jetzt dazu auserkoren zu sein scheint, ein zitierens- und vergleichenswerter „Klassiker“ zu werden, wie z.B. Grass’ Brausepulverszene, oder Süskinds Klavierstunde aus „Herrn Sommer“, durch ihre Intensität bestechende, in ihrer Verschiedenheit immer wieder gern nacherzählte Glanzmomente deutscher Literatur.
Um so bedauerlicher ist es, dass Kirchhoff seiner Sprach- und Imaginationskraft nicht immer ganz zu trauen scheint. Die schicksalhafte Verquickung von Liebe und Tod wird dadurch bereits genügend verdeutlicht, dass eben jene Fledermausszene und der Geschlechtsakt der Eltern innerhalb einer Woche im selben Zimmer stattfinden und auf diese Tatsache eigens hingewiesen wird. Warum also noch eine Unzahl weiterer toter Wesen, die Faller als Assoziationskette in die Elternsexszene einflicht? Einen sterbenden Fisch, den man geangelt hat und der „spinaten in die Hand scheißt“, eine überfahrene Katze, „weißes Gedärm ... in der Mitte geplättet ..., ihre Enden zuckten noch, das Pflaster glänzte, wie das Haar der beiden (der Eltern)“, dann noch eine tote Eidechse, schließlich ein Autounfall, bei dem ein totes Pärchen im Auto „zerdrückt“ wurde; wenn dann auch noch der See „wie erschlagen“ daliegt, denkt man: Jetzt hat es also auch der letzte Leser verstanden. All diese kleinen Momente sind für sich gesehen durchaus schön beobachtet, aber in der Summe dann doch ein wenig zu viel des Guten. Ebenso wie das Vogelei, mit dem der Vater in der Schlussszene des Romans nach dem Sohn wirft, eine symbolische Keule, mit der Kirchhoff den Leser leider ein wenig erschlägt. Das hätte nicht sein müssen.
Doch auch wenn man noch weitere kürzenswerte Längen findet, so sind diese Kritikpunkte nur Kleinigkeiten in Anbetracht der Tatsache, dass Bodo Kirchhoff ein großes Buch gelungen ist, bestechend nicht nur durch die kraftvolle, sinnliche Sprache, sondern vor allem durch die Leichtigkeit der Inszenierung und durch die Erzählhaltung: Kirchhoff zeichnet sich durch ein dramaturgisches Geschick aus, das den Leser bis zum Schluss bei der Stange hält. Denn obwohl Faller ja der Staatsanwältin einfach sofort alles erzählen könnte, zögert er den Bericht über die entscheidenden Szenen immer weiter hinaus, nicht ohne neugierig machende Signale zu setzen. Insofern kann man das Buch auf einer zweiten Ebene auch lesen als ein Buch über das Erzählen. Faller parliert unermüdlich, zunächst der Staatsanwältin, dann auf Tonband, dann am Telefon, und so wie sich die Staatsanwältin immer mehr in seine Geschichte verstrickt, so tut es auch der Leser.
Und beim Einsatz des „irreliable narrator“ zeigt sich Kirchhoffs ganze Raffinesse. Man kann sagen: Da ist jemand, der vier Morde gesteht, ohne sie begangen zu haben. Nun geschieht im Laufe des Buches ein fünfter Mord. Diesen Mord gesteht der Erzähler nun aber nicht. Heißt das nun: Die ersten vier Morde nicht begangen, aber gestanden; den fünften nicht gestanden, also begangen? Es gibt einen kleinen Hinweis in diese Richtung, wenn Karl Faller der Toten die Augen schließen will, dies jedoch nicht tut und sagt „Kein Killer schließt seinem Opfer die Augen.“ Ein ungeheurer Moment beim Lesen, wo alles verschwimmt, wo Wayne C. Booth’s berühmte „rhetoric of dissimulation“, das Spurenverwischen als Grundprinzip der Literatur, in doppelter Weise nachklingt. Booth sagt, dass die Literatur das Nichtwirkliche, die Fiktion, unter dem Aspekt des Wirklichen, Erfahrenen erscheinen lässt. Wenn man dem Erzähler nun selber nicht trauen kann, so steckt in jeder Szene ein doppelter Boden, so kann alles Gesagte zugleich auch vom Gegenstandpunkt aus betrachtet werden. Faller sagt: „Die Geschichte, oder story, verlief genauso, wie ich sie erzählt habe, weil ich sie so erzählt habe.“ Und: „Ich bin, was ich erzähle“ heißt es im Klappentext, der Satz geht aber weiter im Buch: „und bin es nicht“, heißt es dort. In jeder Szene, in jedem Satz steckt beides.
Eine Fülle von Dingen sind bislang noch gar nicht angesprochen worden, Kristian Fallers im Imperativstil gehaltene „Stadtführer für Alleinreisende“ (Gehen Sie zum... Vergessen Sie nicht zu... ) oder die mitunter an David-Lynch-Filme erinnernden Nebengestalten, dann die wichtigen Figuren Haberland, Irene, Dora, etc. Aber all das bleibt dem Leser selbst zu entdecken.
„Man kann reden oder lieben“, sagt Fallers Vater Kristian. Auch diesem Satz bleibt sein Sohn bis zum Schluss verhaftet, das gesamte Buch ist ein einziger Redefluss, und macht in einem wunderbaren Schluss das Schweigen zum Beginn der Liebe. An einer anderen Stelle heißt es: „Wer nicht redet oder zuhört, ist in gewisser Weise tot.“ Und so wird ein letztes Mal Liebe und Tod miteinander verwoben, wenn die Staatsanwältin am Schluss des Buches das Krankenzimmer Fallers betritt und mit ihr der Geruch von Pfefferminztee, den Karl Faller zu Beginn des Buches als Geruch bezeichnet hatte, mit dem sich „der Tod ankündigt“.
Markus Orths
auf: www.wortlaut.de, 2001.
Der Autor
Markus Orths, geboren 1969, studierte Philosophie, Romanistik und Englisch. Er arbeitete als Englisch-Lehrer, bevor er beschloß, sich auf das Schreiben zu konzentrieren. Für seine Erzählungen wurde er mit dem Moerser Literaturpreis ausgezeichnet und gewann den Open Mike, einen der wichtigsten Literaturwettbewerbe für junge Schriftsteller. Für seinen Roman CORPUS wurde ihm der Marburger Literaturpreis (Förderpreis) verliehen.
Neben zahlreichen Stipendien, u.a. des Literarischen Colloquiums Berlin, erhielt er zuletzt den Förderpreis des Landes NRW für junge Künstlerinnen und Künstler und den Limburg-Preis des Kunstvereins Bad Dürkheim.
Für Erzählungen aus FLUCHTVERSUCHE wurde ihm 2006 das Heinrich-Heine-Stipendium zugesprochen.
Mehr Infos unter: www.schoeffling.de
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
|