"Mein Schicksal heißt Banalität"
Martin Lüdke über Bodo Kirchhoffs neuen Exotik-Roman "Der Sandmann"
Erfolgskurs halten, heißt die Devise. Ein Mann, ein Mord, heißt das Rezept. Dazwischen geistert ein "Männchen" umher, das des öfteren verschwindet. Dann drei Frauen, nur eine ist greifbar. Darin etwas Exotik, drei Flugstunden reichen schon aus. Tunis. Das nötige Blut. Geheimnisvolle Gestalten, ein Schwarzer und, zu allem Überfluß, das "Tier". Immer ist Spannung da, den immer ist jemand weg.
Bodo Kirchhoff kennt das Risiko. Er scheut es nicht. Jahrelang hat er als Autor so dahingedümpelt. Als Spezialiist für eklige Abseitigkeiten ist er bekanntgeworden, etwa mit dem "kleinen, braunen Rest" unterm "Zeigefingernagel", einem Abfallprodukt des rektal (will heißen: auf den Mastdarm) gerichteten und dennoch interesselosen Wohlgefallens. Als Kenner der Szene, vom Frankfurter Bahnhofsviertel bis zu den Bordellen Bangkoks, hat er auf sich aufmerksam gemacht. Kalt, teilnahmslos, abstoßend hat er alle Verkaufsformen der Sexualität beschrieben.
Doch mit dem geplatzten Hodensack eines vor sich hin verwesenden Rentners läßt sich zwar Furore, aber kein Umsatz machen. Der Erfolg ließ also auf sich warten. Aber er kam - mit "Infanta", der exotischen Liebesgeschichte zwischen einem deutschen Dressman und einer philippinischen Küchenhilfe, angereichert mit dem Sturz des Marocs-Regimes und fünf alten, katholischen Missionaren, die regen, das heißt den obligaten voyeuristischen Anteil nehmen.
Als der Erfolg kam, war der Eklat da - im Hause Suhrkamp. Ohne eigenes Zutun hatte Kirchhoff auch noch Verlagsgeschichte mitgeschrieben. Denn Verlegersohn Joachim Unseld, damals ein dicker Freund des Autors, konnte den Erfolg auf sein Konto buchen und meldete nach Art der Möllemänner Führungsanspruch an; vergebens, wie wir wissen. In der Zwischenzeit hat er den Unseld-Verlag gegründet. bücher sind dort bisher noch nicht erschienen. Auch der neue Roman des einstigen Freundes ist jetzt wieder bei Suhrkamp herausgekommen. Erfolgskurs halten, heißt die Devise.
Entsprechend beginnt die Geschichte dieser seltsam geheimnisvollen Reise mit einem Paukenschlag: "Ein ersten Mord, das ist der Augenblick, in dem die Welt zerbricht durch eine einzige Bewegung, den Ruck, der das Opfer vom Dach stößt. Das ist das blutgetränkte Haar auf einem Kopf, in dem jedes Wissen erlischt, das ist der Täter, der nicht zum Tier wird; am Tier vorbei fällt er ins Bodenlose. Das" - hier wechselt die Zeitform - "war der Fall, der auf mich zukam."
Spätestens seit dem frühen James Bond sind solche Trailer gebräuchlich. Als Vorschau sollen sie Spannung erzeugen. Mord, Täter, Opfer, alles da, auch ein Tick Reflexion und ein bißchen Poesie und Rätsel schon im Überfluß. Wer oder was mag das "Tier" sein, zu dem der Täter zwar nicht wurde, an dem er aber immerhin, bis ins "Bodenlose", "vorbei" fiel?
Die Freundin verschollen, der Sohn verschwindet. Dafür taucht, möglicherweise, die Frau Gemahlin in Tunis auf. Dunkle Gestalten "im braunen Kapuzenkleid" schwirren herum. Sogar die Vorsehung ist mit von der Partie. "Die folgende Geschichte ist wahr; sie ist so wahr wie die Erzählung eines Traums, der nie geträumt wurde."
Kurz: Quint, Besitzer einer fabelhaften Stimme (und Opfer, fürchte ich, einer chronischen Midlife-crisis), ein Rundfunksprecher aus, so wörtlich, "Goethes Geburtsstadt", fliegt mit seinem (noch sehr kleinen) Sohn nach Tunis. Er sucht dort den ehemaligen Babysitter des Kleinen. Helen, zu der er, ein Jahr zuvor, ein väterlich-platonisches Liebesverhältnis entwickelt hatte. Das Mädchen war aus Frankfurt geflohen. Ein Jahr später kam, als Lebenszeichen, eine Postkarte.
Jetzt ist Quint samt Sohn in Tunis gelandet und hat - über Wunder darf man sich nicht wundern - gleich das kleine Hotel in der Altstadt gefunden, in dem Helen ebenfalls untergekommen war: "Seit langem hatte ich kein so billiges Hotel mehr bewohnt." Das Mädchen ist zwar weg, er fürchtet sogar, "Helen ist tot", aber ihre Aufzeichnungen sind da: "Mein Jahr mit Quint". Eine enttäuschende Lektüre, zumindest für Quint.
Er wird reichlich dafür entschädigt. Die mütterlich-attraktive Hotelbesitzerin, die ihm die Aufzeichnungen verschafft hat, ermöglicht ihm "nach Art einer altertümlichen, aber soliden Mechanik" einige lustvolle Stunden.
