Unerhört: Bodo Kirchhoffs neues Novellenmodell
Ziemlich in der Mitte seiner Novelle "Gegen die Laufrichtung" lässt Bodo Kirchhoff die Katze, nein, den Ferrari aus dem Sack. In einer Mininovelle in der Novelle hat der Novellen-Designer der Neunziger, dessen Job es ist, das Novellenmodell des Ferrarimuffels Goethe für auf der Geschmackshöhe des Jahrtausendendes konsumierende Novellenverbraucher umzustylen, eine poetologische Erscheinung. Vorfährt das Modell 2000 der "sich ereigneten unerhörten Begebenheit":
"... vor den Tischen des Operncafés stoppt ein roter Ferrari. Der Ferraribesitzer steigt aus, er trägt ein rotes Hemd mit der Aufschrift Ferrari, er setzt sich an den Tisch, der seinem roten Ferrari am nächsten ist und sieht von dort, fast mürrisch, den Passanten zu, wie sie in gebückter Haltung den Ferrari betrachten, Leuten, die obwohl er sein rotes Ferrarihemd anhat, nicht ahnen, dass er, jetzt mit der Speisekarte spielend, Besitzer und Fahrer des roten Ferrari ist und ihnen beim Bestaunen zusieht, bis er auf einmal genug hat, aufsteht und fortbraust."
In vorschriftsmässig gebückter Haltung bestaunen wir also, wie wir sollen, das Unerhörte, das uns Kirchhoff, das rote Hemd mit der Aufschrift "Novelle" tragend, erzählt. Zwar ahnen wir, anders als jene Passanten, dass er es uns zu keinem anderen Zweck erzählt als zu dem einen, uns "fast mürrisch" zusehen zu können bei dem Gestaune. Aber an diesem Ahnen zerschellt, seltsam genug, die Blödigkeit unseres offenmäuligen, fassungslosen, ungläubigen Staunens durchaus nicht.
Wie es aber auch zugeht in der Welt! Da spielt einer Tennis und ist dank Aufschlag und Stoppball bereits der weltweit vierundsechzigstbeste in seinem schönen Metier, und zu den Frauen stösst er auch "wie von selbst", ja, er ist einer, dem - geilgrüner Neid mischt sich in unser Staunen - "junge Mädchen während eines Turniers schon einmal Nacktfotos zuspielten mit einer Telefonnummer auf dem Po". Von unerhörter Fortüne also wird dieser Jonas getragen - doch dann stürzt eine unerhörte fatale Urologin ihn durch unerhörte Untreue ins Verderben. Dabei hatte die Liaison unerhört zart begonnen: "Wie ein alter Tennisball", hatte die Ärztin, die unerhört weiche Prostata der Nummer 64 betastend, geflötet und war von Stund an seine ihm zu unerhörten Erg- und Genüssen verhelfende Geliebte gewesen: "aber er hat sich ja auch nie so entleert wie in den Händen der Ella". Dann aber war die Ruchlose dem prostatösen Zauber eines Galeriebesitzers erlegen, so dass - unerhörter Karriereknick! - das Tennis-As zum Mörder werden, nämlich mit einem "ansatzlos" gestossenen Steakmesserstich in die Galeristenbrust den Rivalen ausschalten musste.
Das eigentlich Unerhörte freilich begibt sich erst nach des Reflextäters unerhört zeitiger Entlassung aus dem Gefängnis. Er eilt zum unerhört stilsicher ausgesuchten Tatort, dem Frankfurter Operncafé, macht dort unerhört zügig die Bekanntschaft einer Christine, treibt's unerhört pervers mit ihr auf der Herrentoilette, wobei die unerhört Surpluspikanterie einfach darin besteht, dass 1. in einer Nebenkabine ein Herr "mit pfeifendem Atem" seine Notdurft verrichtet und 2. in der Lust der Christine auch die Freude über das herzlich ersehnte Ableben einer Tante sich Ausdruck verschafft ("in einem Taumel nach dem Tod der Tante", dichtet der Dichter, unerhört alliterativ), muss dann erleben, dass - unerhörter Zufall! - abermals ein, wiewohl nur vermeintlicher, Rivale auftaucht, sticht ihn - unerhörter Wiederholungszwang! - abermals nieder, kriegt - unerhörtes Pech! - nicht mit, dass er gar nicht das Blut, sondern bloss den Wein des Rivalen vergossen hat und drückt sich daher, zwecks Selbstvernichtung, unerhört überflüssigerweise die Aidsverseuchte Nadel einer Fixerspritze in den unerhört "nichtsnutzigen Arm".
Auf einmal hat der Mann im roten Hemd genug. Er steht auf, und wir müssen uns unerhört beeilen, dem Davonbrausenden nachzurufen: Wir lasen Unerhörtes und sind unerhört betroffen. / Das Maul steht vor Betroffenheit uns unerhört weit offen.
Urs Allemann
in: Basler Zeitung, 26.11.1993.
Digitale Präsentation mit freundlicher Erlaubnis des Autors
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