Ein Schelmenstück jenseits von Martin Walser
Mit Ulrich Wickert, Dolly Buster und Christa Wolf: Bodo Kirchhoffs "Schundroman" entpuppt sich als Parodie auf den Medienbetrieb
Von Tim Schleider
Es gibt Menschen, die kaufen sich sofort alle Bücher, über die in Feuilletons wochenlang gestritten wird. Und es gibt Menschen, die tun das nicht. Weil sie glauben, dass dies eh alles nix, weil viel zu hoch für sie ist.
Zu Letzteren zählt tendenziell Carl Feuerbach, seit kurzem Mieter in einer Dreier-Zweck-WG in Frankfurt. Mitbewohnerin Nola hat ihn auf eine Lesung des Schriftstellers Ollenbeck in die Galerie Rothe mitgenommen. Aber als Exkommissar, der er nun mal ist, kann er sich in dem überfüllten Saal und in der ganzen bedeutungsschwangeren Atmosphäre nicht recht wohl fühlen. Was ihm andererseits durchaus ein schlechtes Gewissen bereitet, denn im Grunde redet ja gerade beinahe jeder über dieses neue Buch namens "Die traurige Welt" (nicht zuletzt Nola), und da müsste nach menschlichem Ermessen doch eigentlich auch er, Feuerbach, daran interessiert sein. Oje - was läuft bloß wieder falsch bei ihm?
Vielleicht sollte er überhaupt mehr lesen. Er hatte halt die Literatur verpasst, wie andere in ihrer Jugend das Trampen, und schuld war Frau Dr. Schieritz, sie hatte ihn in der Schule mit Brecht und Beckett verfolgt, er hatte geträumt von den Kerlen, Brecht saß auf einem grauen Thron, dem Grau seiner Werkausgabe, und bewarf ihn mit seinen zahllosen Stücken, daneben Beckett auf einem blauen Thron, den dürren Finger auf ihn gerichtet, Lies das, Schwein! Mit einem Mal war das alles wieder da, und als nach einem Augenblick der Stille der Applaus kam, zuckte er zusammen wie seinerzeit im Unterricht, wenn die Schieritz ihn von hinten gepackt hatte, Feuerbach, die Kreidekreis-Parabel, auf geht's!
Nun, dem Manne kann wirklich geholfen werden. Vielleicht nicht gerade mit Ollenbecks "trauriger Haut", wohl aber mit Bodo Kirchhoffs neuestem "Schundroman" - aus dessen Handlungspersonal wir den Exkommissar Feuerbach im Übrigen mal eben kurz geklaut haben. So wie just den gesamten dritten Absatz unseres Artikels, von "Vielleicht" bis "auf geht's!", mit dem wir vor allen weiteren Gedanken einfach schon mal blank und ungefiltert demonstrieren wollten, dass man sich mit Kirchhoffs neuestem Werk, flott, wie es nun mal geschrieben ist, mühelos zwei schöne Abende machen kann. Denn das unterscheidet es markant vom neuesten Werk seines Kollegen Walser.
Was Bodo Kirchhoff und Martin Walser gemein haben, ist ja längst kolportiert: Beide spielen in ihren neuen Büchern mit dem Tod eines bekannten deutschen Literaturkritikers, der deutliche Züge des realen Marcel Reich-Ranicki trägt (wobei der Walser eben nur mit jenem Gedanken spielt, den Kirchhoff wirklich ausführt). Bei Kirchhoff ist die Sache indes völlig klar: Sein "Schundroman" hat mit Antisemitismus rein gar nichts am Hute. Es sei denn, man wollte aus der Tatsache, dass der Anschlag auf Großkritiker Freytag (Seite 35) eher spontan und eigentlich ungewollt geschieht, den Schluss ziehen, Kirchhoff inszeniere den Exitus eines prominenten Juden aus nichts anderem als finsteren Motiven derart beiläufig. Aber offen gestanden: der Rezensent glaubt das nicht. Der Rezensent glaubt vielmehr, dass der Autor es so und nicht anders geschrieben hat, weil es ihm so und nicht anders am besten in die Geschichte passte.
