Was ist passiert, bevor ich eingeschlafen bin?
"Undank ist der Welt Lohn! Die Wahrheit dieses Sprichworts durfte jetzt auch die Leitung des Saarländischen Staatstheaters Saarbrücken erfahren. Zum zweiten Mal nahm sich diese Bühne eines Stücks des 30jährigen, in Hamburg geborenen, in Frankfurt lebenden Schriftstellers Bodo Kirchhoff an, der bis zur Uraufführung seines Bühnenerstlings 'Das Kind oder Die Vernichtung von Neuseeland' im März dieses Jahres eine unbekannte Größe war. Bevor dieses psychologisch nicht uninteressante Stück von einem anderen Theater nachgespielt wurde, brachte man in Saarbrücken Kirchhoffs zweites Stück heraus: 'Body-Building'. Doch das war dem Jung-Dramatiker gar nicht recht - wie er in einem Epilog nach der Uraufführung erklärte. Im Ergebnis stimme ich ihm zu, allerdings mit einer anderen Begründung!
Bodo Kirchhoff glaubt, mit einem Rundumschlag alles kurz und klein machen zu müssen. Er beschwert sich über die Produktionsbedingungen im allgemeinen und über die in Saarbrücken im besonderen, er greift die Theaterkritik im allgemeinen und 'Theater heute' im besonderen an, er prangert die Uraufführungssucht der Theater und der Kritiker an und er meint, bei der Realisierung seines Textes sei nicht sorgfältig genug gearbeitet worden. Auf die Idee, sein Stück nicht zur Uraufführung freizugeben, kam der mißverstandene Unzufriedene aber ebensowenig, wie ihm offensichtlich auch nie Zweifel an der Qualität seines Stücks kamen. Gerade dort muß aber die Kritik ansetzen! War nämlich sein Bühnenerstling noch als Abrechnung mit der Psychoanalyse, mit der Pädagogik und mit dem aufgegebenen Berufswunsch des Autors, Therapeut zu werden, interessant, so ist sein zweites Stück allenfalls eine breit ausgewalzte Kabarettnummer, aber keinesfalls der Aufhänger für eine in anderem Zusammenhang gewiß berechtigte, kritische Abrechnung mit den Zuständen im Theater heute. (...)"
Dieter Schnabel
in: Esslinger Zeitung, 06.11.1979.
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