Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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R e z e n s i o n e n
zu »Schundroman«

Der Skandal bleibt diesmal aus

Auch in Bodo Kirchhoffs "Schundroman" spielt M. Reich-Ranicki mit

Von Wolfgang Platzeck

In Martin Walsers Roman "Tod eines Kritikers" erleidet der Literaturpapst André Ehrl-König den Scheintod. In Bodo Kirchhoffs "Schundroman", der zeitgleich erscheint, stirbt der "Pate" des deutschen Literaturbetriebes, Louis Freytag, tatsächlich. Und wieder ist Marcel Reich-Ranicki gemeint. Ein neuer Skandal ist allerdings nicht in Sicht.
Ist es reiner Zufall? Oder zeugt es von einer breit gestreuten, sich in vielen Jahren bis zum kritischen Punkt angereicherten und dann zwangsläufig entladenden Wut über den Kulturbetrieb, der für Kirchhoff etwas "Sizilianisches" hat, etwas Mafiöses? Allein die Tatsache, dass sich zwei renommierte Autoren unabhängig voneinander, allenfalls in zwischenzeitlich erlangter Kenntnis des je anderen Projekts, auf die einsame Symbolfigur dieses Betriebes besinnen, stimmt nachdenklich.
Manche Bilder gleich sich bei Kirchhoff und Walser - was etwa die plakative, sich allbekannter Schlagwörter und Gefühlsausbrüche ("ich habe geweint beim Lesen") statt sachlicher Argumente bedienender Kritik betrifft. Auch Kirchhoff bringt die FAZ ins Spiel, in der Freytag schon mal lyrische Versuche einer schönen Frau veröffentlicht - und die Einladung zum zweisamen Tee prompt nachschickt. Die Übereinstimmungen sind, wenngleich nicht zahlreich, so doch frappant.
Auch Kirchhoff selbst gibt sich und seine Verachtung des Kulturbetriebes zu erkennen - in der Figur eines mäßig erfolgreichen, am Gardasee residierenden Schriftstellers, der tatkräftig mithilft, in einem furiosen Showdown der Liebe und der Gerechtigkeit (nicht: dem Recht) zum Sieg zu verhelfen.
Ein dem "Fall Walser" vergleichbarer Antisemitismus-Vorwurf - den die FAZ zum Erscheinen des Walser-Romans in einem weiteren Anflug von Rechtfertigungs-Publizistik bekräftigt - wird Kirchhoff freilich nicht treffen. Sein Freytag tritt rein zufällig ab. Willem Hold, Uhrenliebhaber und Auftragskiller, hat sich auf dem Flug von Manila nach Frankfurt in seine Sitz-Nachbarin verliebt. Diese Lou wird verdächtigt, einen Kunden zu Tode geliebt und dessen Picasso geklaut zu haben. Um durch etwas Tumult von Lou abzulenken, rammt er am Flughafen dem Nächstbesten den Ellbogen vor die Nase. Zu fest. Was ihm fortan zutiefst Leid tut, aber nicht mehr zu ändern ist. Mit dem Missgeschick beginnt ein rasanter Liebes-Krimi um Bilder, Bücher und dubiose Leasing-Geschäfte, der sein Wesen im Titel führt: "Schundroman", Kolportage, "Pulp Fiction".
Nichts ist zu hanebüchen, zu schräg, keine Wendung zu verrückt. Jeder hat irgendwie mit jedem zu tun, hinter jedem Auftraggeber steht ein Hintermann steht ein Schattenmann ... Es ist jene Art von lustvoll entwickelter Soap, wie sie zum Beispiel Mario Vargas Llosa in "Tante Julia und der Kunstschreiber" zur absurden Blüte geführt hat. Den "seriösen" Erzähler Kirchhoff hat wohl ein Teufel geritten - und der Leser reitet begeistert mit.
Allerdings möchte Kirchhoff auch mit dem Kulturbetrieb abrechnen, doch hier bleibt das Buch befremdlich zahm. Der wirkmächtige MRR/Freytag spielt kaum eine Rolle; amüsiert begegnet man Profi-Prominenten wie Susan Stahnke und Verona Feldbusch oder gefeierten "Skandalautoren" wie Michel Houllebeqc (Ollenbeck), es gibt ein paar Watschen für unkritische Medien, herrliche Beschreibungen der Verlagsempfänge zur Buchmesse. Doch das ist hübsch und hübsch harmlos. Nicht entfernt so böse, aber auch nicht so zutreffend und entlarvend wie bei Walser.
Zum Skandalbuch will der Roman einfach nicht taugen.


Wolfgang Platzeck
in: Westdeutsche Allgemeine Zeitung, 29.06.2002
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Digitale Präsentation mit freundlicher Erlaubnis des Autors
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