Denn das ist Kirchhoffs neues Schelmenstück zuallererst: eine Eins-a-prall-hoch-drei-Geschichte. Von der man eigentlich kaum etwas verraten mag, weil jedes verratene Detail den zukünftigen Leser um eine kleinere oder größere Entdeckerfreude bringt. Es ist eine Geschichte, die sich vor ihm entfaltet wie in einem Film, mit Worten voller Witz, mit Sätzen voller Tempo und Ironie, mit Episoden, die exakt zugeschnitten und getimt sind. Kurz: die Frisur sitzt.
Nun kommt Kirchhoff zweifellos und explizit mit seinem Titel "Schundroman" daher. Und das Buch ist ja auch exakt so gestaltet, mit einem schreiend bebilderten Schutzumschlag und einer Personalliste im Klappentext, wie wir sie aus einschlägigen Fortsetzungsromanen kennen: Es treten auf, so werden wir da von vornherein belehrt, ein Willem Hold, sodann eine Edelnutte namens Lou, zudem ein einhändiger Exmajor von den Philippinen, zwei Privatdetektive, schließlich ein windiger Unternehmer und eine Exfernsehmoderatorin, die mit ihrer Sexfibel "Bodymotion" gerade durch die Talkshows tingelt.
Und zweifellos kommt auch die ganze Geschichte ausgesprochen trashig in Gang - wie da der Willem Hold nach zehn Jahren Flucht aus Asien zurück nach Deutschland kommt, wo er nämlich einen Mann erschießen soll, um aber nach und nach zu erkennen, dass er in einem viel weitgehenderen Komplott selbst das Opfer werden soll, weswegen er dann ganz auf die Hilfe der Edelnutte Lou angewiesen ist, die aber doch eigentlich zu den Verbündeten seines Erzfeindes Zidona zählt, und so weiter, und so weiter.
Aber: - und ohne das Buch jetzt auf ein Podest heben zu wollen, wo es selbst gar nicht hin will - Kirchhoffs "Schundroman" ist eben doch viel mehr als das, was es vorgibt zu sein. So platt sich seine Figuren präsentieren, so viel Tiefe und Abgrund verleiht ihr Schöpfer ihnen im Verlauf seines Erzählens, ganz unprätentiös, mit lauter schönen stimmigen Details, wie beiläufig dazugetupft. So drastisch und boulevardesk die Handlung auch daherpoltert, so fein und zart entpuppt sich letztlich das Thema, um das es dem Erzähler geht, ob nämlich die Liebe wirklich jeden Schmerz überwinden kann.
Und so schablonenhaft und überspitzt Kirchhoff hier die Bankenmetropole Frankfurt zur Buchmessezeit mit ihrem Medienzirkus auch zeichnet - es sind doch alle Figuren und Details verdammt gut unserem ganz alltäglichen Medienzirkusbetrieb abgeguckt. Der Autor weiß die Verhältnisse, wie sie nun mal sind, ganz genau zu beschreiben. Und er hat solch Daddeldidu nur jene kleine Windung weitergedreht und ihm nur jene exakt bemessene Prise Ironie hinzugefügt, die aus purem und plattem Sozialrealismus gewitzte und feinst ziselierte Parodie macht.
Wenn wir das beispielsweise lesen, dass vorm Edelhotel Frankfurter Hof zum Verlagsempfang einer Limousine entsteigen "der Fernsehmensch und Buchautor Wickert in Begleitung von Dolly Buster und Christa Wolf", dann ist das längst kein Schund mehr, sondern kaum mehr als unser Medienalltag. Und wenn Willem Hold, nachdem er gerade seine große Liebe als Leiche auffinden musste, sich weinend auf das Sofa fallen lässt, um im Fernsehen zu verfolgen, "wie ein Briefträger bei RTL Millionär werden will" - dann, 'tschuldigung, trifft dieser schmutzige Satz ziemlich exakt unsere derzeitige gesamtgesellschaftliche Gefühlsbewirtschaftung.
Kurzum: Dieser Roman mag Schund sein. Aber ganz bestimmt keine Schande.
Tim Schleider
in: Stuttgarter Zeitung, 03.07.2002.
Digitale Präsentation mit freundlicher Erlaubnis des Autors
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