Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
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R e z e n s i o n e n
zu »Parlando«

Die Stillsteherin ist weg

Von Steffen Martus

Bodo Kirchhoffs Roman "Parlando" ist ein Echo vieler Rufe. Sogar die Staatsanwältin Susi Stein hört zu

Karl Faller hat einen 68er-Vater und die entsprechenden Probleme. Sein Leben ist geprägt von der Abwesenheit seines Erzeugers, Kristian Faller, der die Familie verlassen hat, in wechselnden Liebesbeziehungen das Glück sucht, es aber nie wirklich findet. So groß ist die Macht des Abwesenden, dass der Sohn seine Biografie daraufhin entwirft, die Geliebten seines Vaters zu seinen eigenen Geliebten zu machen. Er will sie eine nach der anderen verführen, dem Vater entwinden und sie ins eigene Bett lotsen, um den patriarchalen Zauber zu brechen. Bodo Kirchhoffs Roman "Parlando" spielt nach dem Tod von Fallers Eltern und variiert erzählerisch dieses ‚Nachleben‘, das auf das eigene Leben zielt. Lebens- und Erzählplan haben dabei ein doppeltes Ziel: Zum einen die Geschichte, in der Vater und Mutter sterben; zum anderen fahndet der Sohn nach der einzigen Frau, mit deren Liebe sein Vater nicht fertig werden konnte: der "Stillsteherin", einer Artistin also, die sich in Fußgängerzonen als lebendige Statue ihr Geld verdient. Durchbrochen von Zitaten aus Briefen und aus dem väterlichen Nachlass, vor allem aber aus den "Stadtführern für Alleinreisende", die Vater Faller verfasst hat, ist "Parlando" Karl Fallers großer Lebensbericht, mit dem er zu sich selbst gelangen will - "Wer alle die Stimmen in sich hat ausreden lassen, wird wohl am Ende die eigene hören."

Der Roman hat drei Teile. Im ersten Teil befinden wird uns in Frankfurt am Main. Karl Faller sitzt in Untersuchungshaft. Man verdächtigt ihn des Mordes an einer Frau, neben deren Leiche er - niedergestreckt durch einen Schlag auf den Kopf - aufgefunden wurde. Beim Verhör zieht er durch seine Lebenserzählung die Staatsanwältin Susi Stein in den Bann, so weit, dass diese ihm auf seinen Reisen folgt, die er nach seiner Entlassung aus dem Gefängnis unternimmt. Im zweiten Teil geht es nach Marrakesch, wo Faller die Spur Hayat Feddoulis, der geheimnisvollen Geliebten seines Vaters, aufnimmt. Von dort fährt er nach Lissabon. Hier trifft er die gesuchte "Stillsteherin" ein erstes Mal, fliegt dann weiter nach Argentinien, wo sich die Bekanntschaft mit Staatsanwältin Susi Stein zur handfesten Affäre auswächst. Im dritten Teil schließlich landen wir in Mexiko City. Faller findet die "Stillsteherin", löst sie aber nicht rechtzeitig bei ihrem Zuhälter aus. Die Folgen dieses Versäumnisses sind ebenso unappetitlich wie sensationell erzählt. Faller flieht, kehrt aber schließlich nach Frankfurt zurück, wo Susi Stein schon wartet - sie will ihm die gesuchte "Stillsteherin" präsentieren. Ist Faller also die ganze Zeit Phantomen hinterhergejagt?

Fast bis zum Ende führen die Staatsanwältin und der Verdächtige den Kampf um die eigene Geschichte weiter. Susi Stein repräsentiert dabei gewissermaßen ein Erzählregime, eine staatliche Erzählordnung, in der eine klare Hierarchie bestimmt, was wichtig und was unwichtig ist, was zur Geschichte gehört und was nicht. Faller wehrt sich gegen diese Handlungsökonomie. Sein Bericht franst nach allen Seiten aus und widersetzt sich der chronologischen Reihung. Er will Susi Stein dazu bringen, sich die "ganze Geschichte" anzuhören, sie aber antwortet: "So kommen wird nicht weiter. Aus ihrer Sicht hatte sie recht, doch interessierte mich allein meine Sicht." Man darf hinzufügen: Ihn interessiert auch nicht der staatsanwaltliche Wunsch des Lesers nach einem ‚Weiter-Kommen‘. Durch das Beharren auf seiner Erzählweise verführt Faller Susi Stein nicht nur körperlich, er verführt sie auch dadurch, dass die Staatsanwältin sich seiner Art des Erzählens anpassen muss, um überhaupt etwas zu erfahren.

