Endpunkte der Liebe, des Lebens
Der neue Roman von Bodo Kirchhoff
Das Cabo da Roca in Portugal: Das ist der äußerste, westlichste Punkt Europas, ein karges Felsplateau hoch über dem endlosen Ozean, der am Horizont mit dem Himmel verschmilzt - ein Ort, der existenzielle Endlichkeit, zugleich Entgrenzung symbolisiert und in Besuchern, zumindest den empfindsameren Naturen unter ihnen, melancholische Sehnsüchte weckt. Dorthin führ Bodo Kirchhoff die Protagonisten seines neuen Romans "Wo das Meer beginnt" eher beiläufig, ohne dass es dramaturgisch unmittelbar notwendig im Fortgang seiner Geschichte wäre. Aber das windumtoste Kap am Rande des Kontinents dient als deren geheimer Angelpunkt, als poetische Chiffre, die einen Weg in tiefere Bedeutungsebenen weist.
Kirchhoff eröffnet, und so kennt man den Wahl-Frankfurter seit jeher, den Plot mit einem Eklat: Der Gymnasiast Haberland hat nach abendlichen Proben der Theater-AG zu Shakespeares "Sommernachtstraum" seine Mitschülerin Tizia - er Pyramus, sie Thisbe - im Heizungskeller der Hölderlin-Schule verführt oder, worauf ihre Schreie hindeuten, nach anfänglichem erotischem Einverständnis womöglich vergewaltigt; das herbeieilende Lehrerkollegium wurde noch Zeuge der verfänglichen Situation. Die Frage nach dem Grenzbereich von Liebe und Gewalt, welche anschließend die Schulkonferenz zu klären versucht, durchzieht den Roman als kriminalpathologisches Leitmotiv.
Kirchhoff erzählt aus der rückblickenden Distanz eines Jahrzehnts und aus zwei Perspektiven: der Haberlands selbst, der inzwischen als Angestellter des Goethe-Instituts in Lissabon arbeitet und unter dem Titel "Das traurige Ich" eine Lesung deutscher Romantik organisieren soll, und der seines alten, mit ihm befreundeten Lehrers Branzger, der zur Aufarbeitung der immer noch virulenten Liebesgeschichte Protokolle und persönliche Erinnerungen aus der Schulkonferenz beiträgt. Hochvirtuos werden so drei Zeitebenen miteinander verknüpft und die Lebens- und Gefühlswelten zweier Generationen einander gegenübergestellt.
Haberland und Branzger erscheinen beide als aus ihrer Zeit gefallene Romantiker. Der junge träumt immer noch von seiner großen Liebe, Tizia, hofft, den vermeintlichen oder tatsächlichen Skandal endlich zu bereinigen und die Angebetete, die inzwischen in Saarbrücken zur Schauspielerin gereift ist, für die Lissaboner Lesung und eine gemeinsame Zukunft zu gewinnen. Der alte, Branzger, blickt zurück auf einen hedonistischen Lebenswandel, hat Männer und Frauen geliebt, ohne wirkliche Erfüllung zu erlangen; er fühlt sich müde, verbraucht, hoffnungslos.
Verklärter Abschied in tiefer Larmoyanz
Branzger lebt nur noch in fahlen Erinnerungen an Sturm-und-Drang-Zeiten, an die gesellschaftliche Aufbruchstimmung der Willy-Brandt-Ära, an die freie Liebe, die aufmüpfigen Songs der "Rolling Stones". Konsequent übt er sich nun also im "Loslassen der Zeit", entgrenzt sich schließlich vom eigenen Ich und sucht metaphysische Transzendenz, indem er, wie Odysseus "auf weinfarbenem Meer segelnd", inmitten einer sich ausbreitenden Lache verrinnenden Lebenssafts von Haberland - wie allem übrigen - finalen Abschied nimmt.
Liebe und wahre Gefühle - gibt es die überhaupt?, fragt sich der Junge. Oder sind es bloß zufällige biochemische Konstellationen im Gehirn, die den vermeintlich frei denkenden und entscheidenden Menschen zur Marionette seiner Hormone machen ? - Die Antwort liegt jenseits des Romanendes, wird vielleicht von Tizia gegeben, auf die er in Lissabon wartet.
Die melancholische Dünung, die Kirchhoffs wunderbaren, vollkommen unprätentiösen Liebes- und Lebensroman durchweht, gerinnt nur bei seinem alten, abgelebten Helden zur Larmoyanz. Wer wie Haberland die Sehnsucht kennt und von der Leidenschaft nicht lassen kann, wird über allem Weltschmerz romantische Hoffnungen nie aufgeben. Und das, wie der Autor exemplarisch beweist, nicht einmal in heutigen, desillusionierenden Zeiten.
Wolfgang Hirsch
in: Thüringische Landeszeitung - www.tlz.de, 04.09.2004.
Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung des Autors
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