Stadtführer für Alleinreisende
"(...) Kirchhoffs Portrait des immer abwesenden Vaters, des Weltreisenden Kristian Faller, der sich durch die Ideale der 68er, seine Ehe, seinen Sohn, seine Ansprüche an sich selbst immer überfordert fühlt und schließlich doch noch ein Auskommen mit sich und der Welt findet, ist in seiner Differenziertheit auf berührende Weise gerecht oder jedenfalls frei von ideologischen oder moralischen Voreingenommenheiten, die große literarische Entwürfe so oft verhageln. Steine stupende Lebendigkeit verdankt sich ganz unterschiedlichen Blicken: den Kindheits- und Ferienerinnerungen von Sohn Karl, den Berichten der Frauen und Geliebten, den "Stadtführern" (die im Roman umfänglich zitiert werden) sowie den unveröffentlichten Stadtführer-Skizzen auf der Festplatte des Laptop, der Karl nach dem tödlichen Bergunfall der Eltern zufällt.
Kirchhoff gelingt es, diese verschiedenen Tonlagen und Perspektiven geschickt miteinander zu verzahnen und in eine spannungsvolle Beziehung zu bringen, und es ist vor allem diese erzählerische Polyphonie, der der Roman seine Dichte und Intensität verdankt. Es gibt kein Parlando und keinen Plauderton in dieser Ge4schichte einer nachgetragenen Sohnesliebe, die zunächst als Verhör daherkommt über Alibi, Lebensverhältnisse, Herkunft und Biografie. "Ich will nur sein, was ich erzähle", sagt Faller zweideutig zu Stein (doch die kann das noch nicht "lesen"), "um am Ende, wenn's gut geht, zu wissen, warum die jungen Eltern tot sind, während der alte Sohn lebt."
Was, wie immer bei Kirchhoff, nur die Hälfte der Wahrheit ist. Die andere ist, dass Faller junior nicht nur sein will, was er erzählt, sondern durchaus auch erzählt, was er ist: ein kreuzeinsamer Hund mit fragilem Selbstbewusstsein, ein von den Eltern mit schlechtem Gewissen Abgeschobener und Herumgestoßener, der die allergrößte Mühe hat, für sich einen Platz zu finden in der Welt, weil er immer nur den von anderen sucht. Einer, der all die verschiedenen Stimmen in sich ausreden lassen muss, um am Ende vielleicht die eigene zu hören.
Das ist, Kirchhoff weiß es, ein großes altes, immer neues Thema in der Literatur, und er gibt ihm Halt und Gegenwart, indem er ihm einen enormen Resonanzraum verschafft: die großen Weltstädte, in denen Karl Faller der vom Vater in dessen "Stadtführern für Alleinreisende" so rätselhaft innig geschilderten Stillsteherin nachspürt. Allein Kirchhoffs Beschreibung dieser Reisen, das Streifen durch die alten Viertel von Lissabon, Marrakesch und Buenos Aires, die Begegnungen des ewigen Sohnes Karl Faller mit den Gestrandeten, den Umgetriebenen und Verführbaren - schon allein das ist die Lektüre wert. Kirchhoff übertrifft sein letztes großes Buch "Infanta" mit dem neuen Roman literarisch um einige Längen."
Christoph Buchwald
in: Literaturen, 10/2001.
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