Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


    home  news   werke   biographie   gespräche   sekundärliteratur   newsletter   gästebuch   dank  




[ zurück ]




R e z e n s i o n e n
zu »Infanta«

Drahtzieher der Liebe
Bodo Kirchhoff: "Infanta"

In einem imaginären Raum der Fiktionen, wo aller Art Roman- und Theaterfiguren beisammen sind, würde man Bodo Kirchhoffs Helden leicht erkennen: einsame Männer, deren Accessoire der Spiegel ist - Arnold etwa aus dem frühen Stück "Body-Building" (1980), der Weltreisende Zwiefalten aus dem gleichnamigen Roman (1983), der Journalist Armin aus der "Mexikanischen Novelle" (1984) oder die Männer, die in dem Erzählband "Ferne Frauen" (1987) mit ihren erotischen Phantasien allein sind. Ihr Lebens- und Liebesinteresse gilt dem eigenen Bild, auch und gerade wenn sie sich in sexuelle Abenteuer verwickeln. Und mit der gleichgültigen, kühlen Präzision, die der Spiegel als Erkenntnismedium mitbringt, wird der Weltausschnitt hinter diesen Figuren eingefangen und reflektiert.
Und nun also ein 500seitiger Roman, gar eine Liebesgeschichte (gemäss Klappentext), aus Kirchhoffs bisher der männlichen Einsamkeit gewidmeter Feder. Interpretation und Publikumsecho auf den Roman sind auch schon ironisch vorweggenommen - auf den letzten Seiten hört ein alter Jesuit, der als Chronist der Ereignisse amtet, in seinen Tagträumereien bereits die Kritiker reden: "Einen Liebesroman nannten es die einen, Geschichte einer vergeblichen Heimatsuche die anderen. Etwas Gescheitere sprachen von den Labyrinthen der Eitelkeit ... und im Fernsehen hiess es: Urlaubslektüre. Mit diesem Hinweis kam der Erfolg."
In der Tat scheint hier auf den ersten Blick ein erfolgversprechendes Erzählrezept zu funktionieren, das Romane reichlich mit Exotik und starken Gefühlen zu würzen empfiehlt. Den Kern der Handlung bildet eine unter heisser Tropensonne rasch aufblühende Liebe: In dem philippinischen Dorf Infanta trifft ein ausgesucht schöner Mann, Kurt Lukas, auf das ebenso schöne Mädchen Mayla. Die beiden verlieben sich, schlafen miteinander, und die junge Frau wird schwanger. Doch mündet die Love-Story nicht in Familienglück. Kurt Lukas wird von einem Auto überfahren. Die Geschichte wäre trivial, würde sie nicht vom ersten Moment an als absichtsvolle Inszenierung vorgeführt. Drahtzieher sind fünf greise Zölibatäre: Jesuitenpatres, die auf ihrer philippinischen Missionsstation ein erotisches Experiment veranstalten. Mayla, die Haushälterin der Patres, um die alle ihre Sehnsüchte kreisen, soll in die Liebe eingeweiht werden. Damit ausgeführt werden kann, was sich die Patres selber verbieten müssen, haben sie den schönen, heimatlos wirkenden Fremden auf die Missionsstation eingeladen.
*
"Liebe ist unser erstes Gebot. Wir sind verpflichtet zu lieben" ... "Und Liebe zu stiften" ... "Und über Liebe zu lernen" - so die Jesuiten, dreistimmig, nicht ohne christlichen Pflichteifer. Und bald wirft die in freundlicher Neugier angezettelte Liebesgeschichte für sie erste Zinsen ab: wohlig lassen sie die Erinnerungen an eigene frühe Liebschaften wieder in sich aufsteigen, und zwei von ihnen werden darüber zu Schriftstellern. Erst als Konkurrenten, die sich argwöhnisch beobachten, später in offener Zusammenarbeit beuten sie den schönen Lebensstoff, der sich da unter ihren Augen entfaltet, literarisch aus und entwickeln sich dabei, wo nicht zu Experten des Liebens, so doch zu Experten im Reden und Schreiben über die Liebe.
