Bodo Kirchhoff (Foto: Alexander Beck)
Bodo Kirchhoff :: Schriftsteller


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R e z e n s i o n e n
zu »Der Sandmann«

Kind hinterm Paravent
Bodo Kirchhoffs Roman "Der Sandmann"

Kleine Kinder als Partner ihrer Väter sind in den letzten Jahren literaturfähig geworden, das belegen Kinderfiguren in Büchern von Peter Handke und Rolf Niederhauser und - jüngstes Beispiel - der Winzling Nanos mit seinen vieldeutigen Grimassen in Botho Strauss' "Beginnlosigkeit". Nun aber scheinen die literarischen Kinder ein letztes Reservat erobert zu haben: die Welt der streunenden Liebhaber von Bodo Kirchhoff. Hier war man bisher vor den greinenden Kleinen sicher, wenn einen auch vor zwei Jahren eine böse Ahnung beschleichen konnte, als nämlich der Autor das Lesepublikum wissen liess, welche Einzelheiten der Geburt seines Sohnes Claudius er im Roman "Infanta" verarbeitet hat. In seinem neuen, dem kleinen Sohn gewidmeten Roman, "Der Sandmann", spielt nun ein vierjähriges Kind eine Hauptrolle. Da macht man sich auf Überraschungen gefasst.

Kurioserweise ist die Handlung des Romans trotzdem nach gewohnten Kirchhoff-Muster gestrickt: Ein Mann um die fünfzig, aus Frankfurt stammend und von Beruf Radiosprecher, verliebt sich in eine Zwanzigjährige und reist ihr nachh Nordafrika nach. In einem kleinen Hotel in der Altstadt von Tunis findet er ihre Spuren, aber auch sofort eine neue aparte und hingebungsvolle, wenn auch etwa gleichaltrige Geliebte ("tief bestürzt, weil ich noch nie von einer älteren Frau verwirrt worden war"). Ins Spiel kommt noch ein Landsmann mit undurchsichtigen Absichten. Reisen, flüchtige, zuweilen leicht bedrohliche Begegnungen, Liebesabenteuer mit Fremden - das alles kennt man aus der Welt von Kirchhoffs Romanen und Erzählungen, nur schleppt jetzt sein Held einen Vierjährigen mit.

Plasticpuppe
Was für hübsche Situationen hätten sich daraus ergeben können - man braucht sich die Kombination von einem grantigen Kind und sienem beständig auf Freiersfüssen wandelnden Vater bloss vorzustellen! Aber Kirchhoff tut so, als wäre alles beim alten. Seine Vaterfigur bastelt ab und zu einen Papierflieger, serviert ein paar Häppchen einer langweiligen Geschichte und haut auch mal kräftig drauf ("fast schmerzhaft für mich klatschte meine Hand auf seine Wange, und Julian, rot und weiss im Gesicht, rang nach Luft"). Aber sonst scheint das Kind wenig zu stören, problemlos verschwindet es anscheinend unter Vaters Jacke, wenn dieser durch den "Hurenwinkel der Medina" spaziert, und verschläft gar ein Schäferstündchen hinter einem "Paravent aus Handtüchern und Kissen". Gnadenlos wird der kleine Neuling dem übrigen Personal von Kirchhoffs Welt angepasst und in eine pflegeleichte Plasticpuppe verwandelt.

Oder ist das die Botschaft? Soll hier eine Vaterfigur gezeigt werden, die - anders als ihre literarischen Vorgänger - ihrer Rolle nicht gewachsen ist, die das Kind als eigenständiges, nicht zu bändigendes Wesen gar nicht wahrnimmt und es darum zuletzt durchaus folgerichtig verliert? Das Ganze wäre dann als Rollenprosa des Vaters zu lesen, und die eigentümliche Leblosigkeit der Kinderfigur wäre dem Vater anzulasten, der einen narzisstischen Knick in seiner Optik und noch dazu einen falschen Zungenschlag hat. Der erzählerische Trick kann jedoch den Autor nicht ganz entlasten. Denn auch eine zweite (eventuell weibliche) Ich-Figur, deren Tagebuchblätter in den Roman eingemischt werden, spricht auf die verblasene, mit öligen Metaphern angereicherte Art des Vaters. "Meiner Frage, wer zu dieser Stunde noch erwartet werde, mit uns Tee zu trinken, stellte sich längst das Erlauchte einer Spätsommernacht entgegen" - so der Tonfall des Vaters, und ganz ähnlich gespreizt tönt die Redeweise der Frau (hier über einen schwarzen Liebhaber): "Und schliesslich streichelte ich seine Schultern, die wie aus schwarzen Eiern gepellt waren". Für solche Sätze muss der Autor und nicht seine erzählende Figur die Verantwortung übernehmen.

Lieblos
Bodo Kirchhoff hat andernorts bewiesen, dass er glatt, wendig und auch raffiniert erzählen kann. In dieser lieblos heruntergeschriebenen Erzählung, die sich als Roman ausgibt, erinnert wenig bis nichts an seine früheren Möglichkeiten. Hat da eine neue Identifikationsfigur (der Vater) einer gewohnten und liebgewordenen alten (dem ewigen Liebhaber) im Weg gestanden? "Mein Gott, womit identifiziert sich ein Autor? Mit den Adverbien, das ist doch klar" - schrieb Umberto Eco. Man kann dieses Rezept Bodo Kirchhoff nur dringend empfehlen.

Gunhild Kübler
in: Neue Zürcher Zeitung, 12.08.1992.



Digitale Präsentation mit freundlicher Genehmigung der Autorin.
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