Das ist die eine Seite. Auf der anderen Seite spielt die Erzählung mit Erwartungshaltungen und legt Köder aus, die den Zuhörer auf der Suche nach einer ordentlichen Geschichte in die Falle locken. Faller präsentiert sich als Verbrecher, der nicht nur die "Stillsteherin" in Frankfurt, sondern zudem seine Eltern und einen Lehrer ermordet haben will, denn zunächst ist er nur als Täter für Susi Stein relevant. Die Selbstbeschuldigung zielt darauf, dass Faller zum Verursacher wird und nicht mehr ein Leben aus zweiter Hand von Gnaden seines Vaters führt. Aber Faller ist kein Täter. Die Unglücke oder Verbrechen des Romans geschehen zwar unter seiner Beteiligung, aber nie auf Grund seiner willentlichen Entscheidung. Faller kann sein Leben nicht kontrollieren, er muss es durchlaufen. Am Beginn der Mexiko-Episode steht die drastische Parabel dieser Selbstbefreiung von den fremden Stimmen: Bevor er die Geliebte seines Vaters findet, rebelliert seine Verdauung. Er entleert sich spontan, und die gleiche reinigende Funktion übernimmt für Faller das Erzählen: "Erst der Papierverbrauch sagt einem, wie verletzt man ist." Allerdings klappt das mit der Spülung nicht so recht, das Klo verstopft, "alles drehte sich in der Schüssel, wie sich auch in mir alles drehte".

Dass dieser Kirchhoff-Roman ein poetologischer Roman ist, ein Erzählen über das Erzählen, weiß man schon vom Titel her. Auch der Name des Protagonisten ist ein Echo vieler Rufe: Faller ist ein Fall für die Staatsanwaltschaft, er führt seine Eltern zum (Un-)Fall, und er kämpft mit den Folgen des Sündenfalls. Die Sehnsucht nach der "Stillsteherin" hat auch diese metaphysische Dimension. Und wenn Faller auf die Frage: "Wer bist du"? erklärt: "Der Sohn des Autors", dann befindet man sich augenblicklich inmitten jener literarischen Horizonte, die Kirchhoff in seinen Frankfurter Poetikvorlesungen von 1995 unmittelbar aus der Arbeit an dem "Parlando"-Projekt heraus absteckt. Dort hatte er Karl und Kristian Faller als zwei verschiedene Ausformungen seines Autor-Ichs vorgestellt, und entsprechend vernehmen wir nicht nur in Karl Fallers Aufzeichnungen die Stimme seines Vaters, sondern auch in Kirchhoffs Roman "Parlando" die Stimmen der vorangegangenen Werke des Autors.

Die zufällige Bekanntschaft Branzger etwa, die bereits im Frühwerk auftaucht, spielt während des Mexikoaufenthalts für Faller eine ähnlich geheimnisvolle Rolle wie Dr. Branzger in Kirchhoffs Roman "Der Sandmann". Für die Erzählhaltung, die er in den Vorlesungen mit der Kurzform "Dem Schmerz eine Welt geben" fasst, war Kirchhoffs Somalia-Aufenthalt im Jahr 1993 wesentlich, den er in dem Tagebuch "Herrenmenschlichkeit" verarbeitet. Auch Kristian Faller unternimmt eine Reise zu den UN-Truppen nach Somalia, und in seinen Aufzeichnungen finden sich Schreckensszenen, die Kirchhoff am eigenen Leib erfahren hat. "Parlando" - ein Sprechgesang, um einen autobiografischen Kern komponiert aus vielen Anklängen, deren Übergänglichkeit schon in der sparsamen Verwendung der Satzgrenze signalisiert werden. Kirchhoffs großer Roman wirkt wie ein über lange Zeit gewachsenes und zugleich durchdachtes, mit viel Kalkül zusammengestelltes Werk, keines jener im kurzatmigen Rhythmus auf den Markt geworfenen gedankenlosen Bücher, die nach dem ersten Lesen so geheimnislos sind, dass man sie kein zweites Mal in die Hand nehmen möchte. Vor allem aber ist "Parlando" ein großartig und verschwenderisch erzähltes Werk. Bei aller ideellen Substanz legt Kirchhoff keinen Thesenroman vor, sondern ein Generationendrama, ein Reisebuch und ein Lebensbild. Viele Erzählsplitter fügen sich darin zu einer Figur zusammen, die passagenweise eine ungeheuer sinnliche Sprachenergie und eine geradezu körperliche Aufdringlichkeit entwickelt. Diese Aufdringlichkeit freilich, auch das muss klar sein, hat etwas mit der Perspektive eines skrupellosen Narzissten zu tun: "Der Sinn ist, dass Sie mir zuhören", sagt Faller zu Susi Stein, "Also hören Sie mir zu."


Steffen Martus
in: Berliner Zeitung, 09.10.2001.


Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors.
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