Schleiflack und Besen: Bodo Kirchhoffs "Schundroman"
Es ist halt doch eine arge Verunglimpfung des erhlichen Raubhunds, wenn immer wieder behauptet wird, der Mensch sei dem Menschen ein Wolf. Denn welcher Jungwolf, bitteschön, würde dem jungen Artgenossen aus purer Bosheit Schleiflack übers zarte Gemächte schütten? Dem jungen Menschen dagegen muss derlei leider zugetraut werden - besonders, wenn er Zidona heisst und bestimmt ist, in Bodo Kirchhoffs "Schundroman" den Bösian zu geben.
Dass einer, den es so früh so unschön an so prekärer Stelle erwischt, dann nie die rechte Motivation entwickelt, zum verlässlichen Mitglied des Sapiens-Rudels zu reifen, wird den, der psychologisch halbwegs den Durchblick hat, kaum überraschen. Da kann man lange Hold, Willem heissen: wenns immer nur weh tut, kaum dass die verätzte Männlichkeit sich zu regen und feste Gestalt anzunehmen beginnt, ist bald einmal so viel Seelenverdruss und Gemütseinschwärzung beisammen, dass man sich von der Karriere als bezahlter Unhold und Auftragsmörder einen auch für den Affekthaushalt goldeneren Boden verspricht als von sozial vielleicht anerkannteren Formen des Handwerks.
Es warten dann, da sein Schicksalsfaden von der Schundparze Bodo Kirchhoff genregerecht weitergesponnen wird, noch gewaltige Ups und Downs auf den Killer mit dem Problemglied: Hold lernt eine Holde kennen und seelisch wie körperlich schätzen, die sich sonst das Lieben (wie er das Töten) bezahlen lässt. Ihm aber gibt sie sich hin aus reinem Gefühl; und siehe, wie stark es auch schmerzt, das Liebeswerkzeug - die Liebe ist stärker.
An dieser Stelle hätte der "Roman aus der Hüfte" (B.K. in der Vorbemerkung über sein Werk, das wir uns offenbar als Textcolt vorzustellen haben, mit dem der Autor/Gangster auf uns schiesst) leicht zur Schundidylle verflachen können. Dafür zu sorgen, dass das nicht passiert, ist der Job des Bösen im Buch. Der erfindungsreiche Zidona, dem nichts Unmenschliches fremd ist, greift diesmal statt auf Schleiflack auf einen Besen als Werkzeug zurück und pfählt die holde Lou buchstäblich zu Tode. Nun aber muss - "und kein Fühlender wird ihn verdammen" (Morgenstern) - eine richtige Rache sein; und der zum zweiten Mal vom Bösesten um sein Liebstes Gebrachte wird also nicht ruhen, ehe sich nicht Gelegenheit findet (sie findet sich auch, auf dem Gardasee, in einem Böötchen ...), dem Erzschurken ein Schiessgerät gesässeinwärts zu schieben. Auge um Auge, Po um Po: Es waltet da eine Gerechtigkeit, die, nein, keine höhere, sondern entschieden eine niedrere ist.
Gar keine Gerechtigkeit, sondern bloss Zufall waltet dagegen, wenn gleich am Anfang des "Schundromans" ein Herr namens Louis Freytag seinen- wie sich später herausstellt: kritischen - Geist aufgeben muss. Um einen Detektiv von der Verfolgung seiner Lou abzulenken, schlägt Hold dem ersten besten Passanten den Ellbogen ans Kinn. Sollte nur für ein Durcheinander sorgen, ist aber tödlich: Wo Hold hinhaut, da wächst kein Gras und kein Grosskritiker mehr. Der Mann nämlich, der im Buch Freytag heisst, heisst in Wirklichkeit, darauf weisen uns Buch und Verlag mit aller Deutlichkeit hin, genau so gewiss Reich-Ranicki wie Martin Walser Ehrl-König. So dass sich, was in der Perspektive des Protagonisten Hold die absichtslose Beseitigung einer Nebenfigur ist, in der Perspektive des Autors Kirchhoff als absichtsvolle Hauptmassnahme der Buchverkaufsplanung erweist: Nur weil Freytag/Reich-Ranicki in dem Buch zu Tode kommt, kann die Frankfurter Verlagsanstalt im Fahrwasser der Walser-Debatte den "Schundroman" als "Zweittod eines Kritikers" vermarkten.
Dabei hat der "Schundroman", trotz Louis Freytag und obwohl die Story während und zum Teil auf der Frankfurter Buchmesse spielt, mit Literatur rein überhaupt gar nichts am schneidigen Gangsterhut. Es kommen zwar Figuren drin vor, die angeblich Bücher geschrieben haben, aber das Schreiben, das Schriftstellerdasein berührende Fragen werden nicht einmal gestreift. Autor, Buch, Literaturbetrieb - im "Schundroman"-Plot hat das grad das Gewicht von Statist, Requisit und Kulisse. Kann sein, dem Schundroman-Aficionado verhilft, wie Kirchhoffs Revolverstory das Gattungsmuster nachspielt, zum Lese-Pleasure, für das er bezahlt hat. Wer eine Lese-Erfahrung sucht, versäumt, wenn der Band zugeklappt bleibt, nichts.
Irgendwie weiss Kirchhoff, glaube ich, einfach nicht, was das ist, Literatur. Dass ausgerechnet das Oberscheusal Zidona partout auch noch als Autor meint reüssieren zu sollen (und schaffts prompt! und wird dank schurkischem Plagiieren zum Shootingstar Ollenbeck! und schreibt das Buch der Saison!) - nein, Pardon, das ist zu absurd, das will mir nicht in den Schädel. Was sollte denn, wer so kunstvoll mit Schleiflack und Besen umzugehen versteht, für einen Grund haben, es auf einmal mit Buchstaben zu versuchen?
Urs Allemann
in: Basler Zeitung, 12.07.2002.
Digitale Präsentation mit freundlicher Erlaubnis des Autors
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