Der Fremde mit dem schönen und klugen Gesicht, den alle zunächst für einen Schriftsteller halten, erweist sich im Fortgang des Experiments als ein besonders geeigneter Mitspieler. Kurt Lukas ist ein Mann ohne Eigenschaften, von Beruf Photomodell, ein Poseur, der die eigene Person als Projektionsschirm für die Phantasien von Konsumenten hergibt. Sein Bild auf einer Anzeige lässt luxuriöse Dinge - Uhren, Champagner, Diamanten - noch edler aussehen. Die Patres, die sich an ihrem Lebensabend gemeinsam eine besonders schöne Liebesgeschichte genehmigen wollten, sind genau auf diese Qualität des Fremden hereingefallen: wenn er mitspielt, sieht sogar die Liebe edler aus.
"Sein Vaterland war der Spiegel", erkennt einer der Jesuiten im Rückblick. Das zentrale Accessoire gibt einen Hinweis auf die Tiefenschicht des Romans, der, obwohl er seinen Schauplatz weitab von den Zentren westlicher Kulturdiskussion gewählt hat, ein aktuelles Thema anschneidet: Der Einfluss arrangierter und manipulierter Bilder wird an zahlreichen Stellen im Roman fassbar. Ganz deutlich tritt er zutage im grossangelegten Finale des Buches. Photographen, Journalisten und Filmteams, die über die philippinische Revolution berichten wollen, erobern Haus für Haus das tropische Nest und machen es zum Material mediengerechter Nachrichten, die vor allem westliche Vorurteile über südliche Revolutionen bedienen. Die Wirklichkeit fällt den Bildverfertigern zum Opfer, die alles, was sie berühren, in Trödel verwandeln. Die Menschen und Dinge, mit denen Kurt Lukas in diesem Dorf gelebt hat, "das war alles nur noch Schund" - so sein letzter Gedanke vor dem tödlichen Zusammenprall mit einem Autokühler.
*
Für einen Schriftsteller ist das eine gefährliche Erkenntnis. Sie kann als Kritik auf das eigene Metier zurückfallen. Was bewahrt ihn denn selber vor dem Schicksal des journalistischen Midas, der alles, was er benennt und filmt, entwertet?
Kirchhoffs eingängige und glatt polierte Sprache macht ihn anfällig dafür, ein Teil dessen zu werden, was er kritisiert. Aber man muss es ihm lassen, dass er diese Gefahr gesehen hat und mit Erfolg seine literarischen Mittel dagegen mobilisiert. Bisweilen weicht er nach vorn aus: bewusst stilisiert er ein Ereignis als Déjà vu (etwa in der an bekannte Filmeinstellungen erinnernden Exposition), oder er spielt mit mythologischen Versatzstücken (aus dem Apfel der Verführerin wird hier allerdings eine Mandarine). Auch die Literaturdiskussionen auf der Missionsstation, in denen die Patres sich als Buchhalter einer fremden Leidenschaft profilieren und am Entwurf eines "disziplinierten Liebesroman" arbeiten, sind Teil dieser Strategie.
Wichtiger aber und wirkungsvoller ist, dass Kirchhoff sich Platz und Zeit nimmt, um die Welt dieses Romans in einer Breite aufzurollen, die in seinem bisherigen Erzählen einzigartig ist. Neben die Hauptfigur - den Mann mit dem Spiegel - tritt gleichberechtigt eine Vielzahl von anderen Figuren, die ebenso plastisch und lebendig werden: unter ihnen die alten Patres mit ihrer Gebrechlichkeit und ihren Lebensgelüsten, der dem Orden entlaufene Jesuit, Heftchenverleiher und Kampfhahndoktor Wilhelm Gussmann, der liebes- und schlagerselige Novize Augustin, die Nachtklubsängerin im Sternenbanneranzug.
Nur Mayla, die exotische Schöne, ist mehr Chiffre als Person und gewinnt, auch wenn sie zur Sekretärin des Bischofs avanciert, wenig Profil, was wieder einmal beweist, dass die Schönheitsverpflichtung von weiblichen Protagonisten ihre Individualität behindert. Trotzdem wäre es kleinlich, auf solche Leerstellen allzu kritisch den Finger zu legen, angesichts eines an ergiebigen und noch dazu unterhaltsamen Charakterstudien so reichen Buchs. Es ist spannend und klur geschrieben, mit Sinn für die Dramatik und Komik, aber auch für die menschliche und philosophische Tiefe des Stoffs. - "Urlaubslektüre" also? Warum nicht.

Gunhild Kübler
in: Neue Zürcher Zeitung, 01.02.1991.



Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
[ zurück ]










   impressum