So weit das Personal. Es fehlt noch das Opfer: ein gewisser Dr. Branzger. (Der Name kommt, "als Pseudonym", in einer frühen Novelle des Autors vor.) Dieser verklemmte Lyriker, aus dem DDR-Gefängnis gleich ins tunesische Exil durchgestartet, meint, "in ganz Mitteleuropa müsse man heute wählen zwischen Wahrheit und Brillanz". Er hat das Exil gewählt.
Er hat auch, wie er Quint gestehen muß, Helens vermeintliche Aufzeichnungen geschrieben. Er hat außerdem Quints Sohn, mit dem er in der Altstadt unterwegs war, verloren. Er weiß also alles. Und letztlich weiß er nichts. So wird er von Quint, halb im Affekt, halb eben mal so, über die Dachkante geschubst, ins "Bodenlose".
Das alles mag kraus klingen und ein wenig wirr erscheinen. Doch es ist gekonnt, teilweise sogar virtuos erzählt, stets auf Spannung getrimmt.
Trotzdem bleibt einiges dunkel und, gelinde gesagt, unausgegoren. Sowohl den Titel, "Der Sandmann", als auch einige Motive hat Kirchhoff unserem Grusel-Romantiker E. T. A. Hoffmann abgelesen. Mehr leider nicht, obwohl alles auf Geheimnisse hin angelegt ist. Kirchhoff hat sich in der Konstruktion weniger an den Mechanismen des Unbewußten, eher an einer handfesten Psychologie orientiert; nicht an den Ansprüchen der Literaturgeschichte, sondern an den Gesetzen der Süffigkeit.
Hier schimmert kein Lacan mehr durch. Über den französischen Psychoanalytiker Jacques Lacan hat Kirchhoff promoviert; übrigens mit der komischen Nebenwirkung, daß alle Literaturkritiker, die Lacan nicht gelesen haben, dessen Einfluß nachweisen. Wenn Einfluß, dann der des französischen Vizemeisters der ungefähren Erinnerung, Patrick Modiano, und dessen (literarischer) Ziehmutter Marguerite Duras.
Erfolgskurs halten, heißt die Devise. Oder, wie Dr. Branzger meint, "jeder Liebende" sei "Teil einer endlosen Kette von Glück und Unglück, einer Liebendenkette, ohne die das höchste der Gefühle gar nicht denkbar wäre".
Manchmal drücken sich die Protagonisten ziemlich vornehm aus. Dafür gestattet der Erzähler wenigstens hin und wieder einen Blick auf diese "Liebendenkette", aber doch sehr viel reduzierter als in den früheren Büchern. "Das einzige Licht fiel durch das Loch in der Tür. Ich tastete mich bis an den Anfang des Strahls und schaute. Ein Mann lag auf einer Frau, die auf einem Bett lag - Löcher im Bettuch schlossen und dehnter sich bei jedem Auf und Ab des Mannes. Die Frau selbst bewegte sich nicht."
Dieser Blick auf den Körper hatte Kirchhoff einst bekanntgemacht ("Ohne Eifer, ohne Zorn", 1979, "Body-Building", 1980, "Die Einsamkeit der Haut", 1981). Seine selbstverliebten Figuren, Ich-Erzähler meist, arbeiteten sich manchmal etwas mürrisch, immer aber mit der Sachlichkeit des Fachmanns, durch die Fältchen und Faltungen vorwiegend nackter Frauenkörper, um jeden Makel penibel zu notieren.
Das naturgemäß etwas eingeschränkte Terrain zwang den Autor bald in weitere Gefilde. Er nahm den einfachsten Weg. Er verlegte seinen erotischen Schau-Platz in exotische Gegenden: Mexiko, Thailand, Südamerika, die Philippinen und jetzt Tunesien. Dabei hat ihn nie das Fremde, sondern immer nur das Immergleiche in der Fremde interessiert. Deshalb brauchte er bald auch Helden, die mehr als Betrachter sein mußten. Handelnde nämlich. Literarisch ist ihnen das nicht so gut bekommen.
So kam der Autor mit sich in Konflikt. Noch 1987, in einer literarischen Umfrage (Rowohlt-Literaturmagazin 19) fordert Kirchhoff unter dem zweideutigen Titel "Ich bin ein Möchtegernschriftsteller" von seinen Lesern "Respekt". Er erwartet "keine große Resonanz". Es scheint gar, daß er den Erfolg fürchtet: "Mein Tschernobyl ist die Medienmaschine, die längst das sogenannte Ernste geschluckt hat - mir droht der Unterhaltungs-GAU. Das Schicksal meiner Eltern hieß Krieg, mein 'Schicksal' heißt Banalität." Es ist schwer geworden, ihm hier zu widersprechen.
Paradoxerweise stilisiert sich die Person Kirchhoff immer mehr zum Künstler. Er zelebriert regelrecht seine öffentlichen Auftritte. Der Narzißmus drängt zum Ästhetischen. Der Autor Kirchhoff hingegen produziert immer mehr Unterhaltungsliteratur.
'Der Sandmann' wird, ich wage die Prognose, bald auf der SPIEGEL-Bestsellerliste auftauchen. Ich gönne dem Autor seinen Erfolg. Doch kommt er mir ein bißchen so vor wie das Opfer des 'Sandmanns', Dr. Branzger, der sich, im DDR-Gefängnis, ein Schiff mit acht Segeln auf den Rücken tätowieren lassen wollte und, in der Freiheit, dann erkennen mußte, daß eine Schüssel mit acht Knödeln seinen Rücken ziert.
Martin Lüdke
in: Der Spiegel, 07.09.1992.
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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