Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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R e z e n s i o n e n
zu »Parlando«

Heilung von Kristian



"Faller ist nicht Stiller. Zwischen ihrer literarischen Geburt liegt ein halbes Jahrhundert, wechselten die Generationen wie die Zeiten, veränderte sich die Welt. Der existenzialistische Grund, auf dem Max Frischs Anatol Ludwig Stiller vergeblich gegen die Gesellschaft kämpfte, weil sie ihm ihre Muster aufprägte, zerbröselte zum amorphen Individualismus, dessen hedonistische Träger ihre Gewänder aus den Mustern der mächtig gewordenen Warenwelt beziehen - die Kontinuität ihrer fragmentierten Persönlichkeit wird nach Gottfried Benn bekanntlich "gewahrt nur noch von den Anzügen, die bei gutem Stoff zehn Jahre halten". Aber das wurde schon gesagt, als Stiller entstand.

Karl Faller, die Zentralfigur in Bodo Kirchhoffs neuem großen Roman "Parlando", geboren 1965, ist ein Produkt dieser hedonistischen Welt. Deshalb kämpft er, um sich darin zu behaupten, nicht wie Stiller gegen eine in ihrem ideologischen Selbstverständnis noch festgefügte Gesellschaft; sondern er kämpft gegen Phantome und gegen Phantomschmerzen. Beide behaupten sich durchs Erzählen, imaginieren ihre Welt und füllen sie mit ihren Geschichten. Beide sind sie Rollenspieler ihrer Zeit.

(...) "Parlando" ist der Roman von Karl Fallers Suche nach sich selbst. Sein Erzählen war ausgelöst worden von der Frage der Staatsanwältin nach der "Wahrheit". Das steht bereits auf der dritten Seite des Romans. Ist denn da die ganze Geschichte schon geschehen? Oder wird sie gar erzählt, um nicht geschehen zu müssen - also statt dessen?, - und wäre denn ganz und gar erfunden, vielleicht im Krankenbett-Fieber phantasiert, eine imaginierte Wunschbiographie, ein im Erzählen möglicherweise gelöstes Trauma?

Faller versorgt seine Staatsanwältin mit Geschichten, die immer neue Aspekte seines Lebens entfalten, mit denen er ihre Thesen von seiner Unschuld zu widerlegen und sich selbst auf die Spur zu kommen versucht. Das schafft, zumal in solcher Intensität, auch Nähe zwischen beiden, die schließlich alles andere verdrängt und so die fatale Lebensperspektive Fallers durch die Liebe neu justiert: Eine Augenoperation wird am Schluß zum Symbol einer neuen Sehweise - der entgültigen Selbsterkenntnis?

So souverän, so vielschichtig und noch im geringsten Detail anschaulich, so konsequent und komplex und gleichzeitig so leicht hat Bodo Kirchhoff bislang nie erzählt. Und das weiche Wort "Parlando", das dieses Erzählen zutreffend charakterisiert, wurde mit Recht zum Titel, weil es nicht nur den übers ganze Buch hin verführerisch süffigen Stil meint, sondern auch die Methode der Erkenntnisgewinnung beschreibt: als Ziel und Produkt der erzählerischen Phantasie, die den Leser hineinzieht in die schöne Odyssee einer obsessiven Lebensbewältigung."



Heinz Ludwig Arnold
in: Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.10.2